Der folgende Beitrag von Danny Burmawi1, von mir deutsch bearbeitet, ist ein pointierter Meinungsessay. Er arbeitet mit großen historischen Bögen und mit Zuschreibungen, die in der Forschung zur libanesischen Geschichte umstritten sind: Der Bürgerkrieg von 1975 hatte auch innerchristliche, sozioökonomische, syrische und israelische Konfliktlinien, und die politische Vielfalt muslimischer, drusischer und christlicher Akteure im Libanon lässt sich nicht auf eine einzige theologische Motivlage reduzieren. Damit ist der Text ein Diskussionsbeitrag, keine abgeschlossene historische Analyse. Gleichwohl meine ich, dass Entwicklungen, die in der deutschen Hauptstadt besonders erkennbar sind, Burmawis These, Beiruts Fehler werde zum Modell des Westens, untermauern. Kommentare wie immer erwünscht.

Wer das Casino du Liban in Jounieh betritt, steigt in eine verlorene Epoche hinab. Die Wände der Eingangshalle und der großen Galerien sind mit Schwarzweißfotografien aus den 1960er und frühen 1970er Jahren bedeckt: Präsident Camille Chamoun begrüßt ausländische Würdenträger, Charles Helou lächelt neben internationalen Staatsmännern, Fairuz singt auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, Hollywoodstars und europäischer Adel mischen sich unter die libanesische Elite. Bilder eines selbstbewussten, glamourösen Beirut, voller Eleganz, Modernität und Möglichkeiten. Man bleibt unwillkürlich stehen und fragt sich: Was ist mit dem Libanon geschehen?
Anfang der 1960er Jahre schickte Israels Tourismusministerium eine hochrangige Delegation nach New York. Der Auftrag: mit einer der renommiertesten Werbeagenturen der USA zu klären, wie sich Tel Aviv in ein zweites Beirut am Mittelmeer verwandeln ließe.
Denn Beirut war damals das unbestrittene Kronjuwel des Nahen Ostens, routinemäßig „Paris des Orients“ genannt. Die Stadt war die Finanzhauptstadt der arabischen Welt; Öl-Geld aus dem Golf floss durch ihre Banken. Sie war die medizinische Hauptstadt mit Kliniken, die Patienten aus der ganzen Region anzogen. Und sie war die Bildungshauptstadt, verankert in der American University of Beirut, dem „Harvard des Nahen Ostens“, deren Campus über dem Mittelmeer Generationen von Ärzten, Juristen, Ingenieuren und Intellektuellen hervorbrachte.
Elegante französische Architektur säumte die Corniche. Nachtclubs, Theater und Cafés blieben lange offen, Modehäuser, Galerien und Verlage blühten. Das libanesische Pfund war eine der stärksten Währungen der Entwicklungsländer, die Presse die freieste der arabischen Welt. Für ein kurzes, glitzerndes Zeitfenster zeigte Beirut, was der Nahe Osten hätte werden können: wohlhabend, offen, modern.
Getragen wurde dieses Gebäude, so Danny Burmawis Ausgangsthese, von den maronitischen Christen sowie den griechisch-orthodoxen, melkitischen und protestantischen Gemeinden. Sie errichteten das Bankensystem, die Bildungszentren, die Krankenhäuser und pflegten eine Rechts- und Politikkultur, die mehr Freiheit, Pluralismus und wirtschaftliche Dynamik zuließ als jedes andere arabische Land. Wo das historische Christentum im Nahen Osten Wurzeln schlug – bei den Maroniten des Libanon, den Assyrern in Irak und Syrien, den Kopten Ägyptens, den Armeniern der Levante –, hätten Christen konsequent gebaut.
Der Abstieg: eine Kette von Kompromissen
Während die libanesischen Christen ihre Energie ins Bauen legten, so der Autor, blieben große Teile der muslimischen Bevölkerung mit religiös motivierten Anliegen befasst, die wenig mit dem Libanon zu tun hatten. Der Libanon sei für viele kein Zweck an sich gewesen, sondern Teil einer größeren islamischen Umma; die letzte Loyalität habe nicht der Republik gegolten, sondern dem Kampf gegen die vermeintlichen Feinde des Islam, allen voran den entstehenden jüdischen Staat.
Als nach Israels Unabhängigkeitserklärung der arabisch-israelische Krieg ausbrach, geriet Beirut unter starken Druck der Arabischen Liga, der Militärkoalition beizutreten. Christliche Politiker, vor allem Maroniten, zögerten: Sie sahen keinen strategischen Grund, warum ein kleines, fragiles Mehrkonfessionenland seine Stabilität in einem fernen ideologischen Konflikt riskieren sollte. Die muslimische politische Klasse, gestützt auf panarabische Stimmung und Druck aus Kairo und Damaskus, bestand auf der Teilnahme.
Am Ende entsandte der Libanon nur ein einzelnes Infanteriebataillon mit begrenztem Kampfeinsatz. Doch die symbolische Entscheidung markierte laut Burmawi das erste Mal, dass die junge Republik ihre eigenen Interessen einer übergeordneten islamischen Sache unterordnete. Es sei der Beginn eines Musters gewesen, das sich über Jahrzehnte wiederholte: Christen gaben ihre Vorstellung vom Libanon im Namen der nationalen Einheit preis, während muslimische Führungen genau diese Einheit als Werkzeug für größere ideologische Ziele nutzten.
In den 1950er und 1960er Jahren beschleunigte sich das Muster unter dem Einfluss Gamal Abdel Nassers. Dessen panarabischer Nationalismus präsentierte sich als säkulare Modernisierungsideologie, diente aber als wirkungsvolles Vehikel, um islamische Identität und politische Ziele unter einem akzeptableren Banner neu zu behaupten. Nassers Radioansprachen, seine Aufrufe zur arabischen Einheit, seine antiwestliche und antiisraelische Rhetorik trafen bei der muslimischen Bevölkerung des Libanon auf tiefe Resonanz.
Die christlichen Führer versuchten zunächst, diese Welle einzuhegen: Sie hofften, der arabische Nationalismus lasse sich im konfessionellen System des Libanon domestizieren. Stattdessen untergrub er die christliche Vormacht systematisch. In der Krise von 1958 brachten muslimische Forderungen nach mehr Macht und engerer Anbindung an Nassers Vereinigte Arabische Republik das Land an den Rand des Zerfalls; Präsident Chamoun musste amerikanische Marines zur Wiederherstellung der Ordnung rufen.
Mit der Ankunft bewaffneter palästinensischer Milizen – der Fedajin von PLO und anderen Fraktionen – unterzeichnete die libanesische Regierung Ende der 1960er Jahre unter massivem Druck Ägyptens und radikaler arabischer Staaten das Kairoer Abkommen. Dieser Pakt gewährte der PLO faktisch extraterritoriale Rechte im Libanon: Die Lager wurden zu souveränen Enklaven jenseits der Kontrolle der Armee, der Süden verwandelte sich in „Fatahland“, eine Abschussbasis für Angriffe über die Grenze nach Israel.
Die Christen sahen zu, wie ihr Land zur Basis eines fremden Guerillakriegs wurde. Die palästinensische Sache, so Burmawi, sei in muslimischer Wahrnehmung nie wirklich um palästinensische Staatlichkeit gegangen, sondern Teil des größeren islamischen Kampfes gegen die „zionistische Entität“ gewesen. Wieder drängten muslimische Führungen die christliche politische Klasse zur Zustimmung im Namen arabischer Solidarität, wieder gab diese im Namen der Koexistenz nach. Das Ergebnis war katastrophal: Die PLO-Präsenz radikalisierte, destabilisierte den Süden und provozierte israelische Vergeltung. Was als Toleranz gegenüber einer angeblich säkularen nationalen Sache begann, wurde zum Träger eines religiös getriebenen Krieges im Innern.
Nach der israelischen Invasion von 1982 und der Vertreibung der PLO aus Beirut verschwand die Dynamik nicht, sie mutierte. Im Machtvakuum trat die Hisbollah an und übernahm das Mandat des „Widerstands“ – nicht als Dschihad deklariert, sondern als legitimer nationaler Widerstand, eine Formel, für die sich auch säkulare Libanesen gewinnen oder unter Druck setzen ließen. Teile der politischen Klasse, darunter Christen, arrangierten sich erneut oder vermieden die Konfrontation. Die Hisbollah verankerte sich in den Institutionen, baute im Süden und in den schiitischen Vororten einen Parallelstaat und nutzte Ressourcen, Territorium und politisches System des Landes für ihre eigenen Ziele.
Das Muster, das den Libanon zerstörte, sei stets dasselbe gewesen: Christen kompromittierten aus echtem Bau- und Koexistenzwillen mit Gruppen, deren letzte Bindungen theologisch und expansionistisch waren. Jede Konzession wurde als Pragmatismus oder Einheit verkauft. Jedes Mal erodierten die christlich gelegten Fundamente des Staates weiter.
Der neue Libanon
Genau dieser Prozess, so Burmawis zentrale These, wiederhole sich heute im christlich geprägten Westen. Islamische politische Anliegen träten, umetikettiert als säkulare und humanitäre Kämpfe, in eben jene Institutionen ein, die Christen einst schufen. Entstanden sei eine Koalition der Zweckmäßigkeit: sehr unterschiedliche Gruppen, jede mit eigener Agenda, konvergierten auf ein gemeinsames Projekt – den Westen als Abschussbasis gegen Israel zu nutzen und ihn gleichzeitig von innen auszuhöhlen.
Was einst offen als Dschihad ausgesprochen wurde, reise heute unter genießbareren Bannern: „palästinensische Rechte“, „antikolonialer Widerstand“, „globale Gerechtigkeit“, „intersektionale Befreiung“, „Menschenrechte“. Solche Formeln erlaubten es, in Universitäten, Medien, NGOs, Parteien und selbst Kirchen einzudringen, ohne den Alarm auszulösen, den frühere Generationen instinktiv geschlagen hätten. Der Kern bleibe die theologische und zivilisatorische Ablehnung jüdischer Souveränität und, in der Verlängerung, des christlichen Westens, der sie stützt – nur die Verpackung sei für den westlichen Konsum aktualisiert worden.
Diese Umetikettierung, argumentiert der Autor, rekrutiere hervorragend nichtmuslimische Verbündete, die islamische Theologie nie offen umarmen würden. Die Koalition sei breit und scheinbar widersprüchlich, halte aber zusammen, weil jeder Partner von der Schwächung der bestehenden Ordnung etwas Wesentliches gewinnt.
Die Bündnispartner
Jüngere Westler, in den letzten drei Jahrzehnten sozialisiert, seien in einer Erzählung zivilisatorischer Schuld erzogen worden: Die eigene Gesellschaft gelte als unheilbar rassistisch, kolonial, unterdrückerisch. Die Parteinahme für die „Unterdrückten“, derzeit verkörpert in der palästinensischen Sache, biete moralische Absolution und Sinn. Sie sähen sich nicht als Teilnehmer eines Religionskriegs, sondern als Kämpfer für Gerechtigkeit. Ihr Hass richte sich weniger gegen Juden als gegen die Zivilisation, die sie hervorbrachte – und Israel sei das perfekte Symbol dessen, was man sie zu verachten gelehrt hat: westlicher Erfolg, militärische Stärke, unentschuldigte Partikularität.
Klassische Antisemiten am äußeren rechten Rand und in Teilen der alten Linken hätten im Antizionismus ein sozial akzeptables Vehikel für einen alten Hass entdeckt. Was früher auf Verschwörungsmilieus und offenen Neonazismus begrenzt war, lasse sich heute in der respektablen Sprache von Menschenrechtsberichten, akademischen Konferenzen und Straßenprotesten ausdrücken.
Kommunisten und harte Linke sähen in der palästinensischen Sache die Fortsetzung ihres historischen Projekts: Israel als letzter Vorposten des westlichen Kapitalismus im Nahen Osten, dessen Fall ein Schritt zur Demontage der liberalen Ordnung sei. Islamische Theologie interessiere sie nicht, Macht schon; das Bündnis sei rein taktisch – nützliche Idioten auf beiden Seiten, jede Seite sei überzeugt, am Ende zu gewinnen.
Globalisten und Anhänger einer Weltordnung ohne Grenzen betrachteten starke Nationalstaaten mit ausgeprägter zivilisatorischer Identität als Hindernis. Nationale Souveränität, kulturelle Besonderheit und der jüdisch-christliche Moralrahmen stünden ihrer Vision homogenisierter Governance im Weg. Wer das Vertrauen des Westens in seine eigenen Grundlagen erodiere, beschleunige den Machttransfer an supranationale Institutionen; die universalistisch gerahmte palästinensische Sache diene dabei als Rammbock gegen das Partikulare.
Und schließlich jene Muslime, die aus einem explizit islamischen Rahmen operieren. Für sie sei die Sache theologisch: „Vom Fluss bis zum Meer“ sei keine Aussage über Grenzen, sondern eine eschatologische Absichtserklärung. Nicht eine Zweistaatenlösung stehe am Ziel, sondern das Projekt, das schon PLO und Nasserismus und heute Hisbollah und Hamas antreibe – die Unterwerfung des Westens unter islamische Dominanz, mit Israel als unmittelbarem und symbolischem Hindernis.
Gefährlich sei diese Koalition gerade deshalb, weil sie keine Zentrale brauche. Jede Gruppe bringe eigene institutionelle Macht, kulturelles Kapital und demografisches Gewicht ein: Die Linke kontrolliere Universitäten und große Teile der Medien, Globalisten dominierten internationale Organisationen und Stiftungen, muslimische Milieus stellten Fußtruppen, demografische Dynamik und den kompromisslosen ideologischen Kern. Gemeinsam hätten sie erreicht, was keine Fraktion allein geschafft hätte: die Kaperung der westlichen Moralsprache, die Bewaffnung westlicher Institutionen gegen den jüdischen Staat, die Erosion des westlichen Selbstverteidigungswillens.
Zerstörung ohne Artillerie
Der Vorgang spiegele den Libanon mit unheimlicher Präzision. Dort glaubten Christen, die gegen sie aufgestellten Kräfte eindämmen und domestizieren zu können; sie gaben im Namen der Einheit immer wieder nach, und jede Konzession stärkte jene Gruppen, die den von ihnen gebauten Staat schließlich zerstörten. Heute mache der Westen denselben Fehler, nur seien die Einsätze global. Die Toleranz, die palästinensische Milizen den Südlibanon in „Fatahland“ verwandeln ließ, erlaube nun ideologischen Enklaven, als Basis eines größeren zivilisatorischen Angriffs zu funktionieren.
Die Zerstörung komme diesmal nicht durch Panzer und Artillerie, sondern durch Instrumentalisierung des Rechts, demografische Transformation, institutionelle Übernahme und das langsame Aushöhlen kultureller Selbstsicherheit. Der Westen werde zur Plattform, zur neuen Abschussbasis, von der aus der Krieg gegen Israel und letztlich gegen die christlich geprägte Ordnung, die den modernen Westen möglich machte, wirksamer geführt werden könne als je zuvor.
Und wie der Libanon finanziere der Westen seinen eigenen Untergang: Seine Universitäten bilden die Aktivisten aus, die gegen ihn marschieren. Seine Medien verstärken die Narrative, die ihn delegitimieren. Seine Rechtssysteme werden genutzt, um jene zu schützen, die seine Ersetzung anstreben. Seine politische Klasse, in Angst vor dem Vorwurf der Intoleranz, verlängert genau die Toleranz, die gegen sie in Stellung gebracht wird.
Der christlich gebaute Westen wiederhole den Fehler des Libanon im zivilisatorischen Maßstab. Die Frage sei nur, wie weit dies gehen darf, bevor die Einsicht kommt – zu spät, wie einst in Beirut.
Danny Burmawi: The Lebanonization of the West. Autorenprofil: Danny Burmawi, IDI Center.



