Am 3. Tischri, dem Tag nach Rosch Haschana, begehen Jüdinnen und Juden Zom Gedalja, das Gedalja-Fasten. Fällt der 3. Tischri auf einen Schabbat, wird der Fasttag auf den 4. Tischri verschoben, weil am Schabbat nicht gefastet wird (Wikipedia). Von den sechs Fasttagen des jüdischen Jahres ist Zom Gedalja einer der kleinen: Er beginnt bei Morgengrauen und endet mit dem Sternenaufgang, verlangt Enthaltung von Essen und Trinken, nicht die volle Strenge des Jom Kippur.
Und doch reiht der Prophet Sacharja diesen Tag im selben Atemzug mit Tischa beAw, dem Tag der Tempelzerstörung, ein. Die Gemara in Rosch Haschana 18 zieht daraus einen scharfen Schluss: „Der Tod von Gerechten kommt dem Verbrennen des Hauses des Ewigen gleich“ (Jüdische Allgemeine, Avichai Apel). Wer Gedalja tötet, zerstört mehr als einen Menschen. Er zerstört eine Ordnung.
Was in Mizpa geschah
Nach der Zerstörung des Ersten Tempels 586 v. Chr. und der babylonischen Deportation setzte Nebukadnezar II. Gedalja ben Achikam als Statthalter über die im Land verbliebenen Juden ein. Gedalja residierte in Mizpa, war ein Enkel Schafans, des Beraters König Joschijas, und stand in der Tradition jener Kreise in Juda, die auf Verständigung mit Babylon setzten statt auf bewaffneten Aufstand im Bündnis mit Ägypten. Er ermutigte die Menschen, im Land zu bleiben, sich der babylonischen Ordnung zu fügen und ein Leben unter fremder Oberhoheit neu einzurichten (Wikipedia).
Ismael ben Netanja, ein Nachkomme aus dem königlichen Haus Davids, konnte diese Kooperation nicht ertragen. Nach dem Bericht in Jeremia 41 und 2 Könige 25,22–26 kam er mit zehn Männern nach Mizpa, obwohl von Gedalja freundlich empfangen ermordete er ihn beim gemeinsamen Mahl, zusammen mit weiteren Juden und den babylonischen Soldaten, die Nebukadnezar bei ihm gelassen hatte. Warnungen vor dem Anschlag hatte Gedalja zurückgewiesen; er wollte seinem Gast nicht mit Misstrauen begegnen.
Die Folgen waren verheerend. Aus Furcht vor babylonischer Vergeltung floh die zurückgebliebene Gemeinde nach Ägypten, gegen den ausdrücklichen Rat Jeremias, der selbst mit ins Exil gezwungen wurde. Die letzte eigenständige jüdische Präsenz im Land brach damit für diese Epoche zusammen.
Der Mord an Gedalja ist im jüdischen Gedächtnis nicht als Urszene innerjüdischer Selbstzerstörung verankert: Ein Volk, das gerade den Tempel verloren hat, ruiniert die Reste seiner Selbstverwaltung nicht durch den Feind von außen, sondern durch die Hand eines Bruders.
Sinat Chinam: die Diagnose der Weisen
Die Rabbinen haben diese Diagnose später zu einem eigenen Begriff verdichtet. Sinat Chinam, „grundloser Hass“, ist nach Joma 9b die spirituelle Ursache der Zerstörung des Zweiten Tempels: Nicht die römischen Legionen, sondern die inneren Fraktionskämpfe im belagerten Jerusalem, das Denunzieren und Verweigern von Versöhnung unter jüdischen Gruppen, brachten das Heiligtum zu Fall.
Rabbiner Awraham Jizchak HaKohen Kook hat diesen Befund in eine Verpflichtung übersetzt: „Wenn wir und die Welt mit uns wegen unbegründetem Hass zerstört wurden, dann sollten wir zurückkehren und uns und die Welt mit uns mit unbegründeter Liebe wieder erbauen“ (Orot Hakodesch 3,324, zitiert nach Jüdische Allgemeine, Jaron Engelmayer). Der Fasttag ist damit eine bleibende liturgische Übung im Umgang mit einer chronischen Anfälligkeit.
Zom Gedalja passt in diese Linie, auch wenn der Begriff Sinat Chinam im rabbinischen Umgang mit dem 3. Tischri selten explizit fällt. Was Ismael ben Netanja antreibt, sind nach der Deutung der Weisen Neid, dynastische Eifersucht, das Unerträgliche eines fremden Amtes im eigenen Volk. Gedalja stirbt, weil ein Jude die Bruderschaft eines anderen Juden nicht mehr anerkennen will. Der Fasttag zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur zwingt in den zehn Tagen der Umkehr zu der Frage, ob dieses Muster in der Gegenwart wieder Konturen annimmt.
Rabin auf dem Rabin-Platz
Dass Zom Gedalja nicht nur historische Erinnerung ist, hat Israel selbst kenntlich gemacht. In den vergangenen Jahren fanden am Fasttag Gedenkveranstaltungen auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv statt, die eine Linie zogen: vom ersten politischen Mord an einem jüdischen Regierungschef im Land zur Ermordung Jitzchak Rabins am 4. November 1995 (Wikipedia). Dreißig Jahre nach dem Attentat versammelten sich Zehntausende erneut auf demselben Platz, um Rabin zu gedenken und an eine anhaltende Polarisierung und Hetze im eigenen Land zu erinnern (Israelheute; ZEIT).
Die Parallele ist unbequem: Ein Statthalter, den ein Nachkomme des Königshauses tötet, weil er dessen Politik nicht erträgt. Ein Regierungschef, den ein junger Israeli tötet, weil er dessen Politik nicht erträgt. Beide Male gerät nicht zuerst der Feind ins Bild, sondern die Fähigkeit der eigenen Gemeinschaft, politische Differenz auszuhalten, ohne den Andersdenkenden zu entmenschlichen.
Die Bedrohung von innen, empirisch vermessen
Wie ernst diese Frage 2026 in Israel steht, hat der National Polarization Index 2026 des Dan Department of Communication der Universität Tel Aviv und des Agam-Instituts vermessen. Israel erreicht auf der Skala sozialer Polarisierung den Wert 8,3 von 10 Punkten, ein Bereich, den die Studie als hohes Risiko einstuft (Hagalil).
Bemerkenswert ist, wo die tiefste Bruchlinie inzwischen verläuft. Erstmals übertrifft die Polarisierung zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden (48 Punkte) den jüdisch-arabischen Konflikt (41,5 Punkte). Seit Beginn des Gaza-Kriegs im Oktober 2023 ist dieser innerjüdische Wert von 34,7 Punkten steil auf die aktuelle Höhe gestiegen. 43,6 Prozent der Bevölkerung sehen den Hauptkonflikt inzwischen im Widerstreit zwischen einem traditionell-religiösen und einem modernen, universellen Staatsverständnis, nur 13,5 Prozent verorten ihn in politischen Sachfragen.
Rund 60 Prozent der Israelis halten interne Bedrohungen, ausdrücklich benannt als Spaltung, Hass und innere Gewalt, für gravierender als Hamas, Hisbollah oder Iran. 70 Prozent sind überzeugt, dass Wähler des jeweils gegnerischen Lagers die Staatssicherheit gefährden. 32 Prozent der Koalitions- und 21 Prozent der Oppositionswähler wollen die Ergebnisse der nächsten Wahl nicht ohne Weiteres anerkennen. 30 Prozent befürworten oder tolerieren, zur Rettung der israelischen Demokratie „alle notwendigen Mittel“ einzusetzen, einschließlich Gewalt.
Die Studienleiter Nimrod Nir und Asa Shapira fassen ihren Befund in einem Satz zusammen, der wie ein moderner Kommentar zu Zom Gedalja klingt: „Israel tritt in ein Wahljahr auf Risikostufe Rot ein. Die Bruchlinien sind tief, die Legitimität erodiert, die Spielregeln bröckeln, und das Potenzial für gewaltsame Eskalation ist hoch“. Für den Ausbruch einer Krise, so ihre Warnung, brauche es keine Mehrheit, die Gewalt befürworte; eine signifikante Minderheit und wechselseitige Angst reichten aus.
Konkrete Ereignisse liefern die Kulisse. Der öffentliche Konflikt um die zurückgetretene Militärstaatsanwältin Jifat Tomer-Jeruschalmi, die Verantwortung für die Weitergabe eines Misshandlungsvideos aus israelischer Militärhaft übernommen hatte und danach unter erheblichen Druck und Bedrohungen geriet, hat gezeigt, wie schnell aus rechtsstaatlicher Auseinandersetzung eine persönliche Hetzjagd wird (Fokus Jerusalem; ZEIT). Im Westjordanland eskaliert Siedlergewalt bis zu Zwischenfällen mit israelischen und palästinensischen Toten in denselben Ortschaften; die UN-Untersuchungskommission spricht von einem „Klima der Straffreiheit“ (Tagesschau).
Was der 3. Tischri heute fragt
Zom Gedalja ist der Fasttag, der der jüdischen Gemeinschaft in den zehn Tagen der Umkehr die Frage stellt, die Maimonides an alle Fasttage geknüpft hat: Welche Wurzel des Übels erkennen wir bei uns selbst und wo beginnen wir mit der Korrektur (Jüdische Allgemeine, Jaron Engelmayer)?
Die babylonische Bedrohung Judas war real, die iranische Bedrohung Israels ist es ebenfalls. Aber die jüdische Erinnerung hat entschieden, an diesem Tag nicht den Feind von außen anzuklagen, sondern den Bruder in Mizpa, der glaubte, das Land gehöre ihm. Wer in dieser Woche in Israel liest, wie 60 Prozent der eigenen Bürgerinnen und Bürger die Spaltung des Landes für gefährlicher halten als Hamas, Hisbollah und Iran zusammen, versteht, warum die Weisen die Katastrophe des 3. Tischri nicht dem babylonischen Reich, sondern einem einzigen Messer in Mizpa zugerechnet haben.
Für die Leserinnen und Leser von ahavta - Begegnungen ist das ein ernüchternder, zugleich tragfähiger Impuls in den Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur: Wo Neid, Verachtung und pauschale Feinderklärung gegen die eigene politische Gegenseite die Sprache prägen, ist Sinat Chinam die stille Fortsetzung von Mizpa mit anderen Mitteln. Und die einzige Antwort, die die Tradition kennt, hat Rabbiner Kook formuliert: eine grundlose Liebe, die politischer sein muss als jede Fraktion.
Zom kal umo’il – ein leichter und wirksamer Fasttag!
Quellen
Zom Gedalja, Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Zom_Gedalja
Avichai Apel: Der andere Fastentag, Jüdische Allgemeine. https://www.juedische-allgemeine.de/religion/der-andere-fastentag/
Jaron Engelmayer: Unbegründeter Hass, Jüdische Allgemeine. https://www.juedische-allgemeine.de/religion/unbegrundeter-hass/
Tiefe Gräben in Israels Gesellschaft (National Polarization Index 2026), Hagalil, 28.05.2026. https://www.hagalil.com/2026/05/tiefe-graeben-in-israels-gesellschaft/
Politische Spaltung in Israel: Im Inneren geht der Krieg weiter, ZEIT, 06.11.2025. https://www.zeit.de/kultur/2025–11/israel-politische-spaltung-yifat-tomer-yerushalmi-militaer-benjamin-netanjahu
Zehntausende gedenken 30 Jahre nach der Ermordung von Yitzhak Rabin, Israelheute. https://www.israelheute.com/erfahren/zehntausende-gedenken-30-jahre-nach-der-ermordung-von-yitzhak-rabin/
Misshandlungsvideo an Medien gegeben: Rücktritt der obersten Armee-Staatsanwältin erschüttert Militärjustiz, Fokus Jerusalem, 02.11.2025. https://www.fokus-jerusalem.tv/2025/11/02/misshandlungsvideo-an-medien-gegeben-ruecktritt-der-obersten-armee-staatsanwaeltin-erschuettert-militaerjustiz/
Siedlergewalt im Westjordanland eskaliert, Tagesschau, 29.07.2026. https://www.tagesschau.de/ausland/asien/westjordanland-siedlergewalt-104.html
UN werfen Israel staatliche Beteiligung an Siedlergewalt vor, ZEIT, Juni 2026. https://www.zeit.de/politik/ausland/2026–06/un-bericht-israel-westjordanland-juedische-siedler-gewalt



