Wir befinden uns nun in den Zehn Tagen der Umkehr, jener Zeit zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur, die uns (theoretisch) Raum lässt, nachzudenken, zu meditieren, zu erwägen, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist und was in Zukunft hoffentlich besser gemacht werden könnte. Manche sehen darin eine dunkle Zeit, manche eine Zeit, die dunkler beginnt, wenn wir die Botschaft des Gerichts bedenken, die mit Rosch HaSchana kommt, und die sich dann auf das Licht hin bewegt, auf die Vergebung und Versöhnung, die mit Jom Kippur kommen kann. Es ist keine gerade Linie, und es ist auch keine Spirale, was auch immer der Kalender behaupten mag.
Ein Phänomen der letzten Jahre – eines, das immer deutlicher zutage tritt – ist das Ausmaß, in dem viele Menschen im Westen (nicht nur Juden) danach streben, Schuld für Dinge zu erwerben, die sie nicht getan haben, danach streben, sich in Schuldgefühlen zu wälzen, bis sie beinahe darin ertrinken. Das ist furchtbar unheilsam und tatsächlich moralisch falsch; man hat Verantwortung für jene Handlungen und Unterlassungen zu übernehmen, die man begangen hat oder hätte begehen können, nicht auch noch für alles Übrige. Warum also ist dieses Phänomen so weit verbreitet? Schließlich sind wir eher daran gewöhnt, dass Menschen jede Verantwortung leugnen, statt nach mehr zu verlangen.
Von der Erbsünde zur geliehenen Schuld
Man könnte die Ursprünge in gewisser Weise im Konzept der Erbsünde sehen, in der Vorstellung, dass man mit einer Sündenlast empfangen und geboren wird, die weit, weit zurückreicht bis zum biblischen Anfang. Nun, Juden glauben das nicht; wir sind der Auffassung, dass jeder von uns mit einer reinen Seele geboren wurde, und wenn sie schmutzig wird, dann ist das unsere eigene Schuld und niemandes sonst.
Wer in Deutschland lebt, spürt das unsichtbare Gewicht, das die Geschichte immer noch trägt; in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg blieb vieles unausgesprochen, und in der Folge blieb auch die Aufarbeitung dessen, was geschehen war, unvollständig. Man konnte der späteren Generation sagen, sie trage Verantwortung, aber keine Schuld für das Geschehene – doch das funktionierte nur, wenn sie überhaupt etwas darüber wusste, was geschehen war. Andernfalls war es bloß eine geistige Blockade und eine geistige Last, die sie frustrierte, wenn sie sich zu etwas äußern wollte und erfahren musste, dass schon die Sprache, die sie benutzte, verboten sei, unrein. Persönlich habe ich – als hier arbeitender Rabbiner – den Eindruck, dass durch die Konzentration auf die bösen Taten, die den Juden jener Zeit angetan wurden, eine Gelegenheit geschaffen wurde, die bösen Taten zu übersehen oder herunterzuspielen, die anderen Deutschen (und später anderen besetzten Völkern) angetan wurden, die keine Juden waren. Der autoritäre, dogmatische nationalsozialistische Staat verfolgte Millionen nichtjüdischer Deutscher, weil sie Politiker oder Homosexuelle oder Künstler oder behindert oder Journalisten oder Pazifisten oder Schriftsteller waren oder einer von vielen, vielen anderen Kategorien von Menschen angehörten – und sich „den Holocaust“ als etwas vorzustellen, das nur „die Juden“ betraf, denen Wiedergutmachung zu zahlen ist, war und ist ein schwerer Irrtum. Man muss wissen, dass fast jeder der eigenen Nachbarn in eine „verbotene“ Kategorie hätte fallen können. Später müssen auch die Verbrechen an Zivilbevölkerungen, an ausländischen politischen Führern, an Kriegsgefangenen im Blick bleiben, weil die Nachkriegsgeschichte sonst gar nicht wirklich zu verstehen ist – im Osten wie im Westen.
Schuld muss verhältnismäßig sein
Doch andererseits: Die Schuld muss verhältnismäßig sein. Europäer etwa sind nicht verantwortlich für das, was die Japaner getan haben. Auch nicht für das, was die Amerikaner tun mussten, um die Japaner davon abzuhalten, weiter so zu handeln. Und um die Lektion gegen die Erbsünde anzuwenden: Wir sind nicht verantwortlich für alle Taten, die frühere Generationen begangen haben. Und wir müssen auch nicht die Verantwortung übernehmen, alles in jenen Zustand zurückzuversetzen, in dem es sich befände, wenn es das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert nie gegeben hätte … Die „postkoloniale Theorie“ scheint jeden einzelnen Europäer schuldig zu sprechen für das, was in Ländern Asiens und Afrikas getan wurde. Sollten wir dann – derselben Logik folgend – alle Italiener für das verantwortlich machen, was die Römer taten, alle Griechen für das, was die hellenistischen Reiche taten, alle Iraker für das, was die Babylonier taten?
Diese absichtliche und freiwillige Übernahme übermäßiger Schuld kann zu weit gehen – und sie ist zu weit gegangen. Eine Generation scheint gelernt zu haben: Wenn wir hier im zivilisierten und entwickelten Europa leben dürfen, dann sollten wir uns dafür schuldig fühlen, dass nicht alle hier leben können, und deshalb sollten wir sie hereinlassen und sogar dazu ermutigen zu kommen – selbst wenn ihr Wunsch nicht darin besteht, sich in das entwickelte Europa einzufügen, sondern es in ein Abbild jener weniger entwickelten, weniger zivilisierten Orte zu verwandeln, aus denen sie gekommen sind.
Es hat eine Weile gedauert, bis dieses Muster hervortrat, aber nun, da es sichtbar wird, kommt der „Pushback“ von jenen – in vielen Ländern –, die sagen: „Ich kann die Vorstellung akzeptieren, verzweifelte Flüchtlinge aufzunehmen, aber nicht die, das Land mit Migranten zu überschwemmen, die eine völlig andere eigene Kultur mitbringen und wollen, dass wir uns der ihren anpassen, statt zu lernen, sich der unseren anzupassen.“ Wer solche Dinge sagt, wird üblicherweise als „rechts“ oder gar als „extremistisch“ gebrandmarkt – und doch: Wenn man in mehreren europäischen Ländern tiefer in fast jede politische Botschaft rechter Parteien hineinkratzt, findet man, dass es nicht bloß um Zahlen geht, sondern um den Mangel an Dankbarkeit, den Mangel an Integration, das Gefühl der Anspruchsberechtigung, das viele – nicht alle – der Zuwanderer mitbringen.
Durchschnittseuropäer sind heute nicht verantwortlich für jede Seuche, jedes Erdbeben oder jede Dürre auf anderen Kontinenten und nicht für Bürgerkriege zwischen religiös-fundamentalistischen Gruppen oder ehrgeizigen Offizieren und nicht für das Verhalten jedes Diktators und Milizenführers. Vielleicht hat irgendwer irgendwo ihnen weiße Toyota-Pick-ups und Kalaschnikows verkauft, mit denen sie protzen können, aber die Menschen, die in anderen Ländern leben, haben ihre eigene Verantwortung, und ihre religiösen Führer dürfen selbstverständlich der Meinung sein, ihre Religion sei großartig – aber das verleiht ihnen (aus unserer Sicht) kein göttliches Recht, die unsere zu zerstören.
„Ihr habt Kinder in Gaza getötet“
Das moderne Äquivalent der alten Ritualmordlegenden oder des Vorwurfs „Ihr habt Jesus getötet“ ist natürlich „Ihr habt unschuldige Kinder in Gaza getötet“ – gesagt zu Juden in Amerika, Europa, Australien; und nun hat es jene (aus meiner Sicht verachtenswerte) Stufe erreicht, auf der schuldgeplagte Israelis daran gehen, jeden anderen Israeli direkt oder indirekt zu beschuldigen – nicht notwendigerweise durch das, was sie in einem Film sagen (den ich nicht gesehen habe), sondern indem sie diesen Film in Arenen herausbringen, in denen sie im Voraus wissen, dass die Stimmung anti-israelisch ist, wo Menschen froh sind, ihren tugendhaften Zorn über „die Juden“ zur Schau zu stellen, indem sie 25 Minuten lang stehend applaudieren, und wo kein Unterschied gemacht wird zwischen jemandem, der vielleicht schuldig sein mag, und all jenen, die es nicht sind. Es ist ein britischer Film, aber Israelis waren die Filmemacher, und das Thema scheint die Wahrscheinlichkeit von „Kollateralschäden“ zu sein, die Tötung theoretisch Unschuldiger, die dabeistehen, wenn ein Bad Guy ins Visier genommen wird. (Aus meiner Sicht, und nicht nur aus meiner, war es die bewusste Politik der Bad Guys, die Zahl der im Konflikt getöteten Zivilisten um so viele wie möglich zu erhöhen, einfach um diesen moralischen und politischen Druck auf Israel zu steigern … Hätten sie am 7. Oktober nicht angegriffen, oder hätten sie die Geiseln rasch und human zurückgegeben, wäre die Zahl winzig. Aber verstehen Yuval Avraham und Rachel Szor das?) Diese naiven intellektuellen Typen scheinen ständig unfähig, einige grundlegende Wahrheiten der menschlichen Natur zu begreifen, und eine davon lautet: „Wenn es irgendwie möglich ist, beschuldige die Juden für alles.“ Indem sie den Antisemiten mehr Material liefern, haben sie den Antisemitismus nicht geschaffen, aber sie haben jede Chance verringert, ihn langsam wieder zurückzufahren, während einige Fakten aus Gaza und über die Taten der Hamas endlich beginnen, in die Welt zu sickern.
Ach ja – und das noch wirkungsvoll an Rosch HaSchana zu tun … obwohl es zweifelhaft ist, ob die Organisatoren des Filmfestivals von Venedig das in Rechnung gestellt haben. Ich habe erfahren, dass bei diesem Film jedenfalls „Sicherheitsbedenken“ NICHT zu einer Absage geführt haben. Die Moral zu untergraben und die Feinde eines Landes zu unterstützen, das sich im Krieg befindet, war an vielen Orten tatsächlich ein Kapitalverbrechen …
Selbstkritik ja, Selbstauflösung nein
Selbstkritik ist unerlässlich und gesund, auf individueller wie auf nationaler Ebene, aber in einen bodenlosen Abgrund selbstverhängter Schuld und der daraus folgenden Gefühle von Hilflosigkeit zu versinken hilft niemandem. Außer jenen, die daraus manchmal Vorteil zu ziehen suchen. Ich habe genug eigene Dinge zu erledigen, bevor Jom Kippur kommt, aber ich weigere mich förmlich, laut und deutlich, von diesen Filmemachern und ihren Geldgebern und ihren Unterstützern in irgendetwas hineingezogen zu werden, in überhaupt irgendetwas, was mit den Zuständen in Gaza zu tun hat.
Adonaj os le’Amo jiten, Adonaj jewarech et-Amo baSchalom. (Psalm 29,11: Der Herr verleiht seinem Volke Macht, der Herr segnet sein Volk mit Frieden.)
Rabbiner Dr. Walter Rothschild




Lieber Herr Rothschild, vielen Dank für Ihre Gedanken zur immerwährenden Schuld, die wir uns aufladen lassen und Ihren Hinweis zum Film. Es ist erstaunlich (oder auch nicht), dass immer wieder Menschen Freude daran finden, Israel und Juden an den Karten zu fahren. Vielen Dank für Ihre Worte.
Mit freundlichen Grüßen!
Friedrich Benning