Wer darf tadeln?
Drei rabbinische Lehrer schwören, niemand sei würdig zu tadeln. Der Lehrer aus Nazaret stimmt ihnen zu. Warum die härteste Kritik nur aus Liebe kommen darf, und was das mit dem 7. Oktober zu tun hat.
Kritik kann zerstören oder retten. Der Unterschied liegt nicht in ihrem Ton oder in den Worten, sondern in der Frage: Will der, der tadelt, den anderen loswerden – oder will er ihn halten und unterstützen?
Der Wochenabschnitt Dewarim, mit dem jetzt die Lesung des fünften Buches Mose beginnt und der bis Kapitel 3,22 reicht, steht unter diesem Vorzeichen. Die Parascha wird immer in den Tagen vor dem 9. Aw gelesen, dem großen Trauertag des Judentums, an dem der Zerstörung beider Tempel in Jerusalem gedacht wird. Sie beginnt mit einer Rede von Mose, die auf den ersten Blick vor allem die Aufzählung von Stationen der Wüstenwanderung beinhaltet. Die jüdische Auslegung liest sie jedoch seit anderthalb Jahrtausenden als eine große, verhaltene Zurechtweisung.
„Dies sind die Worte“
Das Buch heißt auf Hebräisch nach seinem ersten Wort: Dewarim, „Worte“. „Dies sind die Worte, die Mose zu ganz Israel redete“ (5. Mose 1,1). Ein alter Kommentar aus dem 3. Jahrhundert, der Sifré, stutzt an dieser Formulierung. Mose habe doch die ganze Tora aufgeschrieben – warum dann eigens betonen, dies seien „die Worte“? Die Antwort der Weisen: Es handle sich um diwré tochacha, um „Worte der Zurechtweisung“ (Sifré Dewarim 1). Mose zählt, kurz vor seinem Tod, noch einmal diejenigen Orte auf, an denen das Volk gestrauchelt ist. Er nennt sie nur andeutend, verhüllend, aus Rücksicht auf die Ehre Israels (Raschi zu 5. Mose 1,1) – aber er nennt sie.
Entscheidend ist der Grund, aus dem er das tut. Es ist kein Abrechnen. Es ist der letzte Liebesdienst des Führers Israels durch die Wüste, der weiß, dass er die Grenze zum verheißenen Land nicht überschreiten wird: Er hält seinem Volk noch einmal den Spiegel vor, damit es nicht dieselben Fehler wiederholt. Tadel als Fürsorge – das ist der Ton, in dem das ganze Buch anhebt.
Wer ist überhaupt berechtigt zu tadeln?
Im Kommentar Sifré geschieht hier etwas Bemerkenswertes. Die Rabbinen fragen nämlich weiter im Blick auf ihre eigene Zeit: Waren denn wirklich alle in Israel fähig, Zurechtweisung zu geben – und sie auch anzunehmen? Und dann treten drei der größten Lehrer des 2. Jahrhunderts auf und legen, jeder für sich, ein Geständnis ab.
Rabbi Tarfon schwört: „Beim Tempeldienst – gibt es in dieser Generation überhaupt jemanden, der fähig wäre zu tadeln?“
Rabbi Elasar ben Asarja schwört: „Beim Tempeldienst – gibt es in dieser Generation überhaupt jemanden, der fähig wäre, Tadel anzunehmen?“
Rabbi Akiwa schwört: „Beim Tempeldienst – gibt es in dieser Generation überhaupt jemanden, der noch weiß, wie man richtig tadelt?“ (Sifré Dewarim 1,8)
Drei Meister, die eingestehen: Niemand von uns ist wirklich rein genug, um über den anderen zu Gericht zu sitzen. Wer zurechtweist, muss zuerst sich selbst prüfen. Und der Text schließt mit einem Wort, das alles zusammenhält – dem Zeugnis des Rabbi Jochanan ben Nuri, der berichtet, er sei selbst mehr als vier- oder fünfmal durch Rabbi Akiwa gerügt worden, „und ich weiß genau, dass sich seine Liebe zu mir mit jedem einzelnen Mal noch vermehrte“. Als Beleg zitiert der Sifré einen Spruch aus dem biblischen Buch der Sprüche: „Weise nicht den Spötter zurecht, sonst hasst er dich; weise den Weisen zurecht, und er wird dich lieben“ (9,8).
Das ist der Kern: Echter Tadel ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern ihre schärfste Form. Nur wer liebt, weist hilfreich zurecht; und nur wer sich lieben lässt, kann Zurechtweisung ertragen.
Der Nazarener sagt dasselbe
Wer das Neue Testament liest, dem klingt dabei ein anderes Wort im Ohr – aus der Bergpredigt, gesprochen von einem jüdischen Lehrer nur eine Epoche zuvor, Jesus von Nazaret:
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet … Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? … Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen. (Matthäus 7,1–5)
Das ist keine Absage an jede Kritik – Jesus sagt ausdrücklich nicht, man solle den Splitter im Auge des Bruders ignorieren. Er sagt: Erst der geklärte Blick, erst die Selbstprüfung, dann die Zurechtweisung. Es ist dieselbe Bewegung wie bei Tarfon, Elasar und Akiwa. Die Herausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe von Sifré verweisen an dieser Stelle selbst auf Matthäus 7 – ein seltener Fall, in dem eine jüdische Quelle das Neue Testament als Zeugen desselben Gedankens anführt. Beide, der rabbinische Text und das Evangelium, sind zwei Zweige an einem Stamm: der jüdischen Ethik der liebenden Zurechtweisung, die schon das Buch Levitikus formuliert hatte: „Du sollst deinen Nächsten zurechtweisen … Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,17–18), zwei Sätze, die dort unmittelbar nebeneinanderstehen.
Paulus – der scharfe Tadler aus Liebe
Es gibt im Neuen Testament keinen schärferen Zurechtweiser als Paulus, und nirgends ist er schärfer als im Brief an die Gemeinden in Galatien. „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch verzaubert?“ (Galater 3,1) – so fährt er sie an. Er wirft ihnen vor, dem Evangelium untreu geworden zu sein, er streitet, er droht, er wird zornig.
Und doch bricht mitten in diesem Zorn sein eigentliches Motiv hervor. Wenige Verse später schreibt derselbe Paulus:
Meine Kinder, um die ich noch einmal Geburtswehen leide, bis Christus in euch Gestalt gewinnt – ich wünschte, ich könnte jetzt bei euch sein und meinen Ton ändern, denn ich weiß nicht mehr weiter mit euch. (Galater 4,19–20)
Tékna mou – „meine Kinder“ nennt er die, die er eben noch angeherrscht hat. Er vergleicht seinen Schmerz mit den Wehen einer Gebärenden. Das ist kein Richter, der verurteilt; das ist ein Vater, der um seine Kinder ringt.
Auch Paulus tadelt also aus Liebe. Die Quelle dieser Liebe ist für ihn die Liebe Gottes selbst, die sich, wie er es versteht, in Jesus Christus nun auch den nichtjüdischen Völkern zugewandt hat. Sein härtestes Wort steht im Dienst desselben Anliegens wie Moses verhüllte Rüge: Er will die Seinen nicht loswerden, er will sie halten.
Das eine Wort: Echa
Damit sind wir beim Trauertag, in dessen Schatten die Sidra gelesen wird. Denn die Lesung von Dewarim enthält ein einziges kleines Wort, das die Weisen wie einen roten Faden durch die jüdische Geschichte gezogen haben.
Mose ruft, mitten in seiner Rede, erschöpft aus: „Echa – wie kann ich allein eure Bürde, eure Last und euren Streit tragen?“ (5. Mose 1,12). Echa – „wie?“, ein Wort der Klage.
Dasselbe Wort Echa steht am Anfang der Lesung aus dem Propheten Jesaja, die an diesem Schabbat – dem „Schabbat der Vision“, Schabbat Chason – gelesen wird: „Echa – wie ist die treue Stadt zur Hure geworden!“ (Jesaja 1,21).
Mit demselben Wort beginnen auch die Klagelieder Jeremias, die am 9. Aw selbst gelesen werden: „Echa – wie sitzt sie so einsam, die Stadt, einst reich an Volk! Zur Witwe wurde sie“ (Klagelieder 1,1). Auf Hebräisch: Echa jaschwa wadad ha-ir rabbati am, hajta ke-almana.
Die Weisen haben diese drei Echa-Rufe bewusst hintereinander gestellt und in ihnen einen einzigen, fortlaufenden Blick auf Jerusalem gesehen. Ein Kommentar sagt es so: Mose sah die Stadt in ihrem Glück, Jesaja sah sie in ihrem Leichtsinn – und Jeremia sah sie in ihrer Schande Midrasch Klagelieder Rabba 1,1). Drei Stimmen aus drei Jahrhunderten, dasselbe klagende „Wie?“, das die Zurechtweisung mit der Trauer verbindet.
Die Nacht des 9. Aw
Am Abend des 9. Aw wird es in den Synagogen dunkel. Man löscht die hellen Lichter, liest bei Kerzenschein oder gedämpftem Licht. Die Betenden sitzen nicht auf Stühlen, sondern auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken, wie Trauernde im Haus eines Verstorbenen. Man trägt keine ledernen Schuhe, man begrüßt einander nicht. Und dann werden die Klagelieder Jeremias vorgetragen – nicht gelesen, sondern in einer Klagemelodie gesungen, Vers um Vers, das ganze Buch hindurch.
Danach folgen die Kinot, die Trauergesänge: Dichtungen aus vielen Jahrhunderten, die nicht nur die zerstörten Tempel beklagen, sondern all die weiteren Katastrophen, die die jüdische Geschichte auf diesen Tag gelegt hat – Kreuzzüge, Vertreibungen, Pogrome. Selbst das Tora-Studium, sonst die höchste Freude, ist an diesem Tag eingeschränkt; man liest nur traurige Texte.
Doch die Trauer endet nicht im Dunkel. Das ist die Weisheit dieser Liturgie: Sie ist zeitlich so eingerichtet, dass die Klage in Trost übergeht. Dem 9. Aw gingen drei Wochen voraus und darin drei prophetische Lesungen der Zurechtweisung. Nach dem 9. Aw aber folgen sieben Wochen mit sieben Lesungen des Trostes, alle aus dem Propheten Jesaja, die erste beginnt mit den Worten: „Nachamu, nachamu ami – tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jesaja 40,1). Die Trauernden werden, wie man einen Hinterbliebenen tröstet, langsam und in Stufen zurück ins Leben geholt. Zurechtweisung, Klage, Trost – in dieser Reihenfolge, und der Trost hat das letzte Wort.
Der Echa-Ruf des Nazareners
Auch hier steht das Neue Testament nicht abseits, sondern inmitten dieser jüdischen Tradition. Denn Jesus von Nazaret hat, sinngemäß, sein eigenes Echa über Jerusalem gerufen:
Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten … wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt! (Matthäus 23,37; ebenso Lukas 13,34).
Und der Evangelist Lukas berichtet, wie Jesus, als er die Stadt vor sich liegen sah, über sie weinte:
Wenn doch auch du erkannt hättest … was zum Frieden dient! … Es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich aufwerfen … weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast. (Lukas 19,41–44)
Das ist die Klage über Jerusalem, gesprochen wie bei Mose, Jesaja und Jeremia – nicht aus Verachtung, sondern aus Liebe, unter Tränen. Ein Tadel, der weint. Wer Jesu Wort über Jerusalem als vierte Stimme neben die drei Echa-Rufe stellt, versteht es richtig: als jüdische Prophetenklage, die tadelt, weil sie liebt.
Wie der Tadel seine Liebe verlor
Aber damit beginnt zugleich die tragische Wendung der Geschichte. Denn was in der jüdischen Liturgie untrennbar zusammengehört – die harte Rüge und der noch größere Trost, der immer folgt –, das hat die spätere christliche Auslegung auseinandergerissen.
Die Kirchen übernahmen aus der prophetischen und aus Jesu Klage über Jerusalem nur die eine Hälfte: die Verurteilung. Die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 wurde nicht mehr als Trauer und als Ruf zur Umkehr gelesen, sondern als endgültiges Urteil – als Beweis, dass Israel seinen Bund mit Gott verwirkt habe und von nun an verworfen sei. Das „Nachamu, nachamu – tröstet, tröstet mein Volk“, das in der jüdischen Ordnung unweigerlich auf die Klage folgt, ließ man weg. Übrig blieb die Anklage ohne den Trost, der Tadel ohne die Liebe. Aus der Zurechtweisung eines Vaters, der seine Kinder halten will, wurde das Verstoßungsurteil eines Richters. Das ist eine der folgenreichsten Fehllesungen der Kirchengeschichte. Sie widerspricht dem ursprünglichen Sinn des Echa aus dem Munde Jesu selbst, der ja gerade weinte, weil er sammeln wollte.
Der alte Ton in neuer Gestalt
Man könnte meinen, solche Haltung sei inzwischen Vergangenheit. Aber der Tadel ohne Liebe hat in der Gegenwart eine säkulare Gestalt angenommen. Sie zeigt sich in der Art, wie in weiten Teilen der Öffentlichkeit und der Medien über den Staat Israel gesprochen wird: als einseitige Verurteilung, die kein Mitfühlen mehr kennt, keine Bereitschaft, das Leben und Leiden in Israel auch nur wahrzunehmen.
Dabei ist die Parallele beklemmend. Wie einst die Römer den Tempel zerstörten und damit ein kollektives Trauma in die jüdische Geschichte einbrannten, das den 9. Aw begründet hat, so hat das Massaker vom 7. Oktober 2023 erneut eine traumatische Erfahrung des Leidens hinterlassen. Und wieder gibt es eine Stimme, die nur anklagt – ohne die Liebe, ohne das Mitgefühl, ohne das „Nachamu“, das trösten will.
„Wie ein Mann seinen Sohn trägt“
Gegen diese Stimme hat schon Mose, mitten in unserer Sidra, ein anderes Bild gesetzt. Als das Volk in der Wüste murrte und Gott unterstellte, er habe es aus Hass in die Wüste geführt, um es zugrunde zu richten, hält Mose ihm entgegen, was es mit eigenen Augen gesehen hat:
… in der Wüste, wo du gesehen hast, wie der Ewige, dein Gott, dich getragen hat, ka’ascher jissa isch et beno – wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Weg. (5. Mose 1,31)
Nicht Hass, sondern das Tragen eines Vaters. Nicht Verstoßung, sondern der Arm, der das strauchelnde Kind über den ganzen langen Weg hinweg hält. Das ist das eigentliche Gegenbild zum lieblosen Tadel – und es steht im Herzen des Wochenabschnitts.
Hier liegt der Ertrag, wenn man die jüdische und die neutestamentliche Stimme zusammen hört, statt sie gegeneinander zu stellen. Zurechtweisung und Bundesliebe gehören zusammen. Wer nur tadelt, ohne zu tragen, hat die Weisung der Sidra Dewarim nicht verstanden – gleich, ob er es im Namen der Kirche, im Namen der Vernunft oder im Namen der Nachrichten tut. Und wer trägt, „wie ein Mann seinen Sohn trägt“, der darf auch zurechtweisen. Weil seine Rüge dann das ist, was sie bei Mose, bei den Rabbinen und beim weinenden Nazarener immer war: die schärfste Form der Liebe.
Verwendete Quellen:
Bibel und rabbinische Literatur: In der Sidra Dewarim 1,1–3,22 besonders 1,1.12.31; 3. Mose 19,17–18; Sprüche 9,8; Jesaja 1,21 und 40,1; Klagelieder 1,1. – Sifré Dewarim 1 und 1,8 (Tarfon, Elasar ben Asarja, Akiwa, Jochanan ben Nuri), Raschi zu 5. Mose 1,1; Klagelieder Rabba 1,1.
Neues Testament: Matthäus 7,1–5; Matthäus 23,37; Lukas 13,34; Lukas 19,41–44; Galater 3,1 und 4,19–20.
Liturgie Tischa beAw / Schabbat Chason: My Jewish Learning, „Shabbat Hazon & Shabbat Nahamu“; Yeshivat Har Etzion, „The Seven Haftarot of Consolation“; Chabad, „What Is Shabbat Nachamu?“.
Bibelzitate in eigener bzw. angelehnter Übersetzung; für das Neue Testament empfiehlt sich „Das Neue Testament jüdisch erklärt“ (Deutsche Bibelgesellschaft).



