„Wer hat mich gezeugt?“ — Galit Dahan Carlibachs Roman über eine Waise, die den Vater sucht
Avital wächst ohne Eltern in Jerusalem auf und sucht ihr Leben lang nach dem Vater. Eine obsessive Suche, die tödlich endet. „Waisenkind“: ein außergewöhnlicher Roman aus Israel.
Galit Dahan Carlibach, Waisenkind. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama (Originaltitel: Masal Jetoma, Kein & Aber Verlag, Berlin 2026, 23,00 EUR)
Stellen Sie sich vor, Sie bekämen einen Brief. Adressiert an „Herrn Richter und werte Sozialarbeiter“. Die Absenderin sitzt in einem Jerusalemer Kloster, wartet auf ihre Verhaftung und möchte, bevor die Polizei kommt, erst einmal erklären, wie es dazu kommen konnte. Dass sie drei Menschen getötet hat. Dass es angefangen hat in Lifta. Dass ein imaginärer Vater namens Lear schuld ist — oder vielleicht die Gesellschaft, vielleicht das Schicksal, vielleicht niemand außer ihr selbst.
So beginnt „Waisenkind“, das erste auf Deutsch erschienene Buch von Galit Dahan Carlibach, einer der markantesten Stimmen der zeitgenössischen israelischen Literatur. Die Autorin wurde 1981 in Sderot geboren und wuchs in Aschdod — Orte an der Peripherie Israels, geprägt von sozialer Enge und politischer Spannung, die ihr gesamtes Werk nachhaltig beeinflussen – und später Jerusalem auf. Dahan Carlibach schreibt Romane, Kurzgeschichten, Kinderbücher und Reiseberichte und wurde für ihr Schaffen mit dem Prime Minister’s Prize for Literature (2014) sowie dem National Library of Israel Pardes Scholarship ausgezeichnet. Ihre Protagonistinnen sind oft starke, eigenwillige Frauen, die gegen gesellschaftliche oder familiäre Erwartungen aufbegehren — und Avital, die Heldin dieses Romans, ist vielleicht ihre bislang kompromissloseste Figur. Die Übersetzung aus dem Hebräischen stammt von Ruth Achlama, die bereits Werke von Amos Oz und Meir Shalev ins Deutsche übertragen hat und auch hier Dahan Carlibachs eigenwillige Stimme souverän ins Deutsche trägt.
Lifta, der Berg des Todes und eine Oma namens Terroristin
Die Erzählerin heißt Avital. Sie ist rothaarig, klug, mittellos und auf eine Art witzig, die einem das Lachen im Halse stecken lässt. Aufgewachsen ist sie in Lifta, einem verarmten arabisch-jüdischen Außenbezirk Jerusalems, bei Großeltern, die sie nicht wollten: Großmutter Malka, eine zynische Alkoholikerin, nennt Avital konsequent die „Terroristin“; Großvater Jakob, ihren schweigsamen Komplizen, „den Informanten“. Die Mutter Schula starb kurz nach Avitals Geburt, der Vater ist unbekannt. „Seit ich denken kann“, schreibt sie, „will ich gern wissen, wer meine Mutter geschwängert hat.“
Was klingt wie der Auftakt zu einer sozialen Elendsstudie, entpuppt sich schnell als etwas ganz anderes: als das Porträt einer jungen Frau von ungebändigter innerer Lebendigkeit. Avital liest alles, was ihr in die Hände fällt — Dickens, Shakespeare, die Bibel. Sie vergleicht sich mit Pippi Langstrumpf und Oliver Twist, nicht aus Naivität, sondern mit dem scharfen Selbstbewusstsein einer, die genau weiß, welche Rollen die Gesellschaft für sie vorgesehen hat — und sich weigert, sie zu spielen. Den abwesenden Vater erfindet sie sich als „Lear“: Pilot, Spion, Heißluftballonfahrer, je nach Bedarf. Einer, der sie liebt, ohne etwas dafür zu verlangen.
Der trockene, bisweilen bissige Humor, für den Dahan Carlibach bekannt ist, durchzieht diese Passagen wie ein roter Faden. Wenn Avital schildert, wie ihre Großmutter alljährlich auf dem Friedhof das falsche Grab als das der Mutter identifiziert — „und wenn es nicht stimmte, zählte der gute Wille“ —, lacht man und erschrickt sofort darüber, dass man lacht. Genau das ist die besondere Frische dieser Literatur.
Ein alter Mossad-Mann und ein verwaister Garten
Dann kommt Achituv Porat in ihr Leben — und mit ihm eine Wendung, die den Roman endgültig in Fahrt bringt. Achituv ist alt, krebskrank und ehemaliger Mossad-Agent. Er wohnt in einer weitläufigen Villa im eleganten Jerusalemer Viertel Talbije, umgeben von verwildertem Garten, Hitchcock-Filmen und Whiskygläsern. Er holt Avital aus ihrer Elendssituation heraus, offiziell als Haushaltshilfe und Archivarin, tatsächlich aus einem Schuldgefühl, das er lange mit sich trägt — und dessen Inhalt er ihr zunächst verschweigt.
Die Beziehung zwischen diesen beiden — der heimatlosen Zwanzigjährigen und dem zynischen Greis — ist das literarische Herzstück des Romans. Dahan Carlibach schreibt sie mit großer Zärtlichkeit und ohne Sentimentalität. Avital legt Achituvs verwilderten Garten neu an, und während die Pflanzen wachsen, öffnet sich etwas in ihr: Erinnerungen kehren zurück, alte Wunden treten ans Licht, und mit den Händen in der Erde taucht sogar eine versöhnliche Erinnerung an die Großmutter auf — dieselbe Frau, die sie ein Leben lang beschimpft hat. Der Garten als Heilungsraum ist eines der schönsten Motive des Romans. Doch Achituv hütet ein Geheimnis. Avital ahnt es. Sie fragt nicht. Sie wartet.
Rote Haare, ein Strahlenkranz und eine Wahnidee
Als Achituvs Tochter Atalia auftaucht — eine exzentrische Sozialtheatermacherin mit Armreifen und einem Herz am rechten Fleck —, bringt sie ihren Mann Ramon ins Spiel. Und Ramon ändert alles. Er ist Militäroffizier, charismatisch, muskulös — und rothaarig, genau wie Avital. Als er zum ersten Mal eine Treppe herunterschreitet, „federnd, in einem Strahlenkranz“, ist für Avital die Sache entschieden: Dieser Mann ist ihr Vater.
Was folgt, ist eine der psychologisch treffendsten Darstellungen von Wunschdenken in der israelischen Gegenwartsliteratur. Avital weiß, tief innen, dass sie sich etwas einbildet. Aber die Sehnsucht ist stärker als die Vernunft — und Dahan Carlibach zeigt unerschrocken, wie ein Mensch sich in eine Wahnvorstellung hineinarbeitet, weil das Eingeständnis völliger Herkunftslosigkeit unerträglicher wäre als jede Lüge. Ramon selbst ist dabei alles andere als ein Heilsbringer: charmant an der Oberfläche, moralisch brüchig darunter, ein Mann mit Geheimnissen, die seinen Glanz beschädigen.
Das Haus von Atalia und Ramon beschreibt Avital als das Schönste, was sie je gesehen hat: warm beleuchtet, voller Bücher, voller Leben. Und doch — es riecht nach nichts. „Kein Duft entstieg diesen Speisen“, schreibt sie. Dieser eine Satz ist die subtilste Warnung des ganzen Romans: Was makellos aussieht, ist innen hohl.
Die Wahrheit, die tötet
Das Ende des Romans ist unausweichlich wie ein griechisches Schicksal. Achituv gesteht Avital schließlich, was er wusste: den Unfall, bei dem ihre Mutter starb, die Schuld, die ihn jahrelang verfolgte. Während er spricht, erleidet er einen Herzanfall. Er stirbt. Avital begreift sich als seine Mörderin — nicht weil sie ihn berührt hätte, sondern weil sie die Wahrheit erzwungen hat. Ramon ist nicht ihr Vater. Als sie ihn konfrontiert, eskaliert die Situation. Auch er stirbt.
Avital flieht ins Kloster — unter dem Namen „Atalia“, der Tochter, die sie nie war, aber immer sein wollte. Und dort schreibt sie alles auf. Das ist der Roman.
Stimme, Stil und kritische Würdigung
Was Waisenkind über seine Geschichte hinaus so besonders macht, ist die Sprache. Dahan Carlibach schreibt in einer Prosa, die atmet: lange, mäandernde Sätze voller Abschweifungen und Witze, dann plötzlich ein kurzer, lapidarer Schnitt. Der Geruch wird zum erzählerischen Kompass — Avital riecht Gefahr und Geborgenheit, Verfall und Hoffnung mit einer Präzision, die an magischen Realismus grenzt. Die Adressierung an Richter und Sozialarbeiter ist mehr als ein Kunstgriff: Sie ist eine bittere Abrechnung mit Institutionen, die ein Kind ein Leben lang als Fallnummer behandelt haben und nun über seine Seele urteilen sollen.
Der Roman ist tief im israelischen Milieu der Jahrtausendwende verankert — die Oslo-Demonstrationen toben über Lifta, Rabins Ermordung wirft ihren Schatten, der Mossad-Hintergrund Achituvs verbindet Staatsgeschichte mit Privatschuld. Jerusalem selbst ist nicht Kulisse, sondern Akteur: Das verarmte Lifta, das Kloster in der Via Dolorosa, das elegante Talbije — die sozialen Schichten der Stadt, die Dahan Carlibach aus eigener Kindheitserfahrung kennt, werden topographisch lesbar.
Das Shakespeare-Gerüst — Avitals „Lear“, Atalias Othello-Inszenierungen, die Abendtischfrage nach angeborener oder gesellschaftlich bedingter Bosheit — trägt den Roman, ohne ihn zu erdrücken. Dahan Carlibach braucht keinen erhobenen Zeigefinger; die Leser spüren selbst, wie Avital sich in ihre Fantasie hineinsteigert, sehen das Täuschungsmanöver mit, sind ihm verfallen wie sie selbst.
Kleine Einschränkungen bleiben: Die eingeschobenen Anwaltsbriefe des Notars Bar Jona, funktional für die Enthüllung der Hintergründe, unterbrechen gelegentlich den hypnotischen Sog von Avitals Stimme. Und das Finale verdichtet sich etwas abrupt nach der langen, geduldigen Aufbauarbeit des Romans.
Doch das sind Randnotizen gegenüber dem Gesamteindruck. Waisenkind ist ein Roman, der in die große Tradition der Waisenkinderliteratur einzureihen ist — und diesen Anspruch vollständig einlöst. Dass dieses Buch jetzt, in Ruth Achlamas einfühlsamer Übersetzung, den deutschsprachigen Lesern zugänglich wird, ist eine freudige Nachricht. Galit Dahan Carlibach hat eine Figur geschaffen, die man nicht vergisst: eine junge Frau, die aus der reinsten aller menschlichen Sehnsüchte heraus das Verhängnisvolle tut — und dabei das Bitterste über uns alle aussagt:
Das Gesehen-werden-Wollen ist der stärkste und der schutzloseste aller Triebe.




