Warum der Iran wieder schoss und Israel sich nicht abschrecken lässt
Teheran schoss aus Verzweiflung über die Lage der Hisbollah. Avivi schildert Israels Gegenschlag, die Blockade gegen Iran und warum Stärke der einzige Weg ist – auch gegen den Antisemitismus.
Brigadegeneral Amir Avivi, Gründer des Israel Defense and Security Forum (IDSF), ordnet in einem Briefing vom 9. Juni 2026 den jüngsten iranischen Raketenangriff ein. Seine zentrale These: Teheran handelte aus Verzweiflung über die Lage der Hisbollah – und Israel ist zum Kampf entschlossen wie selten zuvor.
Ein Angriff aus der Verzweiflung
Insgesamt 25 ballistische Raketen wurden auf Israel abgefeuert, nicht alle erreichten ihr Ziel, zwei kamen aus dem Jemen. Für Avivi stellt sich vor allem eine Frage: Warum riskiert der Iran einen solchen Angriff, obwohl er Israels Fähigkeiten kennt und sich seiner eigenen Wehrlosigkeit bewusst ist?
Die Antwort liegt für ihn in der Lage der Hisbollah. Diese sei einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt. In den israelischen Medien werde viel über die Drohnen gesprochen, die israelische Soldaten treffen, über die Menschen im Norden und die Härte des Krieges – zu wenig jedoch über das Ausmaß, in dem die israelische Armee die Hisbollah getroffen habe. Avivi nennt Zahlen: mehr als 8.000 getötete Terroristen, Zehntausende Verletzte, kaum noch Möglichkeiten, Munition nachzuführen. Über eine Million Schiiten seien aus ihren Häusern vertrieben worden, die Infrastruktur werde systematisch zerstört, immer größere Gebiete würden eingenommen.
Hinzu komme der gesellschaftliche und politische Druck: Die libanesische Gesellschaft wende sich zunehmend gegen die Hisbollah, die libanesische Regierung suche direkt das Gespräch mit Israel, strebe eine Normalisierung an und wolle Hisbollah und Iran loswerden. Nie zuvor, so Avivi, sei die Hisbollah in einer derart schlechten Lage gewesen. Der Iran sei deshalb verzweifelt und habe beschlossen, einzugreifen, bevor die Hisbollah zusammenbreche.
„Wir suchen den Kampf“
Teheran habe eine Realität schaffen wollen, in der jeder israelische Schlag gegen Beirut oder im Libanon mit Raketen beantwortet wird. Doch Israel lasse sich nicht abschrecken, betont Avivi – aus einem einfachen Grund: „Wir suchen den Kampf. Wir wollen kämpfen.“ Man warte auf die Gelegenheit, den Angriff zu erneuern.
In der Armee heiße es, man habe 40 Tage lang angegriffen und sei dann zurückgegangen. Es gebe vielleicht eine Art Waffenruhe mit den USA, doch in der Geisteshaltung von Armee und Regierung gelte: Man könne jederzeit zurückkehren und weiterkämpfen. Die Streitkräfte befänden sich seit Monaten in sehr hoher Bereitschaft. Der Iran habe deshalb keinerlei Hebel gegen Israel und könne es nicht abschrecken.
Israels Gegenschlag: Luftabwehr und Petrochemie
Beim jüngsten Angriff habe Israel 100 Prozent der Raketen abgefangen, die das Land erreichten. Anschließend seien zwei Gegenschlagswellen erfolgt.
Die erste Welle habe sich gegen die iranische Luftabwehr gerichtet. Der Iran habe versucht, seine Luftabwehrfähigkeiten wiederherzustellen; Israel habe dies beobachtet und die neu aufgebaute Abwehr fast vollständig zerstört. Damit habe man erneut die überlegene Aufklärung demonstriert und sich zugleich Bewegungsfreiheit im iranischen Luftraum gesichert – jeder Wiederaufbauversuch werde umgehend zunichtegemacht.
Die zweite Welle habe die petrochemische Industrie getroffen. Das schmerze den Iran am meisten, weil es seine Wirtschaft und seine Fähigkeit zur Produktion ballistischer Raketen treffe. Drei Industrieanlagen mit kritischen Komponenten für das Raketenprogramm seien angegriffen worden. Mit der Botschaft, man kehre in den Libanon zurück, nach Beirut oder überallhin, schieße der Iran nun nicht mehr – er sei abgeschreckt. Israel habe so Handlungsfreiheit im Libanon gewonnen, den Libanon vom Iran getrennt und klargemacht, dass es nicht abzuschrecken sei.
Oberste Priorität: der Iran
Auf die Frage, ob Israel auch im Iran auf eine Gelegenheit zur Wiederaufnahme der Angriffe warte, antwortet Avivi eindeutig: Ja. Der Angriff auf den Iran sei oberste Priorität. Derzeit werde das iranische Dossier jedoch vom US-Präsidenten gesteuert, während Verhandlungen liefen. Israel sei bereit, jederzeit einen umfassenden Angriff zu erneuern.
Man dürfe nicht vergessen, so Avivi: Trotz vieler Tweets und vieler Worte stünden die iranischen Häfen seit zwei Monaten unter vollständiger Blockade. Diese zerstöre systematisch die iranische Wirtschaft und die Fähigkeit des Regimes, sich zu finanzieren und Gehälter zu zahlen. Die Lage im Iran sei katastrophal. Diese Blockade sei Teil des Krieges – Israel befinde sich im Krieg mit dem Iran, der derzeit in Form einer Blockade geführt werde.
Der US-Präsident betone immer wieder, man stehe kurz vor einem Abkommen, und halte am Ziel fest, dass der Iran nicht nuklear werde und das angereicherte Uran vollständig herausgegeben werde. Avivi ist skeptisch: Der Iran werde das angereicherte Uran nicht ohne Kampf abgeben. Der einzige Weg sei ein erneuter massiver Angriff – über zwei Wochen oder so lange wie nötig –, um das Regime so weit zu schwächen, dass es bedingungslos kapituliere. Die Blockade sei wirkungsvoll und hilfreich, brauche aber sehr lange. Wer schnelle Ergebnisse wolle, müsse den Angriff auf alle Komponenten des Regimes erneuern – Führung, Militär, Infrastruktur – und zugleich die Schifffahrtswege militärisch sichern.
Das Verhältnis zwischen Trump und Netanjahu
Das Verhältnis zwischen den USA und Israel sei sehr eng, man spreche fast täglich miteinander. Strategisch seien beide Seiten weitgehend einig, auf der taktischen Ebene gebe es Unterschiede. Die USA erlebten nicht, was Israel an der Nordgrenze erlebe – keine fallenden Soldaten, keine Bürger unter Beschuss. Deshalb sei Israel weit stärker entschlossen, die Hisbollah zu bekämpfen.
Das Ziel teile man jedoch vollständig: die Zerschlagung der Hisbollah und die Gewissheit, dass der Iran niemals nuklear werde und keine Stellvertreter und ballistischen Raketen unterstütze. Strittig sei allein die Taktik. Die Koordination sei sehr eng – politisch wie militärisch. Vor und während des israelischen Angriffs auf den Iran hätten der Generalstabschef und der Kommandeur des US-Zentralkommandos innerhalb von 24 Stunden dreimal gesprochen. Die Abstimmung reiche bis hinauf zum Premierminister und zum Präsidenten.
Infiltration und die Lage an der Grenze
Dass ein Hisbollah-Terrorist den Sicherheitszaun überwinden und nach Israel eindringen konnte, sieht Avivi nicht als Versagen. Aus eigener Erfahrung als Kompanie- und stellvertretender Bataillonskommandeur an der libanesischen Grenze wisse er, dass es in dem bergigen, dicht bewachsenen Gebiet immer wieder Infiltrationsversuche gegeben habe. Ein einzelner Terrorist könne sich durch die Wälder schleichen und irgendwo auftauchen. Man müsse wachsam und in Bereitschaft sein – ausschließen lasse sich so etwas nie.
Die Huthis: kein Nebenschauplatz, aber Frage der Gelegenheit
Die Huthis hätten zwei ballistische Raketen und eine Drohne abgefeuert; Israel müsse sie hart treffen. Doch das müsse substanziell geschehen und brauche den richtigen Zeitpunkt und gute Aufklärung. Man schicke Flugzeuge nicht über 2.000 Kilometer, nur um sagen zu können, man habe etwas getroffen.
Avivi verweist auf einen israelischen Stützpunkt in Somaliland, ganz in der Nähe des Jemen und der Huthis. Daraus ergäben sich viele operative Möglichkeiten. Armee und Mossad würden der Regierung verschiedene Optionen vorlegen, wie mit den Huthis umzugehen sei.
Droht eine Eskalation?
Ob es zu einer dramatischen Eskalation oder gar zum offenen Krieg komme, liege bei den Iranern und bei US-Präsident Trump, so Avivi. Solange der Iran nicht schieße, werde Israel seine Anstrengungen vor allem auf den Libanon konzentrieren und die USA die Blockade und die Gespräche fortführen lassen. Er hoffe jedoch, dass der Präsident irgendwann erkenne, dass durch Reden nichts zu erreichen sei, und den Angriff erneuere. Im Fall einer Wiederaufnahme werde Israel sich mit voller Kraft beteiligen und auf den Sturz des Regimes hinarbeiten.
Die Strategie im Libanon
Anders als in Gaza, das klein sei und vollständig eingenommen werden könne, gelte für den Libanon ein anderes Szenario. Den Libanon wolle Israel nicht physisch erobern. Die Bodentruppen konzentrierten sich auf den Südlibanon, mit dem Auftrag, einen Sicherheitskorridor zu schaffen, der die israelischen Städte schützt und unmittelbare Bedrohungen wie Panzerabwehrraketen auf Distanz hält.
Die Hisbollah zu zerschlagen, gelinge nicht durch die Eroberung des ganzen Landes, sondern erfordere andere Mittel. Letztlich müsse man mit der libanesischen Regierung zusammenarbeiten, um – gemeinsam mit den USA – eine wirksame libanesische Armee aufzubauen, statt der heute völlig ineffektiven. Zugleich müsse jede iranische Unterstützung unterbunden werden. Die Hisbollah sei zudem von Syrien umgeben, dessen sunnitische Mehrheit sie als Feind betrachte – sie sei also weitgehend umzingelt und isoliert. Die Strategie laute, die Hisbollah immer weiter zu schwächen, ihre Kommandeure und Kommandozentren auszuschalten und Schmuggelrouten zu unterbinden, bis sie so schwach sei, dass die Libanesen sie selbst beseitigen könnten. Das brauche Zeit, sei aber erreichbar.
Auf die Frage nach dem Nachschub aus Syrien oder über das Wasser antwortet Avivi: Schmuggel finde statt, aber nur in sehr kleinem Maßstab. Nach Aussagen der Kommandeure des Nordkommandos stecke die Hisbollah in ernsten Schwierigkeiten – sie könne ihre Munition nicht nachführen, habe keine Produktionskapazitäten, und die Blockade des Iran wirke sich auch auf sie aus, ebenso wie auf die Huthis. Mit jedem Angriff rücke der Moment näher, in dem sich die Organisation auflösen könnte.
„Niemand respektiert die Schwachen“
Zum Schluss geht es um die Sorge vieler Zuschauer, Israels Härte im Libanon, in Gaza und gegenüber dem Iran könne den Antisemitismus weiter anheizen – und ob Israel deshalb Zurückhaltung üben solle. Avivis Antwort ist unmissverständlich: „Niemand respektiert schwache Menschen, und niemand respektiert schwache Nationen.“ Man müsse für die eigene Sicherheit sorgen und entschieden siegen.
Antisemitismus sei ein großes Problem, doch man könne ihm nicht begegnen, indem man schwach sei. Israel müsse sich absichern – nicht nur für die Israelis, sondern für das gesamte jüdische Volk. Je stärker Israel sei, desto besser würden auch seine internationalen Beziehungen. Den Antisemitismus werde man damit nicht stoppen; er werde leider weiter wachsen.
Avivi erinnert an den 7. Oktober: In diesem schwierigsten Moment, als Israel sehr schwach wahrgenommen wurde und sich auch schwach fühlte, sei dem furchtbaren Massaker keine Liebe der Welt gefolgt – im Gegenteil. Damals hätten die Ausschreitungen begonnen, damals sei der Antisemitismus ausgebrochen. Man habe Israel in seiner Schwäche gesehen und gedacht, dies sei ein guter Zeitpunkt, mit den Juden Schluss zu machen. Die Antwort darauf müsse lauten: Israel werde gewinnen, es sei stark, werde sein Land schützen, sich als Regionalmacht etablieren und sich auch global stark positionieren. Das sei der richtige Weg.
Quelle: Brigadegeneral a. D. Amir Avivi, Gründer und Vorsitzender des Israel Defense and Security Forum (IDSF), in einem Briefing der IDSF Daily Briefings, veröffentlicht am 9. Juni 2026. Video: Iran Fired 25 Missiles. Israel Destroyed Their Air Defenses. What Comes Next?



