Oppenheimers Überblick || Wir haben uns gewöhnt
Iran? In den Fernsehstudios zittert man, im Rest des Landes trinkt man Kaffee. Ein Bericht aus einem Israel, das von Männern abhängt, denen niemand so recht traut.
Schalom allerseits!
Die derzeit am häufigsten gestellte Frage in Israel lautet: Wird Israel in einen Krieg mit dem Iran verwickelt werden? Natürlich kennt niemand die Antwort, denn sie hängt von zwei Faktoren ab, die nicht in unserer Hand liegen:
Welche Entscheidung Donald Trump treffen wird.
Ob die Iraner uns angreifen und damit den ultimativen Vorwand liefern, in den Krieg einzutreten.
Unter normalen Umständen könnte man erwarten, dass die Bevölkerung in einer solchen Situation angespannt ist, dass die Menschen Vorräte einkaufen, ihre Häuser mit Lebensmitteln auffüllen und in gespannter Erwartung in ihren Wohnungen ausharren. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Wir haben uns daran gewöhnt. Niemand stürmt den nächstgelegenen Supermarkt, und in den Schutzräumen gibt es bereits genügend Wasservorräte, sodass nichts nachgefüllt werden muss.
Die israelische Bevölkerung hat sich an diese Situation gewöhnt und begegnet der jüngsten Zuspitzung der Spannungen mit Gelassenheit und bemerkenswerter Ruhe. Der einzige Ort, an dem versucht wird, künstlich Spannung zu erzeugen, sind die Fernsehstudios. Für sie sind Spannungen mit dem Iran ein Anlass zur Freude und eine Gelegenheit, die Einschaltquoten zu steigern.
So sind wir den Entscheidungen einiger Politiker ausgeliefert – wie soll ich sie beschreiben? Nicht gerade die stabilsten oder vertrauenswürdigsten Persönlichkeiten.
Da haben wir unseren Freund Donald, Mojtaba Khamenei und auf unserer Seite unseren Freund Netanjahu. Sagen wir es so: Keinem von ihnen würde ich besondere Verlässlichkeit oder Stabilität zuschreiben. Wobei – eigentlich ist Mojtaba durchaus beständig. Nur eben nicht die Art von Beständigkeit, von der ich abhängig sein möchte, wenn es um Entscheidungen von solcher Tragweite geht.
Soweit ich die Lage verstehe, ist Israel derzeit daran gehindert, einen Angriff zu beginnen, solange es kein grünes Licht von Trump gibt, der es im Moment offenbar bevorzugt, dass Israel sich aus einer direkten Konfrontation heraushält. Sollte Israel jedoch vom Iran angegriffen werden, hätte es eine klare Rechtfertigung für eine Militäroperation gegen den Iran – und eine solche Gelegenheit würde Israel wahrscheinlich nutzen.
Was Khamenei betrifft: Abgesehen von seinen öffentlichen Erklärungen haben wir kaum Möglichkeiten, seine tatsächlichen Pläne oder Absichten einzuschätzen. Deshalb befinden wir uns derzeit in einer Situation großer Unsicherheit und wissen nicht, in welche Richtung sich die Ereignisse entwickeln werden.
Ein weiterer Punkt, den man im Auge behalten sollte: In Israel kursieren Gerüchte, dass es an Abfangraketen und anderer Luftverteidigungsausrüstung mangelt. Es handelt sich zwar nur um Gerüchte, sie fließen jedoch in die strategischen Überlegungen Israels ein. Seit einiger Zeit gibt es Berichte, wonach die Bestände an Luftverteidigungsmitteln stark beansprucht und die Reserven weitgehend aufgebraucht seien. Wie die tatsächliche Lage aussieht, weiß ich nicht. Klar ist jedoch, dass auch dieser Faktor in die Gesamtbewertung der Situation einbezogen werden sollte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lage zwar angespannt wirkt, die Mehrheit der israelischen Bevölkerung dieser Spannung jedoch mit bemerkenswerter Gelassenheit begegnet. Das liegt zum einen daran, dass aus den USA immer wieder Stimmen zu hören sind, die Verhandlungen gegenüber einer militärischen Eskalation den Vorzug geben, und dass Trump diesen Positionen offenbar Gehör schenkt. Zum anderen herrscht in Israel das Gefühl vor, ähnliche Phasen der Anspannung bereits mehrfach erlebt zu haben. Entsprechend lässt sich die Öffentlichkeit davon kaum noch beunruhigen und möchte ihr Alltagsleben weitgehend normal fortsetzen.
Joram


