Im Neuen Testament steht das Vaterunser zweimal. Matthäus stellt es in die Bergpredigt, in die Belehrung über das rechte Beten; Lukas lässt es Jesus auf die Bitte eines Jüngers hin sprechen: „Herr, lehre uns beten.“ Lukas ist deutlich kürzer und beginnt schlicht mit „Vater“, während Matthäus die volle, feierlich ausgebaute Anrede bietet: „Unser Vater in den Himmeln.“
Ein aramäischer Klang – aber kein Beweis
Jesus hat vermutlich aramäisch gebetet, und viele denken sofort an das Wort „Abba“. Nur: Im Vaterunser kommt es nicht vor. Es steht an drei Stellen des Neuen Testaments: im Gebet Jesu in Getsemane und zweimal bei Paulus. Auffällig ist, dass es dort jedes Mal sofort ins Griechische übersetzt wird: „Abba, der Vater“. Es ist also kein spontanes Wort eines Einzelnen, sondern ein schon fest geprägter Gebetsruf, den eine griechischsprachige Gemeinde beibehielt und für ihre Hörer gleich mitübersetzte. Eine aramäische Vorform des Vaterunser ist gut denkbar, bleibt aber eine Rekonstruktion. Und: „Abba“ heißt nicht „Papa“, sondern „Vater“.
Verdichtete jüdische Gebetssprache
„Unser Vater in den Himmeln“ ist keine christliche Neuschöpfung. Schon Jesaja betet: „Du bist unser Vater … du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser von je“ (Jesaja 63,16). Im jüdischen Hauptgebet, dem Achtzehnbittengebet, heißt es: „Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt; erlass uns, unser König, denn wir haben gefrevelt.“ Das Segensgebet vor dem „Höre, Israel“ ruft: „Unser Vater, barmherziger Vater, erbarme dich über uns.“ Und das große Bußgebet der hohen Feiertage beginnt mit der Doppelung: „Unser Vater, unser König“. Auch in der Hebräischen Bibel ist die Rede von Gott als Vater nicht randständig: Sie hängt an Erwählung, Erbarmen und Bundestreue und hat nichts Sentimentales.
Warum es „unser“ heißt
Diese Anrede ist nirgends privat gedacht, sondern durchgehend gemeinschaftlich. Weil Israel als Ganzes Gottes Sohn genannt wird, kann Gott „unser Vater“ heißen. Über Jesus Christus werden auch Nichtjuden aus der Menschheit herausgerufen und dürfen so sprechen. Für sie gilt ein Satz der frühen rabbinischen Überlieferung: „Auf wen können wir uns stützen? Auf unseren Vater im Himmel.“ (Mischna Sota 9,15) Eine andere Stütze haben sie nicht mehr. Matthäus rahmt das Gebet mit der Weisung, im Verborgenen zu beten – und mündet doch in ein Wir.
Das „unser“ verpflichtet. Wer Gott gemeinsam Vater nennt, kann die folgende Vergebungsbitte nicht für sich allein sprechen – sie ist zugleich an die Vergebung gegenüber denen gebunden, die dasselbe „unser“ sprechen.
Kein Ort, sondern eine Herrschaft
„In den Himmeln“ – im Hebräischen wie im Griechischen ein Plural, den unsere Übersetzungen glätten – ist nicht eine Adresse Gottes oder eine Ortsangabe, sondern die Bezeichnung seines Machtbereichs: Gott rückt nicht in eine ferne Höhe, sondern wird als der benannt, dem alles untersteht. Der angerufene Vater ist der Herrscher, dessen Wille geschehen soll „wie im Himmel, so auf Erden“. Der Abstand zwischen Himmel und Erde ist genau der Raum, in dem Beten einen Sinn hat. Im jüdischen Gebet stehen Vater und König regelmäßig nebeneinander.
Vater unser oder unser Vater?
Luther- und Einheitsübersetzung geben richtig „Unser Vater“ wieder; die liturgisch gewohnte Wortstellung „Vater unser“ ist eine Archaisierung. Es wäre sachgemäß, sie im Gemeindegebet zu verlassen und die Reihenfolge umzukehren: Es ist unser Vater, der gegen die Mächte und Gewalten „auf Erden“ steht.
Eine heutige Anfrage feministischer Theologinnen ist ernst zu nehmen. Die „Bibel in gerechter Sprache“ überträgt: „Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel.“ Dafür spricht, dass die Bibel selbst mütterlich von Gott redet: „wie einer, den seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13). Dagegen spricht, dass das eigentlich abgelehnte Bild von Gott als „unsere Eltern“ so eher verstärkt wird – und die christlich ohnehin gefährdete Einheit und Einzigkeit Gottes weiter unter Druck kommt. Der bessere Weg dürfte sein, den biblisch-jüdischen Vaterbegriff wiederzugewinnen: Er liegt gerade fernab „patriarchaler Herrschaftsstrukturen in der menschlichen Welt“, wie das Glossar der „Bibel in gerechter Sprache“ schreibt.
Früh gebetet, dreimal täglich
Wie früh diese Anrede Gemeindegebet wurde, zeigt die Didaché, eine christliche Gemeindeordnung um 100. Sie überliefert das Vaterunser in der matthäischen Gestalt samt Himmelsanrede und weist an, es dreimal täglich zu beten. Damit steht die junge Kirche mitten in jüdischer Praxis: drei Gebetszeiten, ein Vater, viele Geschwister.



