Wenn die Holocaust-Enzyklopädie des United States Holocaust Memorial Museum die Frage stellt, wie sich deutsche Juristen, Ärzte, Beamte, Professoren und Unternehmer an der Entrechtung und Ermordung der Juden beteiligen konnten, gibt sie eine ernüchternd banale Antwort. Es waren keine Fanatiker, die die Rassengesetze anwendeten, jüdische Kollegen aus den Universitäten drängten oder Vermögen „arisierten“. Gemeinsam war ihnen, so die Enzyklopädie, „die Übereinstimmung mit nationalsozialistischen Anschauungen, der Druck sich der Obrigkeit zu fügen, sowie die Sorge um die eigene Karriere, Firma oder Institution“. Judenfeindlichkeit brauchte, um wirksam zu werden, weder Überzeugungstäter in jeder Amtsstube noch flammende Reden. Sie brauchte Menschen, die berufliche Zuständigkeit und persönliche Ansicht sauber voneinander trennen konnten.
An diese Diagnose knüpft der Schriftsteller Chaim Noll in seinem Blogeintrag vom 27. August 2026 an, als er den Fall Sophie von der Tann kommentiert. Der Landesverband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau verleiht der ehemaligen ARD-Nahostkorrespondentin am 7. September 2026 in der Jugendkirche St. Peter in Frankfurt am Main den Katharina-Zell-Preis 2026, gewürdigt werden ihr „mutiger und unerschrockener Einsatz“ und eine „sachliche und verständliche Einordnung eines hochkomplexen Konflikts“ (EKHN). Noll ordnet die Ehrung als Symptom ein: Von der Tann und ihresgleichen hätten „wesentlichen Anteil an der Epidemie von Israelhass und Antisemitismus, die derzeit Europas geistiges Leben vergiftet“. Ihre Motivation sei weniger persönlicher Judenhass als „Karrierismus“; um in Anstalten wie BBC, France Télévisions oder ARD aufzusteigen, müsse man „gegen Israel voreingenommen und zur Verdrehung von Tatsachen bereit sein“.
Der Fall als Belastungsprobe
Von der Tann leitete von 2021 bis Ende Juli 2026 das ARD-Studio Tel Aviv (Wikipedia); im Dezember 2025 erhielt sie zusammen mit Katharina Willinger den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (tagesschau.de). Der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle warf ihr eine Verharmlosung der Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 vor, nachdem sie in einem Hintergrundgespräch von einer „Vorgeschichte“ gesprochen habe, die bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches zurückreiche (Jüdische Allgemeine). Der israelische Botschafter Ron Prosor sprach von „Dämonisierung Israels“, Charlotte Knobloch von einer Berichterstattung, die ihr „die Sprache verschlage“, die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel attestierte „extrem antiisraelische Perspektivierungen“ (csi-aktuell). Der Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten kritisierte „wiederkehrende Erzählmuster, die sich darauf beschränken, Israel als Aggressor darzustellen“ (Jüdische Allgemeine).
Wenige Tage vor der Frankfurter Verleihung hat die langjährige ARD-Autorin Rita Knobel-Ulrich in einem offenen Brief in der Jüdischen Allgemeinen nachgelegt. Sie zählt auf, was in den Berichten aus Tel Aviv gefehlt habe: die evakuierten Familien im Norden, die traumatisierten Kinder, die zerstückelten, vergewaltigten und verbrannten Bewohner der Kibbuzim am Gaza-Rand, die Ermordeten des Nova-Festivals, die Massenerschießungen der Hamas an Palästinensern nach dem Waffenstillstand. Sie erinnert daran, dass „kein Bild den Gazastreifen verlässt, ohne dass die Hamas und ihre Gefolgsleute darauf Einfluss nähmen“ – ein Hinweis, den von der Tann nach ihrer Darstellung nicht einmal erwähnt habe. Der Tagesspiegel, der Spiegel und Reporter ohne Grenzen sehen darin eine Diffamierungskampagne; von der Tann selbst weist die Vorwürfe im Deutschlandfunk zurück. Wer redlich urteilen will, muss beide Stimmen hören – und trotzdem am Ende urteilen.
Katharina Zells Erbe – und was aus ihm folgt
Der Preis trägt den Namen einer Frau, die genau in dieser Spannung gestanden hat. Katharina Schütz Zell nahm im Juli 1524 in ihrem Straßburger Münsterpfarrhaus achtzig Glaubensflüchtlinge aus dem badischen Kenzingen auf und versorgte über Wochen fünfzig bis sechzig von ihnen täglich (Kirchengemeinde Kenzingen); sie verteidigte in einem eigenen Brief die verleumdeten Wiedertäufer gegen den jungen Prediger Ludwig Rabus und gegen die geistliche Konformität ihrer eigenen Stadt (GAMEO); und sie hat, wie das Nachschlagewerk der Deutschen Nationalbibliothek nüchtern festhält, „Zwang und Gewaltanwendung in Glaubensdingen strikt abgelehnt, auch gegen jüdische Menschen“ (DNB / anstöße). Ihr Kriterium war, wie der Berliner Katalog der Frühen Neuzeit resümiert, „Bedürftigkeit, nicht Bekenntnis“ (FU Berlin). Sie hat nicht die herrschende Erzählung ihrer Zeit bestätigt und dafür einen Preis bekommen; sie hat sich der herrschenden Erzählung entgegengestellt und dafür Widerstand geerntet.
Dazu kommt biblisch-theologische Aspekte. Wenn der Preis den Namen einer Reformatorin trägt und in einer Kirche verliehen wird, kann er theologisch nicht neutralisiert werden. Er ist selbst eine Auslegung – der Bibel, der Reformation und des Verhältnisses zu Israel. 5. Mose 19,15–21, Matthäus 18,16 und 2. Korinther 13,1 fordern, dass im Verfahrensrecht eine Sache auf „auf zweier oder dreier Zeugen Mund“ stehen soll. Journalismus ist kein Gerichtsverfahren, aber er ist ein Zeugendienst – und ein öffentlich-rechtlicher Auslandskorrespondent ist ein Zeuge, den Millionen Zuschauer nicht selbst überprüfen können. Wenn Bilder aus Gaza nur unter Kontrolle der Hamas entstehen und diese Kontrolle nicht kenntlich gemacht wird, dann wird das Gebot der Zeugenprüfung verletzt, nicht bloß eine berufliche Sorgfaltspflicht.
Und grundsätzlich: Aufmerksamkeit und Publikumserfolg legitimieren keine Botschaft, die den Bund Gottes mit Israel verrät. In das Bild eines „mutigen und unerschrockenen“ Zeugen, den die Frankfurter Jury zeichnet, gehört deshalb die Frage: Führt das erzählte Bild der Wirklichkeit auf die Bundestreue zu oder von ihr weg? „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“ (Sach 2,12) ist zwar keine politische, sondern eine theologische Aussage für Christen. Als solche überlebt sie jedoch jeden Regierungswechsel in Jerusalem und jeden Konflikt in Gaza.
Im Echo der Weisung zum aktuellen Wochenabschnitt Ki Tezé wies ich auf den babylonischen Talmud Sanhedrin 46a–b hin. Die Gemara spricht dort von einem Mit-Leiden von Gottes Schechina an jeder öffentlichen Entwürdigung des Menschen. Wer über einen Krieg berichtet, hat mit dieser Norm zu tun – und zwar auf beiden Seiten. Die Frage ist nicht, ob palästinensisches Leid gezeigt werden darf; es muss gezeigt werden. Die Frage ist, ob dasselbe Maß auch dem israelischen Leid gilt: den Ermordeten des 7. Oktober, den Geiseln, den Bewohnern der Kibbuzim, den evakuierten Familien im Norden. Wenn nur eine Seite Bild Gottes bleiben darf und die andere zum abstrakten „Aggressor“ gerinnt, dann ist die Norm aus Ki-Tezé verletzt, und mit ihr die Voraussetzung christlicher Rede von Gott.
Ein Preis, der den Namen von Katharina Zell trägt, ist an dieses Erbe gebunden. Er darf nicht dazu dienen, journalistische Konformität moralisch zu adeln. Er müsste, um seinem Namen zu genügen, dort ausgezeichnet werden, wo eine Berichterstatterin gegen den Strom ihres Milieus schwimmt – nicht mit ihm. Wenn die evangelische Frauenarbeit Sophie von der Tann für „Mut“ ehrt, während Charlotte Knobloch, der israelische Botschafter, mehrere jüdische Verbände und langjährige ARD-Kolleginnen aus verschiedenen politischen Ecken übereinstimmend feststellen, dass ihre Berichte von Treue zu Schrift und Israel wegführten, dann bestätigt der Preis genau jenes Milieu, das Katharina Zell bekämpft hätte. Er ehrt die Anpassung und nennt sie Mut. Er lässt die falschen Zeugen unwidersprochen und nennt es Sachlichkeit. Er verweigert der einen Seite die Würde des Bildes Gottes und nennt es Ausgewogenheit.
Hier schießt sich der Kreis zur Holocaust-Enzyklopädie. Sie warnt nicht in erster Linie vor dem offenen Judenhass des Fanatikers, sondern vor dem angepassten Mitarbeiter, der seine Rolle „professionell“ ausfüllt und sich einredet, sein Ressort und seine private Haltung ließen sich sauber voneinander trennen. Diese Trennung war die eigentliche Voraussetzung dafür, dass Recht, Wissenschaft, Verwaltung und – dies muss die evangelische Kirche sich sagen lassen – auch weiteste Teile der Theologie im Nationalsozialismus so reibungslos funktionierten. Wer heute in einer kirchlichen Jury sitzt, wiederholt diese Trennung auf einer neuen Ebene, wenn er eine Berichterstattung, die jüdische Gemeinden als einseitig, verkürzend, teilweise verharmlosend erleben, nicht bloß deckt, sondern mit dem Namen einer Reformatorin schmückt, die genau das nie mitgetragen hätte.
Katharina Zell hat Flüchtlinge in ihr Haus geholt, Verleumdete verteidigt und Zwang in Glaubensdingen abgelehnt, auch gegen Juden. Ein Preis in ihrem Namen sollte am 7. September in Frankfurt an eine erinnern, die das Gleiche tut – nicht an eine, die das öffentlich-rechtliche Mittelmaß bestätigt. „Ihr sollt gerecht richten“, sagt 5. Mose 16,18. Die Jury sollte diese Zeile noch einmal lesen, bevor sie die Urkunde überreicht.




Super, Ricklef! Als ich es gestern las, hat es mich getroffen! Irgendwie versteht die Jury nicht, wie und was Frau von der Tann berichtet hat und vor allem nicht, wo Antisemitismus und Judenhass beginnt. Du hast es auf den Punkt gebracht. Danke Dir dafür!
Herzliche Grüße und sei Gott befohlen!
Friedrich
Deine Ausführungen sind sehr fein gesetzt. Dafür meinen Respekt.
Die Evangelischen Frauen nehme ich nicht ernst. Sie sagen am Ende: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Dessen Stimme da hindurch klingt, hat 1543 auch so blindwütend „Von den Juden und ihren Lügen“ verfasst. Diese Tradition und dieses Muster ist erschreckend. Das sich zum großen Teil dem Reich andienen, ist auch eine Wirklichkeit. Die „Deutschen Christen“ und die Gleichschaltung versus Die Bekennende Kirche. Aber das Ausmaß damals passt in diese Welt: Arierparagraph: Viele Landeskirchen übernahmen den Ausschluss von Christinnen und Christen jüdischer Herkunft vom Pfarramt.
Das traurige und das ermutigende: Diese Taten schaden heute - daher Schandtaten - Beziehungen und führen zu Taten. Dann helfen die morgigen Entschuldigungen den Opfern gar nichts. Wie es 1945 zu spät war, ist bereits mit dieser Preisverleihung wieder so weit. Diese Frauen sind blindwütend wie ihr 500 Jahre älteres Vorbild.
Das ermutigende bist Du Ricklef. Du spricht es aus. Du handelst. Du setzt Dich für den Dialog ein. Immer wieder. So bist Du ein "Neues Licht" in dieser immer wieder sich verdunkelnden Welt.
Bleibe standhaft. Verbiege Dich nicht. Mache bitte weiter.
Danke für Deinen Mut und Deine Geradlinigkeit. Dies ist übrigens unabhängig von Männern und Frauen.