Oppenheimers Überblick || Als das Gefühl der Sicherheit verschwand
Vierzig Jahre lang sagte ich Israelis: Den Antisemitismus gibt es, aber ich spüre ihn nicht. Heute kann ich das nicht mehr sagen.
Schalom allerseits!
Den folgenden Abschnitt schreibe ich nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus. Ich schreibe ihn mit Trauer und Schmerz. Doch anders als sonst komme ich heute nicht sofort zur Sache, sondern beginne mit einer kurzen Einleitung.
Zum ersten Mal kam ich Anfang der 1980er Jahre nach Deutschland. Zunächst als Tourist, und ich besuchte Köln, Hannover und München. Etwa zwei Jahre später, 1985, kam ich als Student nach München. Ich kam bereits verheiratet, und da die Mieten dort schon damals hoch waren, fanden wir eine Wohnung in einer Kleinstadt etwa zwanzig Kilometer südöstlich des Stadtzentrums. Eine typisch bayerische Idylle.
Wir waren ein israelisches Ehepaar, allein inmitten einer deutschen Bevölkerung, die bemüht war, das etwas ungewöhnliche Studentenpaar freundlich und angenehm aufzunehmen. Man kann durchaus sagen, dass wir uns in dieser fremden Umgebung wohlfühlten. Hier entwickelte sich auch die Sichtweise, die mich viele Jahre in Deutschland begleiten sollte: Dass Antisemitismus eher ein Randphänomen sei und keinen zentralen Platz im deutschen Alltag einnehme.
Wir waren die einzigen Juden in einem recht großen Umkreis. Wir machten kein Geheimnis daraus, dass wir Israelis und Juden waren, und unsere Umgebung nahm uns freundlich auf. Hier und da gab es unangenehme Fragen, die aus Unwissenheit und mangelnder Kenntnis resultierten, aber echten Antisemitismus gab es nicht. Israelis, die mich danach fragten, erhielten von mir stets dieselbe Antwort: Antisemitismus existiert am Rand der Gesellschaft, er ist sicherlich vorhanden, aber ich spüre ihn nicht unmittelbar. Das war meine Wahrheit. Ich habe die Wirklichkeit nicht beschönigt.
Zugegeben, mein Erscheinungsbild macht meine jüdische Herkunft nicht sofort erkennbar, und mein Deutsch ist gut, sodass ich nicht besonders auffiel. Dennoch habe ich meine jüdische Identität niemals verborgen. Auch in späteren Jahren, als ich fünf Jahre lang unsere Kinder in Berlin großzog, haben wir unsere Herkunft nie versteckt. Wir sprachen Hebräisch auf der Straße und besuchten viele Orte mit jüdischer Geschichte, darunter auch solche, die mit einer schweren und schmerzhaften Vergangenheit verbunden sind.
Und dennoch hielt ich stets an der Überzeugung fest, dass Antisemitismus weitgehend ein Randphänomen sei – etwas, das man ernst nehmen, bekämpfen und dem man entgegentreten muss, das aber keinen Grund zur Angst bietet. Solange ich nicht gerade eine Veranstaltung von Neonazis besuche, so dachte ich, gibt es nichts zu befürchten.
So bestand für Juden in Deutschland ein Gefühl der Sicherheit – ob dieses Gefühl nun real oder nur vermeintlich war. Wir wussten, dass Antisemitismus existierte, doch aus unserer Sicht blieb er verborgen und hatte keinen Einfluss auf das tägliche Leben.
Leider hat sich diese Atmosphäre in den vergangenen Jahren zum Schlechteren verändert. Dieses Gefühl der Sicherheit ist verloren gegangen, und Juden fühlen sich in Deutschland nicht mehr so sicher wie früher. Die Gewissheit, unbehelligt und ohne Angst als Jude leben zu können, ist deutlich schwächer geworden.
Einer aktuellen Umfrage des Zentralrats der Juden in Deutschland zufolge, über die unter anderem die ZEIT berichtete, meldeten 46 von 102 jüdischen Gemeinden Bedrohungen in Form von einschüchternden Telefonanrufen, Hassbotschaften oder Angriffen auf religiöse Einrichtungen.
Die Daten wurden im Rahmen einer Reihe von Umfragen erhoben, die seit dem Massaker durchgeführt wurden, das Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 verübten – ein Ereignis, das von den Führungspersönlichkeiten der jüdischen Gemeinden in Deutschland als Wendepunkt für den gegen sie gerichteten Antisemitismus bezeichnet wird.
68 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Leben seitdem unsicherer geworden sei, und viele beschreiben die heutige Situation als eine „neue Normalität“. Infolge dieser Entwicklung verzichten zahlreiche Juden darauf, jüdische Symbole oder andere sichtbare Zeichen ihrer Identität im öffentlichen Raum zu zeigen.
Die Sicherheitslage wirkt sich inzwischen auch auf den Alltag aus: Manche Gemeinden sahen sich gezwungen, Veranstaltungen abzusagen, während andere nur unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen arbeiten können. Der Zentralrat der Juden in Deutschland betont, dass sich die Gemeinden in einem dauerhaften Ausnahmezustand befänden, und warnt vor einer Entwicklung, in der offener Antisemitismus zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Raums wird.
„Unsere Gesellschaft darf nicht zulassen, dass jüdisches Leben weniger sichtbar wird“, fasste Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, 2024 zusammen.
Diese Zahlen sind zweifellos bedeutsam, wenn nicht sogar alarmierend. Was ist in den vergangenen Jahren geschehen, das die Lage derart verschlechtert hat?
Zwei Entwicklungen haben dieses Bild besonders geprägt. Die erste ist die starke Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern nach Deutschland im vergangenen Jahrzehnt. Die zweite sind die Ereignisse, die auf den 7. Oktober 2023 folgten.
Wenn man über die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft in Deutschland sprechen kann, dann lässt sich sagen, dass sie in den vergangenen achtzig Jahren zu Toleranz gegenüber Juden sowie zu einer offenen oder stillen Unterstützung Israels erzogen wurde. Dieser Prozess war in vieler Hinsicht erfolgreich. Demgegenüber steht ein Teil der Menschen, die aus arabischen und islamischen Ländern eingewandert sind und oft weder mit der deutschen Erinnerungskultur noch mit der historischen Verantwortung Deutschlands vertraut sind. Zugleich werden viele von ihnen durch Medien, politische Narrative oder gesellschaftliche Diskurse geprägt, in denen Israel und alles, was mit Israel verbunden ist, sehr negativ dargestellt wird.
Dies hat dazu beigetragen, dass antisemitische Einstellungen und israelfeindliche Ressentiments in bestimmten Milieus stärker sichtbar geworden sind und sich nach dem 7. Oktober teilweise offen und aggressiv äußern. Für viele Juden in Deutschland verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Feindseligkeit gegenüber Israel und Feindseligkeit gegenüber Juden, da beides im Alltag häufig gemeinsam auftritt.
Hier stellt sich eine weitere Frage: Was kann man angesichts dieser großen Welle des Antisemitismus in Deutschland überhaupt tun?
Tatsächlich gibt es keine einfachen Lösungen, und die Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Doch die Hände in den Schoß zu legen, ist keine Option.
Da eines der größten Probleme unter Antisemiten in Unwissenheit sowie in mangelnden Kenntnissen der Geschichte und der heutigen Realität liegt, sehe ich Aufklärung und Bildung als den wichtigsten Ansatz. Das ist weder einfach noch immer leicht zugänglich – insbesondere nicht gegenüber Bevölkerungsgruppen, von denen ein Teil die deutsche Sprache nicht vollständig beherrscht. Dennoch sollte sich der Schwerpunkt der Bemühungen nach meinem Verständnis genau auf diesen Bereich richten.
Mir ist bewusst, dass es schwierig sein wird, Türen in Jugendzentren oder Einrichtungen zu öffnen, in denen bereits eine feindselige Haltung gegenüber Juden vorherrscht. Doch der Zugang zu Lehrkräften und Schulleitungen könnte möglicherweise Veränderungen bewirken. Wenn es gelingt, Wissen zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und historische Zusammenhänge verständlich zu machen, kann dies langfristig Wirkung entfalten.
Hinzukommen muss ein konsequentes Vorgehen der Polizei und der Justiz bei jeder Form antisemitischer Straftaten oder Übergriffe. Antisemitische Handlungen dürfen nicht verharmlost werden, sondern müssen klare rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
All das ist nicht leicht umzusetzen, und niemand sollte sich Illusionen über die Größe der Herausforderung machen. Aber wie bereits gesagt: Aufzugeben ist keine Option. Nur durch Bildung, Dialog, gesellschaftliches Engagement und die entschlossene Durchsetzung des Rechts lässt sich die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation bewahren.
Joram


