Wer an Musik in der Liturgie denkt, denkt an Choräle, Gemeindegesang, Orgelvor- und nachspiele – und meint damit den christlichen Gottesdienst in einer Kirche. Zur jüdischen Liturgie fällt vielen gar nichts ein, außer der Vermutung, es gebe sie nicht: kein Instrument, keine Orgel, kein Chor im Gottesdienst. Dieses Nichtwissen ist Folge der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. In den Pogromen im ganzen Deutschen Reich wurden rund 1.400 Synagogen, Lehrhäuser und jüdische Einrichtungen zerstört – und mit ihnen Dutzende Orgeln, Klaviere und Harmonien samt der Musik, die für sie geschrieben worden war.
Ein Buch, das ein Jahrhundert zurückholt
Hier setzt der Sammelband „Hashivenu. Synagogale Musik aus Deutschland 1838–1938“ an, den die Kantoren Assaf Levitin und Amnon Seelig herausgeben und der am Abend des Laubhüttenfests, dem 25. September 2026, in der Edition Peters erscheint. Es ist der erste von acht geplanten Bänden einer Notenedition, die ein Repertoire wieder verfügbar macht, das als verloren galt.
Was 1838 begann
Die Jahreszahl 1838 ist kein editorischer Kniff, um ein Jahrhundert zu umfassen. In jenem Jahr erschien in Wien Salomon Sulzers „Schir Zion“, und mit ihm setzte sich eine überregional verbreitete Sammlung synagogaler Musik durch. Möglich wurde diese Epoche durch zwei parallele Entwicklungen: Juden erhielten Zugang zu den Musikakademien und wurden dort zu hochkompetenten Fachleuten für Chorleitung, Tonsatz und Gesang; und die jüdische Reformbewegung hob das Verbot von Orgel und anderen Instrumenten, vor allem am Schabbat, auf. Zu den musikalischen Neuerungen zählte auch die Beteiligung von Frauen am Synagogenchor.

Assaf Levitin, liberaler Kantor und stellvertretender Vorsitzender des Verbands der deutschen Kantoren, besteht darauf, den Rahmen nicht zu verkleinern. „Ich wäre ein bisschen enttäuscht, wenn das nur für Juden relevant ist“, sagt er im Musikjournal des Deutschlandfunks. Es handle sich um einen Korpus, der zunächst einmal deutsche Musik sei: in der Romantik geschrieben, von Komponisten aus Deutschland, ausgebildet bei berühmten deutschen Kollegen. „Und zufällig ist das auf Hebräisch geschrieben. Aber das ist Made in Germany und das ist erstklassige Musik, die keiner kennt“.
Wer die Klangwelt kennenlernen will, hört tatsächlich Mittel- und Spätromantik: vierstimmigen gemischten Chor, Kantorenstimme, Orgel. Die Orgeln selbst waren keine Sonderbauten. „Die jüdische Orgel unterscheidet sich nicht von gewöhnlichen Orgeln, wie sie in der Romantik gebaut wurden“, erklärt Levitin. Die Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße besaß ein gewaltiges Instrument mit vier Manualen; erhalten ist von dem Gebäude im Wesentlichen der Nebenbau mit der goldenen Kuppel.

Der Fund und seine Fallstricke
Vor rund zwanzig Jahren stellte die Universitätsbibliothek der Goethe-Universität Frankfurt digitale Scans von etwa 400 Musiktiteln jener Zeit online – rund 20.000 Seiten aus der Freimann-Sammlung, der größten Hebraica- und Judaica-Sammlung des europäischen Kontinents. Neben Louis Lewandowski stehen dort Namen, die selbst Fachleute für jüdische Musik nicht zwingend kennen.
Doch ein Digitalisat ist keine Ausgabe. Der Katalog ist lückenhaft, berichtet Levitin: Wer alle Fassungen des „Kol Nidre“ aus dieser Epoche sucht, muss jeden der 400 Titel einzeln öffnen. Dazu kommt die Schreibweise. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts sprach man aschkenasisches Hebräisch, und jeder Komponist transkribierte nach eigenem Gutdünken – „Kol Nidre“, „Kowl Nidrej“, „Kawl Nidreh“. Weil fast alles auf eigene Kosten gedruckt wurde, ist der Notensatz oft altertümlich und eng; an vielen Stellen finden sich Fehler in Noten oder Text. „Ohne kantorale Fachkenntnis ist es fast unmöglich, diese Werke aufzuführen“.
Die Herausgeber ziehen daraus eine praktische Konsequenz. Sie sind, wie Levitin sagt, „praktische Menschen“ und wissen, wie Chöre arbeiten: Die Werke wurden in digitalen Notensatz übertragen und die Umschrift nach einer eigens entwickelten Methode vereinheitlicht – nach modernem, sephardisch geprägtem Hebräisch, wie es heute in den meisten Synagogen weltweit gesprochen wird. Feinheiten wurden dabei bewusst geopfert: ein Zeichen für K, eines für T, eines für Ch, ohne Unterscheidung von Taw und Tet oder Kaf und Quf. Für Chorleitungen, die ja kein hebräisches Sprachcoaching engagieren können, ist das der entscheidende Unterschied. Der erste Band ist liturgisch geordnet und deckt den Freitagabend ab, Kabbalat Schabbat und Maariw; die folgenden Bände sollen dem Schabbat, den Hohen Feiertagen, den drei Wallfahrtsfesten, den kleineren Feiertagen und den Anlässen des Lebenszyklus gewidmet sein. Band 1 enthält 18 Stücke auf etwa 100 Notenseiten, dazu Transliterationstabellen, Übersetzungen und Kurzbiografien der Komponisten.
Ein Verlag und seine eigene Geschichte
Dass die Edition bei der Edition Peters erscheint, ist mehr als ein Qualitätssiegel, auch wenn Levitin es zunächst so beschreibt. Das Leipziger Haus gehörte einst dem jüdischen Verleger Max Abraham, der es an seinen Neffen Henri Hinrichsen vererbte; es wurde zweimal enteignet – 1939 durch die Nationalsozialisten, 1950 durch die in der DDR herrschende Partei. Erst 1993 erhielt die Familie eine Entschädigung.
„Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber man kann ehrlich mit ihr umgehen und, soweit möglich, etwas wiedergutmachen“, sagt Levitin. Er freue sich besonders, dass gerade ein Verlag, der in seiner Geschichte am Zum-Schweigen-Bringen jüdischer Musik beteiligt war, sich heute mit großem Einsatz dafür einsetze, sie zurück ins Licht zu holen. Der Verlag stellt seine jüdische Vergangenheit inzwischen bewusst heraus, mit großen Fotografien der ursprünglichen Eigentümer im Eingangsbereich des Verlags. Vorgestellt werden soll der erste Band Anfang Oktober bei der chor.com in Leipzig, der größten Konferenz deutscher Chöre.
Was der Titel verlangt
Der Name des Projekts ist ein Zitat aus der Liturgie, gesprochen, wenn die Torarolle in den Schrein zurückgelegt wird: „Haschiwenu Adonai elecha we-naschuwa, chadesch jamenu ke-kedem“ – Bring uns zurück zu dir, Ewiger, und wir kehren um, erneuere unsere Tage wie einst. Levitin liest darin einen Auftrag der Komponisten früherer Generationen, „die uns gleichsam anflehen, ihnen zu helfen, zurückzukehren und ihre Lobgesänge wieder erklingen zu lassen“.
Damit ist die eigentliche Frage gestellt, und sie liegt nicht beim Verlag. Ob diese Musik zurückkehrt, entscheiden Chöre und Gemeinden. Levitin macht sich hier keine Illusionen: Dass wieder ganze Gottesdienste nach Lewandowski oder Samuel Lampel gefeiert werden, erwartet er nicht. „Aber ich fände es erstmal sehr schön, wenn ein oder zwei Stücke zurück kämen.“ Noch schöner fände er, wenn jede Gemeinde wie einst eine eigene musikalische Identität entwickelte – Lampel war überwiegend in Leipzig bekannt, in München wirkte Emanuel Kirschner, und eine Reise durch Deutschland bedeutete damals, in jeder Gemeinde andere Musik zu hören.
Der Weg dorthin ist offen und liegt nicht nur in Synagogen. Konzertant, betont Levitin, darf im Judentum alles gesungen werden; in der Synagoge gelten eigene Regeln. Christliche und säkulare Chöre sind ausdrücklich eingeladen, auch Kirchenkonzerte sind denkbar. Es ist die vielleicht angemessenste Form der Wiederkehr: dass Musik, die als deutsche Musik geschrieben und als jüdische Musik ausgelöscht wurde, wieder dort erklingt, wo Menschen singen.
Ein Notenband kann keine Synagoge wiederaufbauen. Er kann aber verhindern, dass das Schweigen die letzte Fassung bleibt.
Quellen:
Deutschlandfunk, Musikjournal: „Assaf Levitin über die Wiederentdeckung jüdischer Musik ‚made in Germany‘“, 24.08.2026.
Ynet, „Die Orgel spielt wieder: Die verlorenen Werke des deutschen Judentums erwachen zu neuem Leben“ (haOrgel chosser lenagen: hajezirot haavudot schel jahadut Germanja kamot lit’chija), von Jogew Jisraeli, 30.08.2026.
Jüdische Allgemeine, „Woher haben Sie die Noten?“, Interview von Christine Schmitt mit Assaf Levitin und Christoph Koop, 10.08.2026.





