Wie die Kirchen Jesu Lehre verrieten – und Israel einen Rachegott zuschrieben
„Auge um Auge" war nie Vergeltung, sondern Entschädigung. Doch Theologie machte daraus ein Codewort gegen Juden – und verkehrte damit Jesus ins Gegenteil.
Unter den 53 Geboten und Verboten (Mizwot) im Wochenabschnitt Mischpatim (2. Mose 21–24) ist außerhalb des Judentums keines so bekannt und folgenreich geworden wie das in Kapitel 21,22–25, in dem es heißt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (so übersetzte Martin Luther im Vers 24). Der Grund dafür ist, dass Jesus diese Worte in seiner im Matthäusevangelium, Kapitel 5–7, aufgezeichneten „Lehre auf dem Berg“ aufgreift. In 5,38 heißt es (Lutherübersetzung 2017): „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
Die Kapitel 5–7 des Matthäusevangeliums werden irreführend als „Bergpredigt“ bezeichnet. Doch die Einleitung und der Schluss sind gleichermaßen eindeutig: „Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie“ (5,2) — „Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, erschrak die Menge über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (7,28f.). Sachgemäß sprechen wir also von Jesu „Berglehre“. Bevor wir uns seine Lehre, die jüdisch natürlich vor allem Tora-Auslegung beinhaltet, näher anschauen, gehen wir zur Quelle in der Parascha Mischpatim. Die betreffenden Verse lauten in der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig:
Wenn sich Männer raufen und verletzen dabei ein schwangeres Weib, daß ihr die Kinder abgehn, aber es geschieht nicht das Ärgste, wird er mit Bußleistung gebüßt, wie der Gatte des Weibs ihm ansetzt, doch gebe er nur nach Schiedspruch. Geschieht das Ärgste aber, dann gib Lebenersatz für Leben — Augersatz für Auge, Zahnersatz für Zahn, Handersatz für Hand, Fußersatz für Fuß, Brandmalersatz für Brandmal, Wundersatz für Wunde, Striemersatz für Strieme.
Raschi, Talmud und das rabbinische Verständnis
Um dieses Gebot zu verstehen, ziehen wir die Erklärungen von Raschi und seine Verweise auf den Talmud zu Rate und lesen die Verse kommentiert wie folgt:
Wenn Männer miteinander kämpfen und sie versehentlich mit einer schwangeren Frau zusammenstoßen, wodurch sie eine Fehlgeburt erleidet, ihr jedoch keine tödlichen Verletzungen zugefügt werden, dann muss der Schuldige mit einer Geldstrafe belegt werden, wenn der Ehemann der Frau ihn verklagt, und er muss nach Ermessen des Gerichts zahlen. Das Gericht bestimmt, für wie viel diese Frau auf dem Sklavenmarkt verkauft worden wäre, als sie schwanger war, und für wie viel sie jetzt verkauft werden würde, da sie nicht mehr schwanger ist. Der Schuldige muss die Differenz an den Ehemann der Frau zahlen (Traktat Bawa Kamma 49a).
Wenn sie (die Frau) jedoch eine tödliche Verletzung erleidet, wird eine Entschädigung nach dem Prinzip „Leben gegen Leben“ (nefesch tachat nefesch) festgelegt. Dies könnte bedeuten, dass hier tatsächlich Leben im Wortsinn gemeint ist und der Totschläger mit dem Tod bestraft werden muss. Obwohl es rabbinische Stimmen gibt, die dies so auslegen wollen, sagt die Mehrheit, dass die Tora hier ebenfalls eine finanzielle Entschädigung meint. Im Traktat Sanhedrin 79a wird dies auf Rabbi Jehuda haNasi, den Redaktor der Mischna, zurückgeführt: „Rabbi Jehuda haNasi sagt, dass der Ausdruck „dann sollst du Leben für Leben geben“ nicht die Hinrichtung bedeutet, sondern vielmehr eine finanzielle Entschädigung für das Leben, das er genommen hat.“ Der Schuldige muss also den Erben der Frau den Preis zahlen, den sie auf dem Sklavenmarkt zu Lebzeiten erzielt hätte.
Eine finanzielle Entschädigung muss auch für den Verlust des Sehvermögens in einem Auge, für einen Zahn für einen Zahn, für eine Hand oder für ein Bein für ein Bein geleistet werden. In all diesen Fällen muss der Angreifer dem Opfer die Differenz zwischen dem Preis, den es vor und nach der Verletzung auf dem Sklavenmarkt erzielt hätte, zahlen (Traktat Bawa Kamma 84a). Alle Fälle sind auf die gleiche Weise zu behandeln, was jedoch nicht bedeutet, dass dem Täter tatsächlich ein Gliedmaß abgetrennt wird (Raschi).
Raschi merkt an: Bis hierher (d.h. bis Vers 24) hat die Schrift von einer Körperverletzung gesprochen, die mit einer Minderung des Marktwerts der verletzten Person einhergeht; hier (in Vers 25) jedoch spricht sie von einem Fall, in dem es keine Wertminderung gibt, sondern nur Schmerzen. Wenn beispielsweise ein Mann einem anderen mit einem heißen Spieß die Fingernägel verbrennt, schätzen wir, wie viel eine Person wie er (der Verletzte) bereit wäre, für das Erleiden solcher Schmerzen zu akzeptieren. Diesen Betrag muss der andere als Entschädigung zahlen (Bava Kamma 84b). Also:
Ebenso muss eine finanzielle Entschädigung für die durch eine Verbrennung erlittenen Schmerzen für eine Verbrennung, für eine blutende Wunde für eine Wunde und für eine unblutige Prellung für eine Prellung geleistet werden (auch wenn es möglicherweise keinen Unterschied im Preis gibt, den das Opfer vor und nach der Verletzung auf dem Sklavenmarkt erzielt hätte).
Im Hinblick auf die Lehre Jesu in Matthäus 5,38 bedeutet die Tora im rabbinischen Verständnis also: „Ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn“ (ajin tachat ajin, schen tachat schen) verlangt einen finanziellen Schadensersatz des Angreifers für sein Opfer.
Matthäus 5,38–42: Jesu Auslegung und Lehre
Hier nun die Übersetzung der Verse 38–42 in Matthäus 5:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Und ich sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch den Mantel! Und wenn jemand dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei! Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.
Wie schon erwähnt, lehrt Jesus hier als Ausleger der Tora. Dies wird in seinen einleitenden Worten deutlich. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist.“ Jesus sagt nicht: „Ihr lest, was geschrieben steht“ in der Tora. Er bezieht sich also auf mündliche Tora, wie sie vor ihm gelehrt wurde. Dies wird besonders in den voranstehenden Lehren deutlich. Vers 20 beginnt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist.“ Ebenso Vers 33.
Ab Vers 43 wird in seiner Lehre sehr deutlich, auf welches mündliche Tora-Verständnis sich Jesus bezieht. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Und ich sage euch: Liebt eure Feinde…“ Eine derart unmenschliche Verdrehung des Gebots der Nächstenliebe in 3. Mose 19,18 findet sich in der hebräischen Bibel selbstverständlich nicht. Mit der Entdeckung der Qumran-Schriften (ab 1947) wurde das Rätsel gelöst, wer eine solche Auslegung vorgenommen hat. In der sogenannten „Gemeinderegel“ (hebräisch: Serech haJachad, Kürzel: 1QS), einer der zentralen Schriftrollen vom Toten Meer, fand sich die Verpflichtung der Gruppenmitglieder, einen doppelten Standard von Liebe und Hass zu pflegen: „[Es ist die Aufgabe des Unterweisers], alle Söhne des Lichts zu lieben, jeden nach seinem Los im Rat Gottes, und alle Söhne der Finsternis zu hassen, jeden nach seiner Schuld in der Rache Gottes.“ (1QS 1,9f.)
Jesus greift in 5,43 somit eine spezifische Strömung seiner Zeit auf, die Nächstenliebe auf die eigene Gruppe zu beschränken und Feindeshass mit 3. Mose 19,18 zu legitimieren. Vielleicht war es auch eine besondere Gruppe von Sadduzäern, deren vulgäre Auslegung der Schrift Jesus missfiel. So vermutet es zumindest David Flusser:1
Diese Gruppen rechtfertigten ihre Ethik der Vergeltung, indem sie Levitikus 19,18 so interpretierten, als würde dort stehen: „Du sollst deinen Freund lieben wie dich selbst. Du sollst den lieben, der dir nahesteht, wie deinen Freund“, oder, etwas freier übersetzt: „Behandle den anderen so, wie er dich behandelt – den Freund mit Liebe, den Feind mit Hass.“
Auf welche Schriftauslegung könnte sich Jesus dann in Vers 38 bezogen haben? In der „Fastenrolle“ (hebräisch: Megillat Ta’anit) heißt es im Scholion zum 4. (14.) Tammuz: „Und außerdem pflegten die Boethusianer zu sagen: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – wenn jemand seinem Mitmenschen einen Zahn ausschlägt, soll ihm sein Zahn ausgeschlagen werden; wenn jemand seinem Mitmenschen ein Auge aussticht, soll ihm sein Auge ausgestochen werden, und sie werden gleich sein.“ Die Boethusianer (hebräisch: Baitusim) waren eine jüdische Gruppierung in der späten Zeit des Zweiten Tempels. Sie waren eng mit den Sadduzäern verbunden oder galten sogar als deren Untergruppe. Es ist daher wahrscheinlich, dass Jesus in diesem Teil der Berglehre seine Kritik an die boethusianischen Sadduzäer richtete. Er beanstandete ihre verzerrte und verzerrende Auslegungsmethode.
Deren wörtlichem Schriftverständnis setzt Jesus in den Versen 39–42 sein eigenes entgegen. Dieses deckt sich mit der Ablehnung einer tatsächlichen Vergeltung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ seitens der Pharisäer. Jesus vertrat jedoch darüber hinaus die Meinung, dass man sich gänzlich von Gedanken an Vergeltung verabschieden sollte – zumindest was den Umgang mit böswilligen Nächsten betrifft: „Und ich sage euch: Setzt euch nicht zur Wehr gegen den, der euch etwas Böses antut.“
Drei Fallbeispiele: Römer, Ohnmacht und Würde
Besonders aufschlussreich ist, dass sich Jesus in den drei Fallbeispielen, die er anführt, auf Feinde als die Nächsten bezieht. Wer, von persönlichen zwischenmenschlichen Feindschaften abgesehen, waren die gemeinsamen Feinde der Zuhörer auf dem Berg in Galiläa? Das waren zweifellos die Römer als Besatzungsmacht im Land Israel. Tatsächlich lässt sich in allen drei Fällen der Verse 39–41 die Frage des jüdischen Umgangs mit den Römern identifizieren. Diese Frage explodierte im Jahr 66 n.Chr. im Aufstand gegen Rom. Jesus nimmt eine entgegengesetzte Haltung zum gewaltsamen Widerstand gegen die Feinde ein. Widerstand übt er jedoch auch. Widerstand durch Nächstenliebe, entsprechend seinem Verständnis des Gebots aus 3. Mose 19,18.
„Wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar.“
Vorausgesetzt, jemand ist Rechtshänder und ohrfeigt eine Person, dann wird er sie auf die linke Backe treffen. Um die rechte Wange zu schlagen, müsste man die linke Hand benutzen, die jedoch nur für unreine Arbeiten verwendet wurde. Die einzige Möglichkeit, jemandem mit der rechten Hand auf die rechte Wange zu schlagen, wäre also mit dem Handrücken gewesen. Das würde bedeuten, dass Jesus eine Beleidigung beschreibt und keine Schlägerei. Er spricht von der gewaltsamen Demütigung eines Sklavenhalters oder eines römischen Soldaten gegenüber einem Juden – einer ungleichen Beziehung, in der Vergeltung Rache nach sich ziehen würde. Das Hinhalten der anderen Wange angesichts einer solchen Demütigung stoppt den bösen Feind und bekräftigt die eigene Würde und Gleichheit. Es stellt den Geschlagenen auf eine Stufe mit dem Täter und bringt zum Ausdruck: „Ich verweigere dir die Macht, mich zu demütigen. Ich bin ein Mensch wie du.“„Dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch den Mantel!“
Die Menschen trugen Ober- und Untergewänder, aber sie wurden sogar wegen der Kleidung, die sie am Leib trugen, verklagt und vor Gericht gezerrt. Das betraf insbesondere die armen Juden, die nichts anderes besaßen als das, was sie am Leib trugen. Nur die Armen, an die sich Jesus wandte, hatten nichts als ihre Kleidung, die sie als Pfand geben konnten. Wenn sie also dein letztes Hemd verlangen, sagt Jesus, dann gib ihnen auch dein Obergewand. Dann würdest du nackt vor Gericht stehen. Das war nicht nur tabu, sondern sogar strafbar – in diesem Fall aber für Richter und Ankläger. Denn es war nicht legitim, einen nackten Menschen anzusehen. Außerdem schützt die Tora das Obergewand explizit (2. Mose 22,25–26), sodass dessen „Geschenk“ eine Übertreibung darstellt, die die Ungerechtigkeit bloßstellt. Durch die Überbietung, auch den Mantel zu geben, macht der Arme das ihm zugefügte Unrecht öffentlich sichtbar. Jesus lehrt also, sich nicht von der Macht einschüchtern zu lassen, sondern den Gegner durch ein Entgegenkommen zu entwaffnen.„Wenn jemand dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei!“
Auf derselben Ebene liegt auch das dritte Fallbeispiel. Das römische Recht, allgemein als Lex Angariae bezeichnet, erlaubte es kaiserlichen Kurieren, Soldaten und Beamten, Zivilisten zu kurzer Arbeit zu zwingen, beispielsweise zum Transport von Lasten oder militärischer Ausrüstung. (Ein solcher Zwangsdienst ist in Matthäus 27,32 beschrieben: „Als sie [die Soldaten] Jesus herausführten, ergriffen sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm [Jesus] sein Kreuz trug“.) Laut dem römischen Requisitionsrecht durften die Soldaten die Juden jedoch nicht zwingen, mehr als eine Meile mit ihrem Gepäck zu laufen. Archäologische Meilensteine entlang der Via Maris und der Hauptstraße zwischen Petra und Gaza bestätigen ein reguliertes Straßennetz, für das eine standardisierte „Meile“ (1.000 Schritte, was etwa 1,48 km entspricht) erforderlich war. Diese Steine veranschaulichen die tägliche Realität, mit der die Zuhörer Jesu konfrontiert waren. Eine römische Speerspitze konnte jeden jüdischen Weg mit einem knappen „Trage das für die nächste Meile!“ unterbrechen. „Geht eine Meile weiter!“, sagt Jesus. Die „geschenkte“ zweite Meile verwirrt und beschämt den Soldaten und nivelliert das Machtverhältnis, indem sie den Soldaten möglicherweise sogar unter Verdacht bringt, die erlaubte Distanz überschritten zu haben. Jesus zeigt also einen Weg, sich gewaltfrei auf Augenhöhe mit der Macht zu stellen: Siehe, ich bin dein Nächster.
Der Nachhall: Theologie, Medien und ein Codewort
Das Echo von 2. Mose 21,24 in der Lehre auf dem Berg im Matthäusevangelium kann nicht gehört werden, ohne den weiteren Nachklang des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in der Geschichte zu vernehmen. Wir haben gesehen, dass das Gebot der Tora im Judentum ein Entschädigungs- und kein Vergeltungsrecht etablierte. Ungeachtet dessen haben Theologie und kirchliche Verkündigung es jahrhundertelang als Beleg für ein jüdisches Vergeltungsdenken oder sogar für einen jüdischen Rachegott im Gegensatz zum christlichen Gott der Barmherzigkeit und Liebe verwendet, den Jesus verkündete. Jesus habe sich eindeutig von der in der Vergeltungsformel ausgedrückten ausgleichenden und strafenden Gerechtigkeit Gottes distanziert. Damit habe er den fundamentalen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, dem Gott der Rache und dem Gott der Liebe herausgestellt. Die Antithese zum biblischen Vergeltungsgebot markiere somit den zentralen Differenzpunkt zwischen Jesus und den Pharisäern sowie zwischen Christentum und Judentum. Dies unterstellt zugleich, „Auge um Auge“ sei eine Aufforderung zur Rache.
Schon die irreführende Bezeichnung „Antithesen“, die in der Theologie für diesen Abschnitt der Lehrrede Jesu auf dem Berg üblich ist, leistet dem Vorschub. Wir haben gesehen, wie Jesus früheren und zeitgenössischen Auslegungen einiger Gebote der Schrift seine eigene Interpretation gegenüberstellt. Dies geschieht bei Matthäus in 5,17 unter der Überschrift „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um außer Kraft zu setzen, sondern um (es durch Auslegung) zu erfüllen.“ Jesus lehrt, damit aus richtiger Exegese rechtes Tun erwächst: „Ich sage euch: Wenn euer Tun der Gerechtigkeit das der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht übertrifft, werdet ihr nicht ins Reich der Himmel hineinkommen.“ (Vers 20)
Bereits im 2. Jahrhundert schrieb Marcion: „Das Alte Testament spricht von einem Schöpfer, dessen herausragendste Eigenschaft ‚Gerechtigkeit‘ ist; ‚Auge um Auge‘… Sein Sohn… lehrte die Menschen, das Gesetz der Gerechtigkeit durch Liebe zu überwinden, und lehnte das Gesetz der Gerechtigkeit ab.“
Seit der Epoche der Aufklärung galt das „Vergeltungsgebot“ meist als Ausdruck einer primitiven jüdischen Nationalreligion, die sich auf Israels Selbstbehauptung beschränkt und einen rachsüchtigen Gott verehrt. Jesus habe diesem Bild einen liebenden Gott und eine neue Ethik der allgemeinen Menschenliebe gegenübergestellt und damit die Universalreligion des Christentums gestiftet. So wurde „Auge um Auge“ zum Inbegriff des Unterschieds zwischen Judentum und Christentum stilisiert. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass das Gebot der Nächstenliebe ebenso Teil der hebräischen Bibel ist und keine neue Forderung aus den Evangelien darstellt.
Seit dem Sechstagekrieg Israels im Jahr 1967 hat sich die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vom Bibeltext gelöst und ist umgangssprachlich zum festen Begriff für Rache, Zurückschlagen und Gewaltspiralen geworden. Ein Beispiel aus dem Jahr 2023, kurz vor den Massakern in israelischen Kibbuzim und Gemeinden: Laut einem Meinungsbeitrag in der auflagenstarken „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 5. Juli 2023 könne Israel das Problem des Terrorismus nicht lösen, „wenn es nur auf die militärische Karte setzt. (…) Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird mit dem Prinzip ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ allein nicht weiterkommen“. Mit der Phrase „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ suggeriert der Autor, dass Israel stets Gewalt mit weiterer Gewalt vergelte und die israelische Regierung bei der Bekämpfung des Terrors von Rachegefühlen geleitet sei. Andere mögliche Gründe für ihr Handeln, etwa Sicherheitsinteressen, werden nicht erwähnt. Als Reaktion auf Raketenbeschuss flog das israelische Militär fast grundsätzlich „Vergeltungsschläge“ (so die taz am 30.01.2023).
So wurde „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zweifelsohne zum meistverwendeten Bibelzitat unserer Zeit. Es ist ebenso knapp wie angeblich treffend: Die Israelis seien so rachsüchtig wie ihr alttestamentarischer Gott. So entstand ein Codewort, das selbst innerhalb der postchristlichen Mehrheitsgesellschaft verstanden wird. Die ursprünglich christliche Judenfeindschaft ging nahtlos in die moderne Medienkommunikation über. Demnach seien Israelis und Juden in einer vorzivilisatorischen Spirale der Gewalt gefangen, die erst durch universale Werte der Nächstenliebe überwunden werden könne. Auf diese Weise kann vom Staat Israel jederzeit der Verzicht auf Gegenwehr und militärische Gewalt als Reaktion auf Terror verlangt werden. Leider hat die Mehrzahl kirchlicher Äußerungen in den letzten Jahren unkritisch in diesem Chor der israelbezogenen Judenfeindschaft mitgesungen.
Besonders schmerzlich und makaber ist, dass sich Kirche, Theologie, Medien und Öffentlichkeit auf diese Weise gerade gegen die Lehre Jesu auf dem Berg gestellt haben. Anstatt das Gebot der Nächstenliebe zu praktizieren, haben sie Juden und Israelis zu Feinden gemacht. Jesus hat in seiner Lehre bereits das Urteil Gottes über solches Tun angekündigt. Darum kann man nicht einmal bitten: „Gnade uns Gott!“
David Flusser, „‚Es wird zu den Ältesten gesagt‘: Zur Interpretation der sogenannten Antithesen in der Bergpredigt“, Jerusalem Perspective (2014) [https://www.jerusalemperspective.com/11496].




Vielen Dank. Es ist Morgenröte angebrochen.
Zum Dank ein Gedicht vom Jenseitigen Dichter EPHIDES
Wohl Dir, dass du ein Brunnen bist
und Labsal dem, der durstig ist!
Geheimnisreich aus deiner Tiefe steigt
der Höhe Quell, wie Sternenlicht sich zeigt
im Brunnenschacht, wie sich der Himmel neigt
und seine Pracht der Tiefe anvertraut,
damit der Mensch des Himmels Abbild schaut
und seine Hütte an den Brunnen baut.
Es findet dich, wer durstig ist....
Wohl dir, das du ein Brunnen bist!
Gott zum Gruss
Vielen Dank. Freue mich immer über Ihre tiefgründigen Kommentare.