Martin Luthers Problem
Die antijüdischen Schriften Martin Luthers von 1543, Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi, Von den letzten Worten Davids und der Traktat Von den Juden und ihren Lügen zeigen, dass das lebendige Judentum für den Reformator eine Bedrohung war.
Seine Leitschnur war von Anbeginn: Wenn man das Alte Testament ohne das Neue verstehen kann, dann ist Christus umsonst gestorben. Alles hing für ihn daran, dass der Nazarener sein Leben nicht vergeblich, sondern zur Erlösung der Menschheit hingegeben hatte und dass dies keine christliche Erfindung, sondern im Alten Testament angebahnt war. Die jüdischen Ausleger und ihre christlichen Anhänger beharrten demgegenüber auf dem einfachen Sinn der jüdischen Bibel ohne Bezug auf Jesus Christus als Messias. Im Gegensatz zu der von ihm vertretenen Wahrheit war diese Sicht für Luther Ausdruck der Lüge. Sie stellte die Grundlegung der Kirche im Alten Testament infrage und rechtfertigte für ihn die Anwendung von Gewalt in Glaubensdingen. In seiner Frühzeit hatte er dies, unverblendet durch Angst und Hass, entschieden abgelehnt.

Jüdische Stimmen zu Martin Luther
Jüdische Äußerungen zu Martin Luther sind fast durchweg von der Frage bewegt, was Reformator und Reformation für die eigene Gemeinschaft austragen. Auf christlicher Seite ist eine Zukunft, die die Gegensätze der Gegenwart überwindet, allein als Christianisierung der Juden vorstellbar. Ebenso ist sie auf jüdischer Seite nur als Hinkehr der Christen zum Judentum denkbar. Von dieser Grundeinstellung abgesehen, äußern sich am präzisesten Rabbi Jechiel ben Rabbi Schmuel aus Pisa und Josel von Rosheim. Ersterer erkennt in Luthers Lehre der Rechtfertigung „allein durch den (gnädig gewährten) Glauben“ eine Gefährdung der Lehre vom freien Willen. Josel von Rosheim aus dem gleichnamigen Ort im Elsass wiederum ist spekulativen Erwartungen aufgrund seiner Erfahrungen mit den tatsächlichen Verhältnissen in Deutschland abhold. Zu diesen Erfahrungen gehören nicht zuletzt seine Begegnungen mit Luther und Martin Bucer. Freundschaftliche Beziehungen unterhält er zu dem Straßburger Reformator Wolfgang Capito.

Verweigerte Begegnung – Josel von Rosheim und Luther
1536 vertreibt Kurfürst Johann Friedrich die Juden aus Sachsen. Von der sächsischen Landesgrenze aus bittet Josel von Rosheim Luther 1537 brieflich um Vermittlung; seine Schrift von 1523 hat Hoffnung auf Toleranz keimen lassen. Doch der Reformator weist ihn schroff ab, verweigert eine Begegnung und die Weitergabe empfehlender Briefe an den Kurfürsten. Seine früher geforderten Erleichterungen für die Juden seien als Voraussetzung ihrer gnädigen Hinführung zum Messias gedacht gewesen. Nicht aber sollten sie dulden helfen, „dass Ihr Euer Blut und Fleisch, der Euch kein Leid getan hat, Jesum von Nazareth, verflucht und lästert, und (wenn Ihr könntet) all die Seinen um alles brächtet, was sie sind und was sie haben“. So möge sich Josel einen anderen Mittler suchen.
Josels Rückblick auf Luther
Nach dem Erscheinen der Schrift Von den Juden und ihren Lügen bittet Josel von Rosheim den Rat der Stadt Straßburg, den dort geplanten Nachdruck dieses Traktats zu verhindern. Der Mob habe bereits begonnen, die vermeintliche Luther-Parole auszugeben, man dürfe die Juden totschlagen. Der Rat entspricht schließlich seiner mehrfach wiederholten Bitte. Für Luther aber findet Josel von Rosheim in seinen Memoiren nur die durch ein Sprachspiel gewonnene Deutung: „ein unreiner Mann“ — isch lo tahor.
Quelle:
Der Text ist bis auf redaktionelle Bearbeitung entnommen dem Katalog zur gleichnamigen Wanderausstellung „Martin Luther und das Judentum. Rückblick und Aufbruch“, zweite, verbesserte und erweiterte Auflage Berlin 2016, S. 76f. und 96f. Dort finden sich auch die Abbildungen.



