In den Untergrund! Kommentar zur Zeit
Die Post verweigert den Davidstern auf der Briefmarke. Sie hat recht. Deshalb rate ich, was niemand raten will: Kippa ab, Kette weg, abtauchen. Doch ich schäme mich für dieses Land.
Die Deutsche Post hat recht. Nicht ein bisschen recht – vollkommen. Während sich BILD.de gestern darüber empörte, dass der Konzern den Davidstern als Motiv für individuelle Briefmarken ablehnte – er sei „politisch oder ethisch nicht korrekt“ –, bin ich dem Unternehmen dankbar. Es hat ganz nebenbei den zutreffendsten Lagebericht über die Bundesrepublik Deutschland abgeliefert, den man derzeit lesen kann.
Die Post bietet einen Service, eigene Briefmarkenmotive zu erstellen. Barbara Schaumberger aus München wollte ihn nutzen, um etwas gegen den steigenden Antisemitismus zu tun. Sie verwendete den Aufkleber der Aktion „Antisemitismus – ohne mich“.
„Ich habe einen Bogen mit 18 Marken entworfen und bestellt“, sagte Frau Schaumberger. „Ich wollte der Aktion in meinem Bekanntenkreis mehr Aufmerksamkeit verschaffen.“ Nach zwei Tagen kam die Mail: „Leider müssen wir Ihre Briefmarken-Bestellung ablehnen“. Als möglicher Grund wurde genannt: „verbotene, politisch oder ethisch nicht korrekte Motive“. Auf BILD-Nachfrage erklärte eine Post-Sprecherin, der Service solle nicht als „Plattform für politische oder gesellschaftliche Kampagnen“ genutzt werden.
Der Davidstern steht also für eine Kampagne. Ein Aufkleber gegen Judenhass ist ethisch nicht korrekt und ein Politikum. Die Präzision dieser Auskunft sollte gewürdigt werden. Jede Firma taucht ihr Logo in Regenbogenfarben und „zeigt Haltung“, die Post selbst stellte „das Thema Vielfalt in den bekannten Regenbogenfarben dar, passend zum Pride-Monat Juni“ und gab damit „ein Statement für Liebe, Vielfalt, Zusammenhalt und Menschlichkeit“.
Doch ein Symbol ist zu heiß für die Frankiermaschine. Aber vielleicht war nicht Feigheit der Auslöser und die Ursache. Vielleicht war es Fürsorge. Denn den eigentlichen Grund hat die Post gar nicht genannt: Die zuverlässige Zustellung von Briefen mit einem Magen David ist nicht mehr gesichert. Stell dir vor, in der Sortierung oder auf dem letzten Meter der Zustellung sieht jemand den Stern und lässt den Brief verschwinden, weil ihn ein Land provoziert, das dieses Zeichen auf seiner Flagge trägt und das er für einen völkermörderischen Staat hält. Die Post schützt also nur Frau Schaumberger und ihre Briefe. Ein Logistikkonzern, der die Zustellbarkeit jüdischer Symbole realistisch einschätzt – ich sehe das so: Endlich mal eine Institution, die die Lage begriffen hat.
Sie hat sie besser begriffen als die Politik. Vor einer Woche wurde in Würzburg ein 65-jähriger Mann angegriffen und schwer verletzt, weil er eine Israelflagge am Revers trug. Man gehe von einer israelfeindlichen oder antisemitischen und islamistischen Motivation des 20-jährigen Angreifers aus, teilten Polizei und Generalstaatsanwaltschaft München am 21. Juli mit. Ein winziger Anstecker. Ein Mann im Krankenhaus. Eine Pressemitteilung. Ein Betroffenheitssatz. Weiter.
Daher fordere ich dich und die Leserinnen und Leser von ahavta - Begegnungen dringend auf: Tragt keine israelbezogenen oder jüdischen Symbole mehr. Keine Kippa außerhalb der Synagoge. Kein Davidstern an der Halskette. Keine Anstecker mit israelischen Symbolen. Mein Rat kostet nichts, er ist sofort umsetzbar, und er ist – anders als jede Resolution, jeder Protestmarsch und jedes Bekenntnis der letzten zwei Jahre – hundertprozentig wirksam. Wer nicht erkennbar ist, wird nicht geschlagen.
Die Zeiten haben sich eben geändert. Im April 2018 riefen die ACHAVA Festspiele Thüringen, die Evangelische Kirche, die Stadt Erfurt und weitere Partner noch dazu auf, bei einer Demonstration Kippa zu tragen.
Auslöser war der Angriff vom 17. April 2018 in Berlin-Prenzlauer Berg, bei dem ein 21-jähriger Israeli, der eine Kippa trug, von arabisch sprechenden Männern antisemitisch beschimpft und mit einem Gürtel geschlagen wurde. „Berlin trägt Kippa“, „Thüringen trägt Kippa“ – ein ganzes Land probierte damals Solidarität als Kopfbedeckung. Es war rührend. Es war einen Tag lang aufrichtig. Es hat, wie wir heute wissen, aber auch gar nichts verändert. Die Kippa wurde abgenommen, das Bekenntnis der Politiker war fotografiert, man ging nach Hause. Solidarität in diesem Land ein Termin, kein Zustand.
Heute ist es Zeit, anders zu handeln. Geht in den Untergrund! Gefährdet nicht eure Sicherheit, eure Gesundheit oder euer Leben!
Damit meine ich nicht, dass du zu den judenfeindlichen Verhältnissen in Deutschland schweigen sollst. Aber solange in den Medien Antisemitismus als eine Form der politischen Meinungsäußerung durchgeht, solange der Staat Israel als völkermörderisch und von Natur aus rassistisch diffamiert wird, solange in Bund, Ländern und Städten Lippenbekenntnisse abgelegt werden, aber gegen Israel- und Judenhass, vor allem den aus Teilen der migrantischen Bevölkerung, nichts unternommen wird, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Tauche ab.
Sollte sich nichts grundlegend ändern, sondern die Lage weiter eskalieren, sind die nächsten Stufen absehbar:
Jüdische und israelische Themen werden nur noch in gesicherten, nicht-öffentlichen Gruppen behandelt.
Artikel und Beiträge dazu erscheinen nur noch hinter einer Bezahlschranke und anonymisiert.
Bei weiteren Eskalationsstufen bleibt nur noch die Flucht oder die Auswanderung.
Ich nenne die Roadmap. Ich will sie nicht abarbeiten. Ich will nicht recht haben. Ich will widerlegt werden – von Staatsanwaltschaften, die anklagen, von Innenministern, die handeln, von Nachbarn, die eingreifen, wenn jemand wegen einer Anstecknadel angegriffen wird. Bis dahin jedoch gilt mein Rat. Jeder Tag, an dem er gilt, ist eine Niederlage dieses Landes.
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