Walter Rothschild || „Brit Mullah“: Der halbherzige Schnitt
Mitternacht: Auslöschungsdrohung. Frühstück: Waffenstillstand. Entweder regiert Genie oder Wahnsinn – möglicherweise beides.
Was ist da gerade passiert? Die Welt reibt sich die Augen. Um Mitternacht drohte ein gewisser POTUS noch, eine gesamte Zivilisation von der Landkarte zu tilgen – und schon beim ersten Kaffee materialisierten sich plötzlich zwei Wochen Waffenstillstand aus dem dichten Nebel gegenseitiger Drohgebärden. Wie bitte? POTUS Interruptus?
Natürlich tappt man noch weitgehend im Dunkeln. Gilt das Ganze auch für den Libanon? Halten die Huthis im Jemen, die Hisbollah im Libanon, die Hamas in Gaza und die iranischen Milizen im Irak sich daran? Ab wann? Und wer urteilte am Ende darüber, ob es geklappt hat oder nicht? Man darf getrost davon ausgehen, dass das meiste, was in den nächsten Wochen verlautet wurde, schlicht nicht stimmt – sondern Nebelkerzen sind, Ablenkungsmanöver, kalkulierte Desinformation. Diese Methode hat sich schließlich glänzend bewährt.
Beschneidung ist nicht Kastration – ein feiner Unterschied
Eine Beschneidung ist keine Kastration. Die Brit Milah ist ein präziser, kleiner chirurgischer Eingriff – danach ist das betreffende Organ, wenn man es so will, sogar robuster und widerstandsfähiger als zuvor. Was wir gerade erleben, ist dagegen ein „Brit Mullah“: ein kurzfristiges Abkommen mit dem islamistischen Regime in Teheran – oder dem, was davon noch übrig ist – statt eines dauerhaften Pakts mit einem neuen, weniger fundamentalistischen Iran. Die Mullahs sitzen auch weiterhin im Sattel, geschwächt und isoliert zwar, doch noch im Amt. Ihr Feldzug hat im Wesentlichen darin bestanden, ein Vermögen an Raketen zu verballern und sich mit sämtlichen Nachbarn zu überwerfen. Ja, Menschen wurden getötet und verletzt – in Israel, in den Golfstaaten, israelische Soldaten im Libanon. Und dennoch: Der große iranische Traum von der Vorherrschaft über den Nahen Osten hat einen brutalen Dämpfer erhalten. Mehrere Länder dürften dabei zwei Lektionen für immer verinnerlicht haben: (1) Trump tut genau das, was er nicht angekündigt hat. Und (2): Leg dich nicht mit den Israelis an – die wissen, was sie tun, und sie tun es ziemlich gut, interne Querelen hin oder her.
NATO, Europa und die Neuordnung der Welt
Innerhalb der NATO und zwischen Europa und Israel sind Risse entstanden – das ist dauerhaft. Dabei wurde die NATO ursprünglich als Schutzwall gegen Russland gegründet (sie heißt schließlich „North Atlantic Treaty Organization“), doch inzwischen scheint China langfristig eine größere Bedrohung als Russland darzustellen. Die USA richten sich daher neu aus, setzen andere Prioritäten und signalisieren Europa, dass es mehr für die Verteidigung seiner eigenen strategischen Interessen tun muss. Vielleicht könnte Europa damit beginnen, die Ukraine mit mehr als nur Worten zu unterstützen? Denn obwohl Russlands Streitkräfte in der Ukraine feststecken und enorme Verluste erleiden, beschränkt sich Moskau offenbar nicht nur auf den Einsatz einer Schattenflotte von Öltankern, Spionage gegen westliche Länder und die Sabotage von Unterseekabeln – es liefert offenbar auch Satellitenaufklärung an den Iran.
Waffenstillstand ist kein Friede
Es gibt also reichlich Stoff zum Nachdenken. Ein Waffenstillstand ist kein Frieden – nicht einmal annähernd. Warten wir ab, was als Nächstes kommt…
Rabbiner Dr. Walter Rothschild



