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Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens || Juden und Christen – Partner, nicht Feinde

Warum ausgerechnet die Orthodoxie das Gespräch suchte, was im deutschen Dialog fehlt und wo Jehoschua Ahrens die Grenze seiner Zuversicht für das jüdisch-christliche Gespräch zieht.

Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens beginnt sein Buch „Eine jüdische Theologie des Christentum? Rabbinische Perspektiven auf Christen und Christentum“ und unser Gespräch darüber mit seiner Widmung. Karl-Hermann Blickle, dem er sein Buch zugedacht hat, war für ihn mehr als ein Förderer: ein Unternehmer, der im Hintergrund arbeitete, weit über das Stuttgarter Lehrhaus hinaus Projekte in Deutschland, Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde unterstützte und aus der Überzeugung heraus handelte, dass Religion, wenn sie Teil des Problems ist, auch Teil der Lösung sein muss. Ein Stipendium Blickles ermöglicht Ahrens, sein Rabbinat zeitweise zu reduzieren und die Habilitation voranzubringen.

Bücher & Menschen

Das Fragezeichen als Programm

Das Fragezeichen als Programm

Kann es eine jüdische Theologie des Christentums geben? Jehoschua Ahrens, Gemeinderabbiner in Bern, Oberrabbiner von Salzburg, Honorarprofessor in Trier und den Zuschauern bzw. Hörern des „Wort zum Schabbat“ bei ahavta - Begegnungen bestens bekannt, setzt hinter diese Frage bewusst ein Fragezeichen – und füllt sie auf 448 Seiten mit Material, das im deu…

Die Motivation für das Buch entstand aus einem Mangel. Im deutschsprachigen Dialog, sagt Ahrens, sind zwei Perspektiven vertreten: die reformjüdische und die akademische. Die Quellen, auf die man in der Regel zugreift, stammen von Religionsphilosophen – Buber, Rosenzweig, Levinas, Ben-Chorin. Er stellt deren Wert nicht in Frage, hält aber fest: Das sind nicht die Stimmen, die das religiöse Judentum prägen. Er stellt eine Gegenprobe an: Wer über christliche Theologie zum Judentum schreibe und dabei ausschließlich Philosophen zitiere, hätte das Thema verfehlt. Bewusst schreibt er deutsch statt englisch, um in Deutschland erreichbar zu sein.

Dass gerade bei uns ein schiefes Bild entstanden ist, erklärt er mehrschichtig. Forschende wählten Protagonisten, mit denen sie sich verbinden konnten – Buber ist für einen liberalen Theologen zugänglicher als schwer erschlossene rabbinische Texte. Zugleich sind über 90 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland in Gemeinden mit orthodoxem Rabbinat, doch deren Rabbiner wirken lokal, im Rat der Religionen, mit den Kirchen vor Ort – auf Bundesebene blieb eine Lücke.

Sein methodischer Kern: Zitate ohne Kontext verzerren. Maimonides wird auf einen Halbsatz reduziert, „Christentum ist Götzendienst”, und schon steht die orthodoxe Position fest. Tatsächlich sei Awoda Sara nicht zwingend Götzendienst, und wer Jesus eine positive Rolle in der Heilsgeschichte zuschreibe, könne ihn nicht gleichzeitig als Götzendiener führen. Ahrens unterscheidet zudem populäre von rabbinischer Position: Die Toldot Jeschu seien Ventil, nicht Lehre.

Sein größter Fund ist Chaim Zvi Taubes, Oberrabbiner in Zürich von 1936 bis 1966. Dessen Wiener Dissertation über Jesus und die Halacha und vor allem ein Essay von 1940 über die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam sind nirgends rezipiert. Mitten in der Judenverfolgung, Verwandte werden ermordet, schreibt Taubes: Nicht Christentum oder Islam sind Götzendienst, sondern Rassismus und Totalitarismus. Den Essay hat Ahrens vollständig in seine Quellensammlung aufgenommen.

Zum Schluss die Zuversicht. Ahrens nennt sie vorsichtig optimistisch. Die katholische Lehre sei verankert, Bischöfe und Hauptamtliche hielten die Linie, auch die lutherische Stellungnahme sei tragbar – während gelte: je liberaler eine protestantische Kirche, desto schwieriger oft. Seine Grenze benennt er klar: problematisch würde es, wenn es propalästinensischen Kreisen gelänge, in die Institutionen hineinzuwirken und die Theologie der Kirchen gegenüber dem Judentum tatsächlich zu verändern.

Sein Appell an die Einzelnen: Juden sind nicht die Feinde des Christentums, sondern Partner – gemeinsam am Baum mit der gemeinsamen Wurzel.

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