„Ein wohlgefälliger Duft“ — wie Jesu Kreuzestod im Licht der Opfer von Wajikra gedeutet wurde
Die Hand auf dem Haupt des Tieres. Das Blut außerhalb des Lagers. Der Duft, der aufsteigt. Der Wochenabschnitt Wajikra gab dem Kreuzestod Jesu Worte und Bedeutung.
Im Machtbereich des Römischen Reiches wurden Zehntausende, die als Aufständische galten, in allen Provinzen gekreuzigt. Jesus von Nazaret war einer von ihnen. Sein Tod war, wie auch die Evangelien wussten, nicht einzigartig, erwähnen sie doch zwei Mitgekreuzigte.
Für diejenigen, die Jesus nachfolgten, erhielt sein Tod am Kreuz durch den Bericht und teilweise die Erfahrung, dass Gott ihn von den Toten auferweckt habe, eine neue Bedeutung. Die Herausforderung bestand nun darin, diesem Tod einen Sinn zu geben. Im Neuen Testament gibt es zahlreiche Erklärungen für die Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu von Nazaret am Kreuz der Römer. Ein Teil davon verwendet für diese Deutung die Einsetzung und Beschreibung der Opfer im Wochenabschnitt Wajikra, in 3. Mose 1–5.
Die Frage, die sich seinen Nachfolgern stellte, war nicht abstrakt. Sie war äußerst dringlich: Warum musste Jesus sterben? Was hat dieser Tod bewirkt? Und vor allem: Wie lässt sich das Geschehene in Worte fassen, die seine Bedeutung tragen?
Es war kein Zufall, dass sie sich dabei der Tora bedienten. Sie waren Juden — Männer und Frauen, die mit dem Rhythmus des Tempels aufgewachsen waren, die den Duft des Weihrauchs kannten und wussten, was es hieß, die Hand auf den Kopf eines Tieres zu legen. Wenn sie nach Bildern suchten, um das Unbeschreibliche zu beschreiben, griffen sie zu den ihnen bekannten Bildern. Die vertrautesten Bilder für Leben, Tod und Versöhnung zwischen Mensch und Gott fanden sie in den ersten fünf Kapiteln des Buches Wajikra.
Das Wort, das alles sagt: Korban
Das hebräische Wort für Opfer lautet קָרְבָּן — Korban. Es bedeutet nicht primär Schlachtung oder eigentlich auch nicht Opfer. Es bedeutet: Annäherung. Es stammt von der Wurzel qaraw — nahekommen. Ein Opfer ist demnach keine Zahlungsleistung an einen zornigen Gott. Es ist eine Bewegung auf ihn zu.
Diese Bewegung beginnt in Wajikra 1,2 mit den Worten: „Wenn jemand von euch dem Herrn ein Opfer darbringt…“. Der Midrasch Sifra hörte in diesem „von euch“ etwas Entscheidendes: nicht das Tier nähert sich Gott, sondern der Mensch. Das Tier ist das Mittel. Die Bewegung gehört dem, der seine Hand auflegt. Jesu Nachfolger sahen in seiner Hinrichtung genau diese Bewegung: Einen Menschen, der sich — in einem einzigen, unumkehrbaren Gestus — Gott vollständig überlassen hatte.
Die Hand auf dem Haupt: Stellvertretung
Im ersten Kapitel von Wajikra, beim Brandopfer — der Olah, dem „Aufsteigenden“ —, gibt es eine Geste, die alles enthält. Der Opfernde tritt heran, legt seine Hand auf den Kopf des Tieres, und erst dann wird es geschlachtet. Der Talmud und Nachmanides nach ihm beschreiben, was in diesem Moment geschieht: eine Übertragung. Der Mensch sieht in dem Tier sich selbst. Sein Tod, den die Sünde verdient hätte, trifft stellvertretend das Tier. Er selbst geht — im übertragenen Sinn — gesühnt davon.
Paulus, der pharisäische Gelehrte aus Tarsus, schrieb an die Gemeinde in Korinth: „Den, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht“ (2. Korinther 5,21). Die Struktur dieser Aussage ist levitisch. Sie ist undenkbar ohne die Handauflegungs-Logik aus Wajikra 1,4. Was auf dem Kopf des Tieres lag, lag nun — in Paulus’ Deutung — auf Jesus. Und was auf Jesus lag, fiel von denen ab, die dem Christus mit ihrer eigenen Schuld begegneten.
Der Duft, der aufsteigt
Die Formel רֵיחַ נִיחֹחַ — reach nichoach, ein „Duft der Ruhe“ oder „wohlgefälliger Duft“ — zieht sich wie ein Leitmotiv durch Wajikra 1–3. Sie erscheint beim Brandopfer, beim Speiseopfer und beim Friedensopfer. Dreimal versichert die Tora: Was hier aufsteigt, erreicht Gott. Er nimmt es an.
Der Midrasch Wajikra Rabba beeilt sich zu erklären, dass dieser Duft nicht wörtlich zu verstehen ist, denn Gott riecht nicht. Gemeint ist das Wohlgefallen am Willen des Opfernden — an der Intention, nicht an der Substanz. Ob jemand einen Stier brachte oder nur eine Handvoll Mehl, weil er nicht mehr erübrigen konnte: Wenn das Herz aufrichtig war, stieg der Duft auf.
Der Verfasser des Epheserbriefes übernahm diese Formel in nahezu wörtlicher Übersetzung. Er schrieb, Christus habe sich hingegeben „als wohlriechenden Duft, als Opfer und Schlachtopfer für Gott“ (Epheser 5,2). Ein jüdischer Leser des ersten Jahrhunderts hätte diese Anspielung auf Wajikra sofort erkannt. Was der Tempelkult täglich vollzog, war, so der Epheserbrief, in einem einzigen Leben und Sterben ein für alle Mal verkörpert worden.
Die gestufte Sühne: Niemand ist ausgenommen
Wajikra 4 enthält eines der sozial radikalsten Prinzipien der antiken Welt: Die Pflicht zur Sühne gilt für alle. Aber sie ist gerecht gestaffelt. Der Hohepriester bringt einen Stier. Der Fürst einen Ziegenbock. Der einfache Israelit eine Ziege oder ein Schaf. Wer arm ist, bringt Tauben. Wer sich auch das nicht leisten kann, bringt ein Maß Mehl.
Lukas berichtet, dass Maria und Josef nach der Geburt Jesu im Tempel zwei Tauben darbrachten — das Opfer der Armen (Lk 2,24). Diese unscheinbare Notiz platziert Jesus von Anfang an in der untersten Ebene der Sozialskala. Er kommt von dort, wo die Tauben geopfert wurden.
Der Hebräerbrief, das theologisch ausgearbeitetste Dokument des Neuen Testaments in Bezug auf Wajikra, kehrt diesen sozialen Befund um. Er zitiert das Chatat-System aus 3. Mose 4 und macht auf eine Besonderheit aufmerksam: Der Hohepriester musste zuerst für sich selbst sühnen, bevor er für das Volk eintreten konnte (Hebräer 5,3; 7,27). Er war selbst sühnebedürftig. Genau hier liegt laut dem Hebräerbrief die entscheidende Differenz: Der Christus wird zum Hohepriester, der keine eigene Sühne benötigte. Dies ist keine Abwertung des levitischen Systems, sondern setzt dieses voraus. Ohne das Wissen über Wajikra 4 ist die Argumentation des Hebräerbriefes nicht nachvollziehbar.
Außerhalb des Lagers
Es gibt eine Regelung in Wajikra 4, die auf den ersten Blick liturgischer Natur zu sein scheint, aber tatsächlich eine Topographie beschreibt. Beim Sündopfer für den Hohepriester und für die ganze Gemeinde — also bei den schwerwiegendsten Fällen — wird das Blut des Tieres ins Heiligtum getragen, zum Vorhang, zur Kapporet, zum Allerheiligsten. Der Rest des Tieres — Haut, Fleisch, Kopf und Eingeweide — wird jedoch außerhalb des Lagers verbrannt (3. Mose 4,11f.21). Nicht im Tempel. Nicht in der Stadt. Draußen. Am Ort des Ausgestoßenen.
Diese Anordnung klingt wie eine liturgische Nebensächlichkeit. Im Hebräerbrief wird jedoch sie zur alles entscheidenden geografischen Theologie. In Kapitel 13, Verse 11 und 12 wird dieser Ritus mit auffallender Präzision zitiert: „Denn die Leiber der Tiere, deren Blut als Sündopfer in das Heiligtum getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus… außerhalb des Tores gelitten.“
Golgata lag außerhalb der Stadtmauern Jerusalems. Für den Verfasser des Hebräerbriefs war dies kein historischer Zufall, sondern das sich erfüllende Muster. Für ihn war die Antwort eindeutig: Der Ort der Schande und der Ort der höchsten Sühne fielen zusammen. Wajikra 4 hatte den Weg markiert.
Das Schuldopfer und der leidende Knecht
Das letzte der fünf Opfer in Wajikra 1–5 ist das Ascham, das Schuldopfer (3. Mose 5,14–26). Es ist in mehrfacher Hinsicht das komplexeste. Es wird nicht nur ein Tier verlangt — sondern auch Restitution: Wer jemandem geschadet hat, muss den Schaden ersetzen und zusätzlich ein Fünftel obendrauf geben. Das Opfer allein genügt nicht. Die zerbrochene Beziehung muss konkret wiederhergestellt werden.
Jahrhunderte nach Wajikra griff der Prophet, dessen Worte wir im Buch Jesaja lesen, genau darauf zurück. Das vierte Gottesknechtslied (Jesaja 53) beschreibt einen Leidenden, der stellvertretend das Leid anderer trägt. Es endet mit den Worten: „Wenn er sein Leben als Ascham hingibt…“ (Jesaja 53,10). Dies ist ein präziser kultischer Begriff, der direkt aus Wajikra 5 entlehnt wurde. Der Prophet deutete das Leiden des Knechtes im levitischen Vokabular — als Schuldopfer, das nicht nur sühnt, sondern auch wiederherstellt.
Diese Linie wurde im Neuen Testament weitergeführt. Markus 10,45 — „sein Leben als Lösegeld für viele“ — klingt, wenn man den Ascham-Kontext kennt, wie eine konzentrierte Zusammenfassung von Jes 53,10 und 3. Mose 5. Johannes, dessen Evangelium das theologisch tiefste und zugleich am stärksten im jüdischen Denken verwurzelte der vier ist, lässt Johannes den Täufer rufen: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“ (Joh 1,29). In diesem einen Satz verschmelzen das Opfertier aus Wajikra, der Knecht aus Jesaja 53 und das geschichtliche Ereignis von Golgata zu einem einzigen einprägsamen Bild.
Was bleibt
Die ersten Christen waren keine Theologen, die in Bibliotheken saßen und Systeme konstruierten. Es waren Menschen, die ihren Lehrer verloren hatten — und ihn, wie sie überzeugt waren, wiedergefunden hatten. Sie suchten dafür nach Worten. Und die Worte, die sie fanden, kamen aus der Tora. Aus Wajikra. Aus dem Wochenabschnitt, dessen Name schon ein Versprechen ist: Er rief.
Das levitische Opfersystem war eine hochentwickelte Theologie der Begegnung — eine Sprache, in der Israel gelernt hatte, über Schuld, Sühne, Nähe und Versöhnung zu sprechen. Als die Nachfolger Jesu diese Sprache verwendeten, um seinen Tod zu deuten, taten sie dasselbe wie jüdische Denker vor und nach ihnen:
Sie lasen die Gegenwart im Licht der Tora.
Ob man ihre Schlussfolgerungen teilt oder nicht — die Methode war zutiefst jüdisch. Und die Tora von Wajikra war ihr Werkzeug.



