Vom Gedenken zur Unabhängigkeit: Amir Avivi über Israels schmerzhaftesten Übergang
In Israel liegen Trauer und Feier dicht beieinander. Am Jom haSikaron, dem Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer, erinnerte das Land an seine Toten. Am Abend begann Jom haAzma’ut.
Für Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum, ist der Übergang vom Gedenken zur Feier der Unabhängigkeit nicht nur ein nationaler Ritus. Er ist Ausdruck einer israelischen Grundhaltung: erinnern, trauern, weitergehen.
Quelle: IDSF - Israel’s Defense and Security Forum, YouTube-Video “From Sirens to Celebration: Israel’s Most Emotional 2 Days”,
Avivi beschreibt im Gespräch mit Moshe Davis die beiden Tage Jom haSikaron und Jom haAzma’ut aus der Perspektive eines früheren Kommandeurs, der Familien gefallener Soldaten besucht. Israel gedenke, so Avivi, 25.648 Soldaten und Angehörigen der Sicherheitskräfte, die in Israels Kriegen gefallen seien, sowie mehr als 5.000 Bürgern, die bei Terroranschlägen getötet wurden. Gezählt werde ab 1860, also bereits vor der Staatsgründung.
Ein Tag bei den Familien der Gefallenen
Für Avivi ist Jom haSikaron ein schwerer Tag persönlicher Begegnungen. Er fahre von Familie zu Familie, insbesondere zu Angehörigen von Soldaten, die unter seinem direkten Kommando standen. Seit dem 7. Oktober sei diese Aufgabe noch schwieriger geworden, weil er nicht mehr alle Familien an einem einzigen Tag erreichen könne.
Besonders eindringlich erzählt Avivi von seinem Besuch bei der Familie von General Schai Mosche. Avivi hatte zweimal unter Mosche gedient. Als Mosche Bataillonskommandeur des Pionierbataillons 605 war, bat er Avivi, sein Stellvertreter zu werden. In dieser Zeit wurde Mosches erstgeborener Sohn Ben geboren. Jahre später, als Mosche Kommandeur des gesamten Pionierkorps war und Avivi erneut als sein Stellvertreter diente, begegnete Avivi Ben als herangewachsenem jungen Mann: talentiert, stark, sportlich, klug.
Ben Mosche trat später der Einheit 669 der israelischen Luftwaffe bei, einer Rettungseinheit aus Ärzten, Sanitätern und Kämpfern, die Verwundete unter Feuer aus dem Gefecht holen und schnell in Krankenhäuser bringen soll. Danach diente er auch in der Golani-Brigade, unter anderem in der Aufklärungseinheit und im Bataillon 51. Am 7. Oktober kämpfte er als Major der Einheit 669 und später auch im Gazastreifen. Bei einem schweren Gefecht, in dem Golani-Soldaten getroffen wurden, ging er nach Avivis Darstellung unter Feuer hinein, um Verwundete aus dem Kampfgebiet zu retten. Dabei wurde er getötet.
Für Avivi steht diese Geschichte stellvertretend für die Wucht des Tages. Eine Familie, die einen Sohn, eine Tochter, einen Vater oder eine Mutter verliert, werde durch diesen Verlust dauerhaft verändert. Der Besuch solcher Familien sei deshalb nicht nur ein offizieller Akt, sondern eine Begegnung mit einem Schmerz, der das Leben eines Menschen und einer Familie grundlegend prägt.
Schmerz, der nicht zur Kapitulation führt
Auf die Frage, ob manche Familien gefallener Soldaten sagen, der Preis sei zu hoch und Israel müsse seine Strategie ändern oder nachgeben, antwortet Avivi differenziert. Natürlich gebe es Familien, die den Verlust kaum ertragen könnten. Es gehe um Menschen, und jeder gehe anders mit Trauer um.
Die große Mehrheit der Familien erlebe er jedoch anders. Viele Begegnungen, so Avivi, stärkten am Ende nicht nur die Familien, sondern auch ihn selbst. Er komme, um zu trösten und Kraft zu geben, und gehe oft selbst gestärkt weg. In vielen Familien spüre er Energie, Glauben an Israels Existenzrecht und den Willen, weiterzukämpfen und zu siegen.
Für Avivi erklärt diese Haltung auch etwas Grundsätzliches über Israel. Trotz Krieg und Schmerz sei Israel ein Land, das Zukunft erwarte. Menschen bekämen Kinder, weil sie glaubten, dass diese Kinder eine Zukunft hätten. Während viele westliche, europäische, östliche und auch arabische Gesellschaften Hoffnung und Vision verlören und weniger Kinder bekämen, beschreibt Avivi Israel als eine westliche Gesellschaft, in der die Zahl der Kinder weiter wachse.
Ein Volk zwischen Erinnerung und Zukunft
Avivi deutet den unmittelbaren Übergang von Jom haSikaron zu Jom haAzma’ut als Kern israelischer Kultur. Israel erinnere sich an alles, sagt er sinngemäß, sogar an Ereignisse, die 3.500 Jahre zurückliegen. Das Erinnern werde nicht verdrängt. Es werde beweint, ausgesprochen und bewahrt.
Gleichzeitig bleibe Israel nach seiner Darstellung ein zutiefst zukunftsorientiertes Land. Avivi verweist darauf, dass Israel in internationalen Erhebungen zur Zufriedenheit erneut auf Platz acht liege. Noch bemerkenswerter sei für ihn, dass die 18- bis 25-Jährigen in Israel weltweit auf Platz drei rangierten. Das sei aus seiner Sicht gerade deshalb erstaunlich, weil diese Generation seit fast drei Jahren an verschiedenen Fronten kämpfe.
Für Avivi liegt darin ein Zeichen der Stärke. Die jungen Israelis seien glücklich, optimistisch und entschlossen. Daraus leitet er Hoffnung für die Zukunft Israels ab. Der Preis dieser Zukunft sei jedoch nicht abstrakt. Er bestehe im Opfer der gefallenen Soldaten und in der Last ihrer Familien. Avivi greift damit die in Israel bekannte Metapher von der silbernen Schale auf: Die Unabhängigkeit und die Aussicht auf eine gute Zukunft seien nur möglich, weil Menschen dafür ihr Leben gegeben hätten.
Ein anderer Unabhängigkeitstag
Für Avivi ist der bevorstehende Unabhängigkeitstag nicht einfach ein weiteres nationales Fest. Er bezeichnet ihn als grundlegend anders als alle Unabhängigkeitstage der vergangenen 78 Jahre. Er habe das Gefühl, Israel sei zum ersten Mal wirklich unabhängig.
Damit meint er nicht nur die formale staatliche Unabhängigkeit. Für Avivi hat Israel in diesem Krieg eine neue Schwelle überschritten. Das Land habe entschieden, souverän zu sein, sich selbst verteidigen zu können und nicht von anderen Staaten abhängig zu sein. Wenn Israel heute mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeite, dann als Partner, nicht als abhängiger Staat.
Avivi sieht Israel regional und global in einer veränderten Position. In den vergangenen zwei Jahren habe das Land seine Militärindustrie stark ausgebaut und produziere rund um die Uhr. Israel werde militärisch und industriell stärker. Damit verbinde sich für ihn das Gefühl, nicht nur formal unabhängig zu sein, sondern eine substantiellere Form von Unabhängigkeit zu erreichen, die Israel bislang nie in dieser Weise gehabt habe.
Feiern nach der Trauer
Trotz der Schwere des Gedenktages beschreibt Avivi den Beginn von Jom haAzma’ut als eine kraftvolle nationale Erfahrung. Am Abend ende die Trauer, und schon kurz danach begännen im ganzen Land große Feiern. In Städten und Gemeinden gebe es Veranstaltungen mit bekannten Künstlern, Feuerwerk, Musik und öffentlichen Festen. Menschen feierten bis in die Nacht.
Am folgenden Tag besuchten viele Israelis Natur- und Ausflugsorte, grillten zu Hause oder gingen von Familie zu Familie und von Freunden zu Freunden. Avivi erzählt, dass auch er am Unabhängigkeitstag Gäste zum Grillen erwarte und zugleich mehrere Einladungen erhalten habe. Dieses Öffnen der Häuser und die Dichte der Begegnungen gehören für ihn zum Charakter des Tages.
Der Kontrast zwischen den beiden Tagen bleibt dabei nicht zufällig. Für Avivi zeigt er, wie Israel mit seiner Geschichte lebt: Das Land bleibt der Trauer verpflichtet, lässt sich aber nicht von ihr lähmen.
Souveränität als Verantwortung
Ein zentrales Stichwort des Gesprächs ist Souveränität. Avivi versteht darunter ausdrücklich mehr als die politische Debatte über die Anwendung israelischen Rechts im Jordantal oder in Judäa und Samaria. Für ihn beginnt Souveränität mit der Überzeugung, dass Israel seine Zukunft selbst gestalten kann und muss.
Souveränität bedeute, dass die Zukunft Israels in den Händen der Israelis liege. Wenn die Nation hinter einer Entscheidung vereint sei, könne sie ihren Weg selbst bestimmen. Dazu gehöre die Fähigkeit, sich eigenständig zu verteidigen, die Grenzen zu sichern und nicht auf fremde Kräfte angewiesen zu sein.
Avivi verbindet Souveränität außerdem mit Rechtsstaatlichkeit und Regierungsfähigkeit im ganzen Land Israel. Israel müsse nach seiner Auffassung seine Hoheitsgewalt und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit überall wirksam zur Geltung bringen, auch im Negev und in Galiläa. Viele Israelis hätten über Jahre das Gefühl gehabt, die Souveränität des Staates sei nur teilweise verwirklicht: gegenüber der Welt, aber auch innerhalb des Landes. Das müsse sich in der kommenden Zeit ändern.
Optimismus trotz offener Fronten
Auf die Frage, ob Israel den Krieg gewinnen und bis zum nächsten Unabhängigkeitstag in einer völlig anderen Lage sein werde, antwortet Avivi mit großem Optimismus. Militärisch sei der Krieg in vieler Hinsicht bereits gewonnen, sagt er. Zwar müsse Israel seine Erfolge noch vertiefen, und es bleibe viel Arbeit. Doch der schwierigste Teil liege aus seiner Sicht hinter dem Land.
Avivi erwartet, dass sich die volle Wirkung des Krieges erst mit zeitlichem Abstand zeigen werde. Israel steige im Nahen Osten auf und werde zu einer wirtschaftlichen Kraft. Iran dagegen, lange eine starke und einflussreiche Macht in der Region, befinde sich aus seiner Sicht in einem schnellen Abstieg. Die Rolle Irans als hegemoniale Macht sei beendet.
Gleichzeitig betont Avivi, der Krieg sei noch nicht vorbei. Es gebe weiterhin Aufgaben gegenüber Iran, im Libanon, gegen Hamas und auch gegen die Huthis. Die Richtung sei für ihn jedoch klar: Israels Gegner würden schwächer, Israel werde stärker.
Israel im Übergang
Amir Avivis Aussagen zeichnen das Bild eines Landes, das seine Existenz nicht als Selbstverständlichkeit versteht. Gedenken, Opfer, militärische Entschlossenheit, nationale Souveränität und Zukunftsoptimismus bilden in seiner Deutung keine getrennten Themen. Sie gehören zusammen.
Der Übergang vom Sirenenton des Gedenkens zur Feier der Unabhängigkeit ist für Avivi deshalb mehr als ein emotionaler Ausnahmezustand. Er ist eine nationale Erzählung in 24 Stunden: Israel weint um seine Toten, dankt ihren Familien, feiert seine Freiheit und richtet den Blick nach vorn.



