Walter Rothschild || Der Fluch
Vor der Synagoge tobt ein Mob mit Genozid-Vorwürfen. Der Rabbiner tritt hinaus – und spricht einen Fluch. Am nächsten Tag steht eine der Demonstrantinnen in seinem Büro.
Vor der Synagoge stand eine Menschenmenge. Laut. Mit großen schwarzen, weißen, roten und grünen Fahnen und Transparenten, die meiner Gemeinde vorwarfen, einen Völkermord zu begehen. Das ist ein relativ neues Phänomen – ich meine, die Fahnen waren früher schwarz-weiß-rot, das Grün ist eine neue Zutat und deutet auf ein obsessives Interesse an einem kleinen Teil des Nahen Ostens hin statt an einem größeren Teil Mitteleuropas, der früher das Anliegen solcher Meuten war. An solchen Details lassen sich mitunter die verschiedenen Epochen unserer Geschichte unterscheiden. Der Rest – der Hass, die Drohungen – bleibt leider konstant.
Was tun?
Es brauchte etwas Rasches und Dramatisches vor der Sitzung – über die Lage in Israel –, die in wenigen Minuten beginnen sollte. Die Polizei stand nur nutzlos da, denn obwohl es als Verbrechen gilt, jemanden zu ermorden, ist es kein Verbrechen, jemanden zu beschuldigen, ein Mörder zu sein – nicht einmal, wenn eine gebeugte 89-jährige Dame am Rollator durch die Menge eskortiert und durch die Sicherheitsabsperrung gelassen werden musste, um zur Sitzung zu gelangen.
Ein Auftritt in Schwarz
Ich legte meinen recht dramatischen schwarzen Talar und das Barett an, die ich normalerweise für ziemlich übertrieben und viel zu protestantisch halte, die manche Gemeindemitglieder aber noch immer hilfreich zu finden scheinen, um mich als Rabbiner kenntlich zu machen. Dazu meinen großen Tallit. Mit Jack vom Sicherheitsausschuss und einer Taschenlampe ging ich nach draußen.
Ich schwenkte die Lampe in der Luft, der Strahl spiegelte sich an einigen nahen Bäumen und einem Laternenpfahl. „Ich werde jetzt einen jüdischen Fluch über euch alle legen!“, rief ich aus. „Sonnej Adonaj, arurim atem kulchem!“ Dann richtete ich den Strahl auf einen Mann in der ersten Reihe, der eine wollene Sturmhaube über die halbe Gesichtshälfte gezogen hatte, und schrie: „Arur ata!“ Dann auf eine Frau mit einem „Pali“-Schal. „Arura At!“ Und so weiter die erste Reihe entlang und über ein paar Leute dahinter in der zweiten Reihe. Sie verstummten und sahen mich fragend an. „Also gut“, sagte ich, jetzt etwas leiser. „Ich bin ein Rabbiner, kein Priester, ich kann selbst keinen Fluch über euch verhängen, ich kann nur Gott anrufen, einen Fluch über euch zu bringen. Ich kann euch nicht sagen, welcher es sein wird oder wann er kommt, aber solange ihr weiterhin Juden hasst und Israel angreift, bleibt er in Kraft.
Gebt nicht einfach den israelischen Streitkräften an allem die Schuld. Seht euch an, was mit Teheran geschehen ist! Kein Wasser. Seht euch an, was mit Beirut geschehen ist! Der Hafen ist explodiert. Seht euch an, was mit Damaskus geschehen ist! Es liegt alles in Trümmern. Und Sanaa ebenfalls. Und Gaza natürlich auch. Gott kann entscheiden, was zu tun ist.
Jetzt geht weg und denkt darüber nach.“
Sie sahen mich an und hielten inne. Sie senkten das Transparent. Sie senkten ihre Fahnen. Sie sahen einander an. Sie drehten sich um und schlichen davon, wobei sie diejenigen hinten zur Ruhe brachten, die mich nicht gehört hatten und noch immer skandierten; ich konnte das aufgeregte Getuschel hören, während die Botschaft weitergegeben wurde. Ich ging wieder hinein, zur Sitzung, erschöpft, aber erleichtert.
Der Besuch am nächsten Tag
Am folgenden Tag sagte Janice, unsere Sekretärin, es sei jemand im Synagogenbüro, der mit mir sprechen wolle. Ich hatte eine halbe Stunde übrig und sagte, man solle die Person in mein Arbeitszimmer lassen. Es war die Dame, die das palästinensische Keffiyeh-Tuch getragen hatte, wenngleich sie es heute nicht trug, zumindest nicht sichtbar. Sie wollte wissen, was ich gesagt hatte.
Ich setzte sie an meinen Schreibtisch, ging zu einem der Bücherregale hinter mir und nahm, fast wahllos – ich ließ ein wenig meinen Finger an einer Reihe entlanggleiten –, einen Band des Talmud heraus. Ironischerweise war es womöglich der Band mit den Gesetzen der Menstruation, aber sei’s drum, ich schlug ihn einfach auf, tat so, als suchte ich eine bestimmte Seite und dann eine Passage, und legte ihn aufgeschlagen vor sie hin, wo er natürlich rein gar nichts bedeutete, außer dass er deutlich in fremden schwarzen Lettern gedruckt war.
„Hier“, sagte ich, „in ‚Ikkurej HaChajim‘, den ‚Wurzeln des Lebens‘. Dieser Absatz hier“ – ich deutete auf einen beliebigen Abschnitt der Gemara – „handelt von Segen und Fluch. Sie wissen vielleicht, dass Mose am Ende des Deuteronomiums das Volk Israel eindringlich auffordert, zwischen Leben und Tod, Segen und Fluch zu wählen. Er drängt sie natürlich, das Leben zu wählen. Nun erörtern die Rabbinen, was Segen und Fluch bedeuten. Der Segen ist verhältnismäßig einfach, denn natürlich wünscht sich jeder Gesundheit, Wohlstand, eine gesunde Familie und so weiter, nicht wahr? Aber der Fluch – ist er für einen einzelnen Sünder allein gedacht oder für seine ganze Familie, seinen Stamm oder seine Stadt? Also gibt es eine Diskussion. Wenn Sie darüber nachdenken: Selbst wenn nur ein einziger Sünder herausgegriffen wird, könnte dieser der Ernährer der ganzen Familie sein. Das Ergebnis war, dass schließlich entschieden wurde, man könne Gott anrufen, jeden Fluch herabzubringen, den Gott für angemessen hält – nicht wir, sondern Gott ist es, der ihn bestimmt und vollstreckt; wir können Gott lediglich auf jemanden hinweisen, den wir für eine Bedrohung für uns halten, für einen Sünder und daher einer besonderen Aufmerksamkeit würdig. Verstehen Sie?
Nun, wenn Menschen uns bedrohen, direkt oder auch indirekt – wenn sie den einzigen jüdischen Staat verleumden und bedrohen, wenn sie zu seiner Auslöschung und damit zum Massaker an all seinen jüdischen Einwohnern aufrufen –, dann ist das ziemlich offensichtlich etwas, das uns beunruhigt. Das ist es, wozu Sie gestern aufgerufen haben, nicht wahr? Vom Fluss bis zum Meer – ich nehme an, Sie meinten den Jordan und das Mittelmeer? Wissen Sie, manchmal begegnet man Leuten, die Parolen skandieren, ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie bedeuten! Sie rufen nach Frieden und fordern zugleich eine globale Intifada, was das genaue Gegenteil ist! Sie fordern eine Zweistaatenlösung und wollen dann den Juden einen eigenen Staat verweigern. Es ist alles so unlogisch, so widersprüchlich. Ein paar Journalisten baten einige Studenten, Israel auf der Karte zu zeigen, und sie konnten es nicht. Könnten Sie es übrigens? Dennoch sind hier, in dieser Stadt, in dieser Gemeinde, Menschen bereit, sich zu versammeln und uns zu bedrohen, unsere Mitglieder daran zu hindern, an einer Sitzung oder einem Gottesdienst teilzunehmen. Das nehmen wir ernst. Deshalb habe ich als Rabbiner hier beschlossen, etwas zu unternehmen. Einige meiner Kollegen haben dasselbe getan. Die uns segnen, werden gesegnet sein, die uns fluchen, werden verflucht sein – auch das ist eine Aussage der Bibel.“
„Können Sie ihn zurücknehmen?“
Sie war sichtlich aufgewühlt. „Aber was für ein Fluch? Kann ich ihn ändern?“
„Nun, wie ich gestern Abend sagte, aber es war natürlich ziemlich laut zu jener Zeit, ich kann nicht sagen, welcher es sein wird oder wann er kommt. Für manche mag es etwas Unmittelbares sein, ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt oder ein Tumor oder ein Verkehrsunfall oder sogar der Verlust eines geliebten Menschen. Für manche mag er schon morgen kommen, für andere erst in zwanzig Jahren. Gott muss entscheiden. Und wie ich gestern ebenfalls sagte, in manchen Fällen mag es ein Einzelner sein, der bestraft wird – denken Sie an die getöteten Generäle der iranischen Revolutionsgarde oder an die Hamas-Führer – und auch an ihre Familien –, in anderen Fällen aber mag es eine ganze Stadt oder ein ganzes Land treffen. Der Iran hat Jahrzehnte und Milliarden darauf verwendet, Israel zu bedrohen, er schickte Waffen an Terroristen in Syrien, im Libanon, im Jemen, in Jordanien, entwickelte die Anfänge einer Atombombe, predigte Hass und Zerstörung. Nun, jetzt hat es dort seit einigen Jahren nicht mehr geregnet, und sie stecken in einem tiefen Schlamassel. Keine Sintflut, kein Tsunami, sondern eine Dürre. Gott kann entscheiden. Im Libanon hat die Hisbollah jahrelang Tunnel und Raketenabschussrampen gebaut, dann explodierte ein großes Lagerhaus im Hafen und zerstörte die halbe Stadt. Man könnte das ebenfalls poetische Gerechtigkeit nennen. Assad in Syrien musste fliehen, und das Land durchlebt noch immer einen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, und die Städte, Damaskus, Suweida und so weiter, Daraa und Bosra, sind weitgehend zerstört. Tausende getötet. Ihre Leute kümmert das natürlich nicht, weil man die Juden nicht dafür verantwortlich machen kann – aber wir nehmen es wahr.
Sie konzentrieren sich nur auf Palästina – nun, fast jeder, der an jenem Massaker am 7. Oktober teilgenommen hat, ist inzwischen ausgeschaltet worden. Sie dachten wahrscheinlich, sie kämen ins Paradies. Was uns betrifft, können sie zur Hölle fahren, und das haben sie wahrscheinlich getan. Sie verbrachten Jahre und Millionen damit, Tunnel zu bauen, mehrere Hundert Kilometer Tunnel, unter jeder Schule und jedem Krankenhaus und jeder Moschee, mit dem Ziel, Israel anzugreifen; sie töteten jeden Gegner, richteten ihn hin – dagegen habe ich Sie übrigens nie protestieren hören –, und sie stahlen gewaltige Mengen internationaler Hilfe und horteten Waffen, und – aus meiner ganz persönlichen Sicht das Schlimmste von allem – sie brachten ihren Kindern bei, zu hassen, sich als Soldaten zu verkleiden und Zivilisten zu töten, und so lernten die Kinder das. Ist Ihnen das alles bewusst? Und sie verbreiteten ihren Hass in der ganzen Welt, weshalb Sie sich, so nehme ich an, in einen Konflikt haben hineinziehen lassen, der nicht Ihr eigener ist. Und erzählen Sie mir nicht, es gehe dabei nur um Menschenrechte, denn dann werde ich Sie fragen, warum Sie sich nirgendwo sonst um Menschenrechte scheren. Oder um Rechte für Frauen oder um Rechte für irgendjemanden außer für ihre eigene islamistische Gruppe. Und so sind nun viele in Gaza und Rafah und Chan Junis, die die Hamas unterstützten oder für sie stimmten oder halfen, Geiseln zu verstecken, oder die Informationen nicht weitergaben – ihre schönen Häuser und Wohnblöcke sind zerstört worden. Bitter, nicht wahr?“
Sie wirkte erschüttert. „Aber diesen Fluch – können Sie ihn wegnehmen?“
„Nein, das kann ich nicht“, sagte ich, „es tut mir leid, aber sehen Sie, die Worte sind ausgesprochen worden. Vor Zeugen. Laut. Man kann sie nicht einfach für nichtig erklären. Aber – nun liegt es an Ihnen, Gott davon zu überzeugen, dass Sie ihn nicht verdienen. Es ist mir gleich, welcher Religion Sie angehören – vielleicht gehören Sie gar keiner an –, aber wenn überhaupt, dann ist jetzt die Zeit, einen Weg zu Gott zu finden und zu Gott zu sprechen, und – ebenfalls sehr wichtig – jetzt ist die Zeit, Liebe für die Menschen zu zeigen, nicht Hass und Zorn. Übrigens – ereifern Sie sich nicht nur um uns Juden; wir haben unseren eigenen Schutz. Manchmal verstehen auch wir nicht, warum Gott sich so viel Zeit lässt zu reagieren, aber nun, sehen Sie sich an, wie Deutschland im Sommer 1945 dastand, und sagen Sie mir, ob Sie das nicht für ein Zeichen göttlicher Strafe halten. Sodom und Gomorra wurden zerstört, ebenso Hiroshima und Nagasaki. Aber es gibt reichlich andere Menschen, die etwas Liebe, Fürsorge und Unterstützung gebrauchen könnten.
Ich sage Ihnen nicht, Sie sollten Jüdin werden – ganz im Gegenteil, Sie müssen etwas Toleranz und Vernunft in der nichtjüdischen Welt verbreiten, der es leider daran mangelt. Dieses Gespräch jetzt ist kostenlos, und ich bitte ausdrücklich um keine Spende – aber es gibt reichlich andere Wohltätigkeitsorganisationen, die sich für hungernde Kinder an anderen Orten außerhalb Gazas einsetzen und die ebenfalls Hilfe und Unterstützung brauchen. Suchen Sie sich eine gute Sache, für die Sie sich einsetzen, aber eine, die Sie nicht dazu bringt, unschuldige alte Damen im Zorn anzuschreien und eine Fahne zu schwenken, die nicht Ihre eigene ist, nicht wahr?
Ich würde außerdem vorschlagen, dass Sie mit den anderen Leuten aus der Gruppe von gestern Abend sprechen, wo immer sie sind, und ihnen ein paar sanfte Ratschläge geben. Vielleicht ist es keine besonders gute Idee, weiterhin Gottes auserwähltes Volk zu hassen, ja? Weiterhin diejenigen zu unterstützen, die uns vertreiben oder ermorden wollen? Und im Übrigen auch so viele andere Menschen zu ermorden… Vielleicht sollten sie ein paar Fakten nachschlagen, etwas Geschichte lernen, etwas Geographie, und nicht bloß wilde Parolen nachplappern. Sind Sie Muslimin? Falls nicht, warum dann für Muslime kämpfen, wo Muslime doch in so vielen Ländern Christen bekämpfen? Sind Sie Christin? Nun, falls nicht, was ist es, das Sie gegen die Juden haben? Finden Sie mehr über die Menschen heraus, die Sie unterstützen, und über die Menschen, die diese hassen, und ermitteln Sie, wo Sie in dieses Muster passen könnten.“
„Gesundheit“
Sie war nun still. Eingeschüchtert? Reumütig? Ich habe oft gedacht: Wenn man Menschen schon nicht dazu bringen kann, einen zu respektieren, weil man ein Mensch ist oder ein Jude, dann kann man wenigstens versuchen, ihnen die Furcht Gottes einzuflößen. Viele solcher Leute sind schließlich ebenso abergläubisch wie unwissend und glauben tatsächlich, wir besäßen übernatürliche Kräfte – was es umso bemerkenswerter und widersprüchlicher macht, dass sie dann versuchen, uns zu verärgern oder einzuschüchtern …
Ich sagte: „Ich habe in wenigen Minuten einen Termin, es tut mir leid“, und erhob mich, um sie zur Tür zu begleiten. Als sie nach draußen trat, nieste sie in der kühlen Luft.
„Gesundheit“, sagte ich. „Das meine ich wirklich so.“
Rabbiner Dr. Walter Rothschild
Folge 186 der Reihe „Aus dem Sprechzimmer des Rabbiners“



