Der fünfte Abschnitt. Warum die Tora mehr verlangt, als sie vorschreibt
Jerusalem fiel nicht, weil man das Gesetz brach – sondern weil man zu genau auf ihm beharrte. Was der Talmud über das Heiligtum sagt, trifft jeden Streit, den wir mit gutem Recht verlieren.
In der vergangenen Woche saß Jüdinnen und Juden auf dem Boden. Am 9. des Monats Aw, dem Trauertag, den man Tischa be’Aw nennt, wurde gefastet und geklagt; man gedachte an diesem dunkelsten Tag im jüdischen Kalender der Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels in Jerusalem. Wie jedes Jahr stellte sich damit auch die bohrende Frage, die auch im Blick auf Gegenwart und Zukunft keine Ruhe geben kann: Wie konnte das geschehen? Wie kam es, dass das Heiligtum fiel?
Die Antwort, die der Talmud gibt – die über Jahrhunderte gewachsene Sammlung rabbinischer Gespräche und Auslegungen –, verweist nicht auf die Feinde von außen. Sie schaut nach innen. Sie führt damit hinein in den Wochenabschnitt Wa’etchanan in 5. Mose 3,23–7,11.
Ein Satz, der Rätsel aufgibt
Im Talmud, im Traktat Bawa Mezia (Blatt 30b), meldet sich Rabbi Jochanan zu Wort. Was er sagt, klingt zunächst wie ein Rätsel: „Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man dort nach dem Recht der Tora richtete.“
Die Gemara – so der diskutierende Teil des Talmud – fährt sofort dazwischen und fragt, was auch wir fragen würden: Ja, wonach hätten sie denn sonst richten sollen? Nach Willkür? War es nicht gerade gut und richtig, sich genau an das Gesetz zu halten?
Doch Rabbi Jochanan meint es laut Gemara anders: Jerusalem fiel, weil man dort nach dem Buchstaben des Rechts urteilte – und keinen Schritt darüber hinausging. Man beharrte auf dem, was einem zustand. Man pochte auf die Paragraphen der Tora. Man hatte formal recht – und verlor darüber die Stadt.
Zwei Weisen, mit dem Gesetz umzugehen
Woher aber nimmt die Tradition den Gedanken, dass man über das Gesetz hinausgehen müsse? Sollte ein Gesetz nicht gerade dazu da sein, dass man sich genau daran hält?
Diesen Gedanken findet und verankert der Talmud im Traktat Bawa Kamma (Blatt 100a) in der Tora selbst. Raw Josef entdeckt beide Haltungen in 2. Mose 18,20. Dort rät Jitro, der Schwiegervater des Mose, diesem, er solle das Volk unterweisen und ihnen zeigen „et ha-ma’asseh ascher ja’assun“ – „das Werk, das sie tun sollen“. Raw Josef zerlegt diese Wendung in zwei Teile:
„‚Das Werk‘ – das ist das Recht. ‚Das sie tun sollen‘ – das ist das Handeln, das über den Buchstaben des Gesetzes hinausgeht.“
Das eine Wort meint das gesetzestreue Handeln, das genau tut, was vorgeschrieben ist. Das andere Wort – der scheinbar überflüssige Nachsatz „das sie tun sollen“ – meint jenes Mehr, das sich in keinem Paragraphen findet: lifnim mischurat ha-din, wörtlich „innerhalb der Linie des Rechts“, das meint, noch diesseits dessen, was man einklagen könnte. Ein Handeln, das über das gute Recht hinausgeht.
Der Talmud sagt damit: Die Tora selbst verlangt von den Menschen, mehr zu tun, als die Tora in ihrem Wortlaut vorschreibt.
Der Vers, der die ganze Tora zusammenfasst
Hier kommt nun endlich der Wochenabschnitt Wa’etchanan ins Spiel. Denn wo findet die Tradition dieses „Mehr“ ausgesprochen? Der große mittelalterliche Ausleger Raschi – die Abkürzung steht für Rabbi Schlomo ben Jizchak, stets die erste Adresse zum Verständnis eines biblischen Verses – findet es in 5. Mose 6,18:
„Und du sollst tun, was recht und gut ist in den Augen des Ewigen, damit es dir wohlergehe und du hineinkommst und das gute Land in Besitz nimmst, das der Ewige deinen Vätern geschworen hat.“
„Was recht und gut ist“ – auf Hebräisch ha-jaschar we-ha-tov. Raschi kommentiert knapp und klar:
„Das bezieht sich auf einen Vergleich (bzw. auf einen Kompromiss), auf ein Handeln jenseits der strengen Forderung des Gesetzes.“
Das ist faszinierend und bezeichnend für Israels Weg mit den Worten vom Sinai: Die Tora, indem sie gebietet, „das Rechte und Gute“ zu tun, schreibt ihre eigene Beweglichkeit fest. Sie baut in sich selbst eine Klausel der Milde ein, eine Fähigkeit zum Kompromiss, einen Spielraum im Umgang mit ihren eigenen Geboten. Das strenge Recht ist nicht das letzte Wort.
Das ist deshalb so bemerkenswert und so wichtig, weil die christliche Theologie dem Judentum über Jahrhunderte hinweg immer wieder eine kalte „Buchstabenfrömmigkeit“ vorgeworfen hat – ein starres Kleben am toten Gesetz, dem erst das Christentum den Geist der Liebe entgegengesetzt habe. Wie schief dieses Bild ist, zeigt dieser eine Vers mit seiner Kommentierung. Für Nechama Leibowitz, die vielleicht bedeutendste jüdische Bibelauslegerin des 20. Jahrhunderts, ist 5. Mose 6,18 nicht irgendein Vers unter vielen. Er ist für sie „der Vers, der die ganze Tora zusammenfasst“.
Hillel und die ganze Tora auf einem Bein
Dass sich die ganze Tora in einem einzigen Satz zusammenfassen lasse, ist ein sehr alter Gedanke im Judentum. Die berühmteste dieser Zusammenfassungen erzählt der Talmud von Hillel, dem sanftmütigen Lehrer aus der Zeit kurz vor der Zeitenwende (Traktat Schabbat, Blatt 31a).
Ein Nichtjude, so wird berichtet, kommt zunächst zu Schammai, dem strengen Kollegen Hillels, und fordert ihn heraus: Er sei bereit, zum Judentum überzutreten – aber nur, wenn Schammai ihm die ganze Tora beibringe, während er auf einem Bein stehe. Schammai, dem der Spott zu weit geht, jagt ihn mit seiner Elle in der Hand davon. Da geht der Mann zu Hillel. Und der weist ihn nicht ab. Er nimmt ihn an und sagt ihm den einen Satz:
„Was dir selbst verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora. Alles Übrige ist Auslegung – geh und lerne.“
Wer diese Geschichte hört, erkennt das Echo im Neuen Testament. Im Matthäusevangelium (7, 12) sagt Jesus:
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“
Es ist derselbe Gedanke – bei Hillel in der verneinenden, bei Jesus in der bejahenden Form. Aber es ist beide Male die Behauptung, dass sich die ganze Weisung Gottes in der Zuwendung zum Mitmenschen bündeln lasse. Jesus, der galiläische Jude, steht also nicht gegen seine Tradition, sondern mitten in ihr. Er führt das Gespräch, das schon seine Lehrer führten.
Zwei Gebote, an denen alles hängt
Diese Zusammenfassung hat bei Jesus noch eine zweite, berühmtere Gestalt. Als man ihn nach dem größten Gebot fragt, antwortet er mit zwei Versen (Matthäus 22,37–40) – und der erste stammt aus unserem Wochenabschnitt, aus 5. Mose 6,5:
„Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.“
Auf Hebräisch beginnt dieser Satz mit we-ahawta – „und du sollst lieben“. Er gehört zum Herzstück des jüdischen Glaubensbekenntnisses, das jeden Morgen und jeden Abend gesprochen wird und mit dem Ruf beginnt: Schma Jisrael – „Höre, Israel“. Dazu stellt Jesus einen zweiten Vers, aus 3. Mose 19,18:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Exegetisch kann Jesus diese Verse verbinden, weil die Tora selbst die Verknüpfung vorgegeben hat: Beide beginnen mit demselben Wort we-ahawta, „du sollst lieben“. So folgert Jesus: „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen – an diesen beiden Nägeln macht sich alles andere fest. In vergleichbarer Weise nannte Rabbi Akiwa, der große Lehrer des 2. Jahrhunderts, das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ den „großen Grundsatz der Tora“.
Die Bergpredigt: nicht gegen das Gebot, sondern über es hinaus
Wer gelernt hat, dass die Tora selbst ein Handeln „jenseits des Buchstabens“ verlangt, der liest die berühmten Sätze der Bergpredigt mit anderen Augen. Sechsmal setzt Jesus dort an mit der Formel: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist … ich aber sage euch“ (Matthäus 5,21–48). Man hat diese Sätze oft als Angriff auf die Tora missverstanden, als wolle Jesus das alte Gebot einreißen und ein neues aufstellen.
Das Gegenteil ist der Fall. Jesus reißt nichts ein – er geht darüber hinaus, ganz im Geist von lifnim mischurat ha-din. Ihm geht es um die Gesinnung hinter dem Gebot: Nicht erst das Töten ist verkehrt, sondern schon der Zorn, der es vorbereitet. Nicht erst der Ehebruch, sondern schon der begehrliche Blick. Das Gebot wird nicht abgeschafft, es wird vertieft, bis auf seinen Grund. Es wird radikal – im Wortsinn: „von der Wurzel her“ – gedacht, um nicht den Wortlaut, sondern den eigentlichen Sinn zu treffen.
Selbst die sperrigsten Forderungen der Bergpredigt sind solche Anwendungsfälle jenes „Rechten und Guten, das über den Rechtsanspruch hinausgeht“ (Matthäus 5,40–41):
„Wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“
Wer so handelt, verzichtet auf sein gutes Recht. Das ist der Vergleich, von dem Raschi sprach. Das Gegenteil solcher Flexibilität im Tun ist die Sturheit eines Handelns, an dem nach Rabbi Jochanan Jerusalem zugrunde ging.
Der fünfte Abschnitt des Gesetzbuches
Vielleicht kein moderner Denker hat diesen Gedanken schöner gefasst als Rabbiner Jonathan Sacks, der 2020 verstorbene frühere britische Oberrabbiner. Er schreibt:
„Ethik ist nicht nur ein Regelwerk, nicht einmal ein so umfangreiches wie die 613 Gebote und ihre rabbinischen Ergänzungen. Sie umfasst auch die Art und Weise, wie wir auf Menschen als Individuen eingehen.“
Und weiter:
„Wir alle müssen genau wissen, wann wir auf Recht und Gesetz bestehen und wann wir Vergebung üben müssen.“
Sacks erzählt dazu eine chassidische Geschichte (der Chassidismus ist jene osteuropäische Frömmigkeitsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Herzenswärme und die gelebte Nähe zu Gott ins Zentrum rückte). Bevor wir die Geschichte hören, sei das Buch erklärt, das in ihr vorkommt: der Schulchan Aruch. Wörtlich heißt es „Der gedeckte Tisch“. Es ist das große jüdische Gesetzeswerk, das der Gelehrte Josef Karo im 16. Jahrhundert verfasste – bis heute das maßgebliche Handbuch der jüdischen Lebensführung, das in vier großen Abschnitten regelt, wie ein frommer Mensch seinen Alltag, seine Feste, seine Ehe und sein Geschäft zu führen hat.
„Israel Friedmann von Ruschyn (1796–1850) fragte einmal einen seiner Schüler, wie viele Abschnitte der Schulchan Aruch habe. Der Schüler antwortete: ‚Vier.‘ Der Ruschyner fragte weiter: ‚Was kannst du mir über den fünften Abschnitt sagen?‘ ‚Es gibt doch aber gar keinen fünften Abschnitt‘, entgegnete der Schüler. ‚Doch, es gibt ihn‘, sagte der Ruschyner. ‚Und er lautet: In deinem Umgang mit anderen sei ein Mentsch.‘“
Ein Mentsch – das jiddische Wort lässt sich kaum übersetzen. Ein Mensch im vollen, warmen Sinn: einer, der anständig ist, gütig, verlässlich, der das Herz am rechten Fleck trägt. Sacks schließt:
„Der fünfte Abschnitt des Gesetzbuches ist das Verhalten, das sich nicht auf Rechtsvorschriften reduzieren lässt. Darauf kommt es an, um das Richtige und das Gute zu tun.“
Was uns Tischa be’Aw zu sagen hat
Damit schließt sich der Kreis. Am Trauertag Tischa be’Aw fragt Israel, warum das Heiligtum fiel, und die Antwort lautet: nicht weil man das Gesetz brach, sondern weil man auf ihm beharrte und die Milde vergaß. Der Wochenabschnitt Wa’etchanan gibt die Gegenrichtung an – in dem einen Vers, der nach Nechama Leibowitz die ganze Tora zusammenfasst: „Du sollst tun, was recht und gut ist.“
Zwischen dem strengen Buchstaben und dem lebendigen Guten liegt jener schmale Raum, in dem sich entscheidet, ob eine Stadt steht oder fällt, ob ein Streit heilt oder vergiftet, ob eine Begegnung gelingt oder scheitert. Es ist der Raum des fünften Abschnitts. Es ist der Raum, in dem jüdische und christliche Auslegung, Hillel und Jesus, Raschi und Sacks nah beieinander stehen. Es ist ein Raum, den kein Paragraph für uns ausfüllen kann. Diesen füllen allein wir – indem wir, im Umgang mit anderen, ein Mentsch sind.
Zu den Quellen:
Die rabbinischen Texte sind zitiert nach der freien digitalen Bibliothek Sefaria: Babylonischer Talmud, Bava Mezia 30b (Rabbi Jochanan über die Zerstörung Jerusalems), Bava Kamma 100a (Raw Josef zu 2. Mose 18,20) und Schabbat 31a(Hillel und der Fremde). Der Kommentar Raschis zu 5. Mose 6,18 ebenda. Die Deutung von Nechama Leibowitz nach ihren „Studien zum Buch Deuteronomium“. Die Zitate von Rabbi Jonathan Sacks und die chassidische Erzählung vom Ruschyner Rebben nach seiner Reihe Covenant & Conversation zum Wochenabschnitt Wa’etchanan, Jahrgang 5782=2022. Bibelverse in eigener, an Luther und die Zürcher Bibel angelehnter Übersetzung.



