Im Iran kommt der Winter
Brigadegeneral Amir Avivi: Neuer Iran-Schlag steht unmittelbar bevor, Hamas-Führung weitgehend eliminiert, Hisbollah unter Druck – doch der IDF fehlen 8.000 Soldaten.
Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), zeichnet in seinem aktuellen Briefing vom 18. Mai 2026 ein deutliches Bild der militärischen und politischen Lage. Im Zentrum stehen die kollabierten Gespräche mit Teheran, die Eliminierung führender Hamas-Kommandeure, die andauernden Kämpfe in Südlibanon und ein akuter Personalmangel in den israelischen Streitkräften.
Iran: „Im Iran kommt der Winter”
Nach Avivis Einschätzung steht ein neuer kinetischer Schlag gegen den Iran unmittelbar bevor. Die Verhandlungen seien gescheitert, das Regime in Teheran zeige keinerlei Bereitschaft, den geforderten Bedingungen zuzustimmen. Diese Bedingungen lauten unverändert: keine nuklearen Fähigkeiten, kein ballistisches Raketenprogramm, keine Finanzierung von Terror-Stellvertretern und kein Stören der Schifffahrt in der Straße von Hormus.
Die israelischen Streitkräfte (IDF) befänden sich in höchster Bereitschaft für jedes denkbare Szenario. Die endgültige Entscheidung über Zeitpunkt und Plan liege bei US-Präsident Donald Trump. „Israel und die USA wollen sehen, wie dieses Regime sich bedingungslos jeder einzelnen Forderung unterwirft”, so Avivi. Ohne einen ernsthaften Angriff seien diese Ziele nicht zu erreichen.
Was Teheran in der Atempause tut
Der Iran habe die Zeit seit der letzten Angriffswelle genutzt, um insbesondere die Schifffahrt in der Straße von Hormus zu stören. Eine Marine besitze das Regime nicht mehr, doch es greife zu Piraterie, Drohnen, kleinen Sprengbooten und Mini-U-Booten. Selbst Internet-Seekabel würden bedroht – samt der absurden Forderung, Gebühren für übertragene Datenpakete und passierende Schiffe zu verlangen.
Avivi betont die globalen Folgen: Europa stecke in einer schweren Energiekrise, der Osten sei stark von Öl und Gas aus den Golfstaaten abhängig. „Sie können nicht den gesamten Globus terrorisieren.” Es bestehe daher keine Zeit – die Öffnung der Meerenge sei vorrangig. Die USA dürften sich primär auf Hormus und die Insel Charg konzentrieren, während Israel bei einem eigenen Angriff vor allem Infrastruktur, das ballistische Raketenprogramm und die verbliebene Führung ins Visier nehmen würde.
Das Atomprogramm bleibt der Kern
Zur Frage des iranischen Atomprogramms räumt Avivi ein, dass er die exakten Zeitpläne nicht kenne, das Programm sei jedoch erheblich zurückgeworfen worden. Solange Teheran jedoch über angereichertes Uran verfüge und es von 60 auf 90 Prozent hochanreichern könne, bleibe die Bedrohung gravierend.
Das angereicherte Uran müsse vollständig aus dem Iran entfernt werden – entweder durch Übergabe im Rahmen einer Unterwerfung oder durch eine militärische Operation. „Wir sind absolut in der Lage, das zu tun, wenn nötig auch mit Bodentruppen”, sagt Avivi. Israel und die USA kontrollierten den iranischen Luftraum vollständig, 90 Prozent der militärischen Fähigkeiten Teherans seien zerstört.
Keine Differenzen zwischen Jerusalem und Washington
Berichte über ein Gespräch zwischen Premierminister Benjamin Netanjahu und Präsident Trump sowie eine bevorstehende Sitzung des US-Sicherheitskabinetts bestätigt Avivi indirekt. Die strategischen Diskussionen liefen bereits weit vor dem Beginn der Angriffe und hätten sich im Kern nicht geändert. Es gehe darum, eine Realität zu schaffen, in der der Iran weder Bedrohung sein noch Stellvertreter, ein Atom- oder ein Raketenprogramm unterhalten könne.
Aktuell drehten sich die Gespräche um Taktik: Zeitpunkt, Munitionsvorräte, Luftverteidigung, die Wartung der Flugzeuge nach den intensiven 40 Angriffstagen sowie die Nachschublage. „Bei Israel und den USA passt kein Blatt Papier dazwischen. Wir sind vollständig aufeinander abgestimmt.”
Gaza: Hamas-Kommandostruktur zerfällt
Mit der jüngsten gezielten Tötung eines Hamas-Top-Kommandeurs – Avivi nennt ihn Iz al-Din Khalid, langjähriger Brigadekommandeur von Gaza-Stadt und Nachfolger Muhammad Deifs – ist nach seiner Einschätzung praktisch die gesamte militärische Führungsriege der Organisation aus der Zeit vor dem 7. Oktober eliminiert. Auch die Sinwar-Brüder und weitere zentrale Figuren seien getötet worden.
Was übrigbleibe, sei der Zerfall der Hamas-Befehlsstruktur in lokale Gruppen. „Das ist eine viel größere Sache, als die Presse vielleicht versteht.“ Die Botschaft sei klar: Jeder, der am 7. Oktober beteiligt war, werde gejagt – mit oder ohne Waffenruhe. „Wir jagen sie einen nach dem anderen, bis wir jeden Einzelnen erreicht haben.”
Schritt für Schritt mehr Kontrolle
Strategisch sei Gaza Teil des größeren Plans, die schiitische Achse und alle iranischen Stellvertreter zu zerschlagen. Die Devise laute jedoch: zuerst den Kopf der Schlange abschlagen. Während sich der Schwerpunkt auf Iran und im Anschluss Hisbollah konzentriere, rücke die IDF in Gaza Schritt für Schritt vor – von zuvor 53 Prozent Gebietskontrolle auf inzwischen 60 Prozent, in einigen Wochen voraussichtlich 65 Prozent.
Das Ziel sei unverändert klar: vollständige Zerschlagung der Hamas und Entmilitarisierung des Gazastreifens. Der Zeitpunkt hänge vom Iran-Szenario ab – möglicherweise erst bis zu oder nach den Wahlen, möglicherweise parallel zu einem Iran-Schlag.
Das 20-Punkte-Abkommen und Trumps Linie
Gaza unterliege einem Abkommen unter amerikanischem Dach mit 20 Punkten, darunter die Entwaffnung der Hamas und vollständige Entmilitarisierung. Die Hamas habe unterzeichnet, halte sich aber nicht daran. Trump habe wiederholt erklärt, dass Israel im Falle einer Nichteinhaltung Gewalt anwenden dürfe, konzentriere sich derzeit jedoch primär auf den Iran. Auch hier sieht Avivi keinen substanziellen Dissens zwischen den Verbündeten, sondern eine partnerschaftliche Abstimmung über Prioritäten und Vorgehen.
Libanon: Waffenruhe ohne Substanz
Die mit Beirut geschlossene und verlängerte Waffenruhe nennt Avivi nahezu bedeutungslos. In Südlibanon tobten weiter heftige Kämpfe, allein in der vergangenen Woche habe die IDF Hunderte Hisbollah-Terroristen getötet, vor allem mittels Sprengstoffdrohnen. Die Waffenruhe gelte faktisch nur für Beirut und den Norden – und gebe der Hisbollah Gelegenheit zur Reorganisation.
Anders als die Hamas in Gaza könne sich die Hisbollah nicht aus einer breiten Bevölkerungsbasis speisen: Die Schiiten seien eine Minderheit im Libanon, die meisten Gruppen stünden nicht hinter ihr. Tausende getötete Kämpfer und rund 10.000 Verletzte träfen die Organisation hart. Avivi erwartet, dass mit einem neuen Iran-Schlag auch ein massiver Schlag gegen die Hisbollah einhergehen werde. „Diese Waffenruhe dient uns überhaupt nicht. Sie gefährdet unsere Soldaten und unsere Ortschaften.”
8.000 Soldaten fehlen: „Ein spektakuläres Versagen”
Mit ungewöhnlich scharfen Worten benennt Avivi ein innenpolitisches Problem. Die IDF brauche mindestens 8.000 zusätzliche Soldaten. Während Regierung und Premierminister im Krieg viele richtige Entscheidungen getroffen hätten, sei die Versorgung der Armee mit ausreichend Personal „ein komplettes Versagen, ein wirklich spektakuläres Versagen”.
Jeder einzelne Reservist zahle dafür mit Hunderten Tagen Reservedienst – auf Kosten von Familien und Berufen. Ein regulärer Soldat decke die Leistung von sieben bis acht Reservisten ab: Reservisten leisteten regulär einen Monat, im Krieg zwei Monate, ein regulärer Soldat hingegen rund zehn Monate Einsatz. Das geplante Wehrgesetz für die Ultraorthodoxen (Charedim) könne theoretisch viele Soldaten bringen, sei aber noch nicht verabschiedet.
Fazit
Avivis Briefing zeichnet das Bild eines Krieges, der sich seinem entscheidenden Kapitel nähert: einem neuen, möglicherweise gemeinsam mit den USA geführten Schlag gegen den Iran als „Kopf der Schlange”, während in Gaza die Hamas-Kommandostruktur zerfällt und im Libanon die Hisbollah unter wachsenden Druck gerät. Innenpolitisch jedoch droht das Erfolgsmodell zu kippen, wenn nicht endlich genug Soldaten in die Streitkräfte nachrücken.
Quelle: Briefing von Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), YouTube-Video.



