Oppenheimers Überblick || Zwischen Schutzraum und Ungewissheit: Leben unter iranischem Dauerbeschuss
Zwei Tage Raketenbeschuss, keine Pause, kein Plan – ein Augenzeugenbericht aus Israel über Nerven, Hunde und die Frage, wohin der Nahe Osten steuert.
Schalom allerseits!
Seit zwei Tagen hat sich mein Leben – hat sich das Leben in Israel – auf einen einzigen Rhythmus reduziert: Alarm, Schutzraum (Miklat), warten, raus – und wieder von vorn. Wir sitzen in engen Kellerräumen, Smartphones in der Hand, und scrollen uns durch Nachrichtenportale, Facebook und Instagram. Nicht weil wir es wollen, sondern weil die nächsten zehn Minuten irgendwie überbrückt werden müssen – ohne Streit mit den Nachbarn, ohne sich über unruhige Kinder aufzuregen.
Das wäre vielleicht noch erträglich, wenn die iranische Seite wenigstens gelegentliche Pausen einplanen würde – eine Art ungeschriebene Waffenruhe des Alltags. Doch die Realität sieht anders aus. Das Feuer ist nahezu ununterbrochen, auch nachts. Zwischen einem Einschlag und dem nächsten Alarm bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Die Folge ist eine geradezu absurde Logistik des Überlebens: Selbst der Gang zur Toilette will koordiniert sein, muss in die wenigen ruhigen Minuten gequetscht werden, synchronisiert mit anderen Bedürfnissen.
Ja, es gab Pausen – manchmal sogar längere. Doch niemand weiß, wann die nächste kommt. In einer halben Stunde? In fünf Minuten? Oder erst in drei Stunden? Eine echte Zwickmühle, die jeden noch so banalen Entschluss zur Qual werden lässt.
Das Problem mit dem Hund
Inmitten all dieser Unwägbarkeiten tritt ein sehr praktisches Problem zutage: Wann gehe ich mit dem Hund raus? Auch der treueste Vierbeiner, der sich trotz allem mustergültig benimmt, braucht irgendwann Auslauf – und hat naturgemäß keinerlei Verständnis für die militärstrategischen Überlegungen Trumps, Netanjahus oder der iranischen Armeeführung.
So lebt man also – in einem Zustand permanenter Erwartung des nächsten Sprints in den Miklat, während man vergeblich versucht zu verstehen, was gerade geschieht und was die Zukunft bringen wird. Die ehrliche Antwort lautet: Wir haben keine Ahnung.
Was wir stattdessen haben, ist eine nicht enden wollende Parade von Fernsehkommentatoren, die dem Publikum erklären, was es ohnehin schon weiß: dass Israel und die USA den Iran angegriffen haben, dass dabei offenbar beachtliche, vielleicht sogar beeindruckende Erfolge erzielt wurden – und dass der iranische Oberste Führer inzwischen wohl seinen imaginären Paradiesgott anruft und sich an einer unbestimmten Anzahl von Jungfrauen erfreut, die ihm das Jenseits versüßen sollen. All das im Monat Ramadan.
Langweilig wird es im geliebten Nahen Osten wirklich nie.
Der Golf steht in Flammen
Doch inzwischen hat der Konflikt eine neue Dimension erreicht. Die Iraner begnügen sich offenbar nicht damit, Israel unter Dauerbeschuss zu halten – sie setzen gleich den gesamten Golf in Brand. Raketen schlagen in Riad ein, in Dubai, Abu Dhabi, Doha, Manama und Kuwait. Gleichzeitig werden Amman in Jordanien und Erbil, die Hauptstadt der kurdischen Region im Irak, von schiitischen Milizen mit Drohnen angegriffen. Neueste Berichte deuten sogar darauf hin, dass nun auch Oman attackiert wird – jenes Land, das bislang als ehrlicher Vermittler galt und von allen Seiten respektiert wurde.
Der gesamte Nahe Osten gleicht inzwischen Tel Aviv. Was wie eine koordinierte Eskalationsstrategie aussehen könnte, wirkt in Wahrheit eher wie ein kollektiver Nervenzusammenbruch als wie geordnete Kriegsführung.
Die Kunst der Vorhersage – und ihre Grenzen
Wohin führt das alles? Der Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr soll einmal gesagt haben: „Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Bohr hatte recht – und diese Einsicht drängt sich gerade mit besonderer Kraft auf.
Noch letzte Woche hätte ich mit einer Reihe beeindruckender, aber letztlich völlig falscher Argumente begründet, warum ein amerikanischer oder israelischer Angriff auf den Iran in naher Zukunft unwahrscheinlich sei. Was folgt daraus? Dass auch meine heutige Einschätzung mit gehöriger Vorsicht zu genießen ist. Sie ist ein Versuch zu verstehen, was geschehen könnte – nicht mehr und nicht weniger.
Mullahs, Moderate und die Frage der Macht im Iran
Was den Iran betrifft: Ein vollständiger Zusammenbruch des Mullah-Regimes erscheint mir wenig wahrscheinlich. Realistischer ist eine deutliche Schwächung der Hardliner und ein schrittweiser Eintritt moderaterer Kräfte in die Regierung. Dass die bisherige Führungsriege einen schweren Schlag erlitten hat, steht außer Frage. Das zentrale Problem jedoch bleibt: Eine alternative Führung, die bereit und in der Lage wäre, die Macht zu übernehmen, ist schlicht nicht in Sicht.
In Israel ist derweil mit einer politischen Stärkung Netanjahus zu rechnen. Alles deutet darauf hin, dass er die aktuelle Lage für vorgezogene Neuwahlen nutzen will – das dürfte sein nächster Schritt sein.
Die amerikanische Frage und ein israelisches Unbehagen
In den USA weiß man, wann die nächsten Präsidentschaftswahlen – und zunächst vor allem die Zwischenwahlen – stattfinden. Und als Israeli betrachte ich dieses Datum mit echter Sorge. Die Beziehungen zwischen Israel und der Demokratischen Partei sind praktisch abgebrochen. Sollten die Demokraten an die Macht zurückkehren, wird es für uns außerordentlich schwierig werden, jene amerikanische Unterstützung und Rückendeckung zu erhalten, von der wir derzeit in so entscheidendem Maße profitieren.
Die Golfstaaten – reich, besorgt und schlecht vorbereitet
Was die übrigen Staaten des Nahen Ostens betrifft: Es sind wohlhabende Länder – aber auch tief verunsicherte. Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und ihre Nachbarn sind es schlicht nicht gewohnt, Raketen auf ihrem Boden einschlagen zu sehen. Und sie verfügen nicht über jene ausgereiften Verteidigungssysteme, die Israel über Jahrzehnte mühsam aufgebaut hat.
Israelis, die in Dubai leben, beklagten sich bereits, dass es keine funktionierenden Alarmsysteme gab, die sie rechtzeitig in Sicherheit – in einen Schutzraum – gebracht hätten. Wie die Warnsysteme in den anderen betroffenen Ländern funktioniert haben, oder ob sie überhaupt vorhanden waren, bleibt unklar.
Regierungswechsel in diesen Staaten sind nicht zu erwarten. Wohl aber eine tiefgreifende sicherheitspolitische Neuausrichtung: der Erwerb von Frühwarnsystemen und Abfangraketen steht bevor – und vorzugsweise aus Israel. Damit zeichnet sich eine reale Chance auf Annäherung zwischen Israel und den Golfstaaten ab, ob offen oder hinter den Kulissen.
Tarantino im Miklat
Einen kleinen Lichtblick bietet die Situation dennoch: Quentin Tarantino, der berühmte Regisseur, der seit einigen Jahren in Tel Aviv lebt, sitzt wie wir alle in seinem Schutzraum – und macht dieselben Erfahrungen wie der Rest der Bevölkerung. Mal sehen, ob daraus irgendwann ein Film wird…
Bis zum nächsten Mal: Bleibt gesund. Und ich hoffe, dass wir bald alle ein klareres Bild davon haben, was hier gerade wirklich geschieht.
Joram


