Die Straße von Hormus wird geöffnet – Irans Wirtschaft kollabiert Schritt für Schritt
Die Raffinerie Haifa wird zur Schlüsselanlage und Israel wird zum Energiekorridor zwischen Nahost und Europa – eine geopolitische Zeitenwende.
In einem aktuellen Briefing des Israel Defense and Security Forum (IDSF) hat dessen Gründer und Vorsitzender, Brigadegeneral Amir Avivi, die jüngsten Entwicklungen an der iranischen und libanesischen Front analysiert. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die Öffnung der Straße von Hormus durch die Vereinigten Staaten, der Zusammenbruch der iranischen Wirtschaft sowie die strategische Neuordnung des Energiemarktes im Nahen Osten – mit weitreichenden Folgen für Israel, Europa und die globale Sicherheitsarchitektur.
Quelle: IDSF-Briefing mit Brigadegeneral Amir Avivi
Eine geräumte Passage durch das Minenfeld
Avivi vergleicht die derzeitige Operation in der Straße von Hormus mit seinem früheren Beruf als Pionieroffizier. So, wie eine Kampfpioniereinheit eine schmale Gasse durch ein Minenfeld räumt, durch die anschließend eine ganze Division vorrücken kann, hätten die USA in den Monaten seit Beginn der Waffenruhe einen sicheren Korridor durch die Meerengen geschaffen, der von Seeminen befreit wurde. Auf dieser geräumten Passage habe die US-Marine begonnen, Tanker und Großschiffe zu eskortieren. Die ersten beiden amerikanischen Schiffe seien bereits in Begleitung von US-Kriegsschiffen aus der Meerenge herausgeführt worden. In den kommenden Tagen sollen weitere Schiffe folgen, die derzeit in den Häfen des Persischen Golfs feststecken.
Operativ und technologisch hätten die USA diesen Schritt bereits vor langer Zeit unternehmen können, betont Avivi. Verzögert habe das Vorhaben allein das aufwendige Räumen der Minen. Politisch sei der Vorgang von größter Bedeutung: Die einzige Druckmöglichkeit, über die der Iran noch verfügt habe – das Schließen der Meerenge –, werde nun von den Vereinigten Staaten aktiv neutralisiert. Die USA selbst öffneten die Straße und brächten die Schiffe heraus.
Fudschaira und Yanbu: Zwei Häfen verändern den Energiemarkt
Zwei Hafennamen werden Avivi zufolge in den kommenden Wochen und Monaten eine zentrale Rolle spielen: Fudschaira in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Yanbu in Saudi-Arabien. Beide liegen außerhalb der Straße von Hormus und ermöglichen es, die Meerenge vollständig zu umgehen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate hätten mit dem Austritt aus der OPEC einen historischen Schritt vollzogen, den lange niemand für möglich gehalten habe. Sie wollen ihre Ölförderung von rund anderthalb Millionen Barrel auf mehr als drei Millionen Barrel pro Tag drastisch erhöhen und das Öl über Fudschaira ausführen. Damit ließe sich nahezu die gesamte Menge ersetzen, die der Iran bislang in den Markt eingespeist hat.
Saudi-Arabien wiederum verfügt seit langem über die Ost-West-Pipeline, die das Öl aus den Förderregionen quer durch das Königreich nach Yanbu am Roten Meer transportiert. Über diese Route ließen sich täglich mehr als neun Millionen Barrel an der Straße von Hormus und auch am Bab al-Mandab vorbeiführen – fast die Hälfte der Menge, die normalerweise durch die Straße von Hormus fließt.
Israel als Energiekorridor nach Europa
Bereits vor einem halben Jahr habe er prognostiziert, dass Öl bald durch Israel transportiert werde, erinnert Avivi. Der israelische Energieminister Eli Cohen habe in der vergangenen Woche offiziell bestätigt, dass dieser Moment unmittelbar bevorstehe: Öl aus Yanbu solle künftig über Eilat nach Israel gelangen und von dort nach Europa weitergeleitet werden.
Avivi spricht von einem historischen, geostrategisch bedeutsamen Wandel. Israel werde damit zu einem Energiekorridor zwischen dem Nahen Osten und Europa. Diese Entwicklung verschaffe Israel ein neues Gewicht in den bilateralen Beziehungen mit europäischen Staaten. Jedes europäische Land werde künftig auf gute Beziehungen zu Israel angewiesen sein, wolle es seine Energieversorgung sichern und die Ölpreise niedrig halten. Europa stecke ohnehin in einer schweren Energiekrise.
Die Schlacht um die Raffinerie in Haifa
In diesem Zusammenhang verteidigt Avivi den seit zwei Jahren andauernden Einsatz des IDSF für den Erhalt der Hauptraffinerie in Haifa. Die Anlage, die im Krieg mehrfach von iranischen Raketen getroffen wurde, verarbeitet Rohöl zu zahlreichen Produkten – darunter Flugbenzin für die Luftwaffe und für die Fluggesellschaft El Al, Treibstoff für Kraftfahrzeuge sowie Brennstoffe für Kraftwerke, wenn die Gasversorgung kriegsbedingt unterbrochen werden muss.
Im Büro des Premierministers habe es Pläne gegeben, die Raffinerie zu schließen, um Haifa städtebaulich auszudehnen und mit den nördlichen Krayot-Vororten zu verbinden. Argumentiert worden sei, man könne die fehlenden Produkte aus Europa beziehen. Heute zeige sich, dass Europa selbst zahlreiche Raffinerien geschlossen habe und unter Treibstoffmangel leide. Manche europäische Fluggesellschaften könnten womöglich zeitweilig nicht mehr starten.
Für Avivi ist dies eine grundsätzliche Lehre: Israel müsse in Munition, Energie und Eigenproduktion unabhängig bleiben. Hätte das Land im Krieg auf europäisches Flugbenzin angewiesen sein müssen und Europa hätte unter Verweis auf israelische Operationen in Libanon, Iran oder Gaza die Lieferung verweigert, gäbe es schlicht keine israelische Luftwaffe mehr. Statt Raffinerien zu schließen, müsse Israel daher zusätzliche bauen. Nationale Sicherheit umfasse weit mehr als die Streitkräfte: Energie, Besiedlung des Landes, Werte und Ernährungssicherheit gehörten ebenso dazu.
Der schleichende Kollaps der iranischen Wirtschaft
Die von den USA verhängte Blockade aller iranischen Häfen in der Straße von Hormus und im Indischen Ozean trage Früchte, so Avivi. Die iranische Wirtschaft kollabiere Schritt für Schritt. Da Speicherkapazitäten fehlten, habe der Iran begonnen, einzelne Ölfelder herunterzufahren. Diese Felder würden absterben oder dauerhaft an Förderkapazität verlieren.
Solange der Iran nicht bedingungslos kapituliere – und genau dies sei erforderlich – werde seine Wirtschaft systematisch zerstört. Der Prozess könne Wochen oder ein bis zwei Monate dauern, sei aber ein Einbahnstraße in Richtung Regimewechsel. Die Lage im Land sei verheerend: Millionen Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, die Inflation liege bei über 40 Prozent, Wasser und Strom seien knapp. Der iranische Präsident habe die Bevölkerung aufgerufen, möglichst wenig Strom zu verbrauchen. Bald werde das Regime auch nicht mehr in der Lage sein, seine eigenen Streitkräfte zu bezahlen. Die Exporte seien praktisch vollständig eingebrochen, der Iran verliere Tag für Tag Milliarden.
Damit ende auch die Unterstützung für die Stellvertreter: Huthis, Hisbollah und Hamas erhielten weder Geld noch Waffen, weil die iranische Industrie zerstört sei. Die Vereinigten Staaten erwögen, ob sie ihre derzeitige Strategie fortsetzen oder erneut kinetische Schläge gegen verbleibende iranische Fähigkeiten führen sollen. Ein erneuter US-Angriff sei jederzeit möglich. Sollte der Iran daraufhin Israel beschießen, werde Israel sich anschließen. Derzeit konzentriere sich Israel jedoch vor allem auf den Libanon.
Massive US-Truppenpräsenz in der Region
Auf die Frage nach dem Aufmarsch der US-Streitkräfte verweist Avivi auf die Reisen des Kommandeurs des US Central Command (CENTCOM), der zuletzt die Marines auf der USS Tripoli besucht und sich Aufnahmen des Erdkampfflugzeugs A-10 Thunderbolt gewidmet habe. Die A-10 fliege langsam und biete Bodentruppen massive Feuerunterstützung. Es sei kein Zufall, dass das Central Command derzeit die Einsatzbereitschaft der Marines prüfe, die die Meerenge sichern oder etwa Inseln wie die Insel Hormus oder die Insel Charg übernehmen könnten.
Die USA hätten gegenwärtig mehr als die dreifache Streitkraft in der Region stationiert wie während der vierzigtägigen gemeinsamen Operation mit Israel im Iran-Krieg. Statt eines Flugzeugträgers seien drei oder gar vier vor Ort, ergänzt durch die Marines und die 82. Luftlandedivision. Bei Gesprächen mit Verantwortlichen in Washington habe er, Avivi, den Eindruck gewonnen, dass Präsident Trump in der Sache äußerst entschlossen sei. Die Ziele – kein Bedrohungspotenzial Irans mehr, keine Atomwaffenfähigkeit, kein Machtprojektion in den Nahen Osten – stünden nicht zur Disposition.
Geschichte schreiben statt auf Schlagzeilen reagieren
Trump und Premierminister Netanjahu dächten in größeren historischen Dimensionen, urteilt Avivi. Sie betrachteten den gegenwärtigen Krieg als möglicherweise prägendsten Konflikt des 21. Jahrhunderts, der die globale Realität auf lange Sicht formen werde. Beide ließen sich nicht von CNN-Schlagzeilen oder kurzfristig steigenden Spritpreisen leiten. Verteidigungsminister Hegseth habe wiederholt betont, dass dieser Krieg weder mit dem Irak- noch mit dem Afghanistan-Einsatz vergleichbar sei: Es handele sich um eine hochpräzise Operation ohne tausende gefallene Soldaten und ohne unklare Missionen. Der Preis – etwas höhere Spritpreise – sei gemessen am Ertrag, der Freiheit, gering.
Mit der Öffnung der Meerengen und dem zusätzlichen Öl aus Fudschaira und Yanbu werde sich der Markt stabilisieren. Mehr Tanker fahren bereits nach Venezuela und in die USA, andere Lieferquellen werden aktiviert. Selbst China habe verstanden, dass es sich nicht mehr auf iranisches Öl verlassen könne, und beziehe verstärkt aus den Emiraten. Der Versuch, die Meerenge zur Waffe zu machen, schlage in jeder Hinsicht auf den Iran zurück. Nach Kriegsende werde es nicht nur einen Regimewechsel geben, sondern auch einen langfristig deutlich schwächeren Iran, der keine Macht mehr in der Region projizieren könne.
Ein 1.400 Jahre alter Konflikt
Avivi mahnt zu Geduld. In einer auf Sofortgewinne getrimmten Öffentlichkeit erwarte man rasche Erfolge. Premierminister Netanjahu habe jedoch zu Recht darauf hingewiesen, dass man es mit einer 1.400 Jahre alten schiitischen Ideologie zu tun habe, die nicht an einem Tag verschwinde. Der Prozess laufe, doch er sei langwierig. Hisbollah, Iran und auch die Huthis würden Stück für Stück geschwächt und demontiert.
Dass die Huthis dramatisch geschwächt seien, sei in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Die israelische Marine habe in der Region 80 Prozent der vom Iran an die Huthis gelieferten Fähigkeiten abgefangen. In Somaliland, direkt gegenüber dem Bab al-Mandab, baue Israel eine Basis auf, von der aus die Region gesichert werden könne. Zusammen mit der amerikanischen Präsenz sei dies ein Wendepunkt für die gesamte Region.
Globale Kontrolle der Meerengen
Auf weltweiter Ebene erlangten die Vereinigten Staaten zunehmend wirksame Kontrolle über nahezu jede strategische Meerenge des Globus, von der Meerenge von Malakka über Indonesien und Malaysia bis hin zur Meerenge von Diego Garcia und dem Panamakanal. Für die USA wie für Israel sei dies eine ausgesprochen positive Entwicklung.
Israel zwischen den Emiraten und Saudi-Arabien
Auf die Frage, ob Israel zwischen den Emiraten und Saudi-Arabien in einen Loyalitätskonflikt geraten könnte – die Spannungen zwischen beiden Staaten zeigten sich etwa im Jemen, wo die Emirate die südjemenitische Regierung und Saudi-Arabien die jemenitische Regierung unterstützen –, antwortet Avivi differenziert. Spannungen existierten, doch alle Staaten der Region hätten verstanden, dass die iranische Vorherrschaft im Nahen Osten zu Ende gehe und die USA gemeinsam mit Israel die maßgebliche Macht darstellten. Früher oder später würden alle Länder eine Normalisierung mit Israel anstreben, möglicherweise sehr rasch.
Auch Saudi-Arabien benötige eine Verbindung mit Israel, allein um sein Öl auf sicheren Wegen abzusetzen. Trotz aller Interessenkonflikte werde dies die Beziehungen zu Israel kaum beeinträchtigen. Letztlich werde sich auch Riad in Richtung Normalisierung mit Israel bewegen, denn die saudische Führung sei auf amerikanische Unterstützung und Präsenz angewiesen und wolle Teil des entstehenden Bündnisses sein – wichtiger als die Spannungen mit den Emiraten.



