Oppenheimers Überblick || Galiläa ohne Gäste
Saubere Kirchen, verwahrloste Gassen, leere Märkte: Eine Fahrt in den Norden Israels endet mit einer Bitte, die man nicht überhören sollte.
Schalom allerseits!
Vor etwa zwei Wochen war die Tochter von Bekannten aus Deutschland bei uns zu Besuch, eine junge Frau, die für eine Art Sommersemester nach Israel gekommen war. Bei einem guten Essen, einem Glas Wein und einem tiefgehenden Gespräch über die Situation in Israel bot ich ihr an, sie auf eine Reise in den Norden des Landes mitzunehmen. Da sie, soweit ich weiß, aus einer gläubigen christlichen Familie stammt, schlug ich vor, den Schwerpunkt auf die Kirchen im Norden zu legen.
Sie nahm das Angebot gerne an, und gestern, am Samstag, nahmen wir auch unsere älteste Enkelin mit, ein neunjähriges Mädchen, und machten uns auf den Weg.
Zu unserer großen Überraschung freundeten sich die beiden jungen Damen schnell an und unterhielten sich die ganze Fahrt über auf Englisch. Es macht Spaß, einer neunjährigen Israelin und einer etwa 25-jährigen Deutschen dabei zuzuhören, wie sie miteinander Englisch sprechen. Die Globalisierung hat eben doch ihre Vorteile.
Die Fahrt verlief relativ zügig, da Samstag war und deshalb weniger Verkehr herrschte. Nach etwa einer Stunde und fünfzehn Minuten erreichten wir von der Landesmitte aus unser erstes Ziel: Nazaret.
Zu unserer Freude fanden wir ziemlich schnell einen Parkplatz — wir sind schließlich auf einer religiösen Mission, oder? — und machten uns auf den Weg zur Verkündigungsbasilika.
Hier erlebten wir unsere erste negative Überraschung. Die Straßen sind auf eine Weise schmutzig, die man eigentlich kaum beschreiben möchte: Verpackungsreste, Papier, trockene Blätter, herumliegende Schläuche und eigentlich jede Art von Müll, die man sich vorstellen kann, mitten in der Innenstadt. Eine ziemlich unangenehme Form der Verwahrlosung.
Nun gut, wir gingen weiter, und nachdem uns ein wunderbarer, intensiver Duft dazu gebracht hatte, einen Kaffeeladen zu betreten, kauften wir einen guten arabischen Kaffee mit Kardamom und gingen weiter zur Kirche.
Die Verkündigungsbasilika war das genaue Gegenteil der Straße: sauber, ordentlich, ruhig und von einer Aura der Heiligkeit erfüllt. Egal, ob man Christ oder Jude ist — man spürt diese besondere Atmosphäre. In der Kirche befand sich eine Gruppe von Nonnen, die still beteten, sowie eine Gruppe von Touristen aus Südamerika.
Für mich war der Höhepunkt des Besuchs der Moment beim Verlassen der Kirche. Wer den Ort kennt, wird sich sicherlich daran erinnern: Auf dem Weg nach draußen sieht man deutlich die archäologischen Ausgrabungen, die die großen Vorratsgruben der ursprünglichen Stadt freigelegt haben und die das antike Nazareth aus der Zeit Jesu zeigen.
Ob Jesus tatsächlich hier herumgelaufen ist — ich habe keine Ahnung. Aber ohne Zweifel befand sich hier das Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Einfach beeindruckend.
Als wir die Kirche verließen, gingen wir in Richtung Markt. Ein schöner arabischer Markt, nicht besonders groß. Ich erinnere mich allerdings an einen lebendigen, geschäftigen und lauten Markt — so, wie ein arabischer Markt eben sein sollte.
Doch hier kam die nächste negative Überraschung: Der Markt war menschenleer. Zwei oder drei Geschäfte waren geöffnet, einige Händler saßen gelangweilt vor ihren Läden, und ein älterer Araber saß auf einem Plastikstuhl und verkaufte Oliven aus Blechdosen.
Verglichen mit meiner Erinnerung an diesen einst so lebendigen Markt war das sehr traurig. Keine Touristen, und auch Israelis kommen nur noch selten hierher. Ich kaufte eine Dose Oliven, damit der nette und einsame Verkäufer wenigstens ein bisschen „Business“ machte. Dann schlenderten wir noch ein wenig herum und gingen auf demselben Weg zurück zum Auto. Keine besonders fröhliche Erfahrung.
Wir fahren weiter in Richtung See Genezaret. Nach etwa einer Stunde Fahrt, entlang der Grenze zwischen Unter- und Obergaliläa, erreichen wir Tabgha, den Ort, an dem Petrus und einige der Apostel gewesen sein sollen.
Wir betreten die Kirche der Brotvermehrung und sehen dort eine große Gruppe dunkelhäutiger Menschen. Auf meine Frage hin stellte sich heraus, dass sie aus Eritrea stammen. Da viele der Kinder Hebräisch sprachen, wurde mir klar, dass es sich um eritreische Christen handelt, die in Israel leben und in verschiedenen Berufen arbeiten. Eine interessante Bevölkerungsgruppe, der ich bisher noch nicht begegnet war.
Der Ort liegt direkt am Ufer des Sees Genezaret, und es war dort unglaublich heiß. Das Atmen fiel schwer, und auch das Gehen war anstrengend. Als wir schließlich am Auto ankamen, stellten wir fest, dass die Außentemperatur bei 39 Grad lag. Selbst für einen Israeli wie mich, der an heiße Tage gewöhnt ist, war das extrem.
Von hier aus fahren wir nur eine kurze Strecke weiter und kehren in ein Restaurant in der Nähe der Einfahrt nach Ginnosar ein. Es ist ein libanesisches Restaurant, das ich schon seit vielen Jahren kenne, und wieder erleben wir einen Moment, der einem das Herz zusammenschnürt: Das sehr große Restaurant ist fast leer.
Ich kenne diesen Ort aus einer Zeit, als draußen Reisebusse standen und drinnen das Stimmengewirr der Touristen den ganzen Raum erfüllte. Diesmal nicht.
Das libanesische Essen dort ist hervorragend. Mir hat es sehr gut geschmeckt. Für diejenigen, die sich mit der libanesischen Küche auskennen: Neben dem traditionellen Hummus bestellten wir Fattoush, einen typischen libanesischen Salat mit Minze, Sumach und zerbrochenem Fladenbrot. Als Hauptgerichte bestellten wir für die Damen Arajes — geviertelte Fladenbrote, gefüllt mit Hackfleisch —, für mich einen Kebab mit einer sehr scharfen Soße und für unsere Enkelin ein Schnitzel. Es war ausgesprochen lecker.
Ganz leer war das Restaurant dann doch nicht. Es waren einige israelische Familien da. Aber verglichen mit dem lebhaften Ort, den ich aus früheren Zeiten kenne, wirkte es fast verlassen.
Ich sprach mit dem Kellner, der sich als Besitzer des Restaurants herausstellte. Er ist ursprünglich ein libanesischer Araber, und die Geschichte, wie er nach Israel gekommen ist, wäre eine eigene Erzählung wert. Er berichtete mir, dass er kaum noch seinen Lebensunterhalt verdient. Er hat aufgehört, Mitarbeiter zu beschäftigen; inzwischen arbeiten dort nur noch er und seine engste Familie.
Auch hier: ein Anblick, der einem das Herz zusammenschnürt.
Von hier aus fuhren wir weiter zur Kirche der Bergpredigt. Es war nur eine kurze Strecke, und schon waren wir dort — wieder bei extremer Hitze.
Die Kirche und der Garten rundherum gehören zu den schönsten Orten des Landes. Der weite Blick über den See Genezaret und auf die Golanhöhen auf der anderen Seite ist einfach ein Motiv, das man malen, fotografieren oder auf jede andere erdenkliche Weise festhalten möchte. Man kann diesen Anblick in sich aufnehmen und wird einfach nicht satt davon.
Auch dieser Ort hat etwas zutiefst Beeindruckendes. Die Kirche selbst ist klein und, wie viele alte Gebäude in dieser Gegend, aus Basaltstein gebaut. Auch hier herrschen Ordnung, Sauberkeit und eine geradezu vollkommene Ruhe. Der wunderschöne Garten rund um die Kirche trägt zu der beinahe magischen Atmosphäre bei.
Das war’s. Damit war unser Ausflug gestern zu Ende.
Und damit komme ich zu einer Bitte, die gar nicht so klein ist: Wer möchte und die Möglichkeit dazu hat — zögern Sie nicht, kommen Sie zu Besuch und bringen Sie den Tourismus wieder in Gang. Die Orte hier sind beeindruckend und wunderschön. Es gibt kaum etwas Interessanteres als einen Besuch in Israel, und ja — man kann hier durchaus eine schöne Zeit verbringen.
Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht wie eine Werbung des israelischen Tourismusministeriums. Das ist jedenfalls nicht meine Absicht.
Bis bald,
Joram


