Oppenheimers Überblick || Stärke neu denken: Israels Weg führt über die Diplomatie
Israel hat Teheran erreicht – aber seine Kriegsziele verfehlt. Was, wenn die nächste Sicherheit nicht aus Luftangriffen kommt, sondern aus Bündnissen mit unseren erbittertsten Gegnern?
Schalom allerseits!
Israel ist enttäuscht. Sogar sehr enttäuscht von dem Abkommen – oder genauer gesagt von dem Memorandum of Understanding, das die Amerikaner mit dem Iran unterzeichnet haben. Das Versprechen, die nukleare Option des Iran zu beseitigen, wird sich offenbar nicht erfüllen – sicherlich nicht angesichts des sich abzeichnenden Abkommens, bei dem Israel offensichtlich vom Verhandlungstisch ausgeschlossen wurde.
Auch wenn nicht alle Details des Abkommens bekannt sind, stehen einige Punkte fest: Im Memorandum of Understanding zwischen dem Iran und den USA wurde festgelegt, dass jedes endgültige Abkommen ein Wiederaufbauprogramm für den Iran im Umfang von 300 Milliarden US-Dollar umfassen wird. Die USA werden eingefrorene iranische Vermögenswerte nach der offiziellen Unterzeichnung des Memorandums freigeben. Während der Verhandlungen über das endgültige Abkommen werden die USA weder neue Sanktionen verhängen noch ihre Streitkräfte in der Region verstärken.
Und das größte Problem von allen: Der Iran wird das auf seinem Staatsgebiet vorhandene angereicherte Uran behalten dürfen, das offenbar für etwa zehn Atomwaffen ausreicht.
Daraus ergibt sich, dass Israel seine Kriegsziele faktisch nicht erreicht hat. Diese bestanden in der Zerstörung des iranischen Atomprogramms, einer erheblichen Schwächung der iranischen Fähigkeiten im Bereich ballistischer Raketen sowie einem Regimewechsel hin zu einer Regierung, die Israel und dem Westen wohlgesonnener wäre. Das war der Plan.
In der Praxis wurde zeitweise ein erfolgversprechender Versuch unternommen, diese Ziele zu erreichen. Letztlich endete der Krieg jedoch, ohne dass sie verwirklicht wurden. Die Gründe für dieses Scheitern sind vielfältig; ich will nur einige davon nennen:
Die mögliche Schließung der Straße von Hormus wurde nicht ausreichend berücksichtigt – ebenso wenig wie die enormen Auswirkungen eines solchen Schrittes auf die strategischen Überlegungen der USA, die anfangs eng und umfassend mit Israel kooperierten.
Die Annahme, ein Regimewechsel der Ajatollahs lasse sich durch Luftangriffe herbeiführen, erwies sich als falsch.
Die Golfstaaten, von denen Israel ursprünglich Unterstützung erwartet hatte, verhielten sich letztlich zurückhaltend, warteten die Entwicklungen ab und handelten jeweils nach ihren eigenen Interessen und politischen Prioritäten.
Israel war einer beträchtlichen Zahl von Raketenangriffen ausgesetzt; obwohl die Bevölkerung insgesamt widerstandsfähig erschien, hätte man berücksichtigen müssen, dass auch die zivile Belastbarkeit ihre Grenzen hat.
So gelangte man zu einer Situation, in der die israelische Führung nach einem sehr starken und vielversprechenden Beginn gezwungen war, die amerikanischen Vorgaben zu akzeptieren, obwohl die gesetzten Ziele nicht erreicht worden waren. Das ist zweifellos eine Enttäuschung.
Trotz allem weigere ich mich, pessimistisch zu sein, und teile die düstere Stimmung, die derzeit in Israel vorherrscht, nicht.
Freunde, Israel ist ein starkes Land mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und einer bemerkenswerten Widerstandskraft gegenüber Druck. Es verfügt über bekannte militärische Fähigkeiten; hinzu kommen technologische Kompetenzen, die heute weltweit nur selten zu finden sind, sowie ein erheblicher gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Es stimmt, dass die jüngste Auseinandersetzung zumindest teilweise mit einem Misserfolg endete. Doch dieses Ereignis sollte zu einem Umdenken in Israel führen – und ich glaube, ein solcher Wandel beginnt sich bereits langsam abzuzeichnen.
Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, militärische Macht könne jedes Problem lösen und wir könnten bei jeder Herausforderung auf das Militär zurückgreifen. Diese Denkweise muss sich ändern. Die militärischen Möglichkeiten haben ihre Grenzen – insbesondere in den äußerst komplexen Konfliktfeldern, in denen wir uns bewegen.
Wer glaubt, wir könnten allein mit militärischen Mitteln gegenüber dem Iran, dem Libanon, den Huthi im Jemen und den Palästinensern bestehen, der irrt. Wir müssen unseren diplomatischen Arm stärken und Bündnisse mit anderen Staaten aufbauen – auch mit Ländern, die problematisch oder sogar sehr problematisch sein mögen.
Ich weiß, dass dies derzeit sehr weit entfernt erscheint und dass der Zeitpunkt im Moment nicht günstig ist. Doch wenn wir uns ernsthaft um Bündnisse mit Staaten in der Region bemühen, können wir unsere Position stärken.
Mir ist die Feindseligkeit Präsident Erdoğans gegenüber Israel vollkommen bewusst. Dennoch könnte meiner Einschätzung nach ein diplomatischer Vorstoß – verbunden mit einer veränderten Herangehensweise an die palästinensische Frage – dazu beitragen, dies zu ändern.
Das ist nicht einfach und kann nicht von heute auf morgen geschehen. Aber wenn wir in der Lage waren, Teheran anzugreifen, dann werden wir auch in der Lage sein, die Beziehungen zur Türkei zu entspannen. Und was für die Türkei gilt, gilt auch für weitere Staaten in der Region.
Nehmen wir zum Beispiel Syrien, das ebenfalls abwartet und die Entwicklungen in der Region aufmerksam verfolgt. Auch Syrien könnte ein Ziel diplomatischer Veränderungen sein. Natürlich gilt das ebenso für Saudi-Arabien, das erwartet, dass wir unsere Haltung gegenüber den Palästinensern überdenken.
Das ist nicht einfach, und es wird Zeit brauchen. Aber wir müssen unsere Kräfte stärker auf die Diplomatie konzentrieren und zugleich unsere militärische Strategie anpassen, nachdem sich gezeigt hat, dass sich nicht alle Ziele durch Luftangriffe oder andere militärische Maßnahmen erreichen lassen.
Ich weiß, dass das unrealistisch und von der Wirklichkeit losgelöst klingen mag. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Aber hätte man Theodor Herzl gefragt, wie wahrscheinlich es sei, dass seine Vision innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem erfolgreichen und prosperierenden Staat werde, hätte auch er vermutlich traurig gelächelt und erklärt, die Idee sei zwar schön, aber nicht wirklich realistisch.
Bleibt optimistisch! Das kann uns allen nur helfen.
Joram



Gut gebrüllt, Herr Oppenheimer. Danke und Schalom!