Bis zum Ende des Zyklus der Tora-Lesungen im jüdischen Jahr 5786 siehst du Aufnahmen von Gesprächen mit Rabbinern zum Wochenabschnitt aus der Anfangszeit des „Wort zum Schabbat“. Diese wurden auf dem Portal von ahavta - Begegnungen bislang nicht veröffentlicht.
Die Auslegung zur Parascha Re’eh wurde am 14. August 2020 aufgezeichnet.
Alexander Nachama, damals Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen eröffnet das Gespräch zum Wochenabschnitt Re’eh (5. Mose 11,26 – 16,17), der am Übergang vom Monat Aw zum Elul steht und schon eine leise Hinführung zu den Hohen Feiertagen bildet. „Sieh“ – so spricht Mose Israel an und legt ihm Segen und Fluch vor: Segen, wo die Gebote gehalten werden, Fluch, wo man von ihnen abweicht. Der Abschnitt bündelt außerdem Themen wie Zehnt, falsche Propheten, das Tätowierverbot, Kaschrut, das Schabbatjahr und die Wallfahrtsfeste.
Nachama greift daraus einen unscheinbaren, aber alltagsprägenden Faden heraus: den Umgang mit dem Gottesnamen. Ausgangspunkt ist eine Kindheitserinnerung an ein Diktat mit der Wendung „Gott und die Welt“ – und die Frage, ob man „Gott“ ausschreiben darf. Der Wochenabschnitt gebietet, im verheißenen Land die Namen fremder Gottheiten zu tilgen, um Götzendienst zu verhindern; der Name des Ewigen aber darf gerade nicht ausgelöscht werden. Daraus folgt, dass Bücher und Schriftstücke, die Gottes Namen tragen, nicht einfach weggeworfen werden dürfen. Sie werden in einer Genisa, einem Abstellraum für unbrauchbar gewordene religiöse Schriften, bewahrt oder auf einem jüdischen Friedhof beerdigt.
Nachama entfaltet, dass Maimonides sechs hebräische Gottesnamen zählt, die nicht getilgt werden dürfen – vom Tetragramm bis zu Schaddai und Zewaot –, nichthebräische Umschreibungen aber ausnimmt. Rabbiner Josef Soloveitschik folgert, das deutsche „Gott“ dürfe ausgeschrieben werden. Viele setzen dennoch einen Apostroph, weil sie nicht wissen, wo Zeitung, Brief oder ausgedruckte E‑Mail landen: Nach Dewarim 23,15 soll das Lager rein bleiben, und der Schulchan Aruch untersagt Gebet und Nennung des Namens in Räumen mit Unrat. So wird selbst Mülltrennung zur religiösen Pflicht.
Ricklef Münnich ergänzt, dass wir der Genisa-Tradition unschätzbare Handschriftenfunde wie die Kairoer Genisa verdanken, und erinnert an den Brauch der Lutherbibel, „HERR“ in Kapitälchen zu setzen – nicht aus Furcht vor Tilgung, aber als Erinnerung, um wen es geht: nicht einen allgemeinen Gott, sondern den Gott Israels, den Christen in Jesus Christus wiedererkennen. Am Ende bleibt Nachamas Kernsatz: Wichtiger als das bloße Tun ist es, das Tun zu verstehen.










