Präsident Donald Trump hat angekündigt, die jährliche Militärhilfe der USA für Israel in Höhe von vier Milliarden Dollar zu streichen. Zugleich haben die Demokraten bei den Wahlen in den USA die Kontrolle über den Kongress zurückerobert. Was bedeutet das für Israel? Brigadegeneral Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum (IDSF), hält das Ende der Hilfe für eine sehr gute Nachricht. Im selben Briefing warnt er jedoch eindringlich vor der innenpolitischen Lage in Israel nach der Knessetwahl.
Eine israelische Initiative
Avivi berichtet, ihn habe ein besorgter Anhänger angerufen und gefragt, warum die Hilfe gekürzt werde. Darüber kursierten viele Falschinformationen. Tatsächlich gehe der Schritt eher auf Israel als auf die USA zurück. Israel habe entschieden, kein Land der Dritten Welt zu sein, sondern ein fortschrittliches und starkes Land, das vollständig souverän sein müsse und sich nicht auf Hilfe stützen dürfe.
Die Partnerschaft wolle Israel aber ausdrücklich behalten. Genau das geschehe gerade: Beide Länder stellten ihr Verhältnis von Hilfe auf Partnerschaft um. So habe man es auch im gemeinsamen Kampf gegen den Iran erlebt, und so werde man voraussichtlich auch wieder gemeinsam gegen den Iran kämpfen.
Vier Milliarden sind wenig Geld für viel Souveränität
Für die israelische Rüstungsindustrie sei das Ende der Hilfe eine große Nachricht. Israel werde so autark wie möglich werden und den Großteil seiner Fähigkeiten selbst herstellen. Was man weiterhin in den USA kaufe, und das werde man tun, werde man bezahlen.
Vier Milliarden Dollar seien im Vergleich zum israelischen Haushalt ein sehr kleiner Betrag, betont Avivi, und für so wenig Geld gebe man seine Souveränität nicht auf, zumal Israel diese Summe heute problemlos selbst aufbringen könne. Kosten werde der Schritt Israel nichts, im Gegenteil: Er werde Geld einbringen. Jeder Schekel, der in die eigene Rüstungsindustrie fließe, schaffe Arbeitsplätze und Technologien, die vollständig in israelischem Besitz seien. Das stärke die Fähigkeit zur Selbstverteidigung und bringe zugleich Einnahmen, weil diese Systeme anschließend an andere Länder verkauft werden könnten. Die israelischen Rüstungsexporte schössen ohnehin in die Höhe.
Lehren aus zurückgehaltener Munition
Zugleich könne Israel seine Bezugsquellen breiter streuen und sich nicht völlig von einem einzigen Land abhängig machen. Avivi erinnert daran, dass Israel es zweimal erlebt habe, dass die USA während eines Krieges oder einer großen Operation ihren Einfluss nutzten, um Israel unter Druck zu setzen oder Munitionslieferungen zu stoppen. Eine solche Lage sei für Israel nicht tragbar. Das Land müsse sich selbst verteidigen können.
Hinzu komme ein praktischer Nachteil des bisherigen Modells: Weil das Hilfsgeld in den USA ausgegeben werden musste, habe Israel mitunter Dinge gekauft, die es nicht unbedingt brauchte, oder nicht die richtigen Fähigkeiten erworben.
Gemeinsam in KI, Quantencomputing und Raumfahrt
Die Beziehungen zu den USA will Avivi gleichwohl vertiefen, allerdings auf der Grundlage echter Partnerschaft: gemeinsame Entwicklungen und Investitionen in Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Hyperschallraketen und Raumfahrt. So lasse sich gemeinsam ein Wettbewerbsvorteil gegenüber China, Russland und anderen Staaten schaffen. Ein solches Verhältnis sei weit gesünder als eines, das auf Hilfe beruhe. Israel werde dadurch vollständig souverän und eigenständig.
Produktion unter der Erde
Auf die Frage, ob das Ende der Hilfe vor dem Auslaufen der geltenden Vereinbarung im Jahr 2028 die israelische Rüstungsindustrie unter Zeitdruck setze, mahnt Avivi zur Unterscheidung zwischen Trumps Ankündigung und dem, was tatsächlich geschehe. Wann die Hilfe genau ende, wisse er nicht. Vorgesehen sei ein schrittweiser Prozess mit Jahr für Jahr sinkenden Beträgen über einen bestimmten Zeitraum, keine sofortige Streichung. Ob sich daran etwas ändere, bleibe abzuwarten.
In jedem Fall investiere Israel enorme Summen in seine Verteidigungsindustrie und baue neue Produktionslinien auf, und zwar unterirdisch. So könne die Herstellung auch dann weiterlaufen, wenn das Land mit ballistischen Raketen oder Drohnen angegriffen werde. Strategisch sei das für Israel von sehr großer Bedeutung.
Ein Zeitfenster bis Januar
Dass viele demokratische Kandidaten in den USA mit scharfer Ablehnung des Krieges und teils sogar des jüdischen Staates angetreten sind, sieht Avivi als weiteren Grund für mehr Unabhängigkeit. Niemand wisse, was die Zukunft bringe, und es könnten sehr schwierige Zeiten im Verhältnis zwischen einer US-Regierung und Israel kommen.
Präsident Trump habe nun ein klares Zeitfenster, die Aufgabe im Iran zu Ende zu bringen, was für die Zukunft der USA, der Region und Israels entscheidend sei. Nach dem Wahlausgang seien die Chancen auf eine Operation zwischen jetzt und Januar gestiegen. Mit beiden Kammern in demokratischer Hand werde Trump es in vielerlei Hinsicht deutlich schwerer haben. Als Oberbefehlshaber verfüge der Präsident aber über eine sehr starke Stellung und viele Möglichkeiten, seine Vorhaben umzusetzen.
Aus israelischer Sicht gelte: Selbst wenn Israel die Aufgabe allein zu Ende bringen müsse, werde es das tun. Avivi glaubt allerdings nicht, dass es dazu kommt. Er erwartet, dass Israel und die USA gemeinsam die Region und die Welt sichern und das iranische Regime zu Fall bringen. Israel sei aber auch in der Lage, die Aufgabe notfalls selbst zu erledigen.
Das Veto im Sicherheitsrat
Ein großes Problem bleibe die Abhängigkeit vom Veto im UN-Sicherheitsrat, räumt Avivi ein. Nur wenige Staaten besäßen dieses Recht, nämlich Großbritannien, Frankreich, Russland, die USA und China, und Israel sei auf dieses Veto angewiesen, um nicht mit Sanktionen belegt zu werden. Deshalb werde Israel immer Partnerschaften brauchen, ob mit den USA oder mit anderen Ländern.
Umso wichtiger sei es, die verbleibenden zwei Jahre mit Präsident Trump zu nutzen: zunächst, um den Krieg entscheidend zu gewinnen, dann aber auch, um mit amerikanischer Zustimmung eine für Israels Sicherheit günstige Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu finden. Niemand wisse, was danach komme und welchem Druck Israel dann ausgesetzt sei. Das IDSF habe es unzählige Male gesagt: Israel könne ohne das Jordantal sowie Judäa und Samaria nicht existieren, weder physisch noch geistig. Diese Frage müsse langfristig abgesichert und gelöst werden.
Seit fast 4000 Jahren da
Kann Israel ohne amerikanische Unterstützung bestehen? Avivi antwortet mit historischem Blick: Das jüdische Volk sei seit fast 4000 Jahren da, habe Imperien aufsteigen und untergehen sehen und sei immer noch hier. Israel werde in jedem Fall gedeihen, auch wenn es schwieriger werden könnte. Deshalb müsse man die Beziehung auf echte Interessen gründen.
Das zentrale Interesse der USA liege in der Einsicht, dass Israel ihr einziger verlässlicher Anker im Nahen Osten sei. Keinem anderen Land der Region könnten die USA vertrauen. Israel brauche die USA, aber die USA brauchten auch Israel, wenn sie im Nahen Osten relevant bleiben und gegenüber China und Russland wettbewerbsfähig sein wollten. Je stärker Israel werde, desto relevanter werde es. Deshalb seien auch die Normalisierung mit arabischen Staaten und Projekte wie der Wirtschaftskorridor IMEC zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa so wichtig, die Israel zu einem Zentrum des Welthandels machen könnten.
Chemiewaffen und der Berg
Zum Bericht der New York Times, der Iran könnte über Chemiewaffen verfügen, und zu Tucker Carlsons Forderung, die USA müssten Atomwaffen gegen die iranische Anlage im sogenannten Pickaxe Mountain einsetzen, sagt Avivi: Dass der Iran chemische Fähigkeiten besitze, sei nicht neu. Bekannt sei auch sein Streben nach Atomwaffen. Werde das Regime nicht gestürzt, werde es diese Fähigkeiten im Inneren der Berge weiter ausbauen. Es gebe daher ein enges Zeitfenster in den kommenden Monaten und ein bis zwei Jahren, solange Trump im Amt sei, um die Aufgabe zu Ende zu bringen und das Regime zu stürzen.
Avivi verweist auf den Aufmarsch der USA mit einer dritten Flugzeugträgergruppe, zusätzlichen Marines und Luftabwehrsystemen, die nach Israel verlegt würden. In Israel werde rund um die Uhr Munition produziert, und die Armee befinde sich in sehr hoher Alarm- und Einsatzbereitschaft, um die Kämpfe wieder aufzunehmen.
Zionismus oder Postzionismus
All das geschehe in einer innenpolitisch sehr komplexen Lage. Avivi kritisiert scharf, dass Oppositionsführer erwögen, sich auf die Muslimbruderschaft und antizionistische arabische Parteien zu stützen. Diese würden nach seiner Darstellung nur eines verlangen: den Krieg zu beenden und ihn damit zu verlieren. Sie würden den Rückzug aus Gaza, dem Libanon und Syrien fordern, Angriffe auf den Iran nicht zulassen und Autonomie im Negev und in Galiläa verlangen. Das wäre verheerend und auf Dauer nicht tragbar.
Es gehe dabei nicht um rechts oder links, sondern um Zionismus oder Postzionismus. Die Schlüssel des jüdischen Staates einer Partei der Muslimbruderschaft oder arabischen Parteien zu übergeben, die den jüdischen Staat nicht anerkennen, sei das Antizionistischste, was man tun könne. Er hoffe, dass dies nicht geschehe.
Einheit oder Neuwahlen
Was Israel jetzt brauche, sei Einheit, sagt Avivi. Parteien der Opposition sollten sich der Koalition anschließen und eine breite Regierung bilden, die den größten Teil der israelischen Mehrheitsgesellschaft vertrete und den Weg zum Sieg fortsetze. Realistisch betrachtet gebe es nur zwei Möglichkeiten: Einheit oder erneute Wahlen. Eine Minderheitsregierung, die sich auf arabische Parteien stütze, hält er nicht für lebensfähig.
Avivi behauptet zudem, es habe vermutlich eine massive Einflussnahme Katars und möglicherweise der Türkei auf die Wahl gegeben. Dies werde untersucht, und nach seiner Einschätzung wäre das Ergebnis höchstwahrscheinlich anders ausgefallen, in welchem Ausmaß, wisse er nicht. Das Problem sei, dass all dies in einem entscheidenden Moment geschehe, in dem Israel an der Seite der USA kämpfen und sich der unmittelbaren Bedrohung durch einen nuklearen Iran stellen müsse.
Sicherheitsapparat ohne Spaltung
Die Spitzen von Armee, Mossad und Schin Bet sind sich nach Avivis Worten völlig einig: Der Krieg müsse gewonnen, Hamas und Hisbollah müssten zerschlagen, das iranische Regime gestürzt und der Iran am Bau von Atomwaffen gehindert werden. Hier gebe es eine hundertprozentige Übereinstimmung, und der gesamte Sicherheitsapparat bereite sich darauf vor, die Pläne umzusetzen. Zwischen Regierung und Sicherheitsapparat gebe es in den existenziellen Fragen keinen Spalt.
Mossad und Schin Bet untersuchten derzeit eine mögliche Beteiligung Katars an der Wahl. Es werde einige Zeit dauern, das Ausmaß und die Folgen zu klären. Problematisch sei, dass der Wahlausschuss darauf bestehe, das Ergebnis so anzuerkennen und die Knesset zu vereidigen. Wenn das Ergebnis die Wirklichkeit nicht abbilde oder es eine Einmischung gegeben habe, sei das ein Problem. Avivi kritisiert außerdem, die Generalstaatsanwaltschaft versuche offenbar, die Untersuchung zu stoppen oder so einzugreifen, dass Schin Bet und Mossad nicht gründlich prüfen könnten. Er hoffe, dass dies nicht zutreffe, denn ausländische Staaten dürften sich nicht in israelische Wahlen einmischen. In einigen Wochen werde die Lage klarer sein.
Die Lehren des 7. Oktober
Drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober wird in Israel darüber diskutiert, ob man den Krieg beenden und die Feinde bestehen lassen soll. Avivi ist überzeugt, dass die Mehrheit der Gesellschaft den Krieg gewinnen will. Für die politische Führung sei dies ein entscheidender Moment: Tue sie das Richtige für Israel, oder verliere sie sich in kleinlicher Politik? Die alte Frage „Bibi oder nicht Bibi“ greife zu kurz. Es gehe um die Zukunft des Landes, und diese verlange, dass sich die Führungspersönlichkeiten zusammenschließen.
Eine Kapitulation werde die israelische Gesellschaft, jedenfalls die zionistische, nicht hinnehmen. Bemerkenswert findet Avivi, dass die Opposition im Wahlkampf vor allem die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe in den Mittelpunkt gestellt habe und nun bereit scheine, ihnen alles zu geben, auch ohne Militärdienst. Viele hätten die Opposition gewählt, weil diese eine zionistische Regierung und den Dienst für alle versprochen habe. Das geschehe derzeit nicht, und es sende die fatale Botschaft, dass man zentralen Wahlversprechen nicht trauen könne.
Noch sei Zeit, dies zu korrigieren und sich zu vereinen. Sollten die Politiker den Weg des Postzionismus gehen und ihre Wähler sowie die Kriegsziele verraten, werde das selbst bei kurzfristigem Erfolg nicht von Dauer sein und für viele von ihnen wohl das politische Ende bedeuten. Zwar gebe es Menschen, die Israel lieber zerstört sähen, als eine bestimmte Seite an der Macht zu sehen, doch das sei nicht die große Mehrheit. Die meisten Israelis verfügten über gesunden Menschenverstand und wüssten, dass das Land gedeihen, sich vereinen und den Krieg gewinnen müsse. Es würden interessante Zeiten, sagt Avivi. Er hoffe, dass die Verantwortlichen eine Lösung finden.
Quelle:
IDSF – Israel’s Defense and Security Forum: Trump Cuts $4B to Israel, US Elections Results: What It Means for the Iran War, YouTube, 4.11.2026.



