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Bücher & Menschen

Wege ohne Gedächtnis

Robert Macfarlanes „Alte Wege“ macht Palästinas Pfade zeitlos – und radiert ihre jüdisch-biblische Schicht aus. Wie aus schöner Literatur ein gefährliches Geschichtsbild wird.

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Ricklef Münnich
Juni 30, 2026
∙ Bezahlt

„Pfade sind die Gewohnheiten einer Landschaft.“ Doch was, wenn eine Landschaft an Gewohnheiten reicher ist, als ihr Wanderer zugeben mag?

Robert Macfarlanes Alte Wege, sein Palästina-Kapitel und die stille Enteignung der jüdisch-biblischen Landschaft

Ein kritischer Essay

Buchcover von Alte Wege

I. Das schöne Buch und sein blinder Fleck

Robert Macfarlanes Alte Wege, Ullstein Taschenbuch 2024, 352 Seiten (im Original The Old Ways: A Journey on Foot, 2012) gilt zu Recht als ein Klassiker des Nature Writing und sein Verfasser als der vielleicht wichtigste lebende Naturschriftsteller Großbritanniens. Das Buch folgt jahrtausendealten Pfaden, Hohlwegen, Furten und Viehtriebstraßen und verschränkt dabei Geographie, Literatur und Selbstreflexion zu einer Meditation über das Verhältnis von Gehen, Imagination und Erinnerung.

Macfarlanes Methode ist konsequent subjektiv: Jedes Kapitel begleitet einen einzelnen Menschen auf dessen Wegen und leiht sich dessen Perspektive. Das englische Kreideland ist durch den Dichter Edward Thomas geprägt, die Cairngorms durch die Gestalt des Großvaters – und das Palästina-Kapitel ganz und gar durch den palästinensischen Schriftsteller und Juristen Raja Shehadeh, an dessen Seite Macfarlane durch die Hügel um Ramallah wandert. Shehadeh, Autor von Palestinian Walks: Forays into a Vanishing Landscape, begeht diese Pfade seit über vierzig Jahren; sein Begriff der sarha – des zweckfreien Umherwanderns in den Hügeln, das er von seinem Großonkel Abu Ameen übernommen hat – wird zum Leitmotiv.

Gerade diese künstlerische Stärke aber erzeugt im Palästina-Kapitel einen folgenreichen blinden Fleck. Was an anderer Stelle harmlose Subjektivität ist – die persönliche Erinnerung an einen Großvater –, wird hier politisch wirksam, weil die subjektive Familienerinnerung mit der Aura des Uralten verschmilzt.

II. Die rhetorische Operation: Volk und Pfad werden eins

Der entscheidende Satz fällt fast beiläufig: Macfarlane verbindet die Pfade ausdrücklich „mit dem Gefühl der historischen Identität eines ganzen Volkes“ – und meint damit ausschließlich das palästinensische Volk. In dieser einen Formulierung zeigt sich die ganze problematische Operation: Das Alter der Wege und die Identität eines modernen Kollektivs werden zur Deckungsgleichheit verschmolzen. Der Pfad, der tatsächlich in biblische und nachbiblische Zeit zurückreicht, wird zum Beweisstück einer Kontinuität, die er gar nicht trägt.

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