Das Fragezeichen als Programm
Dr. phil. Jehoschua Ahrens zeigt, dass Rabbiner das Christentum seit Jahrhunderten gewürdigt haben. Sein Buch öffnet viel und seine Zuversicht weckt Fragen.
Kann es eine jüdische Theologie des Christentums geben? Jehoschua Ahrens, Gemeinderabbiner in Bern, Oberrabbiner von Salzburg, Honorarprofessor in Trier und den Zuschauern bzw. Hörern des „Wort zum Schabbat“ bei ahavta - Begegnungen bestens bekannt, setzt hinter diese Frage bewusst ein Fragezeichen – und füllt sie auf 448 Seiten mit Material, das im deutschen Sprachraum bislang kaum zugänglich war. Seine in Luzern angenommene Habilitationsschrift, erschienen bei Herder, will eine erstaunliche Lücke schließen: Über das, was Rabbiner über Christen und Christentum wirklich gesagt haben, weiß man hierzulande wenig. Und was man zu wissen meint, ist häufig falsch.
Ein weitverbreitetes Missverständnis
Ahrens’ Ausgangspunkt ist ein Ärgernis. In deutschsprachigen Publikationen zum christlich-jüdischen Gespräch gilt als ausgemacht, dass am Dialog fast nur liberale Juden beteiligt seien, während die Orthodoxie ihn für „sinnlos, gefährlich und überflüssig“ halte. Ahrens hält dem entgegen: Die große Mehrheit der Jüdinnen und Juden im deutschsprachigen Raum identifiziert sich mit orthodoxen Gemeindestrukturen – ausgerechnet deren Stimmen fehlen im Diskurs. Und historisch stimmt das Bild ohnehin nicht. Vor der Schoa waren es orthodoxe Rabbiner, die das Gespräch suchten und das Christentum positiv bewerteten, während die Reformbewegung ihm zunächst scharf polemisch begegnete. Die scheinbar plausible Formel „je liberaler, desto dialogfreundlicher“ lässt sich nicht belegen.
Um das zu zeigen, geht Ahrens chronologisch vor. Er beginnt mit den Grundbegriffen: Was heißt Awoda Sara, meist mit Götzendienst übersetzt? Entscheidend ist, so seine Lesart der Quellen, nicht die Zahl der Götter, sondern die ethisch-moralische Grundhaltung einer Religion. Damit ist der Weg frei für differenzierte Urteile. Im Mittelalter ordnen Maimonides und Jehuda ha-Levi das Christentum als Vorbereiter der messianischen Zeit ein – ohne es zu verachten. Die aschkenasischen Tosafisten unterscheiden erstmals zwischen den Anforderungen jüdischen und nichtjüdischen Gottesdienstes. Und der Me’iri erklärt schlicht, die Götzendiener der Bibel hätten mit den Christen seiner Zeit nichts gemein: Diese teilten mit dem Judentum einen wertebasierten Grundkonsens.
Das Herzstück des Buches liegt später, in Aufklärung und Emanzipation. Rabbiner Jacob Emden, eine der wichtigsten Autoritäten des 18. Jahrhunderts und alles andere als ein Reformer, nennt Christen Brüder, erkennt das Christentum als gültige Religion an und entwirft die Vision eines Religionspluralismus zum Vorteil aller. Samson Raphael Hirsch führt diesen Kurs mit einer neuen Hinwendung zum Universalismus fort. Es sind ausgerechnet die traditionellsten Denker, die am weitesten gehen – ein Befund, der mancher Erwartung widerspricht.
Ahrens erzählt aber keine Fortschrittsgeschichte. Er zeichnet auch die Enttäuschungen nach: Am Ende des 19. Jahrhunderts zeigten weder die Kirchen noch die liberale Bibelwissenschaft Interesse an einem Gespräch. Nach 1945 bauten orthodoxe Rabbiner wie Zwi Chaim Taubes in der Schweiz christlich-jüdische Gesellschaften mit auf und hofften, die Katastrophe werde Kirchen und Gesellschaft zum Umdenken bringen. Als sich kaum etwas bewegte und Judenmission und theologischer Antijudaismus weiterbestanden, zogen sich viele zurück. Der Weg von dort zu den orthodoxen Erklärungen von 2015 und 2017, die Ahrens selbst mitinitiiert hat, ist deshalb keine gerade Linie, sondern eine Geschichte von Anläufen.
Der Schatz im Anhang
Die eigentliche Entdeckung dieses Buches steht hinten. Auf über hundert Seiten legt Ahrens eine Quellensammlung vor: Schlüsseltexte von der Antike bis 2025, vom Midrasch und der Mischna über Maimonides, Me’iri, Emden, Mendelssohn, Hirsch und David Hoffmann bis zu Kook, Soloveitchik, Taubes und zeitgenössischen israelischen Rabbinern, ergänzt um die christlichen und jüdischen Erklärungen des Dialogs im Wortlaut. Vieles davon erscheint hier erstmals auf Deutsch, aus dem Hebräischen und anderen Sprachen übersetzt, aus Archiven in Zürich, Jerusalem, Southampton und London erhoben.
Das ist mehr als ein Anhang, es ist ein Werkzeug. Wer bisher über rabbinische Sichtweisen auf das Christentum reden wollte, war auf herumgereichte Zitate angewiesen – oft ohne Kontext, gelegentlich gegen ihren Sinn verwendet. Jetzt kann man nachlesen. Für Gemeindekreise, Lehrende und interessierte Laien ist dieser Teil der eigentliche Gewinn des Buches, und er rechtfertigt allein schon den nicht kleinen Preis von 65 Euro.
Der Preis ist natürlich eine Hürde. Ahrens schreibt klar und unprätentiös, er erklärt, was Halacha ist und warum es im Judentum keinen Papst und keine Konzile gibt. Aber es bleibt eine Habilitationsschrift, mit Apparat und mit Passagen, in denen Forschungsdebatten sortiert werden. Wer nur wissen will, was Juden über Jesus denken, greift vielleicht zunächst zu einem der Interviews des Autors. Wer aber wirklich verstehen will, warum diese Fragen so und nicht anders verhandelt werden, findet hier eine Einführung, die kein Vorwissen erfordert.
Würdigung – und eine Rückfrage
Ahrens’ Resümee ist zuversichtlich. Der Dialog sei „gefestigt“, ein Ende der Entwicklung nicht abzusehen; selbst die Irritationen über die Haltung des Vatikans zum 7. Oktober 2023 und zum Gaza-Krieg könnten ihn „nicht grundlegend negativ beeinflussen oder gar abbrechen“.
Hier möchte ich nachfragen. Für 2025 dokumentierte der Bundesverband RIAS 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland – knapp 24 pro Tag, mehr als dreimal so viele wie 2022, bei zwei Dritteln mit israelbezogenem Bezug (tagesschau, RIAS-Jahresbericht). Rechtsextreme Vorfälle erreichten mit 807 den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung (ZEIT). Die Kirchen verurteilen Antisemitismus in Beschlüssen deutlich – „Antisemitismus ist Gotteslästerung“, formulierte die EKD-Synode (EKD). In der Praxis aber bleibt vieles unentschieden, und Ahrens benennt die entscheidende Leerstelle selbst: dass unklar ist, ob und in welcher Form Antizionismus als Antisemitismus gilt.
Genau daran hängt heute alles. Wenn zwei Drittel der Vorfälle israelbezogen sind, entscheidet sich die Verlässlichkeit des Dialogs nicht mehr an Nostra Aetate, sondern an der Bereitschaft der Kirchen, in dieser Frage klar zu sprechen – auch wenn es in eigenen Milieus unpopulär ist.
Ahrens’ Zuversicht ist gut begründet: Sein Buch zeigt, dass rabbinische Positionen sich über Jahrhunderte als robuster erwiesen haben als die jeweilige politische Lage. Zugleich zeigt es, wie oft jüdische Hoffnung auf christliche Bewegung schon enttäuscht wurde – 1900, 1945, 1955. Dass diese Wiederholung diesmal ausbleibt, ist keine Gewissheit, sondern eine Aufgabe. Das schmälert das Verdienst dieses Buches nicht. Sie macht es dringlicher.
Jehoschua Ahrens: Eine jüdische Theologie des Christentums? Rabbinische Perspektiven auf Christen und Christentum. Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien 2026. 448 Seiten, 65,00 Euro (Herder). Die Arbeit wurde 2025 an der Universität Luzern als Habilitationsschrift angenommen (Universität Luzern).
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Einsendeschluss: Montag, 24. August 2026.




