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Andrej Hermlin || Ein Haus ohne Fundament

Warum er die Linke verließ und ob er in Berlin alt wird: Andrej Hermlin über Judenhass nach dem 7. Oktober, deutsche Schuldabwehr und einen Satz seiner Frau, der ihm die Augen öffnete.

Andrej Hermlin, geboren 1965 in Ost-Berlin, ist Pianist und Gründer des Swing Dance Orchestra, das seit Anfang 2026 sein Sohn David leitet. Er wuchs als Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin in einer Familie mit jüdischen Wurzeln auf; seit seiner Kindheit gilt seine Leidenschaft dem amerikanischen Swing. Im Oktober 2023 trat er nach mehr als drei Jahrzehnten aus der Partei Die Linke aus. Er lebt in Berlin und in Kenia, von wo aus er zum Gespräch zugeschaltet ist.

2011 erschien im Aufbau Verlag seine Autobiografie „My Way – Ein Leben zwischen den Welten“, über seinen Weg zwischen DDR-Kindheit, amerikanischem Swing und seinem Engagement in Kenia.


Andrej Hermlin blickt aus Kenia auf Deutschland. Auch den 7. Oktober 2023 erlebte er dort: Binnen Stunden war das Ausmaß des Massakers klar, der Urlaub beendet. Noch am selben Tag kündigte er seine Mitgliedschaft in der VVN-BdA, weil diese Israel zu friedlichen Mitteln mahnte. Kurz darauf verließ er nach mehr als drei Jahrzehnten die Partei Die Linke. Was er zuvor als Einzelerscheinungen ertragen habe, sei mit diesem Tag Parteilinie geworden.

Trotz aller Skepsis überrascht ihn die Wucht des Judenhasses, ein Tsunami. Verloren ist ihm die Gewissheit, dass sein in Berlin begonnenes Leben auch dort enden kann. Er erzählt von Bekannten, die das Massaker verurteilen und dann ein „Aber“ anfügen, von einem Swing-Festival in Schweden, bei dem er und sein Sohn angeschrien und der Befürwortung eines Genozids bezichtigt wurden, und von einer Kulturszene, in die „Zionisten“ nicht mehr eingeladen werden. Einen einzigen demaskierenden Satz vergleicht er mit einer Prise Arsen in einer vorzüglichen Bouillabaisse. Dennoch sucht er das Gespräch, auch mit Gegnern, denn einen Kontaktabbruch hält er für eine Niederlage.

Mit der jüdischen Familiengeschichte ist er durch die Erzählungen seines Vaters Stephan Hermlin aufgewachsen. Dass Traumata sich über Generationen vererben können, hat ihm erst vor einigen Jahren eine Tür geöffnet; das, was der 7. Oktober in ihm auslöst, nennt er vorsichtig eine Retraumatisierung. Er fühlt sich isoliert, denn große Kundgebungen nichtjüdischer Deutscher für Israel oder die Geiseln habe es nicht gegeben. Er erinnert daran, wie Bekannte seines Großvaters einst die Straßenseite wechselten. Eine Wiederholung erwartet er nicht, wohl aber mehr Gewalt und die Normalisierung von Gleichsetzungen zwischen Zionismus und Faschismus, zwischen israelischer Armee und SS. Dahinter sieht er den deutschen Wunsch, sich von Schuld zu entlasten. Von einer Traumatisierung der Deutschen will er nichts hören: Traumatisiert seien die Opfer, nicht die Täter. Seine Frau habe Nachkriegsdeutschland in einem Satz erklärt: ein schönes Haus, dem das Fundament fehlt.

Seiner Überzeugung, dass eine gerechtere Gesellschaft möglich ist, bleibt er treu. Mit Judenhass sei sie jedoch unvereinbar. Den Antisemitismus der Linken verfolgt er von Stalins Kampagne gegen jüdische Ärzte über die antizionistische Staatsräson der SED bis zu jungen Mitgliedern, die ihr Israelbild aus sozialen Medien beziehen. In scharfen Worten bestreitet er die Opferrolle der Palästinenser, verweist auf den Mufti Amin al-Husseini und hält eine Zwei-Staaten-Lösung für eine Fantasie deutscher Linker. Antisemitismus in der DDR hat er erlebt, etwa bei der Nationalen Volksarmee.

Die Bundesrepublik sieht er in einem schleichenden Zerfall, sie werde das Jahrzehnt in ihrer bisherigen Form kaum überdauern. Eine nachhaltige Veränderung hält er für ausgeschlossen; es gehe nur noch darum, Haltung und Ehre zu wahren. Den Deutschen wünscht er, dass sie die Juden einfach in Ruhe lassen, den Jungen, dass sie nachlesen und nachdenken. „Man muss ja Israel nicht lieben“, sagt er. „Aber liebt euch selbst.“

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