Walter Rothschild || Exodus – Der letzte Flug
Die Welt hatte die Juden endlich ausgestoßen. Die letzte El-Al-Maschine hob nach Tel Aviv ab. Doch die Freiheit der Anderen währte nur eine Woche – dann kam der Mabul. Eine düstere Parabel.
Flugkapitän Jonathan Weinreb warf einen letzten Blick durch das nun verwaiste Terminal. An einem Ende demontierten zwei Arbeiter auf einer Leiter die letzten Tafeln des El-Al-Schilds. Er war der Letzte im Glied, betraut damit, die letzten Abwicklungen vorzunehmen. Die verhältnismäßig wenigen Passagiere und der Rest der Besatzung für den letzten Flug nach Tel Aviv befanden sich bereits im Sicherheitsbereich und an Bord, wenn auch der Boykott des Bodenpersonals am Flughafen bedeutet hatte, dass sie die Treppe hatten hinuntergehen, über den Beton laufen und die restlichen Stufen hinter der Tragfläche hatten hinaufsteigen und ihr Gepäck selbst hatten verstauen müssen. Macht nichts, es gab keine Fracht, die auf diesem letzten Flug einzuladen gewesen wäre.
Er hatte die Überreste des Büros und der Crew-Räume kontrolliert, in jeden Schrank und jede Schublade geschaut. Er hatte die dortige Toilette ein letztes Mal benutzt und, nach einigem Überlegen, doch entschieden, die letzten Erinnerungen an die Präsenz einer El-Al-Besatzung hier hinunterzuspülen, anstatt sie symbolisch in der Schüssel zu belassen – was, letztlich, würde das schon bewirken? Er wusch sich die Hände, nahm seinen eigenen Koffer und ging zum Gate, wo sich ihm ein verschlafener Sicherheitsmann anschloss, während sie die Treppe hinuntergingen, über den Beton liefen und an Bord der 737–800, 4X-EKB, kletterten.
Der Flug hatte sich inzwischen bereits um vier Stunden verzögert, oder ein wenig mehr, teils wegen allgemeiner Lethargie und Unkooperativität, teils in der Hoffnung, dass die letzten Protestierenden im Regen fortgehen und nach Hause fahren würden. Aber nein, von draußen vor dem Terminal war noch immer rhythmisches Skandieren zu hören. Die Maschine stand allein da. Er hatte persönlich dafür gesorgt, dass die Betankung schon vor einiger Zeit erledigt worden war. Es würde keine Catering-Container geben. Er zog das Bodenkommunikationskabel zum Cockpit ab und schob die Bremsklötze von den Rädern weg, dann erklomm er die mobile Treppe, die an der hinteren Tür hinter den Tragflächen positioniert war – dafür hatte er schon zuvor gesorgt, denn er hatte genau diese Situation vermutet. Von der offenen Tür aus gab er der mobilen Treppe nun einen Tritt, um sie so weit wie möglich vom Rumpf zu entfernen, dann ließ er die Stewardess die Tür schließen und versiegeln, bevor er nach vorne ins Cockpit ging, wo sein First Officer wartete.
Per Ardua ad Astra
4X-EKB funkte den Kontrollturm an. Niemand erwartete in diesen letzten Tagen viel Hilfe, aber es war wichtig, das Protokoll einzuhalten, die Aufzeichnung sollte zumindest zeigen, dass die Verfahren befolgt worden waren. „Flug LY-907 erbittet Erlaubnis zum Rollen zur Runway Three-Two.“
„Geht heim, Juden“, kam die Antwort.
„Danke, Tower“, sagte er lakonisch und schob die Steuerung nach vorn, um das Rollen zum südlichen Ende von Three-Two zu ermöglichen. Es brannten keine Runway-Lichter. Am Ende drehte er ein, um zur Startbahn selbst zu weisen. „LY-907 am Ende von Runway Three-Two – erbitte Erlaubnis zum Start.“
Keine Antwort.
Er blickte stirnrunzelnd auf den Scanner-Bildschirm, der etwaige Hindernisse voraus auf dem Boden anzeigen sollte – es schienen ein Lastwagen und mehrere Personen noch immer aktiv nahe dem anderen Ende der Startbahn zu sein. Was er nicht wissen konnte, war, dass die Protestierenden, trotz des leichten, stetigen Nieselregens, begonnen hatten, Flugbenzin aus dem Tankwagen über die Startbahn zu gießen. Aber der Lastwagen selbst stand immerhin frei auf der linken Seite der Startbahn. Vor sich hin murmelnd, öffnete er die Schubhebel.
Als sie den Rotationspunkt erreichten, erhaschte er kurz einen Blick auf die Gesichter und Banner der Protestierenden und den Tankwagen, aber was er beim Abheben nicht sah, war, dass der Schub der Triebwerke die Dämpfe des Kerosinkraftstoffs entzündete, als sie vorüberzogen. Am Morgen wurden fünfzehn verkohlte Leichen gefunden, Märtyrer einer Sache, die sie zu ihrer eigenen gemacht hatten…
So stieg 4X-EKB und nahm durch die Nacht Kurs nach Südosten. Es gab keinen Funkkontakt, kein Leitfeuer zur Orientierung, aber die Navigation nach Koppelnavigation und Kompass war recht einfach, und natürlich war der Flug so verspätet, dass sich bald die ersten Strahlen der aufgehenden Morgendämmerung ausmachen ließen. In der Nähe Zyperns und unter Nutzung ihres eigenen Radars scherten zwei IAF-Jets zusammen, um diesen letzten Zivilflug abzufangen und zu eskortieren, als er sich Israel näherte.
Wieder daheim
Bei der Landung stiegen die verschlafenen Passagiere und die Besatzung aus und gingen zum Debriefing-Bereich. Es gab keinen formellen Empfang, keine Medienpräsenz. Der Flughafen war beinahe menschenleer. Ein Schlepper zog 4X-EKB, um sie zur Reihe der schweigenden Flugzeuge am fernen Ende des Flughafens zu bringen. Es waren für einige Zeit keine Abflüge mehr geplant. Schließlich gab es keinen Ort mehr, wohin man hätte fliegen können. Das alles wirkte ein wenig antiklimaktisch, überhaupt nicht wie ein historischer Moment.
Das Projekt
Es war nun fast zwei Jahre her, seit „Projekt Nechemja“ ins Leben gerufen worden war, in manchen Kreisen auch bekannt als „Kibbuz Galujot“. Der erste Name wurde vom Außenministerium verwendet, um die verschiedenen Missionen und Verhandlungen mit den Ländern zu bezeichnen, in denen noch Juden (nach welcher Definition auch immer) verblieben waren, und bezog sich auf die ursprüngliche Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil; der zweite war ein rabbinischer Ausdruck für die Sammlung der Verbannten und war der Begriff, den die Ministerien für Inneres und Absorption zusammen mit den Verantwortlichen für Wohnungswesen, Bildung und Gesundheit sowie der Jewish Agency anwandten.
Die Dinge waren mehrere Monate zuvor zunehmend schwieriger geworden, einschließlich des vorangegangenen Februar, als beim zweiten Versuch eine Entscheidung fiel, alle Handelsbeziehungen zwischen der EU und Israel zu kappen. Spanien, Italien und Irland gelang es, die Abstimmung endlich durchzudrücken. Dies schloss das Erasmus-Programm sowie diverse akademische Projekte und Austausche ein. Israelischen Touristen wurde zunehmend gesagt, dass sie unerwünscht seien, wohin sie auch gingen. Die WHO war die Nächste. Was Sportveranstaltungen, Gesangswettbewerbe, Film- und Literaturfestivals und internationale Künstlertourneen anging… der Prozess der Isolation war fortschreitend, aber stetig und zeigte keinerlei Anzeichen einer Verlangsamung. Die Juden begannen, sich zu ihrem eigenen Schutz selbst zu segregieren, indem sie von kleineren Siedlungen in größere Städte zogen.
Der endgültige Wendepunkt in jenem Juli war Israels Ausschluss aus der UNO gewesen, nach monatelangem Streit über UNHCR, UNESCO und (ironischerweise) die Flüchtlingskommission. Die üblichen Länder hatten den üblichen Antrag in der Generalversammlung eingebracht, aber interessant war lediglich, wie wenige Gegenstimmen und wie wenige Enthaltungen es diesmal gab. Israel stufte seine Botschaft hier umgehend zu einer Mission herab, die sich lediglich der Aushandlung von Ausreisebedingungen mit den verschiedenen Ländern widmete; man hielt es für sinnlos, weiter zu protestieren oder diplomatische Aktivitäten zu entfalten. „Die Irren leiten die Anstalt“, erklärte Israels Außenminister. „Uns wird ständig über Menschenrechte und Völkerrecht Vorträge gehalten und Standpauken gemacht von Ländern, die in den wichtigsten Gremien vollen Status genießen und doch selbst alle Elemente anständigen menschlichen Verhaltens ignorieren. Die übrigen Mitglieder tolerieren diesen Zustand und machen sich somit mitschuldig daran. Die UNO war ein tapferer Versuch, die Welt nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu reformieren, aber, offen gesagt, sie ist gescheitert, und wir sehen wenig Sinn darin, um den Erhalt der Mitgliedschaft zu kämpfen.“
Es war dann selbst für die Blindesten klar, dass es außerhalb des Staates Israel selbst wahrhaftig keine Zukunft für Juden oder Israelis gab. Viele waren bereits fortgegangen, aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Australien, aber dieser Strom beschleunigte sich nun. Es wurden nun Maßnahmen ausgearbeitet, um eine Massenevakuierung zu erleichtern. Es stellte sich heraus, dass die Regierung bereits einige Notfallpläne ausgearbeitet hatte. Bilaterale Abkommen zwischen Israel und zunächst den europäischen Staaten und dann anderen waren aufgesetzt worden. Systematisch waren zuerst Familienangehörige abgezogen worden und dann die meisten Diplomaten; jüdische Akademiker hatten ihre Verträge beendet oder gekündigt und sich ostwärts gewandt, jüdische Schulen waren geschlossen worden. Am Ende des ersten Jahres war eine positive Bilanz – wenn man es so nennen konnte – gezogen worden, und nun waren weitere acht Monate vergangen und das Ende war in Sicht. Ein stetiger Strom staatlich geförderter Charterflüge war im Gange gewesen.
Inzwischen waren viele, ja die meisten Bücher und Archive zur Verbringung digitalisiert worden. Aus den wenigen verbliebenen, nicht niedergebrannten Synagogen waren die Rollen und Ritualgegenstände und Bücher entfernt und zum Versand verpackt worden.
Natürlich gab es viele persönliche Tragödien, Familien, die sich entscheiden mussten, zusammenzubleiben und trotz unterschiedlicher Hintergründe nach Israel zu ziehen – was bedeuten konnte, Geschwister oder Eltern zurückzulassen – oder Familien, die auseinanderbrachen, als die jüdischen Mitglieder die Ausweisung akzeptierten und die nichtjüdischen sich entschieden zu bleiben. Teams religiöser Berater waren ausgesandt worden, um vorübergehende Büros einzurichten und Menschen von gemischtem jüdischem Status über ihre Rechte und die ihnen offenstehenden Möglichkeiten der formellen Konversion oder der Einwanderung mit ihren Familienangehörigen zu beraten. Es stand ihnen frei zu wählen, aber die Wahl würde bald getroffen werden müssen.
Dasselbe galt für jene Juden, die die gemachten Angebote ablehnten, die noch immer glaubten, sie könnten eine Rolle finden, indem sie Frieden im Nahen Osten predigten, und selbst für jene, die sich – trotz allem – „Antizionisten“ nannten. Ein Prinzip war schließlich ein Prinzip. Sie waren – vorerst – in das Angebot eingeschlossen, aber sobald der Rückzug abgeschlossen wäre, wären sie auf sich allein gestellt – und dies veranlasste einige nicht wenige, ihre politischen Positionen ebenso zu überdenken wie ihre theologische Weltsicht.
Es gab diverse bilaterale Abkommen zu schließen über jüdische Soldaten, jüdische Häftlinge in Gefängnissen, jüdische Patienten in Langzeitpflegeheimen und vieles mehr. Mit mehreren Ländern war eine Pauschalsumme vereinbart worden, um künftige Rentenzahlungen abzudecken. Die verschiedenen Staaten wurden hierfür natürlich durch die Beschlagnahme geräumter Immobilien entschädigt. Dies sollte schließlich eine freiwillige Evakuierung sein, und es lag ersichtlich in aller Interesse, keine weiteren Hindernisse für eine reibungslose Fortschaffung etwaiger in bestimmten Ländern verbliebener Juden zu schaffen, denen es gestattet sein sollte, den Großteil ihres Vermögens zu transferieren und Möbel und Bibliotheken und Ausrüstung und Ähnliches zu versenden – schließlich war dies auch vor einem Jahrhundert schon so ausgearbeitet worden. Der Unterschied lag nun darin, dass es einen souveränen jüdischen Staat gab, mit dem man verhandeln konnte. Die meisten Länder hatten ihre Botschaften in Israel bereits zu Konsulaten reduziert, und nun wurden auch die meisten dieser abgezogen. Es gab die Frage, was jene Nichtjuden, die in Israel lebten, studierten oder arbeiteten, tun konnten oder sollten. Manche entschieden sich zu bleiben, mit Verlängerungen ihrer vorübergehenden Visa, andere entschieden sich, nach Hause zurückzukehren. Es war eine freie Wahl, soweit die Umstände es erlaubten. Viele Geistliche und Archäologen und andere hatten sich inzwischen hier ihr Zuhause geschaffen.
Beginnend mit Alaska, dann bestimmten nördlichen Bundesstaaten, dann Skandinavien, konnten nach und nach die Gebiete auf der Weltkarte, die man nun als „judenfrei“ bezeichnen konnte, markiert werden, und das Gebiet dehnte sich stetig aus.
Es gab ohnehin kaum noch Juden in den arabischen Ländern oder in ganz Afrika oder in Asien oder auf der indischen Halbinsel, sodass es relativ leicht war, diese herauszubringen. Es waren Amerika und Europa – und in gewissem Maße Teile Zentralasiens –, die zahlenmäßig die größere Herausforderung darstellten und entweder gechartertes Schiffsraum oder zusätzliche Charterflüge erforderten. Das nahezu vollständige Fehlen von Tourismus bedeutete zumindest, dass Kapazitäten verfügbar waren. Die Türkei war bald geleert, und Griechenland. Natürlich mussten Wohnungen im Voraus für die Neuankömmlinge vorbereitet werden, die Zurückgekehrten Verbannten, wie sie genannt wurden. Schulen und Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, Kindergärten und Sprachschulen – aber Israel hatte bereits Erfahrung im Umgang mit großflächiger Einwanderung, von den 1950er Jahren an, aber auch mit der Absorption ehemaliger sowjetischer oder jemenitischer oder äthiopischer Gemeinschaften; es war nur so, dass die Zahlen jetzt ein wenig größer waren. Auch die Juden hatten über Generationen hinweg Erfahrung damit, aus Spanien, Portugal, England, Polen, Russland vertrieben zu werden – (selbst im Neuen Testament gab es einen Verweis in der Apostelgeschichte 18,2, dass alle Juden von Claudius gezwungen wurden, Rom zu verlassen) –, sodass dies nicht ganz der traumatische Horror war, der es hätte sein können, wären sie alle Franzosen, Niederländer, Deutsche usw. in zehnter Generation gewesen. Es würde eine Weile dauern, bis alle Arbeit fänden und sich einlebten, aber die Erfahrung zeigte, dass es geschehen würde, dass es machbar war, wenn der Wille da wäre.
Natürlich würde es nicht genügen, neu angekommene und entwurzelte Menschen einfach in eine moderne neue Stadt zu pferchen, und Schulen und Büros und Krankenhäuser und Orchester und Universitätslabore und vieles mehr mussten in aller Eile improvisiert werden, aber die Ideen waren da.
Es dauerte ein halbes Jahr, bis den Kirchen klar wurde, dass auch sie von dieser neuen Regelung betroffen sein würden und dass der Zugang zu den heiligen Stätten aus dem Ausland erschwert werden würde. Die Antwort des israelischen Außenministeriums, als diese Angelegenheit zur Sprache gebracht wurde, wurde berühmt. „Nu?“, sagte es; „Habt ihr nicht schon genug andere heilige Orte und Pilgerstätten?“
Militärisch erging ein geheimer Befehl, dass es vor der Schließung der Grenze wichtig sei, so viele Hamas- und Hisbollah-Mitglieder wie möglich zu eliminieren, um spätere Ruhe zu gewährleisten. Trupps drangen bei Nacht in den Gazastreifen ein und erschossen jeden mit einem Hamas-Stirnband und besonders jeden mit einer Waffe, denn indem sie sich über sechs Jahre lang, seit ein sogenanntes ‚internationales Abkommen‘ dies gefordert hatte, weigerte zu entwaffnen, hatte die Hamas den internationalen Konsens faktisch brüskiert und sich selbst zu einer noch immer kriegführenden Partei erklärt. Die verschiedenen Staaten, die das Abkommen unterzeichnet und große Summen an Finanzhilfe versprochen hatten, hatten, wie üblich, sehr wenig getan, um ihre Versprechen umzusetzen. Im Libanon rückte die IDF entschlossen gegen die Hisbollah vor, denn es hatte nun keinen Sinn mehr, sich darum zu sorgen, was der Rest der Welt zu empfinden meinte, wichtig war einfach, sowohl in der Landschaft als auch in den wimmelnden Straßen Beiruts so viele Feinde wie möglich zu eliminieren. (Eine erfolgreiche Operation bestand darin, einen Schlauch von einem Benzintankwagen hinunter in den Keller eines Bürogebäudes zu führen, von wo aus die Flüssigkeit in jedes Loch und jeden Tunnel und Keller drang, bis sie entzündet wurde… und den Großteil der überlebenden Führung ausschaltete.)
Der dringende Bedarf an mehr Baufläche für die zurückkehrenden Verbannten erstickte auch alle verbliebenen Diskussionen darüber, welche Teile des „Westjordanlands“ von Judäa und Samaria genutzt werden könnten – die Antwort lautete nun „Alles davon“, und allen Palästinensern, die damit unglücklich waren, wurde höflich geraten, ostwärts nach Jordanien zu gehen. Internationale Gremien konnten ruhig weiter blöken, aber sie hatten nun keine israelischen Delegationen mehr, bei denen sie protestieren konnten. Das nahm die Hälfte des Spaßes weg…
Die Tore sind geschlossen
Und so wurden die Grenzen geschlossen. Um ehrlich zu sein, die Landgrenzen zu allen Nachbarländern waren bereits seit Jahrzehnten geschlossen gewesen, es gab keine größeren überland führenden Handelsrouten nach Jordanien, Syrien, Ägypten, Libanon… Es war eher eine Frage der Bestätigung des Status quo, des Steckerziehens. Es mussten keine Überland-Bus- oder Zugverbindungen gekappt werden. Es mussten keine größeren Importrouten mit Lastwagenkonvois umgestellt werden. Die großen Häfen von Aschdod (hauptsächlich für den Export von Phosphaten) und von Haifa (hauptsächlich für den Import von containerisierten Gütern) und Eilat blieben per Vertrag offen. In etwas mehr als einem Jahr war viel in Solar- und Windkraft investiert worden, und die Abhängigkeit von Öl war drastisch reduziert worden. Die Eisenbahnen, U-Bahnen und Straßenbahnen waren allesamt elektrifiziert, und viele Autos und Busse waren nun ebenfalls elektrisch betrieben. Die Dagon-Silos in Haifa, Devira, Afula, Nazareth waren gefüllt, ebenso die Öl- und Gasspeicheranlagen. Aber Israel war nun vom internationalen Postsystem, vom internationalen Bankensystem und – mit kleinen Ausnahmen für staatliche Zwecke – von der internationalen Kommunikation und dem Internet abgeschnitten, abgesehen natürlich von denen, die Israels eigene Satelliten nutzten. Das Land wurde autark. „Ein klaustrophobisches Ghetto!“, sagten einige verbittert; „Endlich frei von Einmischung und Beleidigung!“, sagten andere.
Und dann… Mabul
Das neue Weltsystem hielt kaum länger als eine Woche. Die Welt war endlich von den Juden befreit. Endlich! Nach Jahrhunderten, Jahrtausenden! Genossen sie es? Leider haben wir keine Informationen. Vermutlich lehrten die Universitäten eine kurze Weile lang weiter ohne jüdische Lehrer, spielten die Orchester weiter ohne jüdische Musiker, arbeiteten die Krankenhäuser ohne jüdische Ärzte, betrieben die Laboratorien weiter Forschungsarbeit ohne jüdische Wissenschaftler.
Niemand ist ganz sicher, was als Nächstes geschah. Ein Blick online in die seismographischen Aufzeichnungen des Staatsarchivs offenbart einige Informationen, aber kein vollständiges Bild. Soweit sich feststellen lässt, scheint die Abfolge die folgende zu sein:
Während sie in ihrer Umlaufbahn verblieb, verschob sich die Erde plötzlich ohne ersichtlichen Grund über einen Zeitraum von drei Tagen um etwa drei Grad auf ihrer Achse, das heißt, sie neigte sich zu dem, was man den Süden nennen könnte. Die Folgen waren katastrophal, denn – allein in Bezug auf Europa – versuchten nun alle Wasser des Schwarzen Meeres, durch die Dardanellen ins Mittelmeer zu strömen, und vom Mittelmeer aus floss der Nil rückwärts und überflutete den Sudan, der Suezkanal bildete eine Bore aus mit hoher Geschwindigkeit strömendem Wasser, und der größte Teil Nordafrikas einschließlich des Sinai wurde unter Salzwasser gesetzt. Die Stadt Istanbul wurde größtenteils von meterhohen Wellen fortgespült; das Schwarze Meer blieb leer zurück – Satellitenbilder fingen dies ein. Der Persische Golf entleerte sich in den Indischen Ozean… Was in Australien oder im Pazifik geschah – niemand weiß es. Eine kurze Berechnung zeigt an, dass eine Wasserwelle, die den Ärmelkanal hinabgedrückt würde, sich bis zu einem Tsunami von über 90 Fuß erheben könnte, bis sie die Atlantikküste der USA erreichte.
Dann wurde der Prozess über die folgenden drei Tage irgendwie umgekehrt, und die Meereswasser strömten nun über die Po-Ebene, Südfrankreich, Griechenland, die Türkei, Belgien und die Niederlande und die Ebenen Norddeutschlands hinweg und ließen alles überflutet zurück. Die Ostsee, wenn man es so ausdrücken könnte, unter Vereinfachung, lief einfach über, als die Meeresspiegel in diesem eingeschlossenen Gewässer sehr rasch um mehrere Meter anstiegen und so weite Teile Finnlands und Russlands sowie die baltischen Staaten und Nordpolen überschwemmten. Der Persische Golf lief über und spülte alles fort, was an den Ufern war, und überflutete die mesopotamische Ebene. Obwohl Eilat selbst irgendwie unbeschädigt blieb, nur für ein paar Tage einige Fuß unter Wasser, waren die Meereswasser kurzzeitig über die Landbarriere gestiegen, um nun beinahe das gesamte Jordantal auszufüllen und einen gewaltigen See zu bilden, der von nördlich Eilats fast bis zum Jarmuk reichte. Jericho verschwand unter Wasser. Es war kaum noch eine Landgrenze zu den östlichen Nachbarn übrig.
Nur die östliche Küste des Mittelmeers – das heißt, Israel, das nördliche Ende des Gazastreifens, der größte Teil des südlichen Abschnitts der schmalen Küstenregion des Libanon – blieb weitgehend unbeschädigt, da die Strömungen von Nord nach Süd und dann von Süd nach Nord gelenkt worden waren, nicht von West nach Ost. Das Mittelmeer selbst war nun an dem, was einst die Straße von Gibraltar gewesen war, durch etwas versperrt, das wie eine große Sandbank aussah, entstanden aus dem Abtrag der umliegenden Küsten von Marokko und Algerien. Dies bedeutete auch, dass es nicht vom Anstieg der Meeresspiegel betroffen war, während die Eiskappen langsam auseinanderbrachen.
In den drei neuen Städten im Negev und den zwei neuen Städten in Galiläa, die rasch errichtet worden waren, um die Neuankömmlinge aufzunehmen, war von alledem direkt wenig zu spüren, abgesehen von einigen leichten Erschütterungen. Aber es wurde klar, dass bald keine Kraftwerke irgendeiner Art mehr in Betrieb waren und keine Radio- oder Fernsehsignale mehr aus irgendeinem anderen Land rund um das Mittelmeer kamen und dass nur die gebirgigeren Regionen der Alpen, Pyrenäen, des Harzes, der Tatra und so weiter verschont geblieben waren, jede nun von den anderen abgeschnitten und faktisch Inseln bildend ohne Verbindungen zueinander und mit wenig funktionierender Industrie oder Landwirtschaft… Vermutlich galt dasselbe für den Himalaya und die Rocky Mountains und die Anden, aber sie lagen nicht so nah zur Betrachtung.
Ein neues Eden
Nach sechs Tagen des Chaos und der Katastrophe gab es einen Tag der Ruhe. Die Wasser kehrten in ihre früheren Gebiete zurück und Küstenlinien tauchten wieder auf, eine Unterscheidung ließ sich treffen zwischen Meer und Land – oder dem, was vom Land übrig war, nun durchnässt und versalzen. Bei Tag aufgenommene Satellitenbilder zeigten die Geographie weitgehend so, wie sie vor der Katastrophe gewesen war, aber bei Nacht aufgenommene Bilder zeigten nur endlose Schwärze… Es schienen keine Radio- oder Fernsehsignale mehr ausgestrahlt zu werden.
Aus fasziniertem Interesse beobachteten israelische Wissenschaftler von ihrem kleinen Winkel aus, was sie konnten. Die Vegetation erholte sich langsam und breitete sich aus, und dann, so schien es, auch Vogelarten und Insekten.
Frei von endlosem, obsessivem Hass und Verfolgung, Beleidigungen und Demütigungen, frei von endlosen und gedankenlosen Angriffen über die Grenzen hinweg, konnte eine neue Spezies von Juden sich entwickeln…
Rabbiner Dr. Walter Rothschild, Mai 2026



