Gott sieht nicht aufs Gesicht
Wer moralisch punkten will, wählt heute eine Seite. Die Tora kennt einen, der genau das verweigert – und Israel trotzdem bevorzugt. Ein Widerspruch, den schon die Engel bemerkt haben.
Derzeit gehört es zum guten Ton, Partei zu ergreifen. Man ist „gegen rechts“, man fördert Vielfalt, man stellt sich an die Seite von Minderheiten und Randgruppen. Das ist ehrenwert. Doch aus Haltungen sind Gebote geworden, und aus Geboten ein Klima: Wer die richtige Seite gewählt hat, gilt bereits als gut – unabhängig davon, was er tatsächlich tut. Das Handeln des Einzelnen zählt dann kaum noch; es verschwindet hinter der Gruppe, der er sich zurechnet. Inzwischen sickert dieses Denken sogar bis in Gerichtssäle, wenn mit unterschiedlichem Maß gemessen wird, je nachdem, wer vor der Schranke steht.
Der Wochenabschnitt Ekew hält mit einem kurzen Satz dagegen.
„Er hebt kein Angesicht“
In 5. Mose 10,17 heißt es von Gott, er sei „der große, mächtige und ehrfurchtgebietende Gott, der kein Angesicht ansieht und kein Bestechungsgeschenk annimmt“. Auf Hebräisch steht dort: lo jissa fanim we-lo jikkach schochad. Wörtlich heißt nasa panim „ein Gesicht erheben“. Es ist die Geste eines Richters oder eines Herrschers, der einem der vor ihm Knienden das Kinn anhebt, ihn ansieht, ihn erkennt – und ihn bevorzugt. Eben das, sagt die Tora, tut Gott nicht. Er lässt sich nicht durch das Gesicht bestimmen: nicht durch Herkunft, nicht durch Rang, nicht durch Zugehörigkeit. Und er lässt sich auch nicht kaufen.
Der Vers steht nicht für sich. Aus der Unparteilichkeit wird eine Verpflichtung: Gott „schafft Recht der Waise und der Witwe und liebt den Fremden, so dass er ihm Brot und Kleidung gibt. Darum sollt auch ihr den Fremden lieben, denn Fremde seid ihr in Ägyptenland gewesen“ (5. Mose 10,18–19). Wer keine Gesichter erhebt, sieht zuerst die, die überhaupt kein Gesicht haben – die Namenlosen. Die frühen Ausleger haben aus 10,17 die Rechtsregel abgeleitet, dass ein Richter kein Ansehen der Person kennen darf. Der Grundsatz gilt in beide Richtungen: Man darf einen Mächtigen nicht bevorzugen, aber man darf auch einen Armen nicht aus Mitleid bevorzugen. Beides wäre ein erhobenes Gesicht.
„Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute“
Bei Gott sind die Menschen nicht in Lager sortiert, hier die Guten, dort die Bösen. Das Matthäusevangelium zieht daraus die Konsequenz. Weil Gott „seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“, darum findet das Gebot der Nächstenliebe seine schärfste Zuspitzung in der Feindesliebe (Matthäus 5,43–45). Die Sonne fragt nicht nach der Gesinnung dessen, den sie wärmt. Der Regen – in Ekew das große Thema des Landes, das „vom Regen des Himmels trinkt“ – fällt nicht nach moralischen Verdiensten.
Das Wort Jesu in der Bergpredigt ist eine Verdichtung dessen, was in 5. Mose 10,17 steht. Und der Satz, mit dem Jesus seine Auslegung abschließt – „ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Matthäus 5,48) –, ist die Weiterführung des Prinzips der Tora: Der Mensch soll werden wie der, den er verehrt.
Der meistzitierte Satz aus dem fünften Buch Mose
Es ist kein Zufall, dass der Satz über das Wesen Gottes, „der kein Angesicht ansieht“, zu den am häufigsten zitierten Versen des fünften Buchs Mose im Neuen Testament gehört. Er wird dort meist nach der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, zitiert, mit einem eigens gebildeten Wort: prosopolempsia, wörtlich „Gesichts-Nehmen“, also Parteilichkeit.
Paulus schreibt im Römerbrief: „Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott“ – ou gar estin prosopolempsia para to theo (Römer 2,9–11). Beachte die Doppelbewegung: Israel hat den Vortritt, im Guten wie im Schlechten – und dennoch gilt kein Ansehen der Person. Beides steht nebeneinander, ohne dass Paulus es glättet.
In der Apostelgeschichte begründet Petrus im Haus eines römischen Offiziers in Cäsarea mit demselben Vers die Öffnung zu den Völkern: „Wahrhaftig, nun begreife ich, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Recht tut.“ Und weiter: Gott „hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher Herr über alle ist“ (Apostelgeschichte 10,34–36). Auch hier: zuerst Israel, dann alle – und keine Bevorzugung.
Der Epheserbrief zieht daraus eine gesellschaftliche Folgerung, die im ersten Jahrhundert ziemlich brisant war: Sklaven und Herren stehen vor demselben Herrn im Himmel, „und bei ihm gilt kein Ansehen der Person“ (Epheser 6,5–9; fast wörtlich ebenso Kolosser 3,22–4,1). Der erste Petrusbrief schließlich verbindet den Gedanken mit dem Heiligkeitsgebot aus 3. Mose 19,2: „Wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in allem eurem Wandel … denn ihr ruft den als Vater an, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk“ (1. Petrus 1,15–17). Dieselbe Argumentation wie bei Matthäus in der Bergpredigt, nur mit anderem Vorzeichen: nicht Vollkommenheit, sondern Heiligkeit.
Und was ist dann mit Israel?
Hier meldet sich der Einwand, der die Kirchengeschichte vergiftet hat: Wenn alle Menschen gleich vor Gott stehen und nur die Taten zählen – hat Israel dann überhaupt noch einen Vorzug? In Theologie und Verkündigung wurde diese Frage jahrhundertelang verneint, gegen Paulus, der sie ausdrücklich bejaht.
Die Frage selbst ist dabei durchaus legitim. Der babylonische Talmud lässt sie sogar die Engel stellen. Im Traktat Berachot 20b heißt es:
„Die dienenden Engel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei Er: Herr der Welt, in deiner Tora steht geschrieben: ‚der kein Angesicht ansieht und kein Bestechungsgeschenk annimmt‘ – und doch erhebst du dein Angesicht über Israel, wie geschrieben steht: ‚Der Ewige erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.‘ Er antwortete ihnen: Wie sollte ich mein Angesicht nicht über Israel erheben? Ich habe ihnen in der Tora geschrieben: ‚Du sollst essen und satt werden und den Ewigen, deinen Gott, preisen‘ – und sie nehmen es so genau mit sich selbst, dass sie schon bei einer Olivengröße oder einer Eigröße den Segensspruch sagen.“
Man muss auf das Wortspiel achten, sonst geht die Pointe verloren. Der priesterliche Segen aus 4. Mose 6,26 lautet im Hebräischen jissa Adonaj panaw elecha – „der Ewige erhebe sein Angesicht über dich“. Es ist dieselbe Wendung, die 5. Mose 10,17 von Gott bestreitet. Die Engel haben also einen echten Widerspruch entdeckt, sie kennen sich aus in der Tora!
Gottes Antwort ist keine Ausnahme von der Regel, sondern ein Hinweis auf ein Verhalten. Die Tora verlangt in 5. Mose 8,10 – ebenfalls in Ekew – den Dank erst nach dem Sattwerden: „Du sollst essen und satt werden und den Ewigen, deinen Gott, preisen.“ Israel aber wartet nicht darauf. Es dankt schon für einen Bissen von der Größe einer Olive, für ein Ei. Der Grund für die Zuwendung ist nicht die Zugehörigkeit, sondern eine Praxis: Dankbarkeit selbst über dem, was kaum der Rede wert ist.
Damit ist der Widerspruch aufgelöst, ohne die Unparteilichkeit preiszugeben. Es zählt eben doch das Tun – auch bei Israel. Und dieses Tun ist selbst wieder eine Antwort: Denn nach 5. Mose 8,3, dem berühmtesten Satz dieses Wochenabschnitts, lebt „der Mensch nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Ewigen hervorgeht“ (lo al ha-lechem lewaddo jichje ha-adam).
Das kleinste unter den Völkern
Wer schon über einer Olive dankt, hat sich vorher kleingemacht. Auch dafür gibt Ekew wenige Kapitel vorher die Grundlage. In 5. Mose 7,7 heißt es: „Nicht weil ihr zahlreicher wäret als alle Völker, hat der Ewige sich euch zugeneigt und euch erwählt – ihr seid ja das kleinste unter allen Völkern“ (ki attem ha-me’at mi-kol ha-ammim). Die Erwählung verdankt sich nicht der Größe, sondern der Liebe.
Raschi, der große mittelalterliche Kommentator, hört in dem Wort für „das kleinste“ noch etwas anderes: ha-mema’atin azmechem – „die ihr euch selbst klein macht“. Er verweist auf eine Talmudstelle im Traktat Chullin 89a, die eine Liste anlegt. Auf der einen Seite stehen die, die Größe empfingen und sich klein machten: Abraham, der sagt „ich bin Staub und Asche“; Mose und Aaron, die sagen „und wir – was sind wir?“; David, der sagt „ich aber bin ein Wurm und kein Mensch“. Auf der anderen Seite stehen die, die Größe empfingen und sich vergrößerten: Nimrod, der einen Turm bauen will, „damit wir uns einen Namen machen“; der Pharao, der fragt „wer ist der Ewige?“; Sanherib, Nebukadnezar, der sagt „ich will dem Höchsten gleich werden“; und Hiram von Tyrus, der sagt „ich bin ein Gott, ich sitze auf dem Göttersitz“.
Der Abschnitt zieht daraus eine ethische Konsequenz: „Die Welt besteht nur um dessentwillen, der sich im Streit zurückhält“ – und: „nur um dessentwillen, der sich selbst behandelt, als wäre er nicht.“ Nechama Leibowitz, die große israelische Toralehrerin des 20. Jahrhunderts, hat darin die Grundlage einer jüdischen Ethik gegen jeden Triumphalismus gesehen: Erwählung ist Verpflichtung, nicht Privileg.
Paulus überträgt diesen Gedanken fast Wort für Wort auf die junge Gemeinde: „Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist … damit sich kein Mensch vor Gott rühme“ (1. Korinther 1,26–29). Er sagt sogar, Gott habe erwählt, „was nichts ist“ – im Griechischen ta me onta, „das Nicht-Seiende“. Das ist dasselbe Denken wie bei Mose und Aaron, die sagen „und wir – was sind wir?“
Der vergessene Anfang
Damit ist gesagt, was heutigem Moralismus im Kern fehlt. Wer sich zu den Besseren zählt, hat bereits ein Gesicht erhoben – sein eigenes. Und wer eine Gruppe pauschal auf die richtige und eine andere pauschal auf die falsche Seite stellt und dazwischen eine Brandmauer errichtet, nimmt Gott jene Freiheit, die 5. Mose 10,17 ihm zuspricht: nicht aufs Gesicht zu sehen, sondern auf das Tun.
Nicht nur die Kirche hat in moralischem Triumphalismus ihre Herkunft aus den Törichten und Schwachen vergessen. Bleibt zu hoffen, dass Gott sie deshalb nicht auch vergisst…
Zu den Quellen:
Tora und Neues Testament: 5. Mose 7,7; 8,3; 8,10; 10,12–19; 11,10–17 · 4. Mose 6,26 · 3. Mose 19,2 · Matthäus 5,43–48 · Römer 2,9–11 · 1. Korinther 1,26–29 · Epheser 6,5–9 · Kolosser 3,22–4,1 · Apostelgeschichte 10,34–36 · 1. Petrus 1,15–17
Rabbinische Quellen (Sefaria):
Talmud Bavli, Berachot 20b – die dienenden Engel und das erhobene Angesicht
Talmud Bavli, Chullin 89a – „die sich selbst klein machen“
Raschi zu 5. Mose 7,7 – ha-mema’atin azmechem
Sifré Dewarim 49 – richterliche Unparteilichkeit aus 5. Mose 10,17
Weiterführend: Nechama Leibowitz, New Studies in Devarim, Jerusalem: WZO 1980 · Jonathan Sacks, Ekew 5785 – Die Moral der Liebe · Eli Whitlau/Yehuda Aschkenasy, Tenachon 25, S. 389–398 · David Flusser, Bemerkungen eines Juden zur christlichen Theologie, München 1984



