ahavta - Begegnungen

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Echo der Weisung

Der überstimmte Himmel

Ein Weiser der Tora bringt Gott mit dessen eigenem Wort zum Schweigen, dann zum Lachen. Der Jude Paulus liest dieselbe Zeile und landet ganz woanders. Beide berufen sich auf denselben Vers.

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Ricklef Münnich
Sept. 06, 2026
∙ Bezahlt

Jüdinnen und Juden in aller Welt lesen in diesen Tagen im Wochenabschnitt Nizawim (5. Mose 29,9–30,20) den Satz lo ba-schamajim hi, auf Deutsch: Nicht im Himmel ist sie. Gemeint ist die Weisung Gottes, die Tora. Der Satz ist folgenreich. Zwei Bewegungen, aus denen später Judentum und Christentum wurden, haben ihn für sich in Anspruch genommen und sind dabei an völlig verschiedenen Punkten herausgekommen.

Was im Text steht

Mose steht kurz vor seinem Tod. Er hält seine letzte große Rede an ein Volk, das ohne ihn weitergehen muss. Dann sagt er, im 5. Buch Mose 30, 11–14:

Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und nicht fern. Nicht im Himmel ist es, dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns herab und lässt es uns hören, dass wir es tun? Und nicht jenseits des Meeres ist es, dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer und holt es uns und lässt es uns hören, dass wir es tun? Denn sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.

Der letzte Halbsatz auf Hebräisch in Umschrift: ki karov elecha ha-davar meod, be-ficha u-vilvavcha la-asoto. Wörtlich: Denn sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.

Der Sinn im Zusammenhang ist zunächst schlicht und tröstlich. Was Gott will, ist gesagt, es liegt vor, man kann es hören und weitersagen und danach leben. Der Nachsatz ist dabei die Pointe: es zu tun. Eben dieser Nachsatz wird in den beiden großen Auslegungswegen unterschiedlich behandelt. Und daran hängt alles Weitere.

Ein Streit um einen Backofen

Um die erste Jahrhundertwende der üblichen Zeitrechnung sitzt in der kleinen Küstenstadt Jawne im Westen von Jerusalem eine Gruppe jüdischer Gelehrter zusammen. Ihr Tempel in Jerusalem ist im Jahr 70 von den Römern zerstört worden. Es gibt keine Opfer mehr, keine Priesterordnung, kein religiöses Zentrum. Was bleibt, ist ein Volk mit einem Buch — und die Frage, wer künftig entscheidet, was dieses Buch für den Alltag bedeutet.

In dieser Lage streiten sie über einen Backofen. Es geht um einen tragbaren Ofen, der aus Einzelstücken zusammengesetzt und mit Sand verfugt ist, den sogenannten Schlangenofen. Kann so ein Ofen kultisch unrein werden oder nicht? Rabbi Elieser sagt nein. Alle anderen sagen ja.

Was dann geschieht, erzählt der babylonische Talmud im Traktat Bawa Mezia, Blatt 59b. Der Berliner Theologe Peter von der Osten-Sacken hat diese Erzählung zusammen mit dem französischen Ordensbruder Pierre Lenhardt NdS in dem Band „Rabbi Akiva“ übersetzt und ausführlich ausgelegt; ich zitiere aus dieser Übersetzung.

Rabbi Elieser bringt zunächst alle Einwände vor, die es gibt. Sie überzeugen niemanden. Dann geht er zu Wundern über:

Er sprach zu ihnen: Wenn die Halacha ist wie ich (es sage) — dieser Johannisbrotbaum soll es bestätigen. Da wurde der Johannisbrotbaum hundert Ellen von seinem Platz gerückt, doch manche sagen: vierhundert Ellen. Sie sprachen zu ihm: Man erbringt keinen Beweis von einem Johannisbrotbaum.

Halacha heißt wörtlich „das Gehen“ und meint die verbindliche Lebensregel, das praktisch werdende Gebot. Elieser versucht es weiter. Ein Wasserkanal fließt rückwärts — man erbringt keinen Beweis von einem Wasserkanal. Die Wände des Lehrhauses neigen sich zum Einsturz, bis ein Kollege sie anschreit; seitdem stehen sie schief. Dann kommt der Höhepunkt:

Er erwiderte und sprach zu ihnen: Wenn die Halacha ist wie ich (es sage) — vom Himmel her soll man es bestätigen. Da erklang eine (die) Hallstimme und sprach: Was habt ihr gegen R. Elieser, wo doch die Halacha an jeder Stelle ist wie er (es sagt)?!

Die Hallstimme, auf Hebräisch bat kol, wörtlich „Tochter der Stimme“, ist in der jüdischen Überlieferung, auch im Neuen Testament, eine Stimme aus dem Himmel: kein direktes Gotteswort, aber ein Nachhall davon, ein himmlisches Signal. Und dieses Signal gibt Elieser recht. Der Fall scheint entschieden.

Er ist es nicht: „Da erhob sich R. Jehoschua auf seine Füße und sprach: ‚Nicht im Himmel ist sie!‘“

Ein Mensch steht auf und weist den Himmel ab — mit einem Wort des Himmels. Auf die Rückfrage, woher man das nehmen wolle, antwortet ein späterer Gelehrter, Rabbi Jirmija:

Weil die Tora bereits vom Berg Sinai her gegeben worden ist, hören wir nicht auf eine (die) Hallstimme, denn bereits in der Tora am Berg Sinai hast du (Gott) geschrieben: „Nach der Mehrheit (ist) zu entscheiden.“

Das Argument lautet also: Du, Gott, hast dein Wort aus der Hand gegeben. Es ist übergeben, es gilt, und in ihm steht, dass Streitfragen nach der Mehrheit zu entscheiden sind. Also entscheidet die Mehrheit — und nicht du.

Peter von der Osten-Sacken formuliert das Ergebnis so: Der Verweis auf den Satz der Tora, dass sie nicht im Himmel sei, „setzt die Stimme aus dem Himmel als Richterin in Sachen Halacha außer Kraft. Gott wird mit seinem eigenen (richtig ausgelegten) Wort zum Schweigen gebracht.“

Die Erzählung geht weiter. Ein Rabbine trifft den Propheten Elia und fragt, wie Gott reagiert habe:

Er (Elia) sprach zu ihm: Nun denn, er freute sich und sprach: ‚Meine Söhne haben mich besiegt, meine Söhne haben mich besiegt!‘

Auf Hebräisch: nizchuni banai. Gott lacht und gibt sich geschlagen. Aber der Preis ist hoch. Rabbi Elieser wird gebannt, seine Lehrentscheidungen werden für ungültig erklärt. Rabbi Akiva übernimmt es, ihm die Nachricht zu überbringen, zieht schwarze Kleider an und setzt sich in vier Ellen Abstand vor ihn hin. Elieser zerreißt seine Kleider, setzt sich auf den Boden, „und seine Augen füllten sich mit Tränen“. Ein Drittel der Ernte verdirbt. Ein Sturm bedroht das Schiff des Lehrhausleiters Rabban Gamliel, bis dieser aufsteht und schwört, er habe nicht aus Eitelkeit gehandelt, „sondern zu deiner Ehre, damit sich keine Spaltungen in Israel mehren! Da ließ das Meer von seinem Toben ab.“

Der Text feiert also keinen Sieg. Er zeigt einen Umbruch, der etwas kostet.

Warum Jawne und nicht irgendwo

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