Wem gebührt das Zepter? Juda, Jesus und die Treue Gottes
6. Januar: Was verbindet die drei Weisen mit Jakobs Segen für Juda? Entdecke das Geheimnis von „Schilo“ und welches Geschenk Israel heute wirklich braucht.
Morgen, am 6. Januar, begehen Christen das Fest der Heiligen Drei Könige. Ihre Geschichte basiert auf dem Matthäus-Evangelium (2,1–12). Allerdings steht dort weder, dass es drei waren, noch dass es sich um Könige handelte. Vielmehr ist von „Magoi“ (Sterndeutern oder Gelehrten) die Rede. Da sie dem neugeborenen Jesus jedoch kostbare Gaben brachten, die man damals nur Königen schenkte, machte die Legende sie im 6. Jahrhundert zu Herrschern. Der Besuch der Sterndeuter beim neugeborenen Jesus in Betlehem symbolisiert vorwegnehmend, dass der Christus aus der Stadt und dem Stamm Davids für alle Völker der Welt bestimmt ist und nicht allein für das jüdische Volk.
Möchtest du erfahren, wie sich dies mit dem Wochenabschnitt Wajechi verbindet? Begib dich mit mir auf eine Reise durch die Schriftauslegung, die mündliche Tora und das Neue Testament.
Die Genealogie ist hierbei der Schlüssel: König David und Josef, der Vater Jesu, stammen nach Matthäus 1,6.16.20 beide aus dem Stamm Juda. Daher beginnt unsere exegetische Reise mit dem Segen, den der Erzvater Jakob am Ende seines Lebens über seinen Sohn Juda spricht, zu finden in 1. Mose 49,8–12:
8 Jehuda du, dich preisen deine Brüder. Deine Hand liegt auf dem Nacken deiner Feinde. Vor dir werfen sich nieder die Söhne deines Vaters. 9 Ein junger Löwe ist Jehuda. Vom Raub, mein Sohn, wirst du gross. Er kauert, er lagert wie ein Löwe, wie eine Löwin — wer will ihn aufstören? 10 Nicht weicht das Zepter von Jehuda, der Richtstab zwischen seinen Füssen, bis dass kommt Dem-es-zusteht und ihm gebührt der Gehorsam der Völker. 11 Er bindet an den Weinstock seinen Esel, an die Rebe das Füllen seiner Eselin. Er wäscht im Wein sein Kleid, in Traubenblut sein Gewand. 12 Seine Augen sind dunkler als Wein, seine Zähne weisser als Milch.
Besonders Vers 10 wird unter den rabbinischen Lehrern intensiv diskutiert, denn die dritte Zeile birgt ein philologisches Rätsel. Dort steht im Hebräischen: „bis dass Schilo kommt“ (ad ki-jawo schilo). Raschi, die stets zuerst anzusteuernde Quelle, kommentiert: „Bis einst Schilo kommt, der gesalbte König, dem die Königswürde gebührt“ (Bereschit Rabba). Der Midrasch und Raschi lesen das Wort Schilo dabei nicht als Ortsnamen, sondern zerlegen es in sche-lo, was der obigen, von Martin Buber inspirierten Übersetzung entspricht: „bis das kommt der Dem-es-zusteht“.
Doch Raschi geht noch tiefer und öffnet eine Tür, die uns direkt zurück zum 6. Januar führt: „Ein aggadischer Midrasch sagt שִׁילוֹ, Schilo, = שַׁי לוֹ, schai lo [Gaben für ihn], so wie es in Psalm 76,12 heißt, »sie bringen Huldingungsgabe aus Ehrfurcht«.“
„Schilo“ ist in dieser Lesart also ein messianischer Titel, der eine Handlung impliziert: Das Bringen von Geschenken. Wenn „schai“ tatsächlich „Geschenke“ bedeutet, dann wären wir motivgeschichtlich bereits bei den Huldigungsgaben der Weisen in Matthäus 2 angelangt.
Diese Verbindung ist tief im jüdischen Traditionsbewusstsein verankert. Die jiddische „Frauenbibel“ Zenne uRenne (verfasst Ende des 16. Jahrhunderts von Jakob ben Isaak Aschkenasi in der Gegend von Lublin als eine nacherzählende Bearbeitung der Sabbatlesungen mithilfe von Midraschim, ethischen Lehren und Kommentaren) führt dazu aus:
„Bis Schilo kommt“. All das wird so sein, bis der Messias kommt und ihm das Königreich gehört. Alle Nationen werden dem Messias Geschenke und Opfer darbringen.
Klassische christliche Kommentare verweisen zu Matthäus 2,11 („die Weisen fielen nieder und beteten es [das Kind] an; sie taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe“) zwar vorrangig auf die Völkerwallfahrt in Jesaja 60,1 ff.:
Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! (…) Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. (…) Dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. (…) Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.
Es ist jedoch keineswegs auszuschließen, dass Matthäus als jüdischer Schreiber auch 1. Mose 49,10 und die dahinterstehende mündliche Tradition, die später bei Raschi und im Midrasch fixiert wurde, im Sinn hatte. Denn das Neue Testament kennt diese Verbindung: In der Offenbarung des Johannes findet sich ein expliziter Hinweis auf das messianische Verständnis des Segens von Jakob an Juda. In Kapitel 5,5 wird Jesus als „der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids“ vorgestellt, der würdig ist, das Buch der Geschichte zu öffnen.
Auch die frühe jüdische Übersetzungsliteratur bestätigt diese messianische Lesart. Vermutlich nur etwas später als die Johannesapokalypse entstand in Erez Israel der Kern des Targum Onkelos, der autoritativen Übersetzung der Tora ins Aramäische. Das Targum ist ganz eindeutig hinsichtlich der Bezeichnung des Messias als Schilo. Er gibt den Jakobssegen für Juda wie folgt wieder:
9 Ein Herrscher sollst du sein zu Beginn und am Ende, denn von der Urteilsverkündung des Todes, mein Sohn, hast du deine Seele zurückgezogen; er wird ruhen und weilen in Stärke wie ein Löwe und wie eine Löwin, und es gibt keinen König, der ihn aufstören wird.
10 Der Herrscher wird nicht weichen von denen aus dem Hause Juda, noch der Schriftgelehrte von den Söhnen seiner Söhne bis in Ewigkeit, bis dass der Messias kommt, dem für immer das Königtum gehört, und ihm werden die Völker gehorchen.
11 Er wird Israel rings um seine Stadt führen; das Volk wird sein Haus bauen; die Gerechten werden rings um ihn sein; sie werden Kleider aus feiner Wolle tragen, die mit Purpur gefärbt sind, und ihr Gewand wird aus bester Seide sein.
12 Seine Berge werden rot sein von seinen Weinbergen; seine Keltern werden von Wein fließen; seine Täler werden weiß sein von Getreide und von den Herden der Schafe.
Das Targum übersetzt nicht nur direkt mit „Messias“, sondern dieser ist auch das Subjekt für die Verse 11 und 12.
Die Auslegung dieses Segens war jedoch historisch nicht nur ein Ort der Übereinstimmung, sondern auch des Konflikts. In mehrfacher Hinsicht aufschlussreich ist der Kommentar von Rabbenu Bachja (ben Ascher ibn Halawa). Er ist einer der bedeutendsten Vertreter der spanischen Bibelkommentierung des Mittelalters und begann seinen Kommentar 1291 in Saragossa im Königreich Aragon. Bachja war aufgefallen, dass anders als in den anderen Segensworten Jakobs sein Sohn Juda in jedem der drei Verse 49,8–10 namentlich erwähnt wird (was ungewöhnlich ist und bei keinem der anderen Söhne vorkommt). Er deutet die dreifache Namensnennung heilsgeschichtlich:
Der Grund dafür, dass der Name Juda in seinem Segen dreimal vorkommt, ist, dass sich der Segen auf drei verschiedene Perioden der jüdischen Geschichte bezieht. Die Tora bezieht sich auf Juda, den Sohn Jakobs. Dann bezieht sie sich auf König David. Schließlich bezieht sie sich auf König Messias.
Damit öffnet Bachja den Segen für die mehrfache Anwendung über die Zeiten hinweg. Sein Kommentar spiegelt dabei die Härte der christlich-jüdischen Auseinandersetzung wider. Bachja folgte der Tradition seines Vorbilds Nachmanides (Ramban), der 1263 an der berühmten Zwangsdisputation von Barcelona teilnehmen musste. In dieser Schule wurde die Exegese als notwendiges Werkzeug genutzt, um der vereinnahmenden Auslegung des Alten Testaments durch das Christentum zu widersprechen.
Die traditionelle christliche Exegese deutete den Vers 49,10 nämlich so: „Das Zepter soll nicht weichen von Juda, bis Christus gekommen ist und ihm die Völker folgen.“ Die Schlussfolgerung war fatal: Mit dem Kommen Christi sei die Herrschaft Judas beendet und auf die Kirche übergegangen. In den Worten Bachjas wird dieser Konflikt greifbar:
Da die Christen genau diesen Vers benutzt haben, um ihre Theorie zu beweisen, dass der Messias schon gekommen sei, indem sie den Vers so interpretierten, dass die Herrschaft Judas nur bis zum Kommen des Messias dauern würde, antwortete mein Lehrer ihnen, dass Jakob gesagt und Daniel vorausgesagt habe, das Königtum Judas werde, sobald es beginne, für immer bestehen bleiben.
Bachjas Lehrer war Salomo ben Adret, der Raschba, in Barcelona. Dessen Argumentation – dass das Wort „bis“ nicht ein Ende, sondern einen Übergang in die Ewigkeit markiert – gibt Bachja wie folgt wieder:
Er hat erklärt, dass das Wort עד, „bis“, in diesem Fall dasselbe bedeutet wie לעד, „für immer“. Die gesamte Botschaft lautet demnach, dass das Königtum, sobald der Messias kommt, für immer bei Juda bleiben wird. Eine Bestätigung dafür finden wir in Daniel 2,44: „In den Tagen dieser Königreiche wird der Gott des Himmels ein Königreich errichten, das niemals Schaden nehmen wird und dessen Herrschaft nicht an ein anderes Volk übergehen wird; es wird alle diese Königreiche zermalmen und vernichten und für immer bestehen bleiben.“ (…)
Mein Lehrer antwortete den Christen, dass Jakob gesagt und Daniel vorhergesagt hat, das Königtum Judas werde, sobald es beginne, für immer bestehen bleiben. Da dies in unserer Zeit [, in der Israel kein Königtum besitzt,] nicht der Fall ist, ist dies ein Beweis dafür, dass der Messias bis jetzt noch nicht gekommen ist.
Jahrhundertelang standen sich diese Positionen unversöhnlich gegenüber: Die christliche Behauptung, Judas Zepter sei gewichen, gegen die jüdische Hoffnung auf ewigen Bestand. Doch nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts hat ein Umdenken eingesetzt. Für mich im 21. Jahrhundert gibt es nur ein sachgemäßes christliches Verständnis in einer christlich-jüdischen Begegnung, das die Fehler der Vergangenheit korrigiert. Dieses Verständnis beruht auf der im Jahr 1980 von der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland formulierten Einsicht, dass „die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind“. Andere protestantische Kirchen in Deutschland haben sich dieser Einsicht angeschlossen und deutlich gemacht, dass es durch Jesus Christus kein Ende des Segens Jakobs über Juda und seine Nachkommen gibt und geben kann. Der „Löwe aus Juda“ ersetzt sein Volk nicht, er bestätigt es.
Der Berliner Theologieprofessor Friedrich-Wilhelm Marquardt schrieb 1986 dazu wegweisend:
Der nächste Schritt zur Bewahrheitung der »Zeichen«, die uns gegeben sind, und der »Treue«, die wir im Weg Israels bezeichnet sehen, ist wohl nicht eine weitere theologische Diskussion, sondern dass wir mit dem jüdischen Volk auf dem Wege bleiben.
Und das bedeutet für Marquardt ganz konkret: Die Christen „bereiten mit dem Werk ihrer Völkermission eine Welt, in der auch Israel atmen kann“, nämlich eine Welt, in der Israel befreit und sicher leben kann.
Hier schließt sich der Kreis zu den Weisen aus dem Morgenland und dem Begriff Schai Lo – Geschenke für ihn. Rabbenu Bachja hatte auf Raschi Bezug genommen: „Das Wort Schilo ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern Schai Lo; zu dieser Zeit werden die Menschen ihm [dem Messias] Geschenke bringen.“
Wenn wir Christen heute nur halbwegs so weise sein wollen wie die Magier damals, dann kann unser Geschenk für den, den wir als Christus bekennen, im Jahr 2026 nicht in Gold oder Weihrauch bestehen. Unser „Geschenk“ muss die praktische Konsequenz aus der theologischen Einsicht sein:
Weil wir als Christen in einem besonderen Zusammenhang mit dem jüdischen Volk stehen, treten wir öffentlich für das Leben dieses Volkes ein und begleiten voll Hoffnung und Sorge das Leben der Juden im Land Israel und den Weg des Staates Israel. Wir widersprechen allen Bestrebungen, die das Lebensrecht Israels problematisieren. Mit unseren Gebeten und in politischer Verantwortung sind wir dem Staat Israel, seiner Lebensgestalt und seiner Entwicklung, besonders in seinen Gefährdungen und Bedrohungen, zugewandt und verpflichtet.
Was die Leitsätze „Wir und die Juden – Israel und die Kirche“ der Hauptversammlung des Reformierten Bundes 1990 formulierten, hat sich in Dringlichkeit und Notwendigkeit im Jahre 2026 leider nur vermehrt. Ihre Umsetzung steht jedoch mehr denn je aus.
Gibt es also am 6. Januar erneut keine Geschenke?



Habe ich gestern in meiner Predigt genau so betont. Ja, wir sind mit den Juden, an ihrer und Israels Seite auf dem Weg in die Zukunft. Herzliche Grüße! Friedrich