Vor der Rückkehr zum Krieg: Lagebild zu Iran, Libanon und Israels innerer Front
Eine Stunde – mehr brauche Israel nicht, um Irans Stromnetz auszuschalten und das Regime zu Fall zu bringen, sagt Brigadegeneral Amir Avivi. Sein Briefing zwischen Hormus und Heimatfront.
Im aktuellen Briefing des Israel Defense and Security Forum (IDSF) vom 11. Mai 2026 zeichnet Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Forums, ein nüchternes und zugleich alarmierendes Bild der gegenwärtigen Lage. Seine zentrale Botschaft: Israel steht nach Einschätzung Avivis unmittelbar vor der Wiederaufnahme des kinetischen Krieges gegen Iran – mit absehbaren Folgen für den Libanon und das gesamte regionale Gefüge. Zugleich warnt er vor einem zweiten, weitgehend übersehenen Kriegsschauplatz: dem Erosionsprozess staatlicher Ordnung im Inneren Israels.
Iran: Verhandlungen am toten Punkt
Avivi hält die laufenden Gespräche mit Teheran für gescheitert. Je länger geredet werde – und je mehr auf Plattformen wie X seitens des US-Präsidenten kommentiert werde –, desto selbstbewusster und unnachgiebiger trete die iranische Seite auf. Aus seiner Sicht bleibt nur die militärische Option. Diese müsse mehrere Ziele zugleich verfolgen: die Öffnung der Straße von Hormus, die Ausschaltung weiterer Führungskader, die Zerstörung der im Wiederaufbau befindlichen militärischen Fähigkeiten sowie der Infrastruktur.
Besonders kritisch äußert sich Avivi zum vorzeitigen Abbruch der US-Operation zur Öffnung der Meerenge von Hormus. Diese sei auf Bitten Pakistans gestoppt worden, obwohl rund 1.500 Schiffe im Golf festsäßen. In sozialen Medien werde das mittlerweile parodiert: „Ich wollte zehn Meilen laufen, habe es aber auf Bitten der Pakistaner sein lassen.“ Ein solcher Kurs sei nicht durchhaltbar.
Eine Stunde bis zum Kollaps
Im Kern seiner Analyse steht eine zugespitzte These: Zu jedem beliebigen Zeitpunkt könne Israel die iranischen Stromnetze angreifen – und damit den Staat Iran als funktionierende Einheit faktisch beenden. Eine solche Operation, so Avivi, dauere „genau eine Stunde“. Bevor dieser Schritt gegangen werde, müsse Iran jedoch so weit zermürbt werden, dass das Regime allen Forderungen nachgebe: Aufgabe des Urananreicherungsprogramms, Verzicht auf ballistische Raketen und Einstellung jeglicher Unterstützung für die Stellvertretermilizen.
Avivi betont, dass trotz der Pause bei kinetischen Operationen keineswegs Waffenstillstand herrsche. Die umfassende Blockade gegen Iran wirke weiter: Die Wirtschaft schrumpfe dramatisch, Öl könne kaum noch gefördert werden, es fehle an Strom und Wasser, die Währung sei zusammengebrochen. Hartnäckigkeit sei die entscheidende Größe – eine 1.400 Jahre alte schiitische Bewegung zu Fall zu bringen, brauche Zeit, sei aber erreichbar.
Libanon: gefährliche Selbstbeschränkung
Mit deutlicher Kritik wendet sich Avivi gegen die von Washington auferlegten Beschränkungen israelischer Angriffe im Libanon. Dass nur im Süden des Landes – und nicht in Beirut oder im Norden – frei operiert werden dürfe, gefährde israelische Soldaten und Zivilisten. Während gegenüber Iran eine Blockade unter Verhandlungsdruck noch eine gewisse Logik habe, sei dieselbe Zurückhaltung im Libanon unverständlich.
Die Hisbollah agiere zunehmend wirksam, vor allem mit explosiven Drohnen, die nahezu täglich israelische Soldaten träfen. Erst am Morgen sei ein Reserveoffizier durch eine Drohne getötet, mehrere weitere verletzt worden. Nach der Tötung des Radwan-Kommandeurs in Beirut habe es zwar einen Beschuss in Richtung der Region Far gegeben, doch im Wesentlichen bewege sich die Hisbollah nördlich des Litani relativ frei. Diese Selbstbeschränkung müsse beendet werden.
Drohnenkrieg: die unterschätzte Front
Auf die Frage, warum Israel der Drohnenbedrohung im Libanon technisch hinterherläuft, antwortet Avivi mit einer strukturellen Diagnose. Schon am 7. Oktober 2023 habe die Hamas mit Drohnen sämtliche Beobachtungsposten ausgeschaltet. In Gaza – einem kleinen, schnell kontrollierbaren Gebiet – habe man die Lage in den Griff bekommen. Im Libanon, wo nur ein kleiner Korridor gehalten werde, sei dies ungleich schwieriger.
Der eigentliche Engpass liege jedoch in der industriellen Struktur: Für die großen Rüstungskonzerne seien billige Drohnen wirtschaftlich uninteressant. Sie konzentrierten sich auf hochpreisige Spitzenprojekte – etwa Luftverteidigungssysteme für Deutschland –, während die einfachen, aber militärisch hochwirksamen Systeme vernachlässigt würden. Es fehle ein Ökosystem aus kleinen, agilen Herstellern. Tatsächlich seien viele der im Krieg neu eingeführten Drohnenfähigkeiten von kleinen Gruppen junger Entwickler entstanden – „zehn Leute in einer Garage“, teils mit Know-how aus der Ukraine.
Zum Vergleich verweist Avivi auf die Ukraine, die 2026 acht Millionen Drohnen produzieren wolle. Er skizziert ein Szenario, in dem tausend KI-gesteuerte Drohnen gleichzeitig in einen libanesischen Ort eindringen, jedes Haus und jeden Strauch erfassen, einige beobachten, andere angreifen, selbständig zur Aufladung zurückkehren und wieder ausschwärmen. Das Schlachtfeld bewege sich in Richtung Robotik; bereits jetzt zeige die Ukraine, wie Bodenroboter russische Soldaten gefangen nehmen könnten. Für ein Land mit chronischem Personalmangel an Soldaten sei das eine strategische Chance – etwa beim Ersatz von Routinepatrouillen durch Drohnen im 24/7-Betrieb. Israels Verteidigungsestablishment passe sich dieser Realität nicht schnell genug an.
Gaza: Hamas organisiert sich neu
Zur Lage in Gaza erklärt Avivi, die von Israel kontrollierten rund 50 Prozent des Streifens würden gut gehalten. Der Generalstabschef habe nach einem Besuch erklärt, die Hamas stehe stark unter Druck und werde schwächer. Avivi selbst sieht die Lage differenzierter: Die Hamas sammle sich neu, organisiere sich – und Israel werde später erneut damit umgehen müssen. Ein Zustand, in dem die Hamas die Hälfte des Gazastreifens kontrolliere, sei nicht hinnehmbar.
In den von Israel gehaltenen Gebieten im Libanon sei dagegen kaum noch Hisbollah-Präsenz spürbar. Die Kämpfer seien geflohen oder getötet worden; die israelischen Streitkräfte räumten die Gebiete vollständig, zerstörten Infrastruktur und führten Luftangriffe und Razzien durch.
Die zweite Front: Israels innere Krise
Mit Nachdruck weist Avivi auf eine Entwicklung hin, die das IDSF seit Längerem thematisiert: die innere Sicherheitslage Israels. Im Norden würden Bauern attackiert; eine Bauerngruppe habe sich zur Selbstverteidigung gegen Schutzgelderpressung durch Kriminelle organisiert. In einem Fall sei das Auto eines Bauern mit 26 Kugeln durchsiebt und anschließend in Brand gesetzt worden.
Anders als bei klassischem Terror, bei dem der Staat Schäden ersetze, blieben die Opfer hier auf ihren Verlusten sitzen. Versicherer zögen sich zurück. Wenn Israel nicht endlich konsequent gegen die kriminellen Familien vorgehe, die hunderttausende Waffen in der arabisch-israelischen Gesellschaft Hortenden, sowie gegen die massive illegale Landnahme, drohe ein veritabler innerer Krieg. Die Regierung sei in dieser Frage „nahezu völlig wirkungslos“. Immer mehr zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter das IDSF, sprängen in dieses Vakuum.
Diplomatische Parallelspur
Trotz – oder gerade wegen – der angespannten Sicherheitslage arbeite Israel international intensiv weiter, so Avivi. Beziehungen zu südamerikanischen und europäischen Staaten würden vertieft, parallel werde an einer künftigen Normalisierung mit der arabischen Welt gearbeitet. Hinter den Kulissen laufe rund um die Uhr Diplomatie. Im Verlauf des Jahres seien spürbare Bewegungen in Richtung Friedensabkommen und Normalisierungen zu erwarten.
Eskalation als Strategie
Auf den Einwand, weder die militärischen Schläge noch der wirtschaftliche Druck hätten Iran bislang in die Knie gezwungen, antwortet Avivi mit einer Sportler-Metapher: Man habe so hart wie möglich begonnen und müsse nun Tempo und Druck weiter steigern. Vieles sei bereits erreicht; Iran sei wirtschaftlich und militärisch erheblich geschwächt. Was fehle, sei Beharrlichkeit. Das Regime setze darauf, dass Israel und die USA nicht durchhielten – genau diese Annahme müsse widerlegt werden. Nötig sei jetzt eine Kombination aus erneuten kinetischen Angriffen und fortgesetzter Blockade.
Regimewechsel als einzige Lösung
Auf die Frage nach einer dritten, bislang kaum verfolgten Option – der gezielten Unterstützung der internen iranischen Opposition – antwortet Avivi unmissverständlich: Das sei ein Muss. Israel und die USA müssten den richtigen Moment finden, die iranische Gesellschaft zu mobilisieren, ihr militärischen Schutz zuzusagen und die Repressionsorgane des Regimes mit Drohnen und Flugzeugen anzugreifen, damit die Bevölkerung nicht angegriffen werden könne.
Die einzige tragfähige Lösung sei ein Regimewechsel. Anders als manche Beobachter sieht Avivi keine substanzielle Veränderung im Regime selbst: Dieselbe Führung, dieselbe Ideologie. Solange dieses Regime bestehe, werde es weiterhin versuchen, Israel, die USA und die westliche Welt zu zerstören. Folglich, so Avivis nüchterne Schlussfolgerung, müsse dieses Regime zerstört werden – und der Weg dorthin führe über die Mobilisierung der iranischen Gesellschaft.
Quelle: IDSF-Briefing mit Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, veröffentlicht auf dem YouTube-Kanal des Israel Defense and Security Forum: Israeli General: Iran Can Collapse in ONE HOUR.



