Oppenheimers Überblick || Sieg ohne Ziel
Israel hat militärisch beeindruckt und fühlt sich dennoch nach erfolgreichen Angriffen enttäuscht. Joram beschreibt die Kluft zwischen operativer Stärke und politischer Ohnmacht.
Schalom allerseits!
Etwa zwei Wochen nach dem Ende des zweiten Iran-Krieges feierte Israel seinen 78. Unabhängigkeitstag. Eigentlich wäre das ein Grund zum Feiern. 78 Jahre nach der Gründung Israels stehen wir inmitten des Nahen Ostens mit Beweisen dafür, dass wir stark und stabil sind, mit guten militärischen wie auch wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Erfolgen. Es geht uns gut, danke, dass Ihr an uns denkt und dass Ihr Euch um uns sorgt. Und doch feiern wir heute unsere Unabhängigkeit mit einem bitteren, vielleicht sogar sauren Geschmack.
Unsere Luftwaffe erzielte enorme Erfolge und zeigte dabei operative Fähigkeiten auf höchstem Niveau. Es wurde auch bewiesen, dass die vom Mossad gelieferten Geheimdienstinformationen ausgezeichnet waren. Warum also herrscht in der israelischen Öffentlichkeit ein allgemeines Gefühl der Enttäuschung?
Erstens, weil ein vollständiger Sieg versprochen wurde, einschließlich eines Regimewechsels in Teheran. Das ist nicht eingetreten.
Zweitens, weil uns die Einstellung der Kampfhandlungen aufgezwungen wurde, ohne dass wir direkt in den politischen Prozess darum eingebunden waren. Es entstand der Eindruck, dass die israelische Regierung aus den Verhandlungsräumen herausgehalten wurde und Entscheidungen getroffen wurden, ohne uns zu fragen oder zu konsultieren.
Drittens: Die Öffentlichkeit in Israel schätzt zwar die Erfolge der ersten Kriegstage sehr, lief jedoch bis zum Ende der Kämpfe weiterhin mehrmals täglich in Schutzräume und Sicherheitszimmer. Nach anderthalb Monaten ununterbrochenen Beschusses auf unsere Städte und Ortschaften war die Bevölkerung erschöpft. Hätte es das Gefühl gegeben, dass wir in kurzer Zeit die Ziele erreichen würden, bin ich überzeugt, dass die Öffentlichkeit geduldiger gewesen wäre und dies akzeptiert hätte. Doch das Gefühl war, dass sich der Krieg ohne Zweck und ohne Fortschritt hinzieht.
Und der letzte, vielleicht wichtigste Grund: Keines der definierten Ziele – ein Regimewechsel in Teheran, die vollständige Zerschlagung des iranischen Atomprogramms und die Ausschaltung der iranischen Raketenbedrohung – wurde vollständig erreicht. Haben wir Schaden zugefügt? Ja. Haben wir die Mission erfüllt? Nein. Daher rühren die unangenehmen Gefühle in der Öffentlichkeit.
Zusätzlich zur Kampagne gegen den Iran muss auch die Auseinandersetzung im Libanon erwähnt werden. Auch dort entstand eine Kluft zwischen militärischen Erfolgen gegenüber der Hisbollah und der politischen Unfähigkeit, diese Erfolge zugunsten Israels zu nutzen. Auch diese Kampagne wurde durch ein amerikanisches Abkommen ohne direkte Beteiligung Israels unterbrochen.
Auch hier entstand ein Gefühl der verpassten Gelegenheit, denn obwohl die israelischen Streitkräfte ihre Aufgaben erfolgreich erfüllten, ließ der Waffenstillstand die Hisbollah weiterhin dominant im Libanon und in der Lage, Ortschaften im Norden Israels anzugreifen. Diese Ortschaften waren schwerem Beschuss ausgesetzt, die zu Verlusten und zu einem Gefühl der Unsicherheit führten.
Meines Erachtens beruht ein erheblicher Teil der Kritik an den Ergebnissen der Kampagne auf der unzureichenden Nutzung der militärischen Erfolge für politische Vorteile. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Leistungen der israelischen Luftwaffe zu Beginn der Kampagne groß und beeindruckend waren. Die Fähigkeit, die iranische Führung anzugreifen und eine Reihe militärischer Ziele zu treffen, war äußerst beeindruckend. Dennoch wirkten sich zwei Faktoren zu unserem Nachteil aus:
Erstens führte der Versuch, den Krieg ohne ein realistisches Enddatum fortzusetzen, dazu, dass die israelische Öffentlichkeit, die durch das ständige Aufsuchen von Schutzräumen erschöpft war, unnötig unter Druck geriet.
Zweitens entstand ein klares Gefühl, dass die zu Beginn des Krieges gesetzten Ziele – ein Regimewechsel, die vollständige Vereitelung des Atomprogramms und die vollständige Ausschaltung der Raketenbedrohung – nicht realistisch und nicht in unserer Reichweite sind.
Wie geht es von hier aus weiter?
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sind äußerst problematisch. Es scheint sich um ungleich starke Parteien zu handeln, die gezwungen und widerwillig an den Verhandlungstisch kommen. Die Iraner zeichnen sich durch langwierige Verhandlungen aus. Sie verspüren keinen Zeitdruck, und die Gespräche können sich sehr lange hinziehen, solange das Ergebnis ihren Vorstellungen entspricht.
Auf der anderen Seite werden die USA von Trump geführt, der kurze und fokussierte Verhandlungen bevorzugt, an deren Ende er sich als Sieger darstellen kann.
Das ist eine komplexe Situation, in der es durchaus möglich ist, dass eine der Parteien eine Rückkehr zu Kampfhandlungen anstrebt – sei es auch nur als taktischer Schritt innerhalb der Verhandlungen.
Aus israelischer Sicht: Derzeit agieren wir weniger initiativ und versuchen vor allem zu reagieren. Israel wird sein strategisches Selbstverständnis im Nahen Osten neu überdenken müssen. Wir haben sehr hohe operative Fähigkeiten bewiesen und gezeigt, dass wir über Technologie auf höchstem Niveau verfügen, die es ermöglicht, der Zivilbevölkerung einen Schutzschirm zu bieten.
Meiner Einschätzung nach werden wir neue Allianzen schließen und die Beziehungen zu weiteren Staaten stärken müssen, die an den jüngsten Kampfhandlungen beteiligt waren – wie Saudi-Arabien und andere Länder im Golfraum.
Wenn es uns gelingt, dies zu erreichen, wird die Sicherheit gestärkt und die Stellung Israels in der Region und in der Welt verbessert.
Joram


