Walter Rothschild || Israel im Februar 2026: Ganz persönliche Eindrücke
Rabbiner Dr. Walter Rothschild verbrachte eine Woche in Israel – abseits der Touristenpfade und der großen Politik. Ein ehrlicher Blick auf ein Land im Widerspruch
Der britische Komödienautor P. G. Wodehouse erfand einmal eine Figur, die für eine Woche nach New York fuhr und anschließend ein Buch schrieb mit dem Titel „Was die Amerikaner heute denken“. Diesen Eindruck möchte ich nicht erwecken. Ich verbrachte lediglich eine Woche in Israel – auf eigene Faust, nicht als Teil einer geführten Reisegruppe. Ich hatte eine persönliche Agenda: Menschen, die ich treffen wollte, und Orte, die ich besuchen wollte. Am Ende gelang es mir durch verschiedene Umstände, etwa die Hälfte meiner Pläne umzusetzen. Ich besuchte keine Heiligen Stätten in Jerusalem und auch keine Zentrale einer Synagogenorganisation. Ich fuhr nicht zu den Gedenkstätten in der Region rund um den „Gaza-Umschlag”, wo sich vor zweieinhalb Jahren so viel Grauen ereignete. Ich interviewte keine Politiker, Journalisten, Kollegen oder Militärsprecher, und ich fuhr weder auf die Golanhöhen noch nach Kirjat Schmona. Ich verbrachte auch keine langen Stunden vor dem Fernseher meines Hotelzimmers. Stattdessen verglich ich meine Eindrücke schlicht mit denen früherer Israelreisen – die letzte davon hatte aus verschiedenen Gründen kurz vor Corona stattgefunden. (Zwei organisierte Gruppenreisen im Zeitraum dazwischen waren wegen des allgemeinen Unsicherheitsgefühls abgesagt worden.)
Hier also einige allgemeine Bemerkungen für die Leserinnen und Leser von ahavta - Begegnungen. Die Dinge können sich natürlich innerhalb weniger Tage drastisch ändern, und als Tourist war ich gegenüber so vielem abgeschirmt – aber mehr als das kann ich Ihnen nicht sagen.
1. Die Ankunft
Bei der Ankunft herrschte derselbe Balagan wie immer, und man fragt sich unwillkürlich, wer hier eigentlich das Sagen hat – und würde ihm am liebsten einen Tritt versetzen. Das Flugzeug landet und rollt an die Position, man kann irgendwann aussteigen, die Passscanner funktionieren nicht, die Toiletten werden – wie immer – gerade gereinigt, und man steht bis zu zwei Stunden in einer langen, quälend langsam vorankommenden Schlange in einer großen Halle. Von den fünfzehn oder so Schaltern, an denen Ausländer abgefertigt werden könnten, sind gerade einmal drei besetzt. Irgendwo weiß man bereits alles über mich dank der Formulare, die ich vorab online für die Einreise ausfüllen musste – meine Schuhgröße und meine Lieblingseisorte inklusive, höchstwahrscheinlich. Und trotzdem muss man stehen und sich erklären wie ein frecher Schüler, der zu spät erschienen ist: Warum man einreise, wie lange man zu bleiben gedenke und wo man unterkomme…
Als ich schließlich widerwillig mit einem kleinen grünen Zettel als Tourist eingelassen wurde, gab es kein Schild, welches Gepäckkarussell für meinen Flug aus Berlin zuständig sein sollte. Nach ratloser Suche und einem Blick auf die Reihen stehender und gelagerter Koffer jener, die noch nicht erschienen waren, sowie einer Nachfrage am Fundbüro, wurde ich zu Rollband 7 verwiesen – wo die elektronische Anzeige Flüge aus Frankfurt und München auswies. Und tatsächlich: Mein Koffer tauchte dort auf, immer noch im Kreise drehend. Eine Erleichterung.
Der Touristen-Informationsschalter war nicht besetzt. Weder Karten des Landes noch der größeren Städte lagen aus, keine Hinweise zum öffentlichen Nahverkehr. Also schritt ich zügig durch den Zoll – ich hatte mir sagen lassen, ich solle das Büro des öffentlichen Nahverkehrs aufsuchen und mir dort eine RavKav-Karte, eine wiederaufladbare Plastikkarte, besorgen. Aber die gelangweilte Dame dort wies nur auf ein handgeschriebenes Schild, das an die Scheibe geklebt war: „Hier werden keine RavKav-Karten verkauft.” Sie zuckte mit den Schultern.
Eine Frau vor mir fand von drei Geldautomaten nur einen in Betrieb. Eine offensichtliche Möglichkeit, Bargeld zu wechseln, war nicht zu entdecken. (Am Abflugbereich gibt es das…) Das sind die ersten Eindrücke, die so viele Menschen von einem Land mitnehmen, das inkompetent, chaotisch und gleichgültig wirkt. Es stimmt nicht – aber genau diesen Eindruck gewinnt man, und das ist so völlig unnötig.
2. Die goldene Reiseregel
Ein Grundprinzip des Reisens lautet: „Fahre nirgendwo zum ersten Mal hin. Fahre immer zum zweiten Mal zuerst, damit du, wenn du zum ersten Mal dort bist, bereits weißt, wohin du musst.” Zum Glück hatte ich diese Regel befolgt – wenn auch vor einigen Jahren –, und so lief ich direkt dorthin, wo ich den Bahnhof dieses wichtigen Verkehrsknotenpunkts, dieses Eingangstors zur Nation, vermutete. Ein Bahnsteig, zwei Gleise.
Kein geöffnetes Schalter- oder Informationsbüro. Keine Karten, keine Fahrpläne. Stattdessen – wie ich auch andernorts im Land immer wieder feststellen sollte – eine Reihe von Automaten und automatischen Schranken sowie ein älterer Herr auf einem wackeligen Stuhl, der aufsprang und tatsächlich half! Er half mir, eine RavKav für fünf Schekel zu kaufen und dann aufzuladen. Das ist die entscheidende Schnittstelle zwischen glänzender Technologie und dem menschlichen Faktor. Im ganzen Land sitzen – meist ältere – Männer den ganzen Tag auf wackeligen Stühlen und eilen herbei, wenn man nicht durch eine elektronische Schranke kommt.
Ironischerweise kam ausgerechnet an dem Tag, an dem ich ankam, auch ein amerikanischer rechter Großmaul, ein ignoranter „Experte“, für ein paar Stunden nach Israel. Tucker Carlson wurde höflich in eine separate Lounge für die Grenzkontrolle und zum Treffen mit US-Botschafter Huckabee gebeten und reiste anschließend in wütendem Abscheu in die USA zurück – empört über die schreckliche Behandlung, die er erfahren habe, weil man ihn an der Grenze Fragen beantworten ließ (hat er je zuletzt versucht, in die USA einzureisen?). Gegenüber seinen leider Millionen ebenso unbedarfter Follower und Zuschauer bezichtigte er Netanjahu und Herzog des blutsaugenden pädophilen Satanismus und schlimmeres. Offen gesagt würde ich ihm, hätte ich ein Wort mitzureden, kein weiteres Visum ausstellen.
3. Busse: Hightech trifft Hilflosigkeit
Die Busse sind sehr modern, viele davon elektrisch und hochgradig technisiert: Jeder ist mit mehreren Lesegeräten für die RavKav-Karte ausgestattet, sodass der eigene Standort per Satellit erfasst werden und das System automatisch feststellen kann, wo man sich befindet, wohin man fährt und ob noch genügend Guthaben vorhanden ist. Im ganzen Land.
Leider gibt es an den meisten Bushaltestellen – einige haben inzwischen elektronische Anzeigetafeln für die nächsten fünfzehn Minuten – noch immer die alten gelben quadratischen Metallschilder mit schräg gedruckter schwarzer Schrift, die anzeigen, dass ein Bus 136 nach Hintertupfingen fährt, aber nicht wann, nicht wie und nicht wie häufig, und dass diese Haltestelle auch von den Linien 4, 28, 28-Alef, 926 und 17 bedient wird (in dieser Reihenfolge) – und man rätselt, wohin die wohl fahren. In manchen Wartehäuschen gibt es Streifenfahrpläne (nur auf Hebräisch), die zumindest die bereits bedienten und die nächsten Haltestellen anzeigen – aber nachts sind sie nicht beleuchtet. Wenn also die Tür aufgeht, ruft jeder dem Fahrer zu, wo er denn hin wolle – als ob er es vielleicht wüsste. Die Zielanzeige ist zwar elektronisch und zeigt in kontinuierlichem Wechsel Hebräisch, Arabisch und eine Art Englisch (etwa „Rail Center” für Hauptbahnhof), aber bis man fokussiert hat, ist die Sprache bereits gewechselt, und bis die gewünschte Sprache wieder erscheint, ist der Bus längst vorbeigefahren.
Das Land ist gleich doppelt schizophren: hochtechnisiert und rückständig zugleich. Ein Land, das wunderschöne Straßen und Viadukte bauen kann – aber keine Schlaglöcher flickt.
4. Bahnhöfe und Einkaufszentren
Die Bahnhöfe sind schön und modern, aus weißem Stein und Beton, der Eingang jedoch führt durch ein Chaos aus Sicherheitsscannern, alten Tischen zum Ablegen von Gepäck und wackeligen Stühlen für die gelangweilten jungen Leute, die dort Dienst tun. Anders als in Deutschland funktionieren die Rolltreppen meistens – aber oft hat man lange Wege, sowohl zum als auch im Bahnhof selbst. Regelrecht erschreckend wirkten auf mich Orte wie Petach Tikwa Kirjat Arjeh: Stationen, die noch vor Kurzem buchstäblich auf einem Feld am Rand einer kleinen Ansiedlung gebaut worden waren und die nun von vierspurigen Schnellstraßen, Hochhäusern, Einkaufszentren und Straßenbahndepots umgeben sind.
Jeder Bahnhof hat einen Fahrkartenschalter, ein Bahnhofsvorsteher-Büro, ein Café und eine Reihe elektronischer Schranken für Ein- und Ausgang. Aber keine Fahrpläne. Es gibt keine gedruckten Fahrpläne mehr – weder als Aushang noch als Heftchen. Große elektronische Anzeigetafeln verkünden in wechselndem Hebräisch, Arabisch und Englisch, dass in Kürze ein Zug mit einer bestimmten Nummer auf einem bestimmten Gleis abfährt – sagen wir: nach Tel Aviv. Aber hält er in Atlit oder Hadera? Wann kommt er an? Wann fährt der nächste? Wann ist der letzte? Man muss – die App benutzen! Israelis sind App-ologen par excellence. Mir fehlte die große gelbe Abfahrtstafel, vor der man in Ruhe ablesen kann, welcher Zug wo hält. Kein Wunder, dass stets bis zu die Hälfte der Fahrgäste ihre Handys an den Steckdosen in den Zügen auflädt. (Die roten Waggons haben Steckdosen, die Elektrotriebwagen USB-Anschlüsse.) Ohne Smartphone ist man schlichtweg verloren.
Und dann: die Einkaufszentren. In diesen neuen Vierteln, den Schikunim, sieht man kaum Ladenzeilen – stattdessen überall geschlossene „Kanjonot”, was auf Hebräisch nicht eine tiefe Schlucht bedeutet, sondern einen Ort zum Kaufen. Von außen sehen sie meist gleich aus, innen noch mehr. Bunte Farben, große Schilder in schmucken kursiven Schriften, dieselben Ketten. Kaum jemand zahlte mit Bargeld – das Handy oder die Karte. Ich fühlte mich sehr alt.
5. Bautätigkeit
Überall im Land sah man Baustellen, hohe Kräne und große weiße Wohnhochhäuser und Bürogebäude im Entstehen. Ähnlich wie in den Niederlanden: Man fährt von A nach B durch eine grüne Landschaft und stellt fünf Jahre später fest, dass sich daraus ein modernes Stadtgebiet entwickelt hat. Gewaltige Investitionen in die Infrastruktur – Straßen, Eisenbahnen, Brücken, Stadtbahnlinien. So hätte der Gazastreifen oder der Libanon aussehen können, wenn die dort Herrschenden auch nur einen Funken Vernunft besessen hätten. Die Israelis machen einfach weiter: Leben und Bauen. Eisenbahnlinien werden gebaut und elektrifiziert, Straßenbahn- und Metrolinien entstehen.
6. Die Stimmung
Außerhalb Israels herrschte zu diesem Zeitpunkt große Anspannung. Präsident Trump schien noch zu überlegen, ob er sich mit der rechten oder der linken Hand den Hintern abwischen sollte – oder ob er das vielleicht jemand anderen für sich erledigen lassen und sich anschließend seines Erfolgs rühmen würde. Viele seiner Berater sind fundamentalistische Christen, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist. US-Marineverbände und Flugzeuge der US Air Force sammelten sich in der Region. Die iranische Führung redete viel, um Zeit zu schinden oder zu gewinnen – technisch gesehen sind das Widersprüche, in der Politik aber ist alles anders –, während andere Iraner protestierten und litten.
7. Die Aufkleber
Sie fielen mir sehr stark auf. Überall im öffentlichen Raum – an Laternenpfählen, Bushaltestellen, Bahnhöfen – kleben private, persönliche Aufkleber mit jungen, fröhlichen, strahlenden Gesichtern. Jedes einzelne steht für jemanden, der in den vergangenen drei Jahren gefallen ist. Soldaten oder junge Festivalbesucher. In Deutschland hatten wir Plakate für die Geiseln – hier gibt es Aufkleber für die Gefallenen. Viele, viel zu viele. Gesichter, keine Zahlen. Gesichter mit einem Namen und Daten, manchmal einem Dienstgrad. Das waren die Opfer – jeder von ihnen jemandes Sohn oder Tochter, Nichte oder Enkel. Das ist es, was Israel anders macht. Hier kann sich jeder mit fast jedem anderen auf dieser Ebene identifizieren. (Vielleicht nicht mit jenen, die den Militärdienst verweigern oder ablehnen oder die niemals zu einer Feier mit gemischtem Tanz gehen würden.) Jeder weiß, dass die eigenen Familienangehörigen gefährdet sind.
8. Die Rückkehr
Ich kehrte gestern, am 25. Februar, wie geplant zurück. Der Flughafen Ben Gurion wirkte fast leer. Keine Schlangen von Menschen, die das Land verzweifelt verlassen wollten. Am Vortag hatte KLM als jüngste Fluggesellschaft ihre Flüge eingestellt, und möglicherweise gibt es derzeit weniger Touristen- oder Pilgergruppen – aber das allein kann die fehlenden Passagiere nicht erklären. Mein Israir-Flug, ein A320, hatte viele freie Sitze. Vor mir saß ein israelischer Buchhalter, der in Berlin Urlaub machte – er liebt den Alexanderplatz.
Rabbiner Dr. Walter Rothschild



