Allerheiligen blickt in zwei Richtungen. Es gedenkt der Heiligen, die nach christlichem Glauben bereits in Gottes Herrlichkeit leben, und es erinnert alle Getauften an ihre eigene Berufung zur Heiligkeit. Heilig sind Menschen nicht, weil sie fehlerlos gewesen wären. Sie gelten als Menschen, in deren Leben Gottes Gnade und Liebe besonders deutlich zu sehen war. Im Mittelpunkt der katholischen Liturgie des Festes stehen die Seligpreisungen der Bergpredigt (Matthäus 5,1–12). Sie beschreiben Menschen, die sich nach Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden ausrichten. Das Fest ist deshalb mehr als ein Gedenken. Es fordert dazu auf, dass sich der Glaube im Alltag bewährt: in Liebe, Vergebung, Friedfertigkeit und Solidarität.
Wer von hier aus auf das Judentum schaut, findet keine Heiligsprechung, keinen Heiligenkalender und kein Fest aller Heiligen. Trotzdem gibt es auffallend viele Entsprechungen. Sie gehen tiefer als bloße Ähnlichkeiten im Brauchtum.
Ihr sollt heilig sein
Die Berufung aller zur Heiligkeit hat einen jüdischen Ursprung. „Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Ewige, euer Gott, bin heilig“, heißt es im 3. Buch Mose 19,2. Dieser Satz gilt nicht einer religiösen Elite, sondern der „ganzen Gemeinde Israels“. Was er bedeutet, zeigt das Kapitel danach sehr konkret: Man soll die Nachlese des Feldes den Armen lassen, den Tagelöhner gerecht entlohnen, den Tauben nicht verfluchen, dem Blinden kein Hindernis in den Weg legen und den Fremden lieben wie sich selbst. Heiligkeit zeigt sich hier also im Alltag und nicht in der Weltflucht.
Der Talmud geht noch einen Schritt weiter. Zu dem Gebot, „dem Ewigen nachzuwandeln“ (5. Mose 13,5), fragen die Weisen, wie ein Mensch denn Gott nachgehen könne. Ihre Antwort lautet: indem er dessen Eigenschaften nachahmt. Wie Gott die Nackten kleidet, die Kranken besucht, die Trauernden tröstet und die Toten begräbt, so soll auch der Mensch handeln (Sota 14a). Das ist Imitatio Dei als Ethik, und die Seligpreisungen stehen ihr sehr nahe.
Auch die Seligpreisungen selbst sind in der Sprache der jüdischen Bibel verwurzelt. Das „Selig“ entspricht dem hebräischen aschrej, mit dem der Psalter beginnt: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen“ (Psalm 1,1). Die Verheißung an die Sanftmütigen, sie würden das Land erben, nimmt Psalm 37,11 fast wörtlich auf. Der Trost für die Trauernden erinnert an Jesaja 61. Wenn Christen an Allerheiligen die Bergpredigt hören, vernehmen sie also eine jüdische Stimme.
Der Zaddik und die verborgenen Gerechten
Was die Kirche einen Heiligen nennt, heißt im Judentum am ehesten Zaddik, ein Gerechter. Der Begriff ist nüchterner. Er beschreibt nicht in erster Linie eine besondere Nähe zum Himmel, sondern ein bewährtes Leben auf der Erde. Ein Zaddik ist auch nicht fehlerlos. „Es gibt keinen Gerechten auf Erden, der nur Gutes tut und nicht sündigt“, sagt der Prediger (7,20).
Eine besonders schöne Entsprechung zu Allerheiligen ist die Überlieferung von den sechsunddreißig verborgenen Gerechten, den Lamed-Waw-Zaddikim. Sie geht auf eine Talmudstelle zurück (Sanhedrin 97b; Sukka 45b). Nach dieser Vorstellung bestehen in jeder Generation sechsunddreißig Gerechte, um derentwillen die Welt Bestand hat. Niemand kennt sie, und oft wissen sie es selbst nicht. Das ist der Gedanke, der Allerheiligen von den einzelnen Heiligengedenktagen unterscheidet: Gefeiert werden gerade auch die Namenlosen, deren Heiligkeit kein Kalender verzeichnet.
Anhaften und Nachahmen – der Chassidismus
Am deutlichsten zeigt sich die Orientierung an einem heiligmäßigen Menschen im Chassidismus. Er entstand im 18. Jahrhundert in Osteuropa um Israel ben Elieser, den Baal Schem Tow. Zentral ist hier die Dewekut, das „Anhaften“ an Gott. Für viele Chassidim führt der Weg dorthin über den Zaddik, den Rebbe. Er gilt als Mensch, durch den der Segen von oben zur Gemeinde fließt. Wer sich an ihn bindet – die Chassidim sprechen von Hitkaschrut –, lernt nicht nur aus seinen Worten. Er beobachtet, wie der Rebbe betet, isst, spricht und schweigt. Die chassidischen Erzählungen, die Martin Buber dem deutschen Publikum erschlossen hat, sind voll von solchen Szenen. Ein Schüler sagte einmal, er sei nicht zum Maggid von Mesritsch gegangen, um Tora zu lernen, sondern um zu sehen, wie er seine Schuhe schnürt.
Die Wurzel dieser Haltung ist älter. In den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot 1,4) heißt es: „Dein Haus sei ein Versammlungsort der Weisen; bestaube dich im Staub ihrer Füße und trinke mit Durst ihre Worte.“ Heiligkeit wird hier nicht zuerst bewundert, sondern weitergegeben, und zwar durch Nähe und Nachahmung. Die Kirche kennt dasselbe Muster, wenn sie die Heiligen als Vorbilder hinstellt, an denen man ablesen kann, wie ein Leben nach dem Evangelium aussieht.
Gräber als Orte der Nähe
An Allerheiligen und am folgenden Allerseelentag besuchen viele Christen die Gräber, schmücken sie und zünden Lichter an. Auch das Judentum kennt den Gang zu den Gräbern, und zwar früh. Nach dem Talmud ging Kaleb, als er das Land erkundete, nach Hebron, um an den Gräbern der Erzväter zu beten (Sota 34b). An Fasttagen gingen Menschen auf den Friedhof (Taanit 16a). Bis heute besucht man vor Rosch haSchana und an der Jahrzeit die Gräber der Eltern und Lehrer.
Zu Wallfahrtsorten großer Menschenmengen sind die Gräber rabbinischer Lehrer geworden. An Lag baOmer ziehen Hunderttausende nach Meron in Galiläa zum Grab von Rabbi Schimon bar Jochai. Der Tag seines Todes wird dort als Hillula gefeiert, als Hochzeit der Seele mit Gott. Zu Rosch haSchana reisen Zehntausende Chassidim nach Uman in die Ukraine, an das Grab von Rabbi Nachman von Brazlaw. Nach jüdischem Verständnis betet man dort nicht zu dem Verstorbenen. Man betet in der Hoffnung, dass das Verdienst des Gerechten, die Sechut, dem eigenen Gebet Gewicht verleiht. Die theologische Begründung ist eine andere, aber die Bewegung ähnelt dem, was die Kirche „Gemeinschaft der Heiligen“ nennt: Die Lebenden wissen sich mit den Gerechten, die vor ihnen gegangen sind, verbunden.
Zwei Gestalten des 20. Jahrhunderts
Wer nach Menschen des 20. Jahrhunderts fragt, an denen sich solche Gerechtigkeit zeigt, denkt zuerst an Janusz Korczak. Der Arzt, Pädagoge und Schriftsteller Henryk Goldszmit leitete in Warschau das jüdische Waisenhaus Dom Sierot. Angebote, sich selbst zu retten, schlug er aus. Im August 1942 ging er mit den Kindern und seinen Mitarbeitern zum Umschlagplatz und wurde mit ihnen in Treblinka ermordet. Korczak war kein Frommer im üblichen Sinn. Sein Martyrium bestand nicht in einem Bekenntnis vor Richtern, sondern darin, dass er die ihm Anvertrauten nicht verließ. Die Seligpreisung der Barmherzigen hat in ihm eine Gestalt bekommen.
Daneben gehört Leo Baeck, dessen Weg anders verlief. Der Berliner Rabbiner, Autor von „Das Wesen des Judentums“ und Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, lehnte jede Gelegenheit zur Emigration ab, solange noch Juden in Deutschland lebten, die ihn brauchten. Im Januar 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Dort hielt er Vorträge, besuchte Kranke und unterstützte die Verzweifelten. Er überlebte, blieb nach der Befreiung zunächst bei den Kranken im Lager und lehrte später in London und Cincinnati. Gerade bei Baeck zeigt sich, dass Heiligkeit keine Fehlerlosigkeit verlangt. In Theresienstadt erfuhr er von den Gaskammern und entschloss sich, dieses Wissen nicht weiterzugeben. Das ist bis heute umstritten. Baeck starb vor 70 Jahren am 2. November 1956 – am Allerseelentag.
Was du an Allerheiligen vom Judentum lernst
Die Kirche spricht heilig, das Judentum nicht. Gerade dieser Unterschied kann Christen an Allerheiligen etwas zeigen. Die jüdische Tradition erinnert daran, dass Heiligkeit vor allem auf der Straße, im Waisenhaus und im Lager sichtbar wird, nicht im Kalender. Sie erinnert daran, dass die größten Gerechten womöglich verborgen bleiben. Und sie erinnert daran, dass auch die Bergpredigt aus der Tora und den Psalmen kommt. Wer heute am 1. November die Seligpreisungen hört, steht damit auf einem Boden, den Juden und Christen gemeinsam haben.



