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Schabbat Schoftim || Richter im Tor

Warum ist ein Wachmann wichtiger als ein Detektiv, warum macht Geld die Weisen blind, und warum darf ein Richter anders entscheiden als seine Vorgänger? Rothschild liest Schoftim gegen den Strich.

Bis zum Ende des Zyklus der Tora-Lesungen im jüdischen Jahr 5786 siehst du Aufnahmen von Gesprächen mit Rabbinern zum Wochenabschnitt aus der Anfangszeit des „Wort zum Schabbat“. Diese wurden auf dem Portal von ahavta - Begegnungen bislang nicht veröffentlicht.

Die Auslegung zur Parascha Schoftim wurde am 21. August 2020 aufgezeichnet.


Rabbiner Walter Rothschild wählt aus der Fülle des Wochenabschnitts Schoftim (5. Mose 16,18–21,9) bewusst den Anfang: „Richter und Amtleute sollst du dir einsetzen in all deinen Toren.“ Er unterscheidet den Schofet, der über zivile Streitfälle entscheidet, vom Schoter, dem Wachmann, dessen eigentliche Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass gar nicht erst etwas geschieht. Rechtsprechung wird damit zur Vorsorge, ein System, das Menschen zu einem anderen Verhalten anhält, weil sie wissen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden können.

Rothschild liest die Tora hier als erstaunlich progressives Gesetzbuch. Am Beispiel eines Kibbuz-Chronisten aus der Frühzeit des britischen Mandats Palästinas zeigt er, wie selbstverständlich Willkür, Raub und Totschlag in vielen Gesellschaften galten und teils bis heute gelten. Dagegen setzt die Tora ein einziges Recht für alle, auch für die Fremden, ein Anspruch, den er an heutigen Beispielen wie den entrechteten Wanderarbeitern am Golf misst. Das Verbot der Rechtsbeugung und der Bestechung sei bitter aktuell: Wo Spenden Genehmigungen ersetzen, macht Geld die Weisen blind.

„Zedek, zedek tirdof“Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du verfolgen. Rothschild verbindet den Vers mit Levitikus 19 und der bevorstehenden Zeit vor Rosch Haschana: Wir wollen Gerechtigkeit für die anderen und Barmherzigkeit für uns selbst, doch vor dem Recht sind Ministerpräsident und einfacher Bürger gleich. Zugleich betont er die Verfahrensbindung: zwei bis drei Zeugen, sorgfältige Nachforschung, keine anonymen Denunziationen. Der Ankläger muss selbst Hand anlegen zur Steinigung – eine drastische Regel, die Verantwortung nicht ins Anonyme verschieben lässt und zugleich einer feigen Justiz widerspricht, die sich aus internen Machtmissbräuchen heraushält.

Für schwierige Fälle verweist die Tora auf ein höheres Gericht bei den Priestern „in jenen Tagen“. Rothschild hebt hervor: Der Richter der Gegenwart ist nicht an die Vorgänger gebunden, sondern spricht für seine eigene Zeit – ein Grundprinzip jüdischer Rechtsentwicklung, das Kontinuität und Flexibilität verbindet.

Ich verknüpfe das Gespräch mit den Toranlagen von Tel Dan und deute die pharisäische Lehre von der Auferstehung der Toten als Stärkung derer, die Unrecht erfahren: Am Ende kommt alles noch einmal zur Sprache. Rothschild ergänzt, dass die Rabbinen die Todesstrafe zwar formal bewahren, sie durch immer strengere Zeugen- und Verfahrensregeln aber praktisch aussetzen – ein Sanhedrin, der in siebzig Jahren einmal hinrichtet, gelte bereits als „blutig“.

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