Morgen beginnt Jom Kippur. In diesem Jahr werde ich zum ersten Mal seit über vierzig Jahren die Gottesdienste nicht leiten. Normalerweise stünde ich abends bei Kol Nidrej an der Bima und dann am nächsten Morgen den ganzen Tag über – ab wann auch immer wir begonnen hätten, 10 oder 10.30 Uhr, bis zum Ende der Ne’ila bei Einbruch der Nacht, die zwischen 19 und 20.30 Uhr liegen kann. Viel hängt von der Korrelation mit dem weltlichen Kalender ab, davon, ob wir schon in der „Winterzeit“ sind, ob der Monat Tischri in den frühen oder späten Herbst fällt, dazu von den Eigenheiten der jeweiligen Synagoge, ob die Betenden vor allem aus dem Ort kommen oder ob sie weite Strecken reisen mussten – und wieder zurückreisen müssen. Die Zeit im jüdischen Kalender ist festgelegt, aber sie ist relativ, sobald man sie auf die Außenwelt bezieht.
Mädchen für alles
In manchen Jahren habe ich in mittelgroßen oder sogar großen Synagogen mit Chor, Orgel und mehreren Gabbaim amtiert, die für den reibungslosen Ablauf der Gottesdienste sorgten; in den meisten Jahren jedoch habe ich in kleineren Gemeinden amtiert – schon als Rabbinatsstudent – und war dort praktisch das „Mädchen für alles“: Ich stellte die Torarollen auf die richtige Stelle für die Lesungen ein, las, sang, kantillierte, manchmal gemeinsam mit einem Kantor (ob Laie oder Berufskantor), meistens nicht. Um ehrlich zu sein, persönlich ziehe ich es so vor, weil die Dynamik in der Gemeinde eine andere ist, weil jeder das Bedürfnis verspürt, sich einzubringen, so gut er kann, weil die Gefahr geringer ist, dass der Gottesdienst zur Aufführung wird, und weil man weniger Gefahr läuft, einen Einsatz zu verpassen – selbst wenn ich in meinem Machsor, dem Gebetbuch, angemerkt habe, wo eine andere Stimme einsetzen und einen Teil der Liturgie übernehmen soll. An manchen Orten wünscht die Gemeinde eine Pause mitten am Tag oder wendet sich einer Lernstunde statt dem Gebet zu, aber ich habe es meist für besser gehalten, einfach weiterzulesen. Ich liebe diese Liturgie. Natürlich sind am Ende des Tages meine Beine und Knie müde, auch wenn die eigentliche Steifheit sich erst am folgenden Tag einstellt und meine Kehle trocken ist – aber Letzteres lässt sich leicht beheben.
In der Zeit davor, als Vorbereitung auf diesen Tag, hat man Meditationen, Texte, die man lesen kann, es sind verschiedene Speisen zuzubereiten, und am Tag selbst soll man weder trinken noch essen. Die Hoffnung ist, dass man sich am Ende des Tages geistlich ausgeräumt und erfrischt fühlt, dass man durchgesehen und für würdig befunden wurde, ein weiteres Jahr zu leben, dass man all das geklärt hat, was theoretisch schiefgegangen sein könnte, und dass man nun rein ist und sich nach vielem persönlichen Gebet der Gemeinschaft wieder anschließen kann.
Eine Untersuchung nach dem Fasten
In diesem Jahr steht mir, wie es das Schicksal will, nur wenige Tage nach Jom Kippur eine innere Untersuchung bevor. Nur Routine, Kontrolle, aber ein Facharzt wird eine Kamera in einen Teil von mir einführen, der normalerweise nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhält, und nach Polypen oder verschiedenen Formen von Schäden suchen, und hoffentlich wird mir, wenn ich wieder aufwache, gesagt, dass alles in Ordnung ist und ich weiterleben kann – zumindest soweit es dieses Organ betrifft. Gestern habe ich das Pulver abgeholt, das ich am Tag davor und am Tag selbst anmischen und trinken soll, dazu das Merkblatt mit den Anweisungen, was ich in den fünf Tagen der Vorbereitung essen und was ich nicht essen darf, und die Übungen, die ich durchführen soll.
Ich hoffe, es erscheint Ihnen, der Leserin und dem Leser, nicht zu bizarr, wenn ich darin eine wichtige Parallele zu Jom Kippur sehe: Meine Seele muss ausgeräumt und überprüft werden, und mein Körper muss ausgeräumt und überprüft werden, und beide Verfahren umfassen Vorbereitung und Fasten. Es wird empfohlen, dass man, wenn alles vorüber ist und man Zeit hatte, sich von der Narkose zu erholen, nicht allein hinaus in die Welt gehen soll, sondern in Begleitung von jemandem, der einen geleitet und unterstützt.
Zwischen Engeln und Tieren
Es gibt viele Dinge, die in meiner Kontrolle liegen, und viele, die nicht in meiner Kontrolle liegen. Nachdem ich vor Kurzem eine Zeit durchgemacht habe, in der sogar mein eigenes Blut nicht in der Lage war – ohne Hilfe – hart genug zu kämpfen, um mich vor unsichtbaren Infektionen zu bewahren, weiß man, wie unsichtbare Zustände – vielleicht ein Virus oder ein Tumor – wie aus dem Nichts auftauchen können, sich in den Körper einnisten und ihn schwächen, ganz so wie Vorstellungen von Sünde den Geist übernehmen und ihn schwächen können. Wir sind beides, Körper und Seele – die Rabbinen der Mischna sprachen von uns als Wesen zwischen den Engeln und den Tieren, weder ganz das eine noch ganz das andere.
In diesem Jahr ist die Parallele für mich stärker und deutlicher. Neben verschiedenen anderen Spezialisten für verschiedene Teile meines Körpers gibt es einen Spezialisten, bei dem ich für den 10. Tischri einen Termin habe. Ich hoffe, er wird gut verlaufen.
Rabbiner Dr. Walter Rothschild



