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Erew Rosch HaSchana || Abrahams Schweigen

Drei Tage Weg, kein einziges Wort. Walter Rothschild liest die Leerstellen zwischen den Versen – und fragt, ob Abraham die Prüfung wirklich bestanden hat.

Diese Auslegung zur Akedat Jizchak wurde am 18. September 2020 aufgezeichnet.


Zu Erew Rosch HaSchana 5781 sprach Rabbiner Dr. Walter Rothschild nicht über einen Wochenabschnitt, sondern über die Festtagslesung: Weil Rosch HaSchana 5781 wie auch im neuen Jahr 5787 auf den Schabbat fällt, tritt der Feiertagsabschnitt an die Stelle der Parascha. Gelesen werden 1. Mose 21 und 22 – nach Rothschild zwei versuchte Morde: an Hagar und Jischmael, dann an Jizchak. Warum ausgerechnet diese Texte am Tag des Gerichts stehen, an dem Menschen um Vergebung für ihre vergleichsweise kleinen Verfehlungen bitten, bleibt für ihn die offene Frage.

Er liest Genesis 22 als zehnte und letzte Prüfung Abrahams und stellt die theologische Kernfrage: Hat Abraham bestanden – oder versagt? Abraham zeigt Gehorsam, Glauben und Vertrauen. Doch zwischen Vers 2 und Vers 3 fehlt, was man erwarten müsste: Einspruch, Protest, Verhandlung. Derselbe Mann, der um Sodom mit Gott feilscht, steht schweigend früh auf und geht. Drei Tage Weg ohne ein einziges Wort. Rothschild betont, dass gerade das Ungesagte im Text zu lesen ist: das doppelte „Hineni“, die betonte Wendung „Abraham, sein Vater“, der Vers, in dem Bauen, Schichten, Binden und Legen in einem Atemzug geschehen, und das fehlende Komma in „Gott wird sich das Lamm ersehen, mein Sohn“.

Der Engel spricht: „Jetzt weiß ich, dass du gottesfürchtig bist.“ Ist das Lob oder Vorwurf? Rothschild fragt, was Gott vom Menschen will – blinden Gehorsam oder Partnerschaft, Widerspruch, Dialog. Er zieht die Linie zur Gegenwart: zu Menschen, die im Namen Gottes töten, und zur Grenze zwischen Glaube und Fanatismus. Zu viel Religion, sagt er, sei auch schlecht für die Seele.

Zuletzt wendet er sich Jizchak zu, dem Sohn einer greisen Mutter, über den gelacht wird, der sich keine Frau sucht, der von seinen Söhnen getäuscht wird und erblindet. Rothschild trägt diese Hinweise zusammen und wagt eine Vermutung: eine Behinderung, vielleicht ein Kind, um dessen Zukunft die Eltern fürchten. Vater und Sohn gehen gemeinsam hinauf – zurück gehen sie nicht. Etwas ist zerstört. Jizchak bleibt das Zwischenglied zwischen Abraham und Jakob. Das Rätsel des Tages, sagt Rothschild nach Jahrzehnten im Rabbinat, ist ungelöst.

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