Der Wochenabschnitt Ki Tezé (5. Buch Mose 21,10 – 25,19) — der Name bedeutet „Wenn du ausziehst“, nach seinen ersten Worten „Wenn du ausziehst in den Krieg“ — ist der gesetzesreichste Abschnitt der ganzen Tora. Rund vierundsiebzig Gebote drängen sich hier aneinander, ohne erkennbare Ordnung: Kriegsrecht neben Erbrecht, ein Vogelnest neben dem Ehebruch, eine Dachbrüstung neben dem Verbot, dem dreschenden Ochsen das Maul zu verbinden. Wer die Sammlung nach Sachgebieten sortieren will, wird kaum Erfolg haben – obgleich die Weisen (Chachamim) es versucht haben.
In dieser Fülle stehen zwei Verse, die wie eine Randnotiz zum Bestattungswesen wirken. Es geht um einen Hingerichteten, dessen Leichnam zur Abschreckung öffentlich aufgehängt wurde:
Und wenn du ihn ans Holz hängst, so soll sein Leichnam nicht über Nacht am Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tag begraben — denn ein Gehängter ist ein Fluch Gottes. (5. Buch Mose 21,22–23)
Diese vier Wörter am Ende — auf Hebräisch ki-kilelat Elohim talui, wörtlich „denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter“ — haben eine Wirkungsgeschichte, an die kein anderer Satz der Parascha heranreicht. Sie führt vom Talmud über Paulus bis in eine Wittenberger Wohnstube und von dort in die schlimmsten Kapitel der Kirchengeschichte. Sie beginnt mit einer Unklarheit.
Wer verflucht hier wen?
Das Hebräische lässt offen, wie die vier Wörter zusammenhängen. Zwei Lesarten sind möglich, und beide sind sprachlich einwandfrei.
Die erste: Der Gehängte ist von Gott verflucht. Sein Ende beweist, dass Gott ihn verworfen hat. Der Vers wäre dann ein Urteil über den Toten.
Die zweite: Das Hängen selbst ist eine Verfluchung Gottes, also eine Beleidigung Gottes. Denn der Mensch ist nach dem ersten Buch Mose Gottes Bild — wer ihn öffentlich zur Schau stellt, schändet den, dessen Bild er trägt. Der Vers wäre dann ein Urteil über die, die den Leichnam hängen lassen.
Die Grammatik der schriftlichen Tora entscheidet das nicht. Die Leser mussten entscheiden. Und sie haben es auf verschiedene Weise getan.
Die Antwort der Rabbinen: Gott wird schwer
Die jüdische Auslegung wählt entschlossen die zweite Lesart. Raschi, der wirkungsreichste jüdische Bibelerklärer des Mittelalters, gestorben 1105 in Troyes, schreibt zu diesem Vers, das Hängen sei „eine Herabwürdigung des Königs [im Himmel], denn der Mensch ist in seinem Bild geschaffen“.
Der Talmud, die große Sammlung rabbinischer Diskussionen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, erzählt dazu ein Gleichnis. Zwei Brüder, Zwillinge, leben in derselben Stadt und sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Einer wird König, der andere Räuber. Der König lässt den Bruder für seine Verbrechen hängen. Doch jeder, der den Gehängten sieht, sagt: Der König ist gehängt worden. Da lässt der König ihn abnehmen. So auch, schließt der Text: Weil Menschen im Bild Gottes geschaffen sind, wird Gott entehrt, wenn ein Leichnam für ein Verbrechen zur Schau hängt.
Noch weiter geht dieselbe Diskussion an einer benachbarten Stelle. Sie legt die vier Wörter über ein hebräisches Wortspiel aus: Aus kilelat, „Fluch“, hört sie kallani heraus, „ich bin schwer“. Und lässt die Gegenwart Gottes selbst klagen: „Mein Haupt ist schwer, mein Arm ist schwer.“ Es folgt der Satz, an dem die Richtung dieser Auslegung deutlich wird: Gott leidet über dem Blut der Frevler. Nicht der Unschuldigen — der Frevler.
Mach dir klar, was hier passiert: Ein Vers, der sich als Fluchspruch lesen ließe, wird zu einer Aussage über Gottes Schmerz umgebaut. Der Verurteilte bleibt Gottes Bild. Dazu passt, dass die Mischna — die älteste Sammlung rabbinischer Rechtsüberlieferung, um das Jahr 200 abgeschlossen — die Praxis des Aufhängens auf zwei einzige Vergehen begrenzt und sie zu einer Augenblickssache macht: Einer bindet den Leichnam an, ein anderer löst ihn sofort wieder, damit das Gebot als erfüllt gelte. Die Überlieferung besteht ausdrücklich darauf, dass in Israel erst getötet und dann gehängt werde, „nicht wie die heidnische Regierung es tut“ — ein nicht zu übersehender Seitenblick auf die römische Kreuzigung, bei der das Hängen selbst die Tötung ist.
Der Wochenabschnitt zieht diese Linie aus. Wenige Kapitel später steht die Vorschrift über die Prügelstrafe, und der älteste jüdische Kommentar dazu formuliert, was das Ganze zusammenhält: „Wenn er gegeißelt worden ist, ist er dein Bruder.“ Die Strafe darf die Zugehörigkeit nicht aufheben.
Paulus zitiert — und lässt etwas weg
Nun kommt der Vers auch in einem Brief vor, den Paulus an Gemeinden in Kleinasien schreibt. Der Völkerapostel streitet dort mit Christusnachfolgern, die von den nichtjüdischen Mitgliedern seiner Gemeinden die volle Übernahme der Halacha der Tora verlangen. Mitten in dieser Auseinandersetzung schreibt er:
Christus hat uns freigekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch geworden ist — es steht ja geschrieben: „Verflucht ist jeder, der ans Holz gehängt ist.“ (Galater 3,13)
Der Satz in Anführungszeichen zitiert unseren Vers aus Ki Tezé. Aber er ist nicht vollständig. Der Berliner Theologe Peter von der Osten-Sacken (1940–2022), einer der wichtigsten Erforscher des jüdisch-christlichen Verhältnisses im deutschsprachigen Raum, hat in seinem Galaterkommentar von 2019 festgehalten, was fehlt. Paulus hat den Anfang des Zitats an einen anderen Fluchsatz angeglichen, den er drei Verse zuvor angeführt hatte. Und dabei geschieht Folgendes:
Im Zuge dieser Angleichung ist die Aussage des hebräischen und griechischen Textes von Dtn 21,23, jeder ans Holz Gehängte sei ein „Fluch Gottes“ bzw. „von Gott verflucht“ entfallen. (Peter von der Osten-Sacken, Der Brief an die Gemeinden in Galatien, 2019, S. 151)
Zwei Wörter also — „von Gott“ — stehen bei Paulus nicht. Ob er sie absichtlich getilgt hat, ist umstritten. Manche Ausleger meinen, er habe die Kreuzigung auf diese Weise als einen vom Gesetz, nicht als einen von Gott gewirkten Fluch bezeichnen können. Von der Osten-Sacken hält das für denkbar, aber unwahrscheinlich: Paulus könne an anderer Stelle „ohne Scheu und nicht weniger anstößig feststellen, Gott habe ‚den, der von keiner Sünde wusste, zur Sünde gemacht‘“.
So oder so bleibt ein bemerkenswertes Ergebnis. Die rabbinische Auslegung nimmt dem Vers die Aussage, der Gehängte sei von Gott verflucht — und im Zitat des Paulus steht sie ebenfalls nicht. Zwei jüdische Auslegungstraditionen, die vieles trennt, entlasten denselben Satz von derselben Behauptung.
Wo die Wege sich wirklich trennen
Wo also liegt der Unterschied? Von der Osten-Sacken zieht eine Linie, die für das jüdisch-christliche Gespräch mehr leistet als eine Beschwörung von Gemeinsamkeit:
Der Apostel greift mit Dtn 21,23 wie zuvor in 3,6–9 und 3,10–12 auch in 3,13f. auf die Schrift zurück. Sie leistet ihm den wesentlichen Dienst, den Fluchcharakter des Todes Jesu Christi zu belegen. Die entscheidende Zuspitzung in 3,13 ist jedoch von dem Bezug auf die Schrift ausgenommen. Sie liegt in der alles tragenden präpositionalen Wendung „für uns“. (S. 152)
Das heißt in einfachen Worten: Dass der Tod Jesu ein Fluchtod war, entnimmt Paulus der Schrift. Dass er „für uns“ geschah, entnimmt er ihr nicht. Seinen Satz sagt er nicht nur als Ausleger, sondern auch als Bekennender, und er ruht, wie von der Osten-Sacken zeigt, auf seiner Gewissheit der Auferweckung Jesu, nicht auf dem Vers aus Ki Tezé.
Damit ist der Streitpunkt zwischen jüdischer und christlicher Lesart bestimmt. Er liegt nicht in der Auslegung von 5. Mose 21,23. Er liegt einen Schritt weiter, dort, wo die Schriftbindung endet. Wer diese Achse für einen Nachweis benutzen will, dass Paulus die Tora zur Fluchinstanz mache, überdehnt den Text; wer sie für eine harmonisierbare Gemeinsamkeit benutzen will, desgleichen.
Zwei Bemerkungen von der Osten-Sackens sind hier noch wichtig. Erstens übersetzt er das griechische Wort für das Handeln Christi, exagorazein, bewusst mit „freikaufen“ statt „loskaufen“: Es ist der Begriff für den Freikauf von Gefangenen und Sklaven. Alle Erklärungsmodelle dafür, so hält er fest, finden ihre Grenze darin, dass Paulus nirgends sagt, an wen der Preis eigentlich zu zahlen sei. Zweitens, und das ist gegen eine weit verbreitete christliche Vorstellung gerichtet: „Es geht dabei um keine Art Satisfaktionstheorie, so als müsste durch den Sohn dem Zorn Gottes Genüge getan werden.“ Kein besänftigter Zorn also, sondern eine Ankündigung von Heilung.
Die Gegenrichtung: „Thola“
Nun kehrt der Vers ein drittes Mal wieder, und diesmal wird er zur Waffe.
Das hebräische Wort für den Gehängten in 5. Mose 21,23 lautet talui, von der Wurzel talah, hängen. In späterer jüdischer Polemik wird Jesus mit genau diesem Wort bezeichnet: Tole oder talui, „der Gehängte“. Das ist kein beliebiges Schimpfwort. Es ist ein Zitat. Wer Jesus so nennt, wendet den Vers, den das Neue Testament selbst zur Deutung seines Todes anführt, gegen diese Deutung: Ein Gehängter — ein Verfluchter, kein Messias.
Dass dies eine Reaktion auf jahrhundertelange christliche Übermacht ist, sollte man nicht übersehen. Aber die Wirkung, die diese Bezeichnung an einer bestimmten Stelle der Geschichte hatte, ist gleichwohl verheerend, und sie führt in die Reformationsgeschichte.
Wittenberg, um 1525: ein Besuch
Martin Luther hat in seinem Leben, soweit sich das feststellen lässt, ein einziges ausführliches Gespräch mit jüdischen Gelehrten geführt. Peter von der Osten-Sacken hat die Überlieferung dieser Begegnung in seinem Buch Martin Luther und die Juden von 2002 rekonstruiert — aus einer Predigt, drei Tischreden und einer Erwähnung in Luthers Traktat von 1543. Dass Luther dieselbe Episode fast zwanzig Jahre lang immer wieder erzählt, spricht dafür, dass es die einzige war. Er selbst schreibt an einer Stelle: „Solches haben sie geantwortet, da ich auch einmal mit ihnen disputiert und die Schrift wider sie geführet.“
Drei Rabbiner besuchen ihn in Wittenberg, wahrscheinlich Schmarjahu, Schlomo und Levi. Sie debattieren über die Deutung zweier Stellen aus dem Buch Jesaja und dem Buch Jeremia. In einer Predigt vom 25. November 1526 erinnert Luther sich:
Ich habe selbst mit den Juden davon geredet, auch mit den allergelehrtesten, welche die Bibel so wohl wussten, dass auch kein Buchstabe darin war, sie verstanden’s, und habe ihnen diesen Spruch vorgehalten. Aber sie konnten nichts wider mich aufbringen. Zuletzt gaben sie diese Antwort und sagten, sie glaubten ihrem Talmud, das ist ihrer Auslegung, die sagte nichts von Christus, und derselben Auslegung müssten sie folgen.
Man beachte den Ton: Luther hält seinen Gästen zugute, dass sie die Bibel bis auf jeden Buchstaben kennen. Und er ist überzeugt, sie mit der Schrift widerlegt zu haben. Dass sie dennoch nicht nachgeben, kann er nur als Verstocktheit deuten.
Dann kommt die Szene, die alles entscheidet. Luther gibt den drei Männern für die Weiterreise einen Empfehlungsbrief mit, in dem er sich unter Berufung auf Christus dafür einsetzt, sie frei passieren zu lassen. Die Rabbiner zeigen diesen Brief Luthers Mitarbeiter Matthäus Aurogallus und sagen den Satz, den Luther bis 1543 nicht vergessen wird:
Wenn nur der Thola, id est, crucifixus Christus nicht darinnen stünde.
„Thola“ ist Luthers Schreibweise für den „Gehängten“ aus unserem Vers; „id est, crucifixus Christus“ ist Luthers eigene lateinische Erklärung: „das heißt, der gekreuzigte Christus“. Der Brief sei gut, sagen die Rabbiner, wenn nur dieser Name nicht darin stünde.
Luthers Reaktion, überliefert in einer Tischrede von 1536, lautet: „Diese Taugenichtse und Plünderer sind keiner Nachsicht oder Barmherzigkeit wert.“
Der Psalm für die Königin
Zu Beginn des Jahres 1526, also unmittelbar nach diesem Besuch, legt Luther vier Psalmen für die junge Königin von Ungarn aus, deren Mann im Kampf gegen die Türken gefallen ist. Einer davon ist der 109. Psalm, ein Fluchpsalm. Und hier taucht das Wort wieder auf, das ihn getroffen hat:
So giftig und hässlich können sie von Christus reden, das über alle Maßen ist. Denn sie halten’s für eitel Fluch und Gift, was wir von Christus glauben und lehren; meinen schlicht nichts anderes, denn Christus sei ein böser Bube gewesen, der um seiner Bosheit willen sei gekreuzigt mit andern Buben. Darum, wenn sie ihn nennen, so nennen sie ihn schmählich ‚Thola‘, das ist: den Erhängten. (Luther, Auslegung des 109. Psalms, 1526)
Von der Osten-Sacken nennt diesen Abschnitt den „Thola-Passus“ und hält ihn für Luthers erste literarische Reaktion auf jenen Besuch. Was daraus folgt, ist erschütternd. Luther legt den Fluchpsalm auf die Juden aus. Der schrecklichste Fluch der ganzen Schrift, „der Satan stehe zu seiner Rechten“, gilt ihm von ihnen gesagt. Das Elend jüdischen Lebens seit der Zerstörung des Tempels wird zum Beweis göttlichen Zorns. Vertreibung, Verbrennung, Erwürgung — früher von Luther als Unrecht gebrandmarkt — erscheinen jetzt als verdienter „Unfall“. Und die Verachtung, die Juden in der christlichen Umwelt trifft, referiert er ohne Widerspruch:
„Man hält die Juden für Hunde, und wer ihnen Leid tun oder sie schabernacken kann, der lässt sich dünken, er habe wohl getan.“
Peter von der Osten-Sackens Urteil über diesen Wandel ist unmissverständlich. Nur knapp drei Jahre zuvor hatte Luther in der Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ die christliche Schuld am jüdischen Nein zum Evangelium mit größter Klarheit benannt. Nun sei das alles
„hier wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Ja, man gewinnt geradezu den Eindruck, als habe Luther einen erheblichen Teil dessen, was er […] an Erkenntnissen gewonnen und geäußert hat, regelrecht verdrängt, um sich erneut in alteingefahrenen Gleisen zu bewegen.“ (Martin Luther und die Juden, 2002, S. 101)
Aus Luthers Auslegung ergibt sich, so von der Osten-Sacken, dass jüdisches Leben „ihrem Wesen nach im doppelten Sinne Fluchexistenz ist: Mit ihrer Ablehnung Jesu Christi diesem fluchend, werden die Juden im Gegenzug von ihm verflucht.“
Der eine Vers, den Luther überspringt
Am aufschlussreichsten ist jedoch nicht, was Luther sagt, sondern was er auslässt. Im 109. Psalm steht ein Satz, der die ganze Fluchlogik durchbricht: „Fluchen sie, so segne du.“ Ein Gebet also, das Gott bittet, dem Fluch der Gegner mit Segen zu antworten.
Peter von der Osten-Sacken zeigt, was Luther daraus macht:
Dort, wo der Psalm bittet: „Fluchen sie, so segne du“, begnügt sich Luther mit einer nichtssagenden, weil nichts erläuternden und konsequenzenlosen Paraphrase: „Sondern je mehr sie fluchen, je mehr du segne“ — um stehenden Fußes zu Vernichtungsaussagen überzugehen. Die Oberhand behält der fluchende Christus und so zugleich der mit ihm triumphierende Luther. (S. 102)
Ein Vers hätte den Weg geöffnet. Luther geht vorbei. Siebzehn Jahre später, 1543, schreibt er den Schluss dieser Entwicklung: „Darum will ich mit keinem Juden mehr zu tun haben […] Lass sie fahren.“
Erklären ist nicht rechtfertigen
An dieser Stelle muss man sorgfältig sein, und von der Osten-Sacken ist es. Er warnt ausdrücklich davor, seine Rekonstruktion als Entschuldigung zu lesen. Eine solche Deutung wäre schon deshalb verfehlt,
weil ja kaum etwas jüdische Abwehr so sehr rechtfertigt wie eine Präsentation Christi, wie sie Luther in seiner Auslegung von Ps 109 darbietet, indem er ihn als Herrn der Kirche vergegenwärtigt, der die Juden verflucht bzw. um ihre Verfluchung bittet. (S. 104, Anm. 403)
Wer Christus so darstellt, darf sich über jüdische Abwehr nicht wundern. Und ein Zweites: Die immer noch übliche bequeme Aufteilung in einen freundlichen „jungen“ und einen bösen „alten“ Luther hält der Untersuchung nicht stand. Die Auslegung des 109. Psalms gehört zum jungen Luther — und enthält schon fast alles, was zwanzig Jahre später seine ungehemmte Entfaltung findet.
Gedächtnis und Name
Ein letzter Fund, der die ganze Geschichte in einem Satz bündelt. Über die Juden schreibt Luther in derselben Psalmenauslegung, „ist ihr Gedächtnis und Name gar aus“.
Peter von der Osten-Sacken merkt in einer Fußnote an, woher diese Wendung stammt. Sie steht beim Propheten Jesaja, im 56. Kapitel — und dort verspricht Gott den Ausgeschlossenen genau das Gegenteil: dass er ihnen in seinem Haus „Gedächtnis und Namen“ geben werde. Auf Hebräisch: jad wa-schem.
Nach diesem Vers ist die Jerusalemer Gedenkstätte für die Ermordeten der Schoa benannt.
Wer den Fluch trägt
Vier Wörter in einem Gesetzestext über Bestattungsfristen. Die Rabbinen hörten darin, dass Gott selbst schwer wird, wenn ein Mensch am Holz hängt — auch ein schuldiger. Paulus ließ die Frage, wer den Fluch verhängt, unausgesprochen. Jüdische Polemik machte aus dem Wort einen Namen für Jesus. Und Luther machte aus diesem Namen die Berechtigung, ein ganzes Volk unter den Fluch zu stellen.
Der Vers hat das nicht entschieden. Er ist mehrdeutig, und er ist es bis heute. Entschieden haben die, die ihn lasen und auslegten. Die Weisung von Ki Tezé selbst ist dabei von schlichter Klarheit: Der Leichnam muss vor Sonnenuntergang herunter. Nicht weil der Tote unschuldig wäre, sondern weil er, schuldig wie er ist, ein Bild Gottes bleibt. Wer diesen Satz ernst nimmt, kann ihn schwerlich benutzen, um Menschen zu Hunden zu erklären.
Es gehört zu den unbequemen Erfahrungen beim Lesen der Tora, dass die Weisung oft klüger ist als ihre Ausleger.
Quellen und Literatur:
Peter von der Osten-Sacken, Der Brief an die Gemeinden in Galatien, Stuttgart: Kohlhammer 2019, S. 148–156
Ders., Martin Luther und die Juden. Neu untersucht anhand von Anton Margarithas „Der gantz Jüdisch glaub“ (1530/31), Stuttgart: Kohlhammer 2002, S. 96–110.
Die Luther-Zitate folgen der Wiedergabe bei von der Osten-Sacken nach der Weimarer Ausgabe.
Rabbinische Quellen: Raschi zu 5. Mose 21,23; Babylonischer Talmud, Sanhedrin 46a–46b; Mischna Sanhedrin 6,4; Sifre Dewarim 286.



