Wenn Gott den Finger rührt
Kein Zauber, sondern Souveränität: Wie Jesus mit einem Zitat aus Wa'era seine Herausforderer schachmatt setzte und die Befreiung Israels als Vorbild für seine Heilungen nahm.
Der Wochenabschnitt Wa’era beschreibt sieben der zehn Plagen, die Gott über Ägypten brachte. Die drei letzten folgen in Parascha Bo. Zuvor erhalten Mose und Aaron in 2. Mose 7 von Gott den Auftrag, vor Pharao zu treten und den Auszug der Israeliten aus seinem Land zu verlangen. Dabei steht bereits fest: Pharao wird nicht auf euch hören. (7,4) Doch zweimal heißt es: Ich werde meine Hand auf Ägypten legen und das Volk Israel aus Ägypten führen. Auf diese Hand Gottes kommen wir am Schluss noch zurück.
In ihrer ersten Auseinandersetzung mit Pharao erweisen sich Mose und Aaron als wunderkräftig, indem sie Aarons Stab zur Schlange werden lassen. Da lässt Pharao seine Magier, im Hebräischen Chartumim kommen und sie taten ebenso mit ihren Künsten: Ein jeder warf seinen Stab hin, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Die Chartumim waren Priester, die ein enzyklopädisches Wissen unter Einschluss aller dunkler Künste und spiritueller Kräfte besassen. Wenn der Pharao einen Zauber benötigte, wusste er, an wen er sich wenden musste. So reproduzieren die Magier auch problemlos die erste Plage des in Blut verwandelten Flusses Nil und die zweite Plage der Invasion der Frösche.
Doch bei der dritten Plage (2. Mose 8,12–28) müssen die Chartumim kapitulieren: Die Magier taten ebenso mit ihren Geheimkünsten, die Mücken hinwegzuführen, aber sie vermochtens nicht. (14) Martin Bubers Übersetzung ist es hier, der kinim mit Mücken übersetzt. Das hebräische Wort kommt in der Tora nur in diesem Zusammenhang vor, so dass nicht sicher ist, um welche Tiere es sich genau handelt. Andere übersetzen mit „Flöhen“ oder „Stechfliegen“ oder „Läusen“. Jedenfalls sind sie klein. Von Rabbi Eliezer wird im babylonischen Talmud, Traktat Sanhedrin 67b, überliefert:
Daraus geht hervor, dass ein Dämon nichts erschaffen kann, das kleiner ist als ein Gerstenkorn. Deshalb konnten die Zauberer die Plage der Läuse nicht nachmachen und merkten, dass es sich nicht um Zauberei handelte, sondern dass Gott das gemacht hatte.
Die Magier geben Pharao entschuldigend zur Antwort: ezba elohim hu, das ist der Finger (eines) Gottes. (8,15)
In der Tora kommt „der Finger Gottes“ nur noch zweimal vor, in 2. Mose 31,18 und – darauf Bezug nehmend – in 5. Mose 9,10. Dort sind es die steinernen Tafeln des Gesetzes, die vom Finger Gottes beschrieben wurden.
Ein weiteres Vorkommen – und das soll uns nun beschäftigen – findest du im Neuen Testament im Lukasevangelium 11,20 im Munde Jesu:
Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen hinauswerfe, dann ist die Königsherrschaft Gottes zu euch gekommen.
Der Zusammenhang mit der Austreibung von Dämonen durch Jesus legt nahe, dass Jesus sich ganz bewusst auf 2. Mose 8,15 bezog.
Aber hat Jesus das wirklich so gesagt, oder hat Lukas ihm das in den Mund gelegt? R. Steven Notley hat überzeugend nachgewiesen1, dass die Konstruktion en daktylo theou (durch den Finger Gottes) im Griechischen des Neuen Testaments semitischen Einfluss verrät. Denn im Griechischen müsste der Artikel vor daktylo stehen. In Lukas 11,20 handelt es sich daher um einen sogenannten „Übersetzungssemitismus”. Der Text des Lukas scheint auf einer wörtlichen Übersetzung einer hebräischen Quelle zu beruhen.
Worum geht es nun bei dem Wort Jesu im Zusammenhang? Die Verse 11,14–20 lauten:
[Jesus] war dabei einen stumm machenden Dämon hinauszuwerfen. Es geschah: Als der Dämon hinausging, redete der Stumme. Da erstaunte die Menge der Leute. Einige von ihnen sagten: Mit Beelzebul, dem Führer der Dämonen, wirft er Dämonen hinaus. Andere aber stellten ihn auf die Probe, sie forderten ein Zeichen aus dem Himmel von ihm. Er aber, in Kenntnis ihrer Gedanken, sagte zu ihnen: Jede Königsherrschaft, die in sich selbst gespalten ist, wird verwüstet, ein Haus fällt über das andere her. Wenn der Hinderer [der Satan] in sich selbst gespalten ist, wie soll denn seine Königsherrschaft bestehen? Ihr sagt ja, ich werfe mit Beelzebul Dämonen hinaus. Wenn ich aber mit Beelzebul Dämonen hinauswerfe, mit wem werfen eure Söhne sie hinaus? Deswegen werden sie eure Richter sein. Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen hinauswerfe, dann ist die Königsherrschaft Gottes zu euch gekommen.
Jesu Antwort ist ein Meisterstück rabbinischer Rhetorik und Dialektik. Er begegnet dem Vorwurf, er sei ein Zauberer oder stehe im Bund mit dunklen Mächten mit einer logischen Argumentationskette, die allein jüdisch zu verstehen ist. Seine Verteidigung folgt einer dreistufigen Struktur: Logik (Sewara), Präzedenzfall (Ad Hominem) und biblischer Beweis (Remes).
1. Der Logik-Check (Sewara): Ein Königreich zerstört sich nicht selbst
Jesus appelliert an den gesunden Menschenverstand: Ein König (Satan), der seine eigenen Soldaten (die Dämonen) bekämpft, begeht politischen Selbstmord. Warum sollte das Böse das Böse vertreiben und damit Gutes bewirken? Das wäre das Ende seines eigenen „Geschäftsmodells“.
2. Der Spiegeltrick (Ad Hominem): Und was ist mit euren Leuten?
Damals gab es etliche jüdische Exorzisten, vielleicht sogar Schüler der Pharisäer. Jesus fragt provokant: „Wenn ich durch den Teufel austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne aus?“ Damit stellt er seine Gegner vor ein Dilemma: Nennen sie Jesu Tun teuflisch, müssen sie ihre eigenen Leute auch verurteilen – und werden als Lügner von ihnen gerichtet.
3. Der biblische Beweis (Remes): Der Fingerzeig auf die Tora
Das ist der Höhepunkt. Jesus sagt: „Wenn ich aber mit dem Finger Gottes die Dämonen hinauswerfe...“ Für einen jüdischen Zuhörer, bewandert in der Tora, klingelt es sofort: „Finger Gottes“? Die Erinnerung an unseren Wochenabschnitt Wa’era ist da.
Dort waren es die ägyptischen Top-Magier, die kapitulieren mussten und zugaben: Gegen diese Macht kommen wir nicht an, das ist „der Finger Gottes“ (Ezba Elohim).
Indem Jesus genau dieses Zitat wählt, dreht er den Spieß um:
Er stellt sich auf die Seite von Mose und Gott.
Seine Widersacher, die ihm Zauberei vorwerfen, stellt er auf die Stufe des sturen Pharao und der ägyptischen Magier.
Die Botschaft ist klar: Hier ist keine schwarze Magie am Werk. Hier wirkt dieselbe Kraft, die Israel damals aus Ägypten befreit hat. Der Exodus geht weiter – jetzt aber als Befreiung von den inneren Tyrannen, den Dämonen.
In Wa’era markierte der „Finger Gottes“ den Beginn der Niederlage Ägyptens und den Start der Erlösung Israels. Jesus folgert: Wenn dieser „Finger“ jetzt wieder aktiv ist – diesmal im Kampf gegen die Knechtschaft der Dämonen –, dann ist das Befreiungshandeln Gottes im Exodus reaktiviert. Die Königsherrschaft Gottes ist angebrochen, genau wie damals die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten begann.
Falls wir hier – wie mir wahrscheinlich ist – eine tatsächliche Argumentation Jesu vorfinden, dann zeigt sie uns auch, wie Jesus sich selber gesehen hat. Nicht als der Erlöser, sondern als einer, der den Durchbruch der Königsherrschaft Gottes, sein erneutes Handeln als Befreier und Einlöser seiner Verheißungen ermöglicht.
Beachte dabei auch, wie in 2. Mose 8,15 vom „Finger Gottes“, in 13,3 von der „Hand Gottes“ und nach dem Durchzug durch das Schilfmeer vom „Arm Gottes“ gesprochen wird. Ein alter Midrasch in der Mechilta greift dies auf:
Rabbi Jose der Galiläer sagte: „Woher wissen wir, dass die Ägypter in Ägypten von zehn Plagen heimgesucht wurden, am Roten Meer jedoch von fünfzig? Über Ägypten heißt es: Da sprachen die Zauberer zum Pharao: Das ist der Finger Gottes. Über das Rote Meer heißt es jedoch: Und Israel sah die mächtige Hand, die der Herr an Ägypten legte. Mit wie vielen Plagen wurden sie durch den „Finger“ heimgesucht? Die Schrift sagt, mit zehn. Daraus können wir schließen: Wenn sie von einem Finger zehn Plagen erlitten, so waren es am Meer fünfzig (weil an ihm die ganze Hand wirkte).“
Bezeichnenderweise hat dieser Midrasch der Hoffnung Eingang in die Haggada von Pessach gefunden, ist also Teil der jüdischen Erzählung von der Erlösung durch Gottes Finger, Hand und Arm geworden.
R. Steven Notley, „By the Finger of God“ Jerusalem Perspective 21 (1989): 6-7 [https://www.jerusalemperspective.com/514/]


