Priester im Kampf – Die Waffenrüstung Gottes und das Gewand Aharons
Vom Wüstenheiligtum zum Kampf der Geister: Die Priesterkleidung Aharons im Wochenabschnitt Tezawe lebt im Epheserbrief weiter – tiefer als es den Anschein hat.
Im Wochenabschnitt Tezawe (2. Mose 27,20–30,10) geht es im 28. Kapitel um die Kleidung der Priester. Mose persönlich erhält in Vers 2 den Auftrag: „Und du sollst für Aharon, deinen Bruder, heilige Kleider zur Ehre und zur Pracht machen.“ Dieser Auftrag gilt für alle Zeiten, nicht nur in der Wüste. Daher heißt es in Vers 3: „Du aber sprich zu allen, die weisen Herzen sind, die ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe, sie sollen die Kleider Aharons machen, um ihn zu weihen, dass er mir Priester sei.“
Kleider machen Menschen
„Kleider machen Leute“ sagt ein Sprichwort. In der Tora gilt das in einem tiefen Sinn. Schon an ihrem Anfang erzählt sie: „Da wurden ihrer beider Augen geöffnet, und sie wussten, dass sie nackt waren.“ (1. Mose 3,7). Der Midrasch (Bereschit Rabba 19,6) merkt an: „Selbst dieses einen Gebotes, das sie bekommen hatten, entledigten sie sich.“ Er schlägt vor, dass es Kennzeichen sei, die Erkenntnis zu besitzen, nicht vollkommen zu sein, wenn er sich nicht nach den Geboten seines Schöpfers richtet. Durch die Gebote wird er Mensch.
Die Gebote sind für die jüdische Überlieferung die „Kleidung“ des Menschen. Entledigt er sich der Gebote, ist er nackt wie die Tiere. Tatsächlich werden „Kleidung“ und „Gebot“ in vielen Sprachen mit den gleichen Begriffen benannt, so Jizchak ben Mosche Arama (1420–1494). Das lateinische habitus bedeutet ebenso „Kleidung“ wie „Verhalten“. Auch im Deutschen in dem alten Wort „Habit“. Das französische costume hat dieselbe Herkunft wie coutume (das, was man tun sollte). Die Begriffe „Person“ oder „Persönlichkeit“ kommen vom lateinischen persona, was sowohl „Maske“ wie auch „Charakter“ bedeutet. Die Maske, die auch eine Form der Kleidung ist, ist dabei nichts, was das „wahre Ich“ verhüllt, sondern vielmehr ent-hüllt, wohin man unterwegs ist. (Darum setzten sich die Schauspieler in der antiken griechischen Tragödie Masken auf, um anzuzeigen, nach welchem Charakter er sich ausrichtete). In der Moderne haben Make-Up und Kleidung dieselbe Funktion: die innere Ausrichtung auf das, was man werden will. Kleidung ent-hüllt die Vollendung, nach der der Mensch strebt.
Allerdings erleben wir heute, dass Menschen mit ihrer Kleidung suggerieren wollen, sie hätten schon erreicht, was sie erstreben. Dann jedoch verhüllt Kleidung. Damit hängt zusammen, dass Nacktheit oder kaum bedeckende Kleider heute als das Natürliche angesehen werden. Die Tora jedoch sieht Kleidung als ein Kennzeichen der Menschlichkeit an. Gott selbst kleidete die Menschen (1. Mose 3,21).
Priesterkleidung als Streben nach Vollkommenheit
Die ausführliche Beschreibung der Priesterkleidung in Tezawe kann in diesem Licht gesehen werden. Die Priester vergegenwärtigen das Volk Israel im Gottesdienst; darum sollen sie Kleidung „zur Ehre und Pracht“ (le-kawod u-le-tiferet, 28,2) tragen. Nach Tossefet Beracha (von Rabbiner Baruch Epstein, 1860–1941) ist in diesen Worten auch enthalten, dass ihre Kleider Ausdruck des Strebens nach Vollkommenheit sein sollen. Der oben genannte Jizchak Arama weist noch auf ein anderes Wort für die Priesterkleidung hin: mida, wie es 3. Mose 6,3 verwendet wird: „Danach soll der Priester sein leinenes Kleid anziehen.“ In Psalm 133,2 wird ebenfalls mida benutzt: der „Bart Aharons, der herabwallt auf den Saum seines Gewandes“. Der Begriff mida (Plural midot) bekommt später (auch im modernen Hebräisch) die Bedeutung von „Eigenschaft“. Die Eigenschaften spiegeln sich im Verhalten und in der Kleidung wider. Darum sagt Jesaja (59,17):
Mit Gerechtigkeit kleidet Er sich wie mit einem Panzer, mit dem Helm der Errettung auf seinem Haupt, in Kleidern der Vergeltung kleidete Er sich wie in ein Kleid, den Eifer hüllte Er um sich wie einen Mantel.
Vom Wüstenheiligtum zum Epheserbrief
Nach dieser längeren Hinführung werden wir nun verstehen, wie sich der Verfasser des Epheserbriefes in 6,11–17 nicht nur an Jesaja anlehnt, sondern sich in der Welt des rabbinisch-jüdischen Verständnisses von Kleidung und insbesondere der priesterlichen Kleidung von 2. Mose 28 bewegt. Er schreibt:
Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen! Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen. Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt! Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!
Eine dreistufige Auslegungsbewegung
Der Zusammenhang zwischen Epheser 6,10–17, Jesaja 59,17 und 2. Mose 28 berührt eine der komplexesten intertextuellen Konstruktionen im gesamten Neuen Testament. Der Verfasser des Epheserbriefs — schreibend als jüdischer Theologe der ersten Generation — schichtet drei literarische und kultische Horizonte übereinander: die priesterliche Halacha von Tezawe (2. Mo. 28), die prophetische Vision des göttlichen Kriegers (Jes 59,17) und die endzeitliche Gegenwart der Gemeinde Jesu Christi.
Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, dass Epheser 6 das Ergebnis einer dreistufigen jüdischen Auslegungsbewegung ist. Zunächst beschreibt 2. Mose 28 die konkreten Kleidungsstücke für den Hohenpriester. Jesaja 59,17 überträgt diese kultische Sprache auf Gott selbst als kosmischen Krieger und Retter. Epheser 6 vollzieht schließlich den dritten Schritt: Die Gemeinde empfängt die Rüstung Gottes und wird damit zur irdischen Fortführung des priesterlichen Dienstes mitten im endzeitlichen Konflikt.
Jesaja 59,14–16 beschreibt einen Zustand universeller moralischer Auflösung — „Recht tritt zurück, Gerechtigkeit steht fern“ —, woraufhin Gott selbst eingreift, weil kein Mensch vermitteln kann. Der Prophet kleidet diese Intervention in explizit priesterliche Gewandmetaphern:
Er verwendet den Begriff zedaka (Gerechtigkeit) in Kombination mit koben (Brustpanzer), was direkt an den Choschen HaMischpat (Brustschild des Rechts) aus Exodus 28,15 erinnert.
Der Begriff für „Helm” (kova) erscheint im Zusammenhang mit der hohepriesterlichen Kopfbedeckung.
Jesaja beschreibt Gott also als den Hohenpriester der Welten, der seinen eigenen Versöhnungsdienst vollzieht, da die menschlichen Priester versagt haben.
Der Epheserbrief überführt nun diese prophetische Bildsprache in eine Anweisung an die Gemeinde. Jedes Rüstungsstück lässt sich auf einen bestimmten Bestandteil der hohepriesterlichen Kleidung aus 2. Mose 28 zurückführen.
Der Gürtel (Awnet): Fundament des priesterlichen Dienstes
Der Gürtel wird in Epheser 6,14 als allererstes Element der Ausrüstung genannt. Das entspricht seiner Funktion in 2. Mose 28,4 und 39. Dort ist der Awnet das Kleidungsstück, das alle anderen Gewänder zusammenhält. Der Talmud Sewachim 18b hält fest: Fehlte einem Priester auch nur ein einziges Kleidungsstück, war sein Tempeldienst halachisch ungültig. Der Gürtel ist die unabdingbare Voraussetzung für den gesamten Rest. Epheser 6 korrespondiert damit: Die „Wahrheit" als Gürtel ist das Fundament, ohne das alle anderen geistlichen Haltungen kollabieren würden.
Das Brustschild: Vom Choschen Mischpat zur Gerechtigkeit
Das Brustschild des Hohenpriesters (Choschen HaMischpat, 2. Mose 28,15–30) ist das bedeutendste Kleidungsstück in Tezawe. Es trug zwölf Edelsteine mit den Namen der zwölf Stämme Israels, was Aharon zwang, das gesamte Volk permanent über seinem Herzen vor Gott zu tragen. Zudem enthielt es die Urim we-Tummim, das Orakel-Instrument göttlicher Weisung. Jesaja 59,17 destilliert all dies in den Begriff zedaka (Gerechtigkeit): Die göttliche Richterinstanz und Fürsorgepflicht des Hohenpriesters für sein Volk wird zur Eigenschaft des göttlichen Krieger-Retters selbst. Epheser 6,14 gibt diese Eigenschaft schließlich an die Gemeinde weiter: Der Christusnachfolgende soll eine gerechte Lebenshaltung als seine innere Schutzrüstung tragen — als Anteilnahme an Gottes eigenem Charakter.
Der Helm: Miznefet und das goldene Stirnblatt
Der Helm des Heils in Epheser 6,17 schließt den direkten Bogen sowohl zu Jesaja 59,17 als auch zum Miznefet des Hohenpriesters. Am Turban des Hohenpriesters war ein goldenes Stirnblatt (Ziz) befestigt, auf dem die Worte Kadosch la-JHWH — „Heilig dem HERRN” — eingraviert waren (2. Mose 28,36-38). Die Tora begründet dies: Aharon trägt diese Inschrift, damit Gott die Schuld des Volkes an den heiligen Opfergaben annimmt, das heißt, das Stirnblatt übt eine schützende Sühnefunktion für den Geist und das Denken des Volkes aus. Jesaja überträgt diese Sühnefunktion auf Gottes Heilshandeln (jescha), und Epheser 6,17 fordert die Gemeinde auf, dieses Bewusstsein des göttlichen Schutzes und der endzeitlichen Rettung wie einen Helm über den eigenen Gedanken zu tragen.
Die Rüstung als kollektive Investitur (Amtseinsetzung, von lateinisch vestis = Kleidung)
Der entscheidende Punkt im Epheserbrief: Diese Rüstung ist nicht individuell gemeint ist. Der griechische Text verwendet die zweite Person Plural (hymeis). Wie der Hohenpriester in 2. Mose 29,1-7 eingekleidet wird, um sein Amt anzutreten, so wird die Gemeinde als kollektiv in ihre priesterliche Berufung eingesetzt. Gott legt in Jesaja 59 seine Rüstung an, weil kein Mensch es konnte; in Epheser 6 gibt er dieselbe Rüstung der Gemeinde, weil der Weg durch den Messias nun geöffnet ist. Die Rüstung ist demnach nicht menschliches Werkzeug gegen den Feind, sondern das Zeichen der vollzogenen priesterlichen Einkleidung der gesamten Gemeinde in den Dienst des himmlischen Heiligtums.
Wir erkennen: Obwohl in der westlichen christlichen Tradition oft als „römische Soldatenrüstung“ illustriert, ist die in Epheser 6 beschriebene „Waffenrüstung Gottes“ tief in der Priesterkleidung von Tezawe verwurzelt und nutzt den Propheten Jesaja, um Gott als in der Jetztzeit Handelnden zu beschreiben.



