Trumps 60-Tage-Deal mit Iran: Israels Geduldsprobe
General Amir Avivi warnt: Israels geschwächte Feinde erholen sich wieder, Teheran spricht von amerikanischer Kapitulation – und das Zeitfenster zum entscheidenden Sieg droht sich zu schließen.
Die USA und der Iran haben sich auf eine zunächst befristete Vereinbarung geeinigt. Brigadegeneral Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum (IDSF), schilderte am 15. Juni 2026 in einem Briefing, warum diese Übereinkunft in Israel Frustration und Sorge auslöst, weshalb Teheran sie als amerikanische Kapitulation deutet und welche Lehre Israel auf keinen Fall vergessen darf.
Eine Zwischenvereinbarung, kein Friedensschluss
Nach Darstellung von Amir Avivi handelt es sich nicht um ein endgültiges Abkommen, sondern um ein Memorandum, eine Zwischenvereinbarung. In den kommenden 60 Tagen soll die Straße von Hormus vollständig für den Handel geöffnet und die Blockade gelockert werden. Parallel dazu sollen Verhandlungen über den Endzustand geführt werden, also über die Demontage des iranischen Nuklearpotenzials und einen Ausstieg aus der Urananreicherung.
Avivi macht keinen Hehl aus der Stimmung in Israel: Alle seien wirklich frustriert und besorgt, niemand wisse genau, wohin dies führe. Aus israelischer Sicht wünsche man sich weitere militärische Schläge gegen den Iran. Avivi ist überzeugt, dass das Regime am Ende zusammenbrechen würde, wenn man den Druck immer weiter erhöhe. Doch genau das sei derzeit nicht zu beobachten.
Warum Trump die Blockade pausiert
Die zentrale Frage lautet für Avivi: Warum setzt Präsident Trump die Blockade nicht fort, warum benötigt er diese 60 Tage? Eine Erklärung sieht er in der Lage des globalen Energiemarkts, die er als verheerend beschreibt. Die Preise für Öl und Energie seien in einigen Ländern um mehr als 50 Prozent gestiegen, besonders in Europa, und auch im Osten gebe es eine Krise. Tausende Schiffe steckten im Persischen Golf fest.
In 60 Tagen lasse sich der Golf weitgehend leeren, die festsitzenden Schiffe könnten herausgeführt und der Energiemarkt zumindest vorübergehend stabilisiert werden. Danach könne man sich aus einer komfortableren Position erneut mit dem Iran befassen. Avivi betont, er habe viele Interviews Trumps aufmerksam verfolgt. Der Präsident wolle nicht wie Obama oder Biden sein, er kenne das frühere Atomabkommen JCPOA genau und wisse, wie schlecht diese Deals gewesen seien. Trump wiederhole immer wieder, er werde den Iran nicht nuklear werden lassen, habe aber zugleich andere, globale Erwägungen.
Israels wichtigste Lehre: sich selbst verteidigen
Aus israelischer Perspektive zieht Avivi eine schon lange bekannte Lehre: Israel müsse in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, und dürfe von niemandem abhängig sein. Man müsse die Kontrolle über die eigene Zukunft und das eigene Schicksal behalten.
Konkret heißt das für ihn: Israel müsse im Libanon und in Gaza weiterkämpfen und die Aufgabe zu Ende bringen. Eine Realität, in der die eigenen Bürger gefährdet seien oder sich die Feinde erneut aufbauten, während Israel tatenlos zusehe, sei keine Option. Für Ministerpräsident Netanjahu sei es eine große Herausforderung, unmissverständlich klarzumachen, dass man nicht zur Lage vor dem 7. Oktober zurückkehre. Israel müsse proaktiv handeln. Falls man sich mit dem Iran auseinandersetzen müsse, werde man das auch im weiteren Kriegsverlauf tun. Avivi glaubt weiterhin, dass dies gemeinsam mit den USA gelingen könne, auch wenn es Interessenunterschiede gebe, weil Washington global denke, während Israel die Lage aus regionaler Sicht betrachte.
Die Operationen im Libanon und in Gaza gehen weiter
Zum Zeitpunkt des Gesprächs, so Avivi, bestehe die Blockade gegen den Iran noch, sie sei bislang nicht aufgehoben. Die israelischen Streitkräfte griffen weiterhin im Libanon an. Der israelische Verteidigungsminister habe klargestellt, dass Israel sich nicht aus dem Südlibanon zurückziehen werde. Man bleibe in den eigenen Stellungen, um die Städte im Norden und die Soldaten zu schützen, und setze die Operationen in den eigenen Gebieten fort.
Sorge bereitet Avivi vor allem die psychologische Wirkung der aktuellen Lage. Sie könnte Hamas und Hisbollah ermutigen, insbesondere die in ihrem kleinen Kontrollgebiet in Gaza weitgehend eingedämmte Hamas. Diese könnte nun deutlich offensiver und selbstbewusster auftreten. Jeden Angriff müsse Israel beantworten und die Gegner weiter schwächen, wie bisher. Entscheidend sei, den Libanon und Gaza nicht mit dem Geschehen im Iran zu verknüpfen. Zugleich ermögliche das Abkommen dem Iran für zwei Monate wieder Handel. Sollte Teheran an Geld gelangen, werde es dieses zweifellos für Terror einsetzen, was keine gute Nachricht sei.
Wie wirksam die Blockade war
Avivi unterstreicht, wie wirkungsvoll die Blockade gewesen sei und wie sehr sie die Hisbollah in eine sehr schlechte Lage gebracht habe. Bemerkenswert sei eine Umkehrung der Verhältnisse: Wo zuvor die Hisbollah den Iran habe verteidigen müssen, sei es nun der Iran, der die Hisbollah verteidige, weil er sie brauche.
Am frustrierendsten sei, dass man einen Punkt erreicht habe, an dem die Feinde dramatisch geschwächt worden seien. Am Horizont habe sich die Chance abgezeichnet, die schiitische Achse entscheidend zu besiegen, und nun werde Israel gestoppt. Die Gegner erhielten die Gelegenheit, sich zu erholen. Das werde auch andere Länder im Nahen Osten beeindrucken, etwa die Golfstaaten, die einen sich neu formierenden und wieder erstarkenden Iran beobachten würden.
Teheran deutet den Deal als amerikanische Kapitulation
Wichtig sei es, die iranische Sichtweise zu verstehen, sagt Avivi. Der Iran deute die Vereinbarung als amerikanische Kapitulation und als Sieg für sich selbst. Man habe das Gefühl, die Amerikaner gäben nach und Teheran bekomme alles, was es wolle. Die iranische Führung bleibe glasklar: Man werde die nuklearen Ambitionen nicht aufgeben, keinen freien Handel zulassen und für die Durchfahrt von Schiffen Gebühren verlangen.
Das sei erstaunlich, betont Avivi, denn der Iran sei in Wahrheit schwach. Die Währung sei nichts mehr wert, die Militärindustrie zerstört, eine Marine gebe es nicht mehr. Trotz dieser bemerkenswerten militärischen Erfolge Israels erscheine die Lage in iranischen Augen als Kapitulation Amerikas, nicht als eigene Niederlage. Hinzu kämen einige Äußerungen des Präsidenten gegen Israel und gegen Netanjahu, die der Sache nicht dienten, weil sie den Eindruck eines Spalts zwischen Israel und den USA erweckten. Diesen versuche der Iran auszunutzen, um die beiden Verbündeten auseinanderzutreiben. Avivi sieht keinen großen Spalt, hält die Rhetorik des Präsidenten aber für nicht hilfreich.
Ohne Druck kein Regimewechsel
Auf die Frage, ob Israel die Hisbollah besiegen könne, falls der Iran intakt aus dem Krieg hervorgehe, antwortet Avivi mit einer engen Verknüpfung beider Fronten. Das Regime rüste die Hisbollah aus, finanziere, schule sie und liefere die Technologie. Solange es dazu in der Lage sei, werde sich die Hisbollah wieder aufbauen, und es werde für Israel wie für die libanesische Regierung sehr viel schwerer, mit ihr fertigzuwerden. Die Zerschlagung der Hisbollah im Libanon hänge maßgeblich davon ab, dass der Iran sie nicht mehr stützen, unterstützen und finanzieren könne. Wichtig seien zudem eine US-Hilfe beim Aufbau und der Reform der libanesischen Armee sowie die Handlungsfreiheit der israelischen Streitkräfte, die Gegner systematisch weiter zu schwächen.
Um das Regime zu Fall zu bringen, müsse der Druck aufrechterhalten werden. Avivi verweist auf die Kampagne des maximalen Drucks, eine Kombination aus wirtschaftlichem Druck, Sanktionen, der sehr wirksamen Blockade und gezielten Angriffen, wenn nötig. Man habe 40 Tage sehr bedeutsamer militärischer Schläge erlebt und danach zwei Monate sehr wirksamer Blockade. Ohne Blockade und ohne Angriffe lasse sich ein Regimewechsel jedoch kaum befördern, es sei denn, die Bevölkerung erhebe sich erneut, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen könne. Wer das Regime stürzen wolle, müsse wirtschaftlichen und militärischen Druck verbinden.
Israels Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit
Das Verteidigungsestablishment und die Regierung verstünden, dass sich eine historische, fast biblische Gelegenheit biete, dieses Regime zu Fall zu bringen, sagt Avivi. Darauf werde man nicht verzichten. Er glaube fest daran, dass dies gemeinsam und in Abstimmung mit den USA und dem US-Zentralkommando CENTCOM gelingen könne. Israel habe entschlossene Pläne zum Umgang mit dem iranischen Regime vorbereitet, kontrolliere dessen Luftraum vollständig und könne immer wieder hart zuschlagen. Man handle jedoch in Partnerschaft und Abstimmung mit den USA. Solange die übergeordneten Ziele gleich blieben, könne Israel akzeptieren, dass die Dinge länger dauerten, sofern die Ziele am Ende erreicht würden.
Ändere die US-Regierung jedoch ihre Strategie und sei nicht bereit, die Aufgabe zu erfüllen, werde zumindest Netanjahu nicht zögern, dem Präsidenten zu sagen, dass dies das eigene Land und das eigene Leben sei und Israel tun werde, was zur Selbstverteidigung nötig sei. Solche Entscheidungen habe er bereits erlebt, so Avivi. Er hoffe, dass es nicht so weit komme, aber man müsse am Ende tun, was getan werden müsse.
Mehr Abstimmung als öffentlich sichtbar
Auf das mediale Hin und Her zwischen Trump und Netanjahu angesprochen, in dem Trump erkläre, die USA stiegen aus und Israel sei auf sich gestellt, hält Avivi eine zu optimistische Deutung für verfrüht. Die Haltung der Regierung sei von Anfang an gewesen, dass Israel ein fähiger Partner mit eigenen Interessen sei, der das Nötige zur Selbstverteidigung tue. Diese Administration schätze starke Länder, die sich selbst verteidigen könnten und nicht andere um Schutz bitten müssten.
Man sei aber noch nicht an dem Punkt, an dem man sagen könne, die USA hätten die Kriegsziele aufgegeben und Israel müsse alles allein erledigen. Nach allem, was er aus dem Büro des Ministerpräsidenten höre, arbeite man gut abgestimmt und spreche fast täglich miteinander. Manchmal gebe es ein Spiel zwischen dem, was öffentlich gesagt und getwittert werde, und dem, was hinter den Kulissen geschehe. Hinter den Kulissen sei man weit stärker abgestimmt, als man denke.
Volle US-Präsenz statt Rückzug
Die militärischen Mittel der USA im Nahen Osten seien nicht nur weiterhin präsent, es kämen sogar noch Verstärkungen hinzu, berichtet Avivi. Die USA befänden sich derzeit nicht im Rückzug, sondern stünden mit voller Kraft in der Region und setzten nach wie vor die Blockade durch. Die große Frage sei, was in den kommenden ein bis zwei Monaten geschehe. Avivi vermutet, dass die aktuelle Vereinbarung etwas sehr Punktgenaues und Taktisches sei, um den Energiemarkt zu entlasten und die Schiffe herauszuführen.
Churchill oder Chamberlain: die Frage des Vermächtnisses
Für Avivi läuft vieles auf eine Grundsatzfrage hinaus, die er nach eigenen Worten schon zu Beginn der Amtszeiten von Obama und Biden gestellt hat und nun bei Trump erneut stellt: Wie wolle der Präsident in die Geschichte eingehen, als Churchill oder als Chamberlain? Sein Bauchgefühl sage ihm, Trump wolle ein Churchill sein, kein Chamberlain. Doch das werde sich erst in Zukunft zeigen.
Ein geeintes Land in seiner Frustration
In der israelischen Öffentlichkeit sieht Avivi vor allem eine geteilte Frustration. Die große Mehrheit der Gesellschaft wolle diesen Krieg entscheidend gewinnen und sei verärgert, dass nicht angegriffen und die Aufgabe nicht zu Ende gebracht werde. Manche machten Trump verantwortlich, andere Netanjahu, weil er nicht stark genug gegenüber Trump auftrete. Vieles davon sei Politik. Insgesamt seien die Menschen enttäuscht, frustriert und besorgt, dass der Iran seine Kräfte und seine Stellvertreter wieder aufbaue, nachdem man diese mit großen Opfern erheblich geschwächt habe.
Das große Bild: USA, China und Russland
Mit Blick auf das größere geopolitische Bild betont Avivi, dass die Ziele der USA über Israel hinausgingen. Israel betrachte den Iran aus militärischer Perspektive, man wolle nicht von ballistischen Raketen getroffen werden und sorge sich vor Terror. Die USA hingegen schauten auf das Kräfteverhältnis und auf Allianzen. Washington wünsche sich einen Iran, der sich wie Venezuela den USA zuwende, wolle das iranische Öl kontrollieren und Hebel gegenüber China gewinnen sowie eine chinesische und russische Dominanz im Nahen Osten verhindern.
China kontrolliere viele der seltenen Rohstoffe für die KI-Industrie und für Elektroautos und beschränke den Handel mit dem Westen, was diesen vor ein großes Problem stelle. Für die USA sei die Kontrolle über das Öl ein Weg, Hebelwirkung zu erzeugen. Deshalb seien die Straße von Hormus und das iranische Öl für Washington von großer Bedeutung. Avivi hält es für unwahrscheinlich, dass die USA diese Ziele aufgäben, zumal der Krieg sehr wirksam gewesen sei und nur wenige Opfer gefordert habe. Im großen Krieg gegen den Iran seien 13 Soldaten gefallen, was kein Vietnam und kein Russland-Ukraine sei. Die USA zahlten keinen Preis, den sie nicht tragen könnten, und die Chance sei enorm.
Ein kurzes Zeitfenster und die entscheidende Frage danach
Avivi deutet die Vereinbarung als etwas sehr Taktisches, das dem Westen, dem Osten und auch dem nach Geld und Handel verzweifelten Iran diene. So gebe es vielleicht für eine sehr kurze Zeit eine Art Win-win-Situation für alle Seiten. Die große Herausforderung und die entscheidende Frage sei jedoch, was danach geschehe. Er erwarte erneut eine Blockade und erneut Angriffe, besonders wenn der Iran nach Ablauf der 60 Tage nicht tatsächlich angereichertes Uran abgebe, sondern nur darüber rede.
Es werde einen Moment der Prüfung geben, ob der Iran wirklich bereit sei, seine nuklearen Bestrebungen aufzugeben. Sei er es nicht, werde er den Preis zahlen müssen. Langfristig, davon ist Avivi überzeugt, lasse sich dieses Regime zu Fall bringen und die Kriegsziele erreichen. Doch es sei ein langes Spiel, das Geduld verlange.
Quelle: Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), in einem Briefing der IDSF Daily Briefings, veröffentlicht am 15. Juni 2026. Video: Trump Surrenders to Iran? 60-Day Deal That Will Haunt Israel



