Kantor Amnon Seelig erläutert im Gespräch mit mir, warum die Tora ihren Stoff mehrfach erzählt. Nichts darin ist überflüssig – Wiederholungen sind nie wörtlich identisch, und gerade in den Unterschieden und Ähnlichkeiten suchen die Weisen die tiefere Bedeutung. Schon das fünfte Buch trägt den Namen „Mischne Tora“, Wiederholung der Tora.
Im Zentrum des Wochenabschnitts Behaalotcha (4. Mose 8–12) steht die „kuschitische Frau“ des Mose (12,1). „Kuschitisch“ verweist auf Kusch, die Region um das heutige Äthiopien; im modernen Hebräisch wurde „Kuschi“ zu einem abwertenden Wort. Mit heutigen Augen wirkt der Tadel von Mirjam und Aaron rassistisch. Die rabbinische Tradition liest die Stelle jedoch anders: Der Midrasch deutet „Kuschit“ über den nahezu gleichen Zahlen- und Buchstabenwert um – es handle sich um Zippora, Moses einzige Frau aus Midian. Mirjam bemerkt, dass diese keinen Schmuck trägt, und erkennt, dass Mose seine eheliche Pflicht vernachlässigt. Raschi versteht „Kuschit“ als Hinweis auf außergewöhnliche Schönheit, ebenso über den Zahlenwert.
Der eigentliche Vorwurf lautet also: Mose sondert sich von seiner Frau ab. Mirjam und Aaron, selber Propheten, halten ihm entgegen: Gott spricht auch mit ihnen, ohne dass sie enthaltsam leben müssen. Daraus folgt eine zentrale Einsicht – im Judentum gelten dieselben Regeln für alle, auch für den größten Propheten. Anders als bei Königen der Antike, die über dem Gesetz standen, oder Salomo, der als König die Tora missachtete, ist niemand ausgenommen. Es gibt kein Zölibat und keine Mönche; Heiraten und Kinderzeugen sind die erste Mizwa. Abravanel betont: Selbst der bescheidenste Mensch darf sich der menschlichen Natur nicht entziehen.
Seelig warnt zugleich davor, Texten von vor 3500 Jahren moderne Sichtweisen zu unterstellen. Ich schließe (daraus): Wir nehmen uns selbst oft zu wichtig – darum lohnt es, die viel ältere rabbinische Tradition zu hören.










