Der Speer, der zum Ölzweig wird
Ein Mann ersticht zwei Menschen – und Gott belohnt ihn mit Frieden. Wie kann das sein? Und warum sagen Juden und Christen beim Eifer für Gott seit 2000 Jahren dasselbe Ja und Nein?
Eine verstörende Szene in der Tora: Ein Mann ergreift einen Speer, folgt einem Paar in ein Zelt und durchbohrt beide mit einem einzigen Stoß. Und dann, man vermutet es nicht, wird dieser Mann nicht bestraft, sondern belohnt. Gott selbst spricht ihm einen „Bund des Friedens“ zu.
Der Mann heißt Pinchas. Sein Speerstoß beendet eine Seuche, die im Lager Israels wütet, während Männer sich mit fremden Frauen und fremden Göttern einlassen. Die Frage, die diese Szene aufwirft, hat Rabbiner und Theologen nicht mehr losgelassen: Wie kann aus einer Gewalttat ein Friedensschluss werden? Wann ist Eifer für Gott heilig – und wann wird er zur Anmaßung?
Die jüdische Überlieferung und die Schriften des frühen Christentums, die man als jüdische Literatur ihrer Zeit lesen sollte, geben darauf verblüffend ähnliche Antworten. Beide bewundern den glühenden Einsatz. Und beide zäunen ihn zugleich mit Warnschildern ein. Diesem doppelten Echo im Wochenabschnitt Pinchas (4. Mose 25,10–30,1) will ich nachgehen.
Ein Wort, das schon die Tat verrät
Zunächst der Wortlaut der Schrift selbst. Gott sagt über Pinchas: Er hat „geeifert“ – auf Hebräisch kinne – und dadurch den Israeliten „Sühne verschafft“ – wajechapper (4. Mose 25,13). Zwei Begriffe, die im Deutschen nichts miteinander zu tun haben, stehen im Urtext dicht beieinander: der Eifer und die Versöhnung.
Das ist bemerkenswert: Sühne und Versöhnung waren im alten Israel Sache der Priester am Altar, ein Ritual mit Opfertier und Blut. Hier aber geschieht die Sühnung nicht am Altar, sondern durch eine einzige, persönliche, riskante Tat. Der Eifer selbst wird zur Opfergabe. Man spürt förmlich, wie der Text die beiden Wörter aneinanderschmiedet.
Die Überlieferung hat diese Beobachtung weiter zugespitzt. Im jüdischen Kommentar von Tenachon, Heft 22, wird die Szene geradezu filmisch geschildert: Simri, ein Anführer des Stammes Simeon, „nähert sich einer midianitischen Prinzessin vor den Augen Mosches“ – und „krasser kann die Zurückweisung des Sinaibundes nicht zum Ausdruck kommen“. Pinchas, heißt es weiter, „fühlt den Zorn Gottes in sich selbst brennen“ und greift erst ein, „sobald er sieht, dass der Engel des Verderbens zum Volk gekommen war“.
Der Eifer ist hier kein kalter Fanatismus. Er ist ein Brennen, das der Handelnde als Gottes eigenen Zorn in sich erlebt.
Der Sühner, der niemals von seinem Platz weicht
Der babylonische Talmud, das große Kompendium der mündlichen Lehre, macht aus dieser Szene eine regelrechte Theologie der Sühne. Im Traktat Sanhedrin (Blatt 82b) nennt Gott den Pinchas mit einer fast liedhaften Formel: kanna’i ben kanna’i – „ein Eiferer, Sohn eines Eiferers“; und meschiw chema ben meschiw chema – „ein Beschwichtiger des Zorns, Sohn eines Beschwichtigers des Zorns“.
Man erkennt schon an dem doppelten Klang, dass hier zwei Dinge zusammengehalten werden: das Entflammen und das Löschen. Der Eiferer ist zugleich der, der den göttlichen Zorn zur Ruhe bringt. Und dann folgt der entscheidende Satz: Diese Sühnung sei würdig, „fortwährend und für immer zu sühnen“. Nicht ein einmaliger Akt also, sondern eine Wirkung, die weiterläuft.
Noch kühner wird ein anderer alter Kommentar, Sifré zum vierten Buch Mose (Abschnitt 131). Dort hängt sich die Deutung an einem einzigen Buchstaben auf. Im hebräischen Text steht nicht, Pinchas habe gehandelt, „um zu sühnen“ (lechapper), sondern: „und er sühnt“ (wajechapper) – eine Form, die in der Gegenwart weiterklingt. Der Kommentar zieht daraus den bemerkenswerten Schluss:
„Bis jetzt ist er nicht von seinem Ort gewichen, sondern omed umechapper ad schejichju hametim – er steht und sühnt, bis die Toten auferstehen.“
Pinchas ist für diese jüdische Auslegung keine abgeschlossene Figur der Vergangenheit. Er steht – noch immer – und sühnt – noch immer –, und zwar bis ans Ende der Zeiten, bis zur Auferweckung der Toten. Der eine Augenblick ist zur bleibenden Gegenwart geworden.
Sifré geht noch einen Schritt weiter. Er legt Pinchas ausgerechnet jenen Vers aus dem Buch Jesaja unter, mit dem die Bibel den geheimnisvollen „leidenden Gottesknecht“ beschreibt (Jesaja 53,12): tachat ascher he’era lamawet nafscho – „dafür, dass er seine Seele dem Tod preisgab“. Der Eiferer, der sein Leben aufs Spiel setzt, rückt damit in die Nähe jener Gestalt, die stellvertretend für die Vielen leidet. Die jüdische Tradition selbst, das ist der springende Punkt, liest den Sühner im Licht des leidenden Knechtes.
Ein überraschendes Echo im Neuen Testament
Wer diese jüdischen Texte liest, dem klingt in den frühchristlichen Schriften manches vertraut. Denn dieselbe Denkfigur – ein Einzelner, der durch seinen Einsatz „für viele“ dauerhaft Sühne bewirkt und dabei mit dem Jesaja-Wort verbunden wird – trägt die Christologie des Neuen Testaments.
Der Apostel Paulus nennt Jesus im Römerbrief (3,25) ein hilastērion (Sühnort/Sühnemittel), ein griechisches Wort, das eben jenen Ort oder jenes Mittel der Sühne bezeichnet, den das Judentum am Altar kannte. Und der Hebräerbrief entfaltet das Motiv des niemals endenden Fürbitters. Dort heißt es (7,24–25), Jesus habe „ein unvergängliches Priestertum … daher kann er auch für immer retten … da er allezeit lebt, um für sie einzutreten“.
„Er steht und sühnt, bis die Toten auferstehen“ – „er lebt allezeit, um für sie einzutreten“: Die Parallele ist frappierend. In beiden Fällen wird ein priesterlicher Sühneakt aus der Vergangenheit als eine Kraft gedacht, die in der Gegenwart ununterbrochen fortwirkt.
Auch das Vokabular spielt zusammen. Gott verspricht Pinchas einen „ewigen Priesterbund“ – auf Hebräisch berit kehunnat olam (4. Mose 25,13). Und der Hebräerbrief argumentiert über weite Strecken darüber, dass es ein ewiges Priestertum gebe, das dem vergänglichen überlegen sei; er nennt es „nach der Ordnung Melchisedeks“ und benutzt dafür das griechische Wort aiōnios, „ewig“. Die Frage, die beide Traditionen umtreibt, ist ein und dieselbe: Wie kann priesterliche Sühne von Dauer sein?
Man muss daraus keine Abhängigkeit konstruieren. Wahrscheinlicher ist das Schönere: Zwei verwandte Traditionen ringen mit demselben biblischen Text – dem Priesterbund von 4. Mose 25 und dem Gottesknecht von Jesaja 53 – und gelangen, jede auf ihrem Weg, zu einer Theologie der stellvertretenden Sühne durch einen Einzelnen, die über den Augenblick hinausreicht.
Und doch: die Fragezeichen
Hier aber könnte die Geschichte in eine gefährliche Richtung kippen. Wenn der eifernde Gewalttäter belohnt wird – ist dann nicht jeder Fanatiker eingeladen, sich auf Pinchas zu berufen?
Die jüdische Tradition hat diese Gefahr klar gesehen und beantwortet – und zwar mit einem entschiedenen Nein. So bewundernd der Talmud von Pinchas spricht, so sehr versieht er dessen Tat zugleich mit Fragezeichen. Der Jerusalemer Talmud (Sanhedrin, Kapitel 9) hält fest, Pinchas habe „gegen den Willen der Weisen“ gehandelt. Und Rabbi Juda ben Pasi setzt den erstaunlichen Satz hinzu:
„Wenn Gottes Geist nicht über ihm gewesen wäre, so hätten sie ihn in den Bann getan.“
Mit anderen Worten: Hätte nicht Gott selbst die Tat im Nachhinein gutgeheißen, wäre Pinchas als Mörder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Die Erlaubnis zum Eifer ist die absolute Ausnahme, nicht die Regel. Und die Rabbiner haben sie mit so vielen Bedingungen umstellt, dass eine Wiederholung praktisch ausgeschlossen ist. Wer vorher fragt, ob er wie Pinchas handeln dürfe, so lehrt die Überlieferung, dem darf man es gerade nicht erlauben.
Ein bemerkenswerter Zug findet sich bei dem chassidischen Meister Rabbi Bär von Mesritz: „Pinchas war ein Eiferer, und solch einer lebt immer einsam und bekommt schwerlich Kontakt zu anderen.“ Deshalb, so die schöne Beobachtung, werde der Wochenabschnitt Pinchas beim wöchentlichen Vorlesen in der Synagoge „immer für sich allein gelesen“ und stehe zwischen den zwei doppelten Wochenabschnitten Chukkat-Balak und Mattot-Massej. Selbst die Leseordnung stellt den Eiferer in die Isolation.
Jesus weist den Feuereifer zurück
Wieder findet sich im Neuen Testament ein Gegenstück. Auch dort wird der religiöse Gewalteifer nicht gefeiert, sondern zurechtgewiesen.
Die deutlichste Szene steht im Lukasevangelium (9,54–55). Zwei Jünger, Jakobus und Johannes, wollen ein samaritanisches Dorf bestrafen, das Jesus die Aufnahme verweigert hat. „Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre?“ – das ist, wer die Bibel kennt, ein unüberhörbarer Verweis auf die Tradition des Propheten Elia, der einst tatsächlich Feuer vom Himmel herabrief (2. Könige 1). Und Elia gilt der jüdischen Überlieferung als Wiedergänger des Pinchas, als der Eiferer schlechthin. Doch die Reaktion Jesu ist knapp und unmissverständlich: Er „wandte sich um und wies sie zurecht“. Genau die Einhegung, die die Rabbiner am Modell Pinchas vornehmen, vollzieht hier der Lehrer an seinen eigenen Schülern.
Dasselbe bei der Verhaftung Jesu. Als Petrus zum Schwert greift und zuschlägt, hält ihn Jesus auf (Matthäus 26,52): „Stecke dein Schwert an seinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.“ Eine klarere Absage an die Versuchung, Gottes Sache mit Gewalt durchzusetzen, gibt es kaum.
Und schließlich Paulus selbst. Er, der einst als glühender Eiferer die junge Gemeinde verfolgt hatte, blickt darauf mit kritischem Abstand zurück. „Nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde“ nennt er seine Vergangenheit (Philipper 3,6) – griechisch zēlos, dasselbe Wort, mit dem die griechische Bibel auch den Eifer des Pinchas übersetzt. Von seinen eigenen Landsleuten sagt er (Römer 10,2), sie hätten „Eifer für Gott, aber ohne rechte Erkenntnis“. Der Eifer, so die nüchterne Einsicht, ist erst dann etwas wert, wenn ihn Erkenntnis leitet.
Ein Eifer, der aus Liebe kommt
Diese kritische Zähmung des Eifers zieht sich bis in unsere Zeit. Der große Gelehrte und erste aschkenasische Oberrabbiner des Landes Israel, Raw Awraham Jizchak Kuk (gestorben 1935), hat die Tat des Pinchas nur unter einer einzigen Bedingung gelten lassen: dass sie ganz aus Liebe entspringe und nicht aus Zorn oder Machtgefühl. Und der Torakommentar Ha-amek Dawar von Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin von Wolozyn (der Naziw, 1817–1893) deutete den „Friedensbund“, den Pinchas erhält, geradezu therapeutisch: Der Segen sei ihm gegeben worden, „damit er nicht unbeugsam und hochfahrend werden sollte“ – denn das eigenhändige Töten, so die feine psychologische Beobachtung, „könnte in seiner Seele ein Machtgefühl hinterlassen“. Der Friedensbund ist dann kein Preis für die Gewalt, sondern ihr Gegengift.
Damit schließt sich der Kreis. Beide Traditionen – die rabbinische wie die frühchristliche – vollziehen dieselbe doppelte Bewegung. Sie würdigen den leidenschaftlichen Einsatz für Gott; niemand soll gleichgültig sein. Und sie begrenzen ihn zugleich mit aller Strenge, damit aus heiligem Eifer nicht heillose Gewalt wird.
Vielleicht ist das die tiefste Weisung dieses schwierigen Wochenabschnitts. Der Speer des Pinchas verwandelt sich, in der Verheißung Gottes, in einen Ölzweig. Aber diese Verwandlung ist kein Automatismus. Sie gelingt nur dort, wo der Eifer sich der Liebe unterordnet – und wo der Eiferer bereit ist, seinen Speer wieder aus der Hand zu legen.
Quellen: Rabbinische Belege finden sich in der digitalen Bibliothek Sefaria: die Sühnetheologie im Talmud Sanhedrin 82b; die Auslegung des „und er sühnt“ mit dem Jesaja-Bezug im Sifré Bamidbar 131; das Prophetenwort in Jesaja 53,12. Die Elia-Deutung sowie die Hinweise auf Raw Kuk, den Naziw und den chassidischen Kommentar folgen Tenachon 22 (hrsg. B. Folkertsma Stichting für Talmudica, Hilversum, dt. Ausgabe 2021, S. 351–356). Die neutestamentlichen Stellen: Römer 3,25; Hebräer 7,24–25; Lukas 9,54–55; Matthäus 26,52; Philipper 3,6; Römer 10,2.



