Kehrt Israel zum biblischen Judentum zurück?
Ein theologischer Versuch
Seit vielen Jahren sind wir Juden mit unseren Definitionen dessen, was Judentum ist und wer Jude ist, sehr großzügig und flexibel. Dieser Pluralismus gehört untrennbar zum Judentum und zur jüdischen Geschichte. Wir haben die großen Unterschiede in Ritus und Glauben, Sprache, Akzent und Weltsicht zwischen aschkenasischen, sefardischen und orientalischen Juden, den Edot haMisrach, hingenommen – nicht als Ausschlussgründe, sondern als gültige Teile eines Ganzen. Wir haben erklärt, dass es weniger aufs Glauben ankommt als darauf, die jüdischen Mizwot zu erfüllen; dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft eher eine Frage der Orthopraxie als der Orthodoxie sein kann. Nach den Gräueln und Verlusten des 20. Jahrhunderts haben wir die Grenze um die wenigen überlebenden Juden der Diaspora recht weit gezogen, um möglichst viele in Am Jisrael, das Volk Israel, einzuschließen – auch jene, die wenig oder gar keinen Glauben haben, auch jene mit zweifelhaftem halachischem Status. Wir debattieren über die Patrilinearität oder darüber, wie weit sich ein Jude etwa einem nichttheistischen Buddhismus nähern kann, bevor er den Rahmen des Judentums verlassen hat – während eine förmliche Taufe oder der Glaube an Jesus als Messias (zumindest von Juden) deutlicher als Abkehr vom Judentum wahrgenommen wird.
Unsere Feinde dagegen scheinen stets allumfassende Definitionen zu bevorzugen: Wer auch nur einen jüdischen Ururgroßvater hat, gilt ihnen als Jude, sofern es ihren Angriffen auf uns dient. So wird der ukrainische Präsident Selenskyj oft als Jude bezeichnet, ebenso Zack Polanski von der Grünen Partei in England, der keinen Hehl daraus macht, dass er weder an ein Land Israel noch an einen Staat Israel glaubt. Es fällt schwer zu erkennen, was diese und andere sagen oder tun, das sich als spezifisch „jüdisch“ bezeichnen ließe. Selbst wer sich taufen ließ, und selbst dessen Nachkommen, werden weiterhin als Juden gezählt – wenn es der Unterdrückung dient. Vielleicht ist es an der Zeit, die Definitionen und Grenzen noch einmal neu zu ziehen?
Meine These lautet: Ein Grund für die wachsende Kluft zwischen Juden in Israel und Juden in der Diaspora liegt darin, dass die Juden in Israel zunehmend ein biblisch bestimmtes Judentum leben, während die Juden außerhalb Israels, Erben des zweitausendjährigen Exils, ein von den Rabbinern bestimmtes Judentum leben. Betrachten wir die Lage auf diese Weise, könnten wir den wachsenden Graben besser verstehen – und die verbliebenen Gemeinsamkeiten finden. Zu den Kategorien Aschkenasim und Sefardim, die während der Diasporazeit galten, müssen wir mindestens den Sabra hinzufügen: den im Land verwurzelten Juden, dessen Sprache die Sprache des Landes ist. (Verlässt ein solcher Jude das Land, wird er oft eher zum Jored, zum Ausgewanderten, als zum festen Mitglied einer Diasporagemeinde; wie sehr er sich auch zu assimilieren versucht, im Herzen bleibt er Israeli.)
Als Rabbiner, Historiker und Theologe will ich versuchen, einige persönliche Gedanken in Essayform zu bringen. Sie sind, wenn man so will, ein erster Entwurf und nicht vollständig.
Offenkundig stehen Judentum und Zionismus derzeit von außen wie von innen unter Beschuss. Auf die Gräuel des 7. Oktober 2023 und den physischen Angriff auf Israel folgten die Gräuel des 8. Oktober 2023: die weltweite Entfesselung einer bodenlosen, grenzenlosen, obsessiven Feindseligkeit gegen den Staat Israel, seine Streitkräfte, seine Regierung und viele seiner Bürger, seine Sportler, Touristen, Künstler und Wissenschaftler, seine landwirtschaftlichen und industriellen Erzeuger und gegen sein Existenzrecht selbst – eine Obsession, die rasch auf ALLE Juden weltweit übergriff, auf lebende wie tote, auf ihr Werk und ihre Rechte. (Gedenkstätten und Friedhöfe wurden beschmiert und geschändet.) Ich behaupte: Ein Grund dafür – keine Entschuldigung – ist, dass Israel auf eine überholte Weise wahrgenommen wird, die seiner heutigen Wirklichkeit nicht mehr entspricht. Es gilt als „gescheitert“, weil es sich (so heißt es) nicht strikt an sogenannte „westliche“ Werte halte – Werte, die auf jüdischen Quellen beruhen und die wir Juden im Westen natürlich schon oft gebrochen oder preisgegeben gesehen haben. Es entspricht nicht dem Maß an Toleranz, Pluralität und Kompromissbereitschaft, das man offenbar für das Wesen des Judentums hält oder halten möchte – einschließlich der Empathie mit den eigenen Feinden. Man wirft ihm vor, nicht im Sinne von Gerechtigkeit und Recht zu handeln. (Es dürfte freilich schwerfallen, eine Liste anderer Staaten aufzustellen, die auf Gerechtigkeit und Recht für alle gegründet sind – für Bürger wie Nichtbürger, für freundliche wie feindliche Nachbarn gleichermaßen…) Holen wir tief Luft und ordnen wir einige Gedanken…
Josua, David und die Stadtmauern
Als Josua den Jordan überschreiten und ins Land ziehen wollte und ihm eine große befestigte Stadt den Weg versperrte, bestand seine Aufgabe zunächst darin, Kundschafter auszusenden und dann, gestützt auf deren Berichte, die Vernichtung der Stadt ins Werk zu setzen. Und, selbstverständlich, ihrer Bewohner. In der Antike bestand der einzige Unterschied, den man zwischen Kombattanten und Zivilisten mitunter machte, darin, dass die Kämpfer niedergemetzelt und die Zivilisten – sofern man sie nicht ebenfalls niedermetzelte – versklavt wurden. Das war Normalität.
König David mag vieles gewesen sein, ein pazifistischer, frommer Schtetl-Rabbiner war er nicht. Er führte vielmehr Trupps bewaffneter Kämpfer an, um jeden lästigen Nachbarn zu bekämpfen und zu besiegen. Vor allem die Philister. Das machte ihn in den Augen so vieler zu einem großen König – weniger sein poetisches Werk oder seine persönliche Moral.
Warum also sollte ein moderner israelischer Regierungschef Pazifist sein? Zugeständnisse und Kompromisse machen? Seine erste Pflicht ist es, die Sicherheit des Landes und seiner Bewohner zu gewährleisten, und wenn das aus welchem Grund auch immer misslingt – wie es mehrfach geschehen ist –, werfen ihm seine Gegner Fahrlässigkeit vor. Vermutlich haben all die örtlichen Herrscher biblischer Zeit, die den Bau jener dicken Stadtmauern, Türme und Befestigungen förderten oder erzwangen, wie man sie überall in der Region findet, das getan, weil sie nicht darauf vertrauten, dass die Nachbarn eines Tages einfach hereinspazieren und sich auf dem Marktplatz bei einem Kaffee zu ein wenig Verhandlung niederlassen würden… In biblischer Zeit galt der Grundsatz, den Nachbarn niemals zu trauen, und das moderne Israel folgt ihm. Liberale, linke Wortführer der Diaspora dagegen drängen es – aus sicherer Entfernung – unablässig, ihnen zu vertrauen, weitere Zugeständnisse und Kompromisse zu machen. Sie verstehen nicht, dass auch Israels Nachbarn auf dieser Struktur aus biblischer Zeit beruhen: einem autokratischen König, Emir, Fürsten oder Präsidenten und einer Moral aus biblischer Zeit, die lautet: einfallen, vergewaltigen, überfallen, plündern, morden, versklaven, wann immer es geht.
Eine neue Phase des Judentums
Das Judentum befindet sich wieder einmal im Übergang, und es kann helfen, dies aus theologischer und historischer Perspektive zu betrachten, um die neue politische Lage zu verstehen. Was wir „Judentum“ nennen, ist bekanntlich oft schwer zu definieren, weil es in seiner langen Geschichte mehrere Phasen durchlaufen hat, manche länger als andere: die Zeit der Erzväter, die in der ägyptischen Sklaverei endete; den Auszug mit der Offenbarung am Sinai; die Einsetzung einer Priesterschaft und des Opferkults; die Landnahme unter Josua; die Zeit der Richter und Propheten; die Errichtung des Königtums; den Bau des Ersten Tempels durch Salomo, seine Zerstörung und das erste Exil in Babylon 586 v. d. Z.; die Rückkehr unter Esra und Nehemia; die Gründung des zweiten Gemeinwesens und des Zweiten Tempels; die hellenistische Zeit und die herodianische, bereits nachbiblische Epoche; die Zerstörung und den Verlust des Landes unter den Römern 70 und 135 n. d. Z.; das Exil als Minderheiten überall in der bekannten Welt; die Entwicklung des rabbinischen Judentums und seiner Texte, die einander teils ergänzen, teils widersprechen – Mischna, Talmud, Kodizes, halachische Responsen, Midrasch –; die Entstehung von Liturgien als Ersatz für die verlorenen Riten und manches mehr; die Begegnung mit dem Christentum, dann mit dem Islam und mit säkularen, atheistischen, aber doktrinären Staaten; schließlich, nach mehreren furchtbaren Massakern – Kreuzzügen, Pogromen, Vertreibungen – und einem Leben als Dhimmis in muslimischen Ländern und als bestenfalls geduldete Ausgestoßene in christlichen, die zweite Rückkehr mit den zionistischen Pionieren und, nach der Schoa, die Wiedererrichtung eines jüdischen Staates im Mai 1948.
Ich behaupte, dass diese Staatsgründung – Höhepunkt eines Jahrhunderts zionistischer Träume und Mühen – tatsächlich eine neue Phase des Judentums einleitet. Das ist der Schlüssel, und er muss betont werden: Es handelt sich nicht bloß um die Verpflanzung bestehender jüdischer Begriffe und Strukturen in ein Land im Nahen Osten. Das rabbinische Judentum lebt in der Diaspora fort und in den Köpfen jener Juden, die lieber in der Diaspora bleiben (es ist kein „Exil“ mehr, denn heute haben wir eine Wahl, die wir früher nicht hatten). Es bleibt eine schöne Religion, die fast zwei Jahrtausende lang die spirituellen Bedürfnisse der Juden erfüllte und dem jüdischen Volk half, seine Identität zu bewahren und die Staatenlosigkeit und das Fehlen eines physischen Mittelpunkts all die Zeit zu überleben, indem es sich auf gemeinsame Texte und einen gemeinsamen Kalender ausrichtete. Wer aber heute im jüdischen Staat lebt, hat einen realen, physischen und keinen abstrakten Staat mehr, mit allem, was dazugehört: ein Land, das durch Steuern finanziert werden muss; Grenzen, die diplomatisch festgelegt und militärisch verteidigt werden müssen; ein Regierungs- und ein Justizsystem, die den Realitäten eines Staates entsprechen und nicht denen einer Synagogengemeinde oder eines Schtetls. Über fast all diese Fragen kann man streiten, aber es kann ein gesunder Streit sein zwischen jenen, die unmittelbar betroffen sind, deren Geld die Steuern zahlt, deren Kinder die Grenzen verteidigen. Es ist, oder sollte sein, ein innerer Streit.
Viele verstehen jedoch nicht, wo die gemeinsamen Nenner liegen und wo die Unterschiede. Ist Judentum automatisch Zionismus? Nein, auch wenn Zion selbst im Exil eine Rolle für die jüdische Identität spielte. Ist Zionismus Judentum? Nein, wenn auch ein Teil davon. In biblischer Zeit gab es von Josua an ein Land – ursprünglich von Gott Abraham verheißen –, in dem Juden Juden sein konnten: selbstregiert, selbstbestimmt, selbstfinanziert, nicht von Spenden aus der Diaspora lebend, nicht darauf angewiesen, dass ein anderes Land sie verteidigt… Heute brauchen sie ihre eigene Polizei, ihre eigenen Politessen und ihre eigenen Genehmigungsbehörden, und sie müssen, wenn nötig, in den Krieg ziehen oder ihre Kinder in den Krieg schicken und riskieren, sie zu verlieren. Das sind die neuen Opfer. Aber es ist ihre Heimat.
So aber war es in biblischer Zeit. Die Welt war damals anders und doch dieselbe; die Technik war anders und doch dieselbe. Es gab Nachbarn; einige waren freundlich gesinnt, die meisten nicht. Manche hatten bessere Waffen, von Bronzespeeren bis zu Kriegselefanten, Streitwagen oder Rammböcken. Keines der anderen Völker hatte dieselbe Religion wie die Juden. Sie wollten das Land der Juden erobern, besetzen, besteuern und plündern, seine Bewohner als Sklaven ins Exil verschleppen, ihnen vielleicht ihre eigenen heidnischen Kulte aufzwingen – mit anderen Worten: Sie wollten für die Juden entscheiden, was sie glauben, was sie tun und wo sie leben sollten. Auch daran hat sich nicht viel geändert…
Tugend der Schwäche, Tugend der Stärke
Zweimal verloren die Juden das Land, das ihnen verheißen war. Beim ersten Mal überzeugten Propheten wie Jeremia sie, dass sie selbst schuld seien, weil sie die göttlichen Gebote missachtet hätten, dass sie aber am Glauben an eine Rückkehr festhalten müssten. Beim zweiten Mal überzeugten die Rabbiner sie, dass sie selbst schuld seien, wegen ihrer inneren Zerrissenheit. In beiden Fällen zeigte diese Selbstkritik vor allem eines: Gott hatte den Bund nicht unwiderruflich gebrochen, Gott hatte lediglich die Bedingungen angewandt, die mit ihm verbunden waren, falls die andere Partei – die Juden – ihn vernachlässigte. In beiden Fällen entwickelte sich das Judentum so, dass es aus der Schwäche, aus dem Exil, beinahe eine Tugend machte – man konnte zumindest die moralische Höhe für sich beanspruchen. Doch als die Juden in das geografische Land zurückgekehrt waren, lag die Tugend in der Stärke, in physischer und militärischer Stärke, darin, statt der moralischen die strategischen Höhen zu halten. Mit diesem Unterschied tun sich viele Juden und fast alle Nichtjuden bis heute schwer. Zur Zeit Nehemias galt es als Tugend, die Stadtmauern wiederaufzubauen, bevor man ein Heiligtum errichtete. Man musste verteidigen können, was man gebaut hatte. Die Heerführer hatten im Staat ebenso viel zu sagen wie jeder Senat, jedes Parlament oder die Priester; sie mussten rasch strategische Entscheidungen treffen.
Die Epoche des rabbinischen Judentums im zweiten Exil begann, als die Juden bereits so weit verstreut lebten, dass nicht mehr alle ohne Weiteres zu Wallfahrten oder zum Gottesdienst nach Jerusalem gelangen konnten. Örtliche Alternativen – Versammlungshäuser, Synagogen – mussten an die Stelle des Tempels treten, und da das Judentum jede Form von Opfer außerhalb des Jerusalemer Tempels verbot, musste eine andere Form des Gottesdienstes und der Vergewisserung gemeinsamer Werte entwickelt werden. Dazu gehörten das Gebet, das Textstudium, die innere Spiritualität, die Sühne und die gemeinschaftliche Verantwortung (etwa der Minjan oder die Zedaka). Das Judentum wurde zu einer abstrakten Religion, losgelöst von physischem Land und physischen Opfern, zu einer geistigen Religion mit ausgeprägter ethischer Praxis, die überall ausgeübt und von jedem geleitet werden konnte, der genug gelernt hatte. Das funktionierte gut, zumal nachdem der Tempel selbst mit all seinen Riten und Hierarchien gewaltsam beseitigt worden war. Es funktionierte wunderbar und tut es noch immer: Es lehrt seine Anhänger den Glauben an den einen Gott, an einen Bund mit dem Schöpfer, an universale Menschenrechte und an einen starken ethischen und moralischen Kodex, gleichgültig, wo sie leben – in östlichen, westlichen oder südlichen Ländern, in ostkirchlich, koptisch oder westkirchlich geprägten, in muslimischen oder säkularen Staaten. Wo immer Juden Minderheiten waren, abhängig vom Wohlwollen der jeweiligen Regierung, lag und liegt es in ihrem eigenen Interesse, pazifistisch, tolerant und assimiliert zu sein.
Der verkehrte Maßstab
Ironischerweise sind es heute gerade die intoleranten Anderen, die – vielleicht aus eigenen Gründen – von den Juden in Israel verlangen, sich wie jene bequemen Juden zu verhalten, die sie am besten kennen: die den Kopf einziehen und die Stimme senken, die stets zu Kompromissen bereit sind, sich anpassen, assimilieren, einfühlen. Es sind die Anderen, die von Juden verlangen, unerträgliches Verhalten feindseliger Nachbarn oder feindseliger Volksgruppen innerhalb ihrer Grenzen hinzunehmen, und die den Israelis „unjüdisches“ Verhalten vorwerfen, weil sie es wagen, sich zu wehren.
Das zeigt sich im Entsetzen, in der Wut und im Abscheu angesichts der Vorstellung, ein JÜDISCHER Staat könnte tun, was andere Staaten routinemäßig tun. (Ob Israel diese Taten tatsächlich begangen hat, ist eine andere Frage, und ein Großteil der Wut speist sich aus Fake News.) Es scheint ein „Verbrechen im Quadrat“ zu sein, wenn Juden Gebiete bombardieren, in denen sich Zivilisten, Krankenhäuser, Moscheen befinden, wenn Zivilisten ins Kreuzfeuer geraten und getötet werden, wenn großzügige Lebensmittellieferungen an jene, die tatsächlich Widerstand leisten, nicht aufrechterhalten werden… Wie schon oft betont wurde: Geschähe dies in Somalia, im Sudan, im Jemen, in Äthiopien, im Libanon oder an zahllosen anderen Orten – die gegenwärtigen Angriffe Irans und Russlands auf zivile Ziele nicht mitgerechnet –, es wäre kaum eine Meldung wert. Die gewalttätigen antizionistischen und propalästinensischen Mobs in den Straßen vieler europäischer Hauptstädte kritisieren Israel ironischerweise dafür, dass es wie andere Länder ist, statt weiterhin „besonders“ zu sein. Und es fällt auf, dass sie von den Palästinensern, ihrer politischen Führung oder irgendeinem arabischen Land nicht dieselbe Feinfühligkeit verlangen wie von Israel. Ein auf den Kopf gestelltes, von innen nach außen gekehrtes, neurotisches Kompliment…
Doch genau hier liegt der Fehler: Die Perspektive hat sich verschoben. Von Israel aus, aus seinen Grenzen heraus, sieht die Welt anders aus als von den USA, Europa oder Australien aus. Die Israelis sind ihren Feinden viel näher – VIEL näher – als jene, die sie kritisieren. Die Gefahren, mit denen sie täglich leben, sind andere als im sicheren Leben derer, die ihnen aus der fernen Diaspora Predigten halten. Manche von ihnen sind friedensbewegte Christen. Manche sind (ironischerweise) Juden, gefangen in derselben Gedankenwelt des rabbinischen Judentums, auch wenn sie persönlich nicht sonderlich religiös oder fromm sind: Juden, die die Idee eines jüdischen Bundes, jüdischer Staatlichkeit und jüdischer Souveränität ablehnen und bereit sind, sich den Nichtjuden anzuschließen, wenn diese die israelischen Juden, ihre politischen Vorstellungen oder ihr militärisches Handeln kritisieren… und die das Judentum oft auf eine Art „Anti-Antisemitismus“ reduzieren, ohne recht zu wissen, was „Semitismus“ eigentlich sein soll. Manche sind Muslime, die nicht hinnehmen können, dass Juden ihren Dhimmi-Status abstreifen und sich in dieser Region behaupten – es passt nicht zu ihrer Vorstellung davon, wie die Dinge zu sein haben.
Den Bund leben
Es gibt heute in Israel manche, die eine eher biblische Vorstellung vom Verlauf der Grenzen haben und Gebiete einschließen wollen, die Nichtjuden und Nichtisraelis mit Vorliebe „besetzt“ nennen, die aber in biblischer Zeit fester Bestandteil von Judäa und Samaria waren. (Die Bibel erwähnt Grenzen häufig, aber oft vage, anhand heute verschollener Städte, anhand von Wadis, des „Bachs Ägyptens“ und dergleichen.) Es gibt in Israel manche, die sogar an die Wiedererrichtung eines Dritten Tempels samt Priesterschaft und Riten glauben. Es gibt jene, die das Leben in einer akademischen osteuropäischen Blase, in der das Lernen alter Texte die Haupttätigkeit ist, für das Ideal halten. Es gibt jene, die mit Freude den Boden bearbeiten, sich mit ihm verbunden fühlen und die nötigen Nahrungsmittel anbauen. Es gibt jene, die in der Hochtechnologie arbeiten, und jene in Kunst und Literatur, Bildung und Gesundheitswesen, Justiz und Politik. Sie alle leben ihr Leben in diesem Kontext – einem schlicht anderen als dem, in dem Diasporajuden, rabbinische Juden leben –, und ihr Judentum hat sich darum an die neuen Umstände angepasst. Der Nachbar ist real, kein abstrakter Begriff. Auch „Frieden“ ist nicht abstrakt, sondern bedeutet, in der eigenen Stadt, im eigenen Haus nicht von denen angegriffen zu werden, die einen hassen – und alles Nötige zu tun, damit sich das nicht wiederholt. Auch wenn sie es selbst vielleicht nicht so ausdrücken würden: Sie leben den Bund. Mit all ihren unterschiedlichen familiären und ethnischen Hintergründen und Kulturen formen sie ein Volk.
Und die anderen? Die Nichtjuden in Israel? Die Idee des Ger Toschaw, des ansässigen Fremden, besagt, dass er bestimmte Gesetze befolgt, sich einzufügen sucht und die Gesellschaft, die ihn aufnimmt, weder untergräbt noch zerstört. Es gibt kein Gebot, mit seinen geschworenen Feinden mitzufühlen, die weiterhin unter einem leben. (Das gilt übrigens auch für westliche Länder, wie manche Politiker inzwischen offen sagen.) Es gibt manche, die die Gebote in Exodus 23,23–33 und Numeri 33,52–55 ernst nehmen, die bisherige kanaanäische Bevölkerung des Landes vollständig zu vertreiben, da sie für die neuen jüdischen Bewohner sonst auf Dauer ein Problem bliebe. (In Deuteronomium 2,23 verweist Mose darauf, wie die Kaftoriter die Awiter aus Gaza vertrieben hatten.)
Im Deuteronomium heißt es:
Wenn dein Gott dich in das Land bringt, in das du nun ziehst, um es in Besitz zu nehmen, und viele Völker vor dir vertreibt – die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, viel größer als du –, und wenn dein Gott sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie dem Untergang weihen: Gewähre ihnen keine Bedingungen und keine Gnade. Du sollst dich nicht mit ihnen verschwägern: Gib deine Töchter nicht ihren Söhnen und nimm ihre Töchter nicht für deine Söhne. Denn sie werden deine Kinder von mir abbringen, sodass sie anderen Göttern dienen, und Gottes Zorn wird gegen euch entbrennen und euch rasch vertilgen. Vielmehr sollt ihr so mit ihnen verfahren: Ihre Altäre sollt ihr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre heiligen Pfähle umhauen und ihre Bilder im Feuer verbrennen. Denn du bist ein deinem Gott geweihtes Volk; aus allen Völkern der Erde hat dein Gott dich erwählt, Gottes besonderes Eigentum zu sein. (5. Mose 7,1–6)
Das mag mit sanften Vorstellungen von universaler Toleranz und religiösem Synkretismus kollidieren, aber: Lässt sich beweisen, dass diese Vorstellungen völlig falsch sind? Haben solche Maßnahmen nicht auch in der neueren Geschichte funktioniert, als „ethnische Säuberungen“ (ein abscheulicher Euphemismus, aber einer, den jeder versteht) in Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland spätere Konflikte verhinderten? Haben sich nicht viele andere Nationen nach einer Eroberung genau so verhalten – man denke an die Beneš-Dekrete in der Tschechoslowakei, an die Aussiedlung der Polen aus den Gebieten östlich der Curzon-Linie 1946 oder an die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie? Wie soll man diese Gebote auslegen oder anwenden? Warum werden Juden, die sich auf die Bibel berufen – einen Text, den sie mit den Christen teilen! –, dafür stets „Extremisten“ genannt? Wie lassen sich die Anforderungen an einen Ger Toschaw bestimmen, einen Nichtjuden, der in einem jüdischen Land lebt? Warum werden arabische Länder, die keine muslimischen Flüchtlinge aus anderen Ländern aufnehmen, dafür nicht kritisiert? Sind jene Israelis, die in einem womöglich fehlgeleiteten Versuch, sich mit Israels Feinden zu verständigen, in deren Kritik einstimmen und deren Parolen wiederholen, als Mosrim (Verräter) einzustufen, auszuweisen, auszubürgern?
Die israelische Regierung ergreift inzwischen Maßnahmen gegen jene Regierungen, die sie angreifen, kritisieren, untergraben oder boykottieren. Sie zeigt damit einen neuen Stolz und ein neues Selbstbild und weigert sich, Vertretern, die sich alles andere als neutral verhalten, heuchlerisch diplomatische Posten zu überlassen, die Neutralität verlangen. Während sich die Juden in der Diaspora verzweifelt wünschen, dass Israel beliebt ist, wollen die Juden in Israel, dass es stark ist. Wäre beides zugleich möglich – gut und schön. Wenn nicht, steht die Rangfolge fest.
Geliebt, geachtet oder gefürchtet
Wird in Israel ein Angriff zurückgeschlagen und der Angreifer besiegt, herrscht Jubel über den Sieg (verbunden natürlich mit einiger Selbstkritik, wie es so weit kommen konnte). In der Diaspora lautet die erste Reaktion, wenn Israel seine Angreifer zurückschlägt, eher: „Du meine Güte, wir haben gewonnen, wie sollen wir uns das je verzeihen? Was können wir tun, damit jene, die uns angegriffen haben und die wir besiegt haben, uns nicht dafür hassen?“ Das ist eine Diaspora-Haltung, und in der wirklichen Welt hilft sie wenig. Wollen wir geliebt, geachtet oder gefürchtet werden? Eine andere Skala gibt es nicht.
Die Haltungen im Nahen Osten zu ändern wird nicht leicht sein. In Europa oder den USA aber könnte es gelingen, manche Einstellung zu ändern, indem man die grundlegende und (eigentlich offensichtliche) Tatsache vermittelt, dass der Staat Israel sich wie ein Staat verhält und nicht wie der Ableger einer alten Religion im Exil. Er ist kein rein säkularer Staat und bezieht sich in vielerlei Hinsicht eng auf die Bibel – bei Grenzen und Identität ebenso wie in der Vision seiner Gründer –, doch von ihm zu verlangen, er solle sich weiterhin wie eine schwache Exilgemeinde verhalten, die vom Wohlwollen der übrigen Weltgemeinschaft abhängt, geht an der Sache vorbei. Das ist er nicht. Nicht mehr als Spanien, Irland, die Niederlande oder irgendein anderes Land, das in den vergangenen tausend Jahren als Monarchie, Dynastie oder Republik entstanden ist. Er wird sich nicht auflösen, um die Vorurteile von Nichtisraelis zu bedienen. Wenn Nichtjuden an Israelis – oder an Juden – die Maßstäbe anlegen, die Rabbiner ihren Gemeinden im Exil auferlegten, ist das eine Chuzpe, eine Fehlanwendung, eine kulturelle Aneignung. Der friedlichen Entwicklung wäre womöglich besser gedient, wenn sie lernten, den Mund zu halten, und die Juden in Israel – mit ihren unzähligen Ansichten und Parteien – ihre Entscheidungen selbst treffen ließen. Auch die Entscheidungen darüber, wie das Land innerhalb und jenseits seiner Grenzen zu verteidigen ist, wo immer die Bedrohungen liegen.
Die bald anstehenden Wahlen ziehen schon jetzt viel zu viel ungesunde Aufmerksamkeit auf sich: von selbsternannten, aber ahnungslosen „Experten“ und von jenen, die lieber bestimmte Personen dämonisieren, als zu fragen, warum diese Personen noch immer so viel Rückhalt haben. Weit weniger Interesse finden die theoretisch bevorstehenden – aber wieder einmal verschobenen – Wahlen in der Palästinensischen Autonomiebehörde, deren Präsident Abbas sich derzeit im 22. Jahr seiner vierjährigen Amtszeit befindet und entschlossen scheint, im Amt zu sterben oder ewig zu leben, je nachdem, was länger dauert.
Was ist Palästina?
An jene, die – als Europäer – auch für die Palästinenser einen souveränen Staat fordern, sind einige Fragen zu richten.
Was ist „Palästina“ heute? Ein Staat, eine Religion, eine Ethnie, eine politische Identität? Woher kommen die heutigen Palästinenser? Sind sie, wie manche behaupten, Nachfahren der Philister, der Kanaaniter? Die jährlichen britischen Berichte an den Völkerbund mit ihren statistischen Tabellen zeigen, wie die Bevölkerung des Mandatsgebiets in den 1920er- und 1930er-Jahren stetig wuchs. (1922 zählte man insgesamt 767.000 Einwohner, darunter 11 Prozent Juden und 9 Prozent Christen; 1945 waren es insgesamt 1.765.000, und die Zahl der Muslime hatte sich von 590.000 auf 1.060.000 fast verdoppelt.) Viele der Bewohner waren inzwischen ehemalige Syrer oder Ägypter, viele sind heute Jordanier – das frühere Transjordanien selbst war bis 1922 Teil des Mandatsgebiets Palästina…
Im Lauf eines Jahrhunderts und mehr sind viele Tatsachen geschaffen worden. Heute einen palästinensischen Staat „vom Fluss bis zum Meer“ zu errichten, hieße zwangsläufig, Israel das Land zu nehmen und seine jetzigen Bewohner zu enteignen. Sind die Befürworter eines palästinensischen Staates mit dieser Vorstellung einverstanden? Wenn ja, dürfen sie sich nicht beklagen, wenn es umgekehrt läuft.
Und an jene, die endlosen gewaltsamen Widerstand fordern: Haben sie irgendeine Vorstellung davon, was aufgebaut werden soll, falls der Widerstand je siegen sollte? Oder ist endloser Widerstand an sich alles, was ein Staat ihrer Meinung nach braucht?
Man betrachte die verschiedenen Akteure der Region heute, mit all ihren Fehlern, als biblische und tribale Königreiche statt als westliche, pluralistische Demokratien nach der Aufklärung – und plötzlich wird alles so viel klarer, so viel verständlicher. Man beziehe auch Israel in diese Sicht ein, statt es zur Ausnahme zu machen, wie es den eigenen Vorurteilen passt, und man versteht die Lage auf eine Weise, wie viele sie bisher offenkundig nicht verstanden haben.




