In eurer Mitte: Teruma und das Geheimnis der Einwohnung
Gott wohnt nicht „im Heiligtum“, sondern „in ihrer Mitte“. Vom Mischkan über Midraschim bis zum Johannesevangelium zeigt sich: Gottes Gegenwart ereignet sich in Beziehung, Lernen und Leben.
Der Wochenabschnitt Teruma (2. Mose 25,1–27,19) öffnet einen neuen Horizont: Der Gott des Auszugs und der Offenbarung will nicht nur handeln und thronen, sondern mitten im Leben seines Volkes gegenwärtig sein.
Zu Beginn heißt es in 2. Mose 25,8f. (in eigener, an Martin Buber angelehnter Wiedergabe):
Ein Heiligtum sollen sie mir machen, damit ich in ihrer Mitte wohne. Ganz so, wie ich dir zeige das Vorbild der Wohnung und das Vorbild all ihrer Geräte, so sollt ihr es ausführen.
Buber übersetzt dies zu we-assu li mikdasch we-schachanti be-tocham … und lenkt damit den Blick auf eine Spannung, die im Hebräischen selbst steckt: Gott sagt nicht, er werde „in ihm“ (be-tocho, im Heiligtum) wohnen, sondern „in ihnen“ (be-tocham, in ihrer Mitte) – im Volk.
Schlüsselwörter, die diese Bewegung tragen:
Mikdasch – Heiligtum, „Ort der Heiligung“. Raschbam (Rabbi Samuel ben Meir, 1040–1105) versteht mikdasch als alternative Bezeichnung für das Ohel Mo’ed (Zelt der Begegnung): einen Ort, an dem Gott geheiligt wird und von dem aus er zu Israel spricht (vgl. Ex 29,43).
Schachan – wohnen, zelten
Mischkan – Wohnstätte/Wohnung; die Wortwurzel ist dieselbe wie bei schachan.
Tawnit – Modell, Plan, Urbild.
Amnon Seelig hat in seinem Wort zum Schabbat zur Parascha bereits darauf hingewiesen, wie entscheidend dieses „in ihrer Mitte“ ist. Die Autoren des Tenachon1 notieren dazu pointiert: Es sei eine unmissverständliche Ablehnung der Vorstellung, Gott ließe sich in einem Tempel „einsperren“.
Der Mischkan, wörtlich „Wohnstätte“, ist deshalb mehr als ein heiliger Ort: Er ist ein Beziehungsraum. In ihm wird Gottes Gegenwart – die Schechina (ebenfalls aus derselben Wurzel) – als ein „Bei-uns-Sein“ erfahrbar. Und diese Mitte lässt sich weiter öffnen: Nicht nur im Chassidismus wird betont, dass „in ihrer Mitte“ auch jeden Einzelnen meint. Der Sefat Emet, ein polnischer chassidischer Meister, liest „in ihnen wahrhaftig“ (be-tocham mamasch): Gott wohnt im Innersten der Israeliten. Daraus erwächst die kühne, mystische Konsequenz, die Malbim (Me’ir Leibusch ben Jechiel Michel Weiser, 1809–1879) formuliert: Jeder Jude ist ein mögliches Heiligtum.
Das Echo im Johannesprolog
Im Prolog des Johannesevangeliums klingt diese Mischkan-Theologie deutlich an:
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir schauten seine Herrlichkeit…
Auf die Proklamation des im schöpferischen Wort handelnden Gottes ab Johannes 1,1 folgt ab Vers 14 das Nachsprechen dieser Kundgebung als Bekenntnis in der 1. Person Plural. Das griechische Verb eskēnōsen (von skēnē – Zelt) spielt sowohl etymologisch wie theologisch auf das hebräische Mischkan an.
Der Evangelist setzt also die jüdische Vorstellung vom Einwohnen Gottes und seiner Gegenwart in der Mitte seines Volkes voraus und führt sie weiter.
Ein Midrasch in Tanchuma Buber, Naso 19 (18a), macht das sehr sichtbar. Dort legt Gott selbst seinen dem Volk durch Mose übermittelten Auftrag, ihm ein Heiligtum zu bauen, aus:
Sage den Israeliten: „Nicht deshalb, weil ich gleichsam nicht hätte, wo ich wohnen sollte, sage ich euch, dass ihr mir eine Wohnung machen sollt. Noch bevor die Welt erschaffen wurde, seht doch, da war mein Heiligtum schon oben erbaut.“
Der Gedanke eines himmlischen Heiligtums macht sich hier wie in zahlreichen anderen Stellen der jüdischen Tradition an dem oben zitierten Vers 2. Mose 25,9 fest, an dem „Urbau“, „Plan“ bzw. „Vorbild“ des zu errichtenden Mischkan (siehe im Neuen Testament Hebräer 8,5 mit Zitat von 2. Mose 25,40). Im Midrasch Tanchuma wird der Bau dann so begründet:
Aber aus Liebe zu euch verlasse ich das obere Heiligtum, das bereitet ist, noch bevor die Welt erschaffen wurde, und ich will hinabsteigen und unter euch wohnen; denn es ist gesagt: „Ein Heiligtum sollen sie mir machen…“ (2. Mose 25,8).
Aus Liebe zu Israel also steigt Gott vom Himmel herab und wohnt im Zelt der Begegnung inmitten seines Volkes. Dieser Gedanke wird in der Fortsetzung des Midrasch erneut aufgegriffen. Dort wird von Mose eingewandt, niemand könne Gott ein Haus bauen. Von ihm selbst erhält er als Antwort:
Ich verlange es nicht gemäß meiner Kraft, sondern gemäß ihrer Kraft. (…) Und sobald sie die Wohnung gemacht hatten, wurde sie erfüllt von seiner Herrlichkeit [kawod = doxa, wie in Johannes 1,14]. (…) Da sagten die Fürsten: „Seht, das ist die Stunde, da wir Opfer darbringen wollen in Freude, denn seine Einwohnung [Schechina] hat sich unter uns niedergelassen.“
Mit dem Begriff Schechina wird das Einwohnen Gottes personal. Klaus Wengst übersetzt ihn in seinem Kommentar zum Johannesevangelium sehr überzeugend mit „Gott in seiner Gegenwart“.2
Nach dem Tempel: Wo Gegenwart geschieht
Sowohl das vierte Evangelium wie die Midraschim sprechen in einer Zeit, in der der Zweite Tempel in Jerusalem nicht mehr steht. Für sie hat sich die Bindung der Einwohnung Gottes an ein physisches Heiligtum aufgelöst – und sie war schon vor der Tempelzerstörung nie exklusiv.
Johannes konzentriert die Einwohnung Gottes auf den einen Juden Jesus – in dem dann Menschen aus den Völkern Zugang zum Gott Israels gefunden haben. Rabbinische Lehrer verorten Gottes Gegenwart vor allem dort, wo Juden Tora lernen und Gottes Willen im Tun – in der Halacha – verwirklichen.
Wie klein der Abstand zwischen beiden Konzeptionen ist – obgleich Jesus als Christus Juden und Christen voneinander trennt – zeigt ein Seitenblick in das Matthäusevangelium, den ich von Peter von der Osten-Sacken zitiere:3
Dort verheißt Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt. 18,20) – die Wendung „in meinem Namen“ ließe sich dabei fraglos auch durch „im Namen des Evangeliums“ oder „unter dem Evangelium“ ersetzen. In der rabbinischen Überlieferung lautet die entsprechende Aussage: Wenn zehn, neun, acht… zwei, ja einer (beisammen) sitzt und sich mit der Tora beschäftigt, weilt die göttliche Gegenwart bei ihm bzw. bei ihnen. (mAvot 3,7)
Ein früher Zeuge im Neuen Testament (noch zur Zeit des Jerusalemer Tempels) für die Einwohnung Gottes bei seiner Gemeinde ist der Apostel Paulus, der die Korinther fragt:
Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass Gottes Geist in eurer Mitte (wörtlich: in euch) wohnt? (1. Korinther 3,16)
Der Wochenabschnitt Teruma beschreibt den Übergang von dem Gott, der handelnd sein Volk aus Ägypten führte und auf dem Sinai über ihm thronte, zu dem Gott, der inmitten seines Volkes wohnt. Das Neue Testament wie die rabbinische Tradition greifen diese Bewegung auf – und formulieren sie je auf ihre Weise weiter.
Eingangs erwähnte ich die chassidische Zuspitzung: Jeder Mensch kann zum „Ort“ werden, an dem Heiligkeit aufscheint. Rabbi Noah Golinkin hat diesen Gedanken in ein synagogales Gebet für die Gegenwart gefasst:4
Gott, wo bist Du? Wo finde ich Dich? Du wohnst nicht hier. Du hast keine Adresse. Das Universum ist erfüllt von Deiner Herrlichkeit. Du wohnst in jedem Berg und in jedem Tal und draußen auf der vielbefahrenen Schnellstraße. Du wohnst im schönen Aufruhr der vielen Farben des Altweibersommers; und Du wohnst in meiner Seele. Und doch habe ich Dir ein besonderes Haus gebaut, schön, würdevoll, erhaben, vertraut, warm und freundlich. Für wen habe ich es gebaut? Für Dich und mich. Für unsere Gespräche miteinander. Für Deine Herrlichkeit, o Gott, und für mein demütiges Bedürfnis. Ich sollte mit Dir sprechen – wenn ich Dich sehe im schönen Sonnenaufgang, wenn ich Dich sehe im unschuldigen Lächeln eines Kindes, wenn ich Dich sehe in der guten Tat eines Menschen.
S. 205 (Heft 13).
Klaus Wengst, Das Johannesevangelium, Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Band 4, Neuausgabe 2019, S. 57.
Peter von der Osten-Sacken, Rabbi Akiva. Texte und Interpretationen zum rabbinischen Judentum und Neuen Testament, Berlin 1987, S. 166.
Noah Golinkin, Say Something New Each Day. Creative and Interpretive Prayers for Friday Night Services, 1973, S. 18.



