Israel in voller Bereitschaft: Warum ein Überraschungsangriff auf Iran näher rückt
Brigadegeneral Amir Avivi: Ein Atomabkommen mit Iran ist Illusion. Trump stellt Saudi-Arabien und Pakistan vor die Wahl: ganz dabei – oder ohne uns. Diplomatische Geschäftigkeit kann täuschen.
Im aktuellen Briefing des Israel Defense and Security Forum (IDSF) vom 26. Mai 2026 zeichnet Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender der Organisation, ein nüchternes Lagebild des Nahen Ostens. Seine zentrale These: Ein umfassendes Atomabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran ist praktisch ausgeschlossen, ein militärischer Schlag dagegen so wahrscheinlich wie selten zuvor. Zugleich nutze die Regierung Trump den Druck der Stunde, um eine westlich-israelisch-sunnitische Allianz aus der Geheimdiplomatie ins offizielle Licht zu holen.
Warum ein Abkommen mit Teheran eine Illusion ist
Avivi beschreibt eine Sackgasse, die er für unauflösbar hält. Für Präsident Trump gebe es nur ein einziges, nicht verhandelbares Ziel: Der Iran dürfe niemals Atommacht werden, und das gesamte angereicherte Uran müsse außer Landes geschafft werden. Aus Sicht der iranischen Führung wäre genau dieser Schritt jedoch der Anfang vom Ende des Regimes. Teheran habe sehr genau registriert, wie es der Ukraine nach Aufgabe ihrer Nuklearkapazitäten ergangen sei und wie der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi nach dem Verzicht auf Massenvernichtungswaffen schließlich gestürzt und getötet wurde. Beides diene als abschreckendes Beispiel.
Die Mullahs würden daher auf Zeitgewinn setzen. Sie hofften, Trump werde sich angesichts der bevorstehenden Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten irgendwann vom Thema lösen, sodass das Regime die nächsten zwei Jahre überstehen und auf einen neuen Präsidenten warten könne. Avivi schätzt die Wahrscheinlichkeit eines umfassenden Abkommens daher auf nahezu null. Trump selbst, so der General, habe deutlich gemacht: Er werde nicht Obama und nicht Biden sein, ein neues Wiener Atomabkommen wie 2015 (JCPOA – „Joint Comprehensive Plan of Action“) komme nicht infrage.
Der Überraschungsangriff und was danach kommt
Sollte es zum Schlag kommen, werde dieser nach Einschätzung Avivis in einem Moment erfolgen, in dem ihn kaum jemand erwarte. Israels Generalstabschef Ejal Zamir habe bei einem Besuch im Libanon ausdrücklich erklärt, die Streitkräfte seien in voller Bereitschaft, den Angriff auf den Iran wieder aufzunehmen. Während sich die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte im Norden stark im Libanon engagierten, beobachte Jerusalem zugleich aufmerksam die internen Entscheidungsprozesse im Weißen Haus und sei auf jedes Szenario vorbereitet.
Die Lage in den Golfstaaten verschärfe den Zeitdruck. Da Öl- und Gasexporte über die Straße von Hormus weitgehend zum Erliegen gekommen seien, gerieten die Volkswirtschaften der Region in Bedrängnis. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten drängten Washington, eine wenigstens befristete Öffnung der Meerenge zu erreichen. Aus diesem Grund habe Trump zwischenzeitlich eine sechzigtägige Verlängerung eines Waffenstillstands und eine begrenzte Wiederaufnahme iranischer Ölexporte ins Spiel gebracht, um die Märkte zu beruhigen und die Verbündeten vor iranischen Gegenschlägen auf ihre strategischen Anlagen zu schützen.
Ein Ultimatum an Riad, Islamabad und die Golfstaaten
Parallel zur militärischen Vorbereitung sieht Avivi eine massive diplomatische Offensive. Schon seit über einem halben Jahr habe das IDSF prognostiziert, dass 2026 nicht nur eine militärische Entscheidung, sondern zugleich neue Friedensabkommen bringen werde. Die US-Regierung nutze die aktuelle Konstellation, um Saudi-Arabien, Pakistan und weiteren Staaten unmissverständlich klarzumachen: Jetzt sei der Moment, sich zur Normalisierung mit Israel zu bekennen.
Die Botschaft Washingtons fasst Avivi in einem Ultimatum zusammen, das hinter den Kulissen kommuniziert werde: Wer nicht bereit sei, dem Bündnis vollständig beizutreten, müsse damit rechnen, dass die Vereinigten Staaten ihn im Konfliktfall nicht mehr verteidigten. „You are on our side or not. If you are on our side, you have to be all in.“ Vollständige Einbindung bedeute Beitritt zur Koalition und Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Es gehe um die formelle Erweiterung der Abraham-Abkommen zu einer westlich-israelisch-moderaten sunnitischen Allianz, die bis nach Indonesien reichen soll.
Eine Allianz, die schon existiert – nur noch nicht offiziell
Diese Koalition, so Avivi, sei längst Realität. Bereits beim ersten direkten iranischen Angriff auf Israel habe es operative Abstimmung mit Saudi-Arabien und weiteren Staaten der Region gegeben. Nun gehe es darum, das Bündnis aus dem Verborgenen ins Offene zu führen. Alle beteiligten Länder seien zuvor von Iran bedroht oder angegriffen worden, alle bezögen israelische Technologie und seien für ihre Verteidigung auf die Vereinigten Staaten und Israel angewiesen. Eine Formalisierung sei daher logisch und überfällig.
Auf die Frage, ob auch Katar und die Türkei – beide bekannt für ihre Unterstützung der Hamas – Teil der Abraham-Abkommen werden könnten, antwortet Avivi differenziert. Mit der Türkei befinde sich Israel zwar in einem extrem schlechten Verhältnis, aber nicht im Kriegszustand. Mit Katar liege der Fall anders. Auf lange Sicht müssten jedoch alle Staaten der Region wirtschaftlich Farbe bekennen. Die neue Koalition sei nicht nur ein militärisches, sondern auch ein Handels- und Wirtschaftsbündnis mit neuen Regeln. Katar werde nicht isoliert bleiben können, wenn ringsum die Nachbarn beitreten. Sollte Doha sich für eine radikale Achse mit der Türkei und Syrien entscheiden, wäre dies aus Avivis Sicht ein schwerer Fehler und würde die Vereinigten Staaten dazu zwingen, das Emirat als ernsthaftes Problem zu betrachten.
Können Israel und die Vereinigten Staaten den Krieg gewinnen?
Auf die Frage, ob sich die Kriegsziele von einem militärischen Sieg über den Iran hin zu einem diplomatischen Erfolg in der Region verschöben, widerspricht Avivi entschieden. Sieg bedeute die Kombination beider Elemente: militärische Schläge und stabile Koalitionen. Nur so lasse sich eine dauerhafte hegemoniale Ordnung im Nahen Osten errichten, die zwei gefährliche Achsen gleichzeitig eindämme – die schiitische, vom Iran geführte, und die radikale sunnitische.
Auch die Lage im Libanon ordnet er in diese Gesamtstrategie ein. Die israelische Forderung, sich keinen weiteren Waffenstillstand aufzwingen zu lassen, setze sich nun durch. Eine Realität, in der israelische Städte und Soldaten gefährdet seien, während die Armee mit gebundenen Händen agiere, sei nicht hinnehmbar. Ministerpräsident Netanjahu habe in einer Videoansprache die Notwendigkeit unterstrichen, die Hisbollah zu zerschlagen. Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte hätten in den vergangenen Wochen rund 600 Terroristen getötet, in Summe seit Beginn der Kämpfe Tausende. Doch das genüge nicht – die Operationen müssten auf Beirut, die Bekaa-Ebene und den Norden des Landes ausgeweitet werden. Bereits jetzt verstärke die Armee ihre Angriffe deutlich.
Bemerkenswert sei zudem, dass die Vereinigten Staaten begonnen hätten, libanesische Offiziere mit Sanktionen zu belegen, die der Hisbollah nahestehen. Washington signalisiere damit, dass es keine doppelten Loyalitäten in der libanesischen Armee mehr akzeptiere. Eine effektive, vollständig der Regierung unterstellte Streitmacht sei das Ziel. Avivi rechnet damit, dass die Vereinigten Staaten Veränderungen in der libanesischen Regierung und Armee aktiv vorantreiben werden – ein langwieriger, aber notwendiger Prozess. Die libanesische Bevölkerung selbst, betont Avivi, sei mehrheitlich der iranischen Vorherrschaft überdrüssig und wünsche sich Normalisierung mit Israel.
Die Straße von Hormus und die langfristige Ordnung
Ein zentrales Element der amerikanisch-israelischen Strategie ist nach Darstellung Avivis die dauerhafte Sicherung der Straße von Hormus. Der Iran müsse so weit zurückgedrängt werden, dass er seine Kontrolle über die Meerenge verliere. Sollte die US-Regierung strategische Anlagen im Iran oder auf der Insel Charg angreifen, könne Teheran versuchen, im Gegenzug die Energieinfrastruktur der Golfstaaten zu treffen. Genau diese Gefahr erkläre, warum Trump derzeit auch Zwischenlösungen für die Ölausfuhr nicht ausschließe. Mittel- und langfristig laufe die Strategie aber darauf hinaus, dem Regime auch diesen Hebel zu entreißen.
Gaza und Hamas – nicht vergessen, nur verschoben
Auf die Frage nach den Prioritäten zwischen Iran und Libanon antwortet Avivi: Alles sei ein einziges, zusammenhängendes System. Hisbollah und Hamas seien letztlich verlängerte Arme der iranischen Macht. Die übergreifende Strategie laute, zuerst „den Kopf der Schlange“ zu treffen, also den Iran. Aktuell konzentrierten sich die Vereinigten Staaten stärker auf das iranische Dossier, während Israel den Schwerpunkt im Libanon setze.
Doch Hamas sei keineswegs aus dem Blick. Ein hochrangiger Offizier des Südkommandos habe ihm in dieser Woche bestätigt, dass die israelische Armee Hamas kontinuierlich zermürbe. Besonders gravierend sei die gezielte Tötung von Izz ad-Din al-Haddad, dem Kommandeur der Hamas-Kräfte – eine dominante Figur, deren Verlust nicht zu kompensieren sei. Das Südkommando sei jederzeit bereit, die Offensive wiederaufzunehmen, sobald die Bodentruppen, die derzeit überwiegend im Libanon im Einsatz seien, dafür frei würden. Der Gazastreifen werde demilitarisiert, Hamas zerschlagen werden – nur eben in einer späteren Phase.
Ein komplexes, aber konsistentes Gesamtbild
Avivis Bilanz fällt trotz aller Komplexität nüchtern-optimistisch aus. Es gebe einen Weg, den Krieg zu gewinnen, auch wenn dieser Zeit benötige und unzählige Variablen ins Spiel bringe. Die strategische Stoßrichtung in Jerusalem und Washington sei jedoch unverändert: Iran daran zu hindern, Atommacht zu werden, die Stellvertreterorganisationen Hisbollah und Hamas zu zerschlagen, die Straße von Hormus zu sichern und parallel dazu eine breite regionale Allianz zu schmieden. Ein begrenztes, befristetes Zwischenabkommen mit Teheran – etwa zur kurzfristigen Öffnung der Meerenge – schließt Avivi nicht aus. Ein umfassender Friedensschluss, der das nukleare Endziel preisgäbe, sei dagegen ausgeschlossen.
Vor diesem Hintergrund, so der General, sollten sich Beobachter weder von widersprüchlichen Schlagzeilen noch von vorübergehender diplomatischer Geschäftigkeit täuschen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kampfhandlungen gegen den Iran wiederaufgenommen würden, sei deutlich höher als die eines umfassenden Abkommens. Die Region stehe an einem Wendepunkt, dessen Konturen sich, wenn auch unter erheblicher Reibung, bereits klar abzeichneten.
Quelle: Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), in einem Briefing der IDSF Daily Briefings, veröffentlicht am 26. Mai 2026. Video: Surprise Attack on Iran Brewing as Trump Issues Ultimatum to Saudi Arabia.



